Bildbetrachtungen

In der Insel-Bücherei hat Kia Vahland einen schmalen Band (Anssichtssachen. Alte Bilder, neue Zeiten) veröffentlicht, in der sie sich als Meisterin des vielfältigen Blicks beweist. Will man ihr dabei folgen, so könnte man zunächst das in Farbe abgebildete Gemälde betrachten, um sich zu fragen: Welche Geschichte erzählt dieses Bild?

Kia Vahland hat solche Geschichten ausgewählt, die sich nicht nur auf ein Lebensmotiv konzentrieren, sondern auch geradezu aktuell erscheinen: Ein pubertierender Knabe lehnt sich selbstbewusst und bestimmt gegen seine Eltern auf; eine junge Wissenschaftlerin debattiert mit einem großen Kreis männlicher Gelehrter, die sich ihr anfänglich grundlos überlegen fühlen; ein älteres Ehepaar empfängt zwei Fremde mit selbstverständlicher Gastfreundschaft. Die Brücken zur Gegenwart wirken dabei wie Zündkerzen, die das jeweilige Bild kurz illuminieren. Plötzlich erkennt man, wie nahe das alte Bildmotiv einem Betrachter von heute sein könnte.

Ist der Blick derartig „entflammt“, folgt er allen wahrnehmbaren Spuren und Details mit detektivischer Genauigkeit: Mit welcher Haartracht hat sich der stolze, junge Dürer auf seinem Selbstbildnis geschmückt? Und warum ist am unteren Bildrand die große rechte Hand des Künstlers mit ausgestrecktem Zeigefinger zu sehen? Und wieso berühren die Finger die feinen Haare des Pelzrocks? Und worauf verweisen wiederum diese Haare (etwa auf die feinen Haare eines Pinsels, mit dem das Bild gemalt worden ist?)?

Solche Bildbetrachtungen können ungezwungene Übungen des genauen und inspirierten Sehens sein. Es macht ausgesprochen Freude, Kia Vahland bei ihren Deutungen zu folgen. Die meisten sind nicht länger als zwei Seiten und enthalten auf konzentrierte Weise soviel Material, dass man am Ende glaubt, einen ganzen Geschichtenzyklus gesehen und gelesen zu haben. Um danach so rasch wie möglich in eine Galerie/ein Museum etc. zu verschwinden und sich so locker und hellwach in Bilder zu vertiefen, wie Kia Vahland es gerade vorgemacht hat.

Blumenbüffets

Es ist Bienenzeit – heute hat das Thema sogar den Bundestag erreicht. In den Debatten wurde darüber beraten, ob die Bundesregierung in der kommenden Woche einen Antrag der EU-Kommission unterstützt, bienengiftige Pestizide europaweit zu verbieten. Julia Klöckner, die neue Bundeslandwirtschaftsministerin, hat dabei prompt wieder eine ihrer fantastischen Wortkreierungen präsentiert. Ganz nebenbei sprach sie davon, dass die gegenwärtig hochaktiven Bienen sich über jedes „Blumenbüffet“ freuen. „Blumenbüffet“ – das ist es! – um solche Büffets sollten sich all die Blütenbegeisterten kümmern, die das Imkern ihren Nachbarn und Freunden überlassen.

Liebe Julia Klöckner – ich bin dabei! … und sorge für so viele „Blumenbüffets“ wie nur irgend möglich, während mein Nachbar einen Bienenstock nach dem andern hoch über den vielfarbig leuchtenden Blumenbüffets in meinen Gärten errichtet. In wenigen Wochen werden wir zusammen den beachtlichen Ertrag des Bienenfleißes bewundern und dazu der bekanntesten Bienenhymne (auf Youtube) lauschen:  Joseph Szigeti spielt dann auf der Violine Franz Schuberts Die Biene  (op. 13/9) – und wir verfolgen mit dem inneren Ohr die Virtuosität aller Bienenbewegungen, die wir zuvor bereits Tag für Tag in der Natur mit den Augen erlebten.

