Zurück zur Musik

Vor wenigen Tagen ist mein neues Buch Wie ich Klavierspielen lernte im Insel-Verlag erschienen. Es besteht aus zwei durchlaufenden Erzählungen, die sich überschneiden: Die eine  berichtet von den Lehrjahren am Klavier, meinen Lehrerinnen und Lehrern, deren Methoden, den ersten Konzerten und Auftritten und dem Leben großer Pianisten. Die zweite widmet sich meinen gegenwärtigen Versuchen, wieder zum Klavierspiel zurückzufinden und damit von meinem Üben, Lesen und den Beobachtungen zur aktuellen Pianistenszene. Kreist die erste um ein unerwartetes Scheitern, so entwickelt die zweite eine neue Freude am Spielen, Hören und Musikerleben.

Diese Freude zeigt sich auch dann, wenn ich die kleinen Auftritte auf unseren Straßen und Plätzen verfolge. Ich möchte wieder stärker zurück zur Musik. Nicht unbedingt als (öffentlich) Spielender, aber doch als Übender, der von seinem Üben erzählt und darüber, was er an Musik jeder Art entdeckt.

Für den Herbst plane ich bereits eine monatliche Reihe von Ortheils Abendmusiken, die in meinem ländlichen Heimatort Wissen/Sieg stattfinden werden. Dazu werde ich noch rechtzeitig einladen. Ich würde mich freuen, wenn möglichst viele Zuhörerinnen und Zuhörer von nah (aber auch von fern!) erscheinen. Genauere Angaben folgen bald …

Siebzig Jahre Grundgesetz

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – so Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes. Viele Kommentatoren haben in diesen Tagen anlässlich seines siebzigjährigen Bestehens den ersten, einleitenden Satz zitiert. Was für ein stolzer, starker Anfang! Ist es nicht der schönste Satz des Grundgesetzes, von dem sich alle weiteren Schritte ableiten lassen?

Ja, beim ersten Hören und Lesen erliegt man diesem kraftvollen Vokabular. Liest man den Satz dann aber langsamer, führt das zu einigen Irritationen. Warum zum Beispiel ist das anscheinend höchste Gut etwas so zweifelhaft Unbestimmtes wie „die Würde“? Mit „Würde“ verbindet man normalerweise einen anerkannten sozialen Rang. Das aber ist wohl nicht gemeint, sondern eher eine Integrität, die es zu bewahren gilt. Warum dann aber „Würde“? Ist nicht eher „das Ansehen“ gemeint, das sich nicht vom sozialen Rang herleitet, sondern von einem inneren Gut?

Und was genau meint die Festlegung, dass die Würde „unantastbar“ sei? Sowohl „Würde“ wie „unantastbar“ sind Worte, die im heutigen Sprachgebrauch kaum noch vorkommen. Sie wirken wie althergebrachte Formeln, denen es an präzisen Erweiterungen fehlt. Ist „die Würde“ überhaupt etwas, das man „antasten“ kann? Und ist „Antastbares“ nicht eher etwas Konkretes, das man in die Hände nimmt oder zu dem man direkten körperlichen Kontakt herstellt?

Nun gut, lesen und hören wir das Ganze noch einmal anders: Der erste Satz des Grundgesetzes hat eine Beethovenschen Wucht: pathetisch, triumphal, aber auch etwas abstrakt. Wie das Fortissimo-Eröffnungsmotiv der fünften Symphonie! Und wie geht es bei Beethoven weiter? Er wiederholt das kurze Motiv und lässt es (leiser) kreisen und wandern. Plötzlich erhält der zunächst offene, statische Raum auch kleine Flächen, die aufschimmern und sich bewegen.

Und wie geht es nach dem ersten Hauptmotiv des Grundgesetzes weiter? „(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. (2) Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“

Die Würde des Menschen (sein Ansehen, seine Integrität) geht allem voraus. Ihre Achtung und ihr Schutz sind erste Aufgabe des Staates. Von ihr leiten sich die unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechte her, an die sich die Gemeinschaft des deutschen Volkes gebunden fühlt. Um zu Frieden und Gerechtigkeit in der Welt beizutragen. (So in etwa.)

Das abstrakte Anfangsmotiv erhält seine „Durchführung“. Und die hat es wahrhaftig in sich!