 

 

 

 

Kleine Fantasie über Motive von Bobo Stenson

Vor kurzem hat ein Freund mich auf ein Youtube-Video (Live in the Forest) hingewiesen,  auf dem das Bobo Stenson Trio zu sehen ist. Es spielt aber nicht in einem Konzertsaal oder sonst einem geschlossenen Gebäude, sondern irgendwo draußen, in einem stillen Waldgelände. Ich liebe solche Konzerte im Freien, ich liebe sie sogar sehr. Wenn ich länger zu Fuß unterwegs bin (wie gerade jetzt, in diesen Frühsommertagen um die 25 Grad) entdecke ich alle paar Minuten einen Raum, an dem ich mir Live-Musik (oder eine Lesung?) wünsche. Das Foto zeigt einen solchen Ort, ein angeschnittenes Wiesenhalbrund, gerahmt durch wild gewachsene, blühende Weißdornsträucher. Direkt vor ihren leuchtenden Vorhang würde ich das Bobo Stenson Trio platzieren – und es würde die neuen Aufnahmen auf seiner CD (Contra la indecisión, ECM Records) spielen. Die Zuhörer säßen (lägen?) auf Decken und schauten in den Himmel – und im Hintergrund, auf einem Baumstumpf, säße der glückliche Konzertveranstalter, Herr O. …

Haiku – in altjapanischer Manier

Die kleine Wolke

René Magritte fing sie ein

Als Sekundenbild

Erläuterung: Der japanische Lyriker Han-Nsjo-Sef hält sich gegenwärtig im Rahmen eines Literaturstipendiums in Deutschland auf. In der Tradition altjapanischer Dichtung schreibt er täglich ein Haiku und folgt dabei der bewährten Regel, drei Zeilen (mit fünf, sieben und wiederum fünf Silben) zu komponieren. Dieses Haiku erinnert an Gemälde René Magrittes, auf denen surreal anmutende Erscheinungen kleiner, weißer Wolken eine bedeutende Rolle spielen. (Hanns-Josef Ortheil fotografierte das Bildmotiv, das sein japanischer Freund und er gestern vor Augen hatten.)

Fermers Wanderungen 14

Aus den schattigen Zonen, die noch Kontakt mit den Ausläufern der Wohnbezirke hatten, gelangte er allmählich (und beinahe Schritt für Schritt) in helleres und wilderes Gelände. Die Zäune und Gärten verschwanden und gingen in weite Wiesengrundstücke über. Schließlich liefen auch die Treppchen und Absätze aus und mündeten auf einem Höhenkamm, von dem aus er die halbe Stadt überblicken konnte. Auf so entlegenen Wegen begegnete ihm kein einziger Mensch. Erst wenn er die Höhe erreichte, traf er hier und dort auf einen Einzelgänger oder ein Paar, das auf die Stadt schaute und sich Mühe gab, deren Anlage zu deuten und zu verstehen. Im Abendlicht waren ihre Zonen besonders gut zu unterscheiden, so dass auch er sich ein Vergnügen daraus machte, sie im Stillen, nur für sich selbst, zu benennen.

Stabtreue I – Skulptur

Stabtreue I, ein meisterhaftes Spätwerk des (aus Wuppertal-Cronenberg stammenden) Beuys-Schülers Johannes Demzufolge, erscheint in tiefster, ländlicher Abgeschiedenheit als zurückhaltende Mahnung, der Not des Einzelnen auf die Sprünge zu helfen. Deutlich wahrnehmbar sind Anleihen beim mystischen Motiv des Erinnerungsstabs, gekreuzt mit Verweisen auf analoge Rhythmen der Zahlenwahl und Buchstabenexegese. Der selten in Museen oder Galerien ausgestellte Künstler, der sich (einer beliebten mündlichen Wendung seines Lehrers folgend) Demzufolge nennt, postiert bis heute seine Arbeiten beinahe nur im nicht-öffentlichen, geheimnisvoll entrückten (und durchaus intim, als Begegnung,  komponierten) Raum, wo sie dem nichtsahnenden Wanderer oder Geländegänger als kleine Inseln radikaler Besinnung auf die rudimentären Zeitschichten der jüngsten Vergangenheit auflauern.