 

Paris, links der Seine als Taschenbuch

Paris, links der Seine ist jetzt auch als handliches, schönes Insel-Taschenbuch erschienen. Nach der Erstveröffentlichung als Hardcover vor etwa anderthalb Jahren habe ich ein Interview gegeben, in dem ich von der Entstehung und den Besonderheiten dieses Buches erzählt habe:

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.hanns-josef-ortheil-ueber-paris-links-der-seine-eine-franzoesische-kreativitaetsdusche.487c201f-d7be-4523-96e9-7ea5e5a4779d.html

 

Zu Besuch bei Joseph Haydn

(Eröffnung einer Erzählung …, 1. Kapitel)

Am frühen Morgen machte ich mich auf den Weg zu Haydns Wohnhaus im Wiener Stadtteil Gumpendorf. Da ich wusste, dass er gegen halb Sieben aufstand, sich sogleich eigenhändig rasierte und vollständig anzog, um Acht frühstückte und sich anschließend eine Stunde an das Klavier setzte, erschien ich gegen neun Uhr. Sein Diener öffnete mir die Tür und flüsterte mir zu, dass Haydn an diesem sonnigen Morgen ausgesprochen gut gelaunt und einem Spaziergang durch die nahen Gassen sicher nicht abgeneigt sei, ich müsse ihn nur „sanft drängen“, wozu ich ja durchaus imstande sei.

Danach betrat ich das helle Zimmer, in dem Haydn sich aufhielt, er saß in seinem Lehnstuhl und schien auf mich zu warten. Wie fast immer trug er einen Rock aus kaffeebraunem Tuch mit gestickten Manschetten, weißer Seidenweste, schwarzen Seidenhosen und feinsten weißen Strümpfen in flachen Schnallenschuhen. Ich grüßte ihn mit aller Herzlichkeit und griff nach dem Hut, dem Spazierstock und den Handschuhen, die auf dem Tisch zu seiner Seite lagen. „Die Sonne lacht uns durchs Fenster zu und fordert uns auf, einige Schritte draußen im Freien zu tun“, rief ich und war Haydn beim Aufstehen behilflich.

Er strich seinen Rock glatt und fuhr sich über die Perücke. „Meine Perücke!“, murmelte er, „ich trage sie seit frühster Jugend nur zwei Finger über den Augenbrauen.“ – „Da sollten wir für Veränderung sorgen“, antwortete ich, „ein Karl Lagerfeld-Look mit dicht geflochtenem Zopf würde Ihnen ausgezeichnet stehen. Ein Haarstudio befindet sich ganz in der Nähe.“

Haydn schwieg, aber ich bemerkte, dass er durchaus nicht abgeneigt schien, einiges an seinem Äußeren zu ändern. Wir erreichten die Schmalzhofgasse und damit den bezaubernden Konfektladen von Michael Diewald, wo wir einige süße Schokoladenpreziosen, gefüllt mit Waldmeister und Zitronenmelisse sowie Flieder und Erdbeere, erstanden. Wir kosteten sie und bogen auf die Otto-Bauer-Gasse zum Café Jelinek ein, um dort einen Verlängerten Braunen und einen Einspänner zu uns zu nehmen.

Danach suchten wir in der Gumpendorfer Straße die Österreichische Mediathek auf, wo wir uns auf Haydns besonderen Wunsch hin Ausschnitte einer Aufnahme seiner Oper Die vereitelte Untreue im Schloss Esterházy in Eisenstadt aus dem Jahr 1980 anhörten, um, die Stumpergasse entlangschlendernd, gegen Mittag das Restaurant Gschamster Diener aufzusuchen, wo wir Gebackene Schweinsleber mit Erdäpfelsalat und Ötztaler Gröstl bestellten und dazu je ein Glas naturbelassenen, säurebetonten Messwein des Jahrgangs 2015.

Wir nahmen den ersten und auch einen zweiten Schluck, und ich erkannte zu meiner großen Freude Haydns berüchtigtes freundliches Lächeln. Oh ja, ich wusste es nur zu gut zu deuten: Es war nicht anders zu verstehen denn als „Vorbote einer Erzählung“, die ich im Kopf behalten und später notieren würde. Ein Grüner Veltliner des Jahrgangs 2016 würde den Meister noch mehr in Fahrt bringen, ganz zu schweigen von einigen Glaserln Schlumberger, mit dem ich seinen Dessertappetit am frühen Nachmittag bis zum späten Abend noch vehementer anzuregen dachte …

 

 

Versuch über den Glauben

Es muss sein … Im Rahmen der Wiener Poetik-Dozentur Literatur und Religion spreche ich morgen, Dienstag, 21. Mai, 18.30 Uhr, in der Universität Wien, Hauptgebäude, Hörsaal 50,  über das Thema Refugium – Ideen zur einer Biografie des Glaubens.

Joseph Haydn

Aktuelle Nachricht:

Viele Wochen habe ich mich (lesend, Klavierspielend, notierend)

mit Joseph Haydn beschäftigt.

Wir haben uns angefreundet, zuletzt habe ich ihn in Wien besucht.

Davon erzähle ich heute Abend (18. Mai 2019) um 19 Uhr, in der Baseler Theodorskirche,

vor einem Konzert mit Werken von (na klar) Joseph Haydn:

https://mailchi.mp/haydn2032/au-gout-parisien?e=baac6279fa

Die grüne Schwadron

Die Mitglieder der grünen Schwadron wachsen von Tag zu Tag. Aus kleinen Rosetten entstanden, vervielfältigten sich ihre Blätter und nehmen inzwischen fast gigantische Ausmaße an. Sie wirken, als wären sie aus extraterrestrischen Zonen auf die Erde gesegelt, um sich, dicht beieinander, auf kleinem Raum anzusiedeln.

Als hätten sie genaue Erkundigungen eingezogen, haben sie dafür die warme Partie einer alten Trockenmauer sowie eine stille, windfreie Zone gewählt. Nur in ihr breiten sie sich aus, nirgends sonst in der Weite der Gärten. Kleinere Nachbargewächse haben längst die Flucht angetreten, während die Schwadron sich jeden Morgen aus ihren Grasbetten reckt, laut zu schwadronieren beginnt und bis zum Abend so viel Kraft getankt hat, dass sie vor lauter Energie beinahe wieder abheben würde.

Soweit ist es jedoch nicht. Ehrfürchtig und aus gebührender Distanz erwarten wir vielmehr die Erhebung der Blütenstände und das Aufblühen der gelben Kerzen, das sich über Monate, bis in den Sommer, hinziehen wird. Die grüne Schwadron wird unser Leben begleiten, wir werden sie nicht aus dem Auge verlieren.

Ich hoffe, es geht Ihnen gut!

Seit nun schon einiger Zeit erhalte ich immer wieder Mails, in denen die Formel (oder Floskel) Ich hoffe, es geht Ihnen gut! am Anfang oder Ende des Textes auftaucht. Jedes Mal erschrecke ich dann ein wenig. Vermutet der Mailschreiber, dass es mir schlecht geht? Sah ich bei unserer letzten Begegnung ungesund aus? Oder will er gar sagen, er hoffe, es möge mir endlich wieder gut gehen? Weil ihm irgendein finsterer Dritter fälschlich zugeflüstert hat, dass ich schlimme Wochen durchgestanden habe? Lass es Dir weiter gut gehen! – wäre das nicht munterer, lockerer und positiver? Oder wie wäre es (etwas steifer) mit: Möge es Ihnen auch weiterhin gut gehen!

Irritierend an der obigen Formel ist vor allem das vorangestellte Ich hoffe … – denn mit dem Hoffen beginnt man häufig in Momenten einer Angst, Furcht oder Bedrängung. Man will etwas Unangenehmes oder Arges nicht wahrhaben – und beginnt dann eben zu hoffen, es möge sich anders verhalten. Wer so hofft, ist auf alles gefasst, sogar darauf, dass Hoffen nicht weiterhilft. Jedenfalls signalisiert es die Vermutung eines möglicherweise kritischen Zustands – und genau das sollte man mir gegenüber doch keineswegs signalisieren.

Und, bittschön: Was soll ich antworten? Dass es mir gut oder saugut geht? Muss ich das wirklich eigens betonen? Oder sollte ich meinem Gegenüber einen Schrecken einjagen? Anscheinend hast Du es geahnt: Es geht mir sauschlecht. Dritte Möglichkeit: Ich übertreibe maßlos und deute an, wie verfehlt mir die Hoffnungen meines Mailpartners erscheinen: Es geht mir blendend wie lange nicht mehr! Du kannst aufhören zu hoffen!

Wie ich Klavierspielen lernte

Das Gespräch im Horst-Janssen-Museum in Oldenburg am vergangenen Samstag hat Freude gemacht. Das lag nicht zuletzt an der bestens informierten, eingelesenen und aufgeschlossen reagierenden Moderatorin Katrin Krämer. Ein Meisterstück war die Einspielung der Musik: Beatles, Bach und Gianmaria Testa (!!). Da diese „Einlagen“ vorher nicht abgesprochen waren, empfand ich sie als besonders gelungene Überaschung: Lieblingsmusik! Genau richtig ausgewählt.

Lebendig und gut gelaunt umkreisten Katrin Krämer und ich vor allem die beiden zuletzt erschienenen Bücher: Die Mittelmeerreise und Wie ich Klavierspielen lernte (seit gestern im Handel). Eigentlich, muss ich zugeben, mag ich moderierte Vorstellungen von Büchern nicht (weil man meist das Falsche gefragt wird). Diesmal aber war alles anders: Ein sonniger Morgen im schönen Oldenburg, den das zahlreich erschienene, ebenfalls gut gelaunte Publikum mit einem teilte (indem es das Gespräch zu zweit in ein langes Gespräch mit den Zuhörerinnen und Zuhörern münden ließ).

Wer noch einmal hören möchte, was am Samstag so alles „verhandelt“ wurde, kann das auf diesem Weg tun. Das Gespräch ist etwa 47 Minuten lang:

https://www.radiobremen.de/bremenzwei/veranstaltungen/gaeste/hanns-josef-ortheil124.html