Il suono della vita

Gegen Mittag machen sich die römischen Freunde und Boten von Rom aus auf den Weg in den Norden. In Südtirol legen sie eine größere Pause ein und fahren dann über den Brenner und München in meine Richtung. Am frühen Nachmittag des gestrigen Tages höre ich sie, wie sie, laut hupend, rufend, singend, das Gartengelände erreichen. Wir umarmen uns, und schon bald liegt auf dem Tisch das kleine Paket mit den schönsten Geschenken, die ich mir denken kann. Ich darf es öffnen und entnehme ihm fünf Exemplare der gerade erschienenen italienischen Übersetzung meines Romans Die Erfindung des Lebens (Keller editore). Der italienische Titel lautet Il suono della vita, Scilla Forti hat die beinahe sechshundert Seiten in ein klangvolles Italienisch übersetzt. Wie lange habe ich auf diesen Moment gewartet – und wie lange darauf gehofft, dass auch meine italienischen Freundinnen und Freunde diesen Roman einmal lesen. Samstag, der 14. April 2018, ist ein Festtag, und als ich weit nach Mitternacht zu Bett gehe, passiert es wahrhaftig: Ich träume wieder Italienisch, alle in meinem Traum auftretenden Personen sprechen genau diese Sprache, es ist, als träumte ich den Trailer zu einem Film in vielen Folgen, der mich endlich zurückholt, tief in den Süden.

Die Wiese

Die Wiese beginnt am Morgen zu gären. Eine grüne, dichte, wild verzahnte und pelzartige Maische überzieht den flachen Boden, die gelben Löwenzahnkerzen verteilen sich nach eigenen Launen, und die weißen, hoch eleganten Mini-Strahler der Gänseblümchen blinken in der Sonne. Die gesamte Palette dehnt sich, tief atmend, dem Mittag entgegen, lodert und blitzt am Nachmittag in schmalen Corsi auf und versinkt am frühen Abend, nach Durchlaufen aller Erregungszustände, im Ermüdungstaumel nach intensiver Sonnenbetäubung.

 

Vorhang auf!

Vorhang auf, ladies and gentlemen!

Heute erleben Sie in unserer Artistenshow gleich zwei pianistische Zwillinge, wie Sie lange keine mehr erlebt haben! Als erstes Zwillingspaar präsentieren wir Ihnen Lucas & Arthur Jussen. Im realen Leben sind sie keine echten Zwillinge, sondern Brüder, die aber nicht wie Brüder oder Zwillinge, sondern – erstaunen und erschauern Sie! – sogar als siamesische Zwillinge musizieren! Dieses Wunder ihrer Klavierkunst haben sie selbst der Welt verkündet – es war Arthur, der diesen mutigen Schritt gewagt hat: „Das Geheimnis unseres Duospiels besteht darin, nicht zu zweit zu spielen, sondern wie einer.“ Genau so ist es, ladies and gentlemen, hören Sie selbst und erstarren Sie auf Ihren Plätzen, wenn Sie der Dämonie eines Spiels gewahr werden, das aus zwei Menschen ein einziges Wesen macht, das aus zwanzig Fingern besteht! (Lucas & Arthur Jussen: Jeux)

Als zweites pianistisches Zwillingspaar präsentieren wir Ihnen die argentinische Klaviervirtuosin Martha Argerich und den armenischen Klavierzauberer Sergei Babayan. Im realen Leben sind sie keine echten Zwillinge, kennen sich aber seit dreißig Jahren und halten sich manchmal schon für Schwester und Bruder. Sergei sagt, mit Martha zu spielen, sei „wie ein Gespräch mit einem göttlichen Wesen“, und Martha ergänzt in ihrer bekannt lakonischen Art, Sergeis Spiel gefalle ihr einfach. Wie ein Furienpaar stürzen sich Schwester und Bruder dann auf zwei Klaviere, deren Klangkörper unter ihren fiebrigen Händen zu einem einzigen verschmelzen. Erleben Sie das Wunder eines siamesischen Klavierzwillings, dem Martha, die Kirke, und Sergej, der Arrangeur, einen Prokofiev for Two entlocken, wie ihn selbst Großväterchen Sergei nicht furienhafter hätte träumen können! (Martha Argerich & Sergej Babayan: Prokofiev for Two)

Kochkunst

Vor kurzem wurde ich zu einem mittäglichen Menü ins Essigbrätlein in Nürnberg eingeladen.  Meine Begleitung und ich waren die einzigen Gäste, so konnten wir uns den Tisch aussuchen, von dem aus wir die holzgetäfelte, stille Stube überblickten. Ich liebe holzgetäfelte, stille Stuben, und ich mag es, wenn die Menükarte nicht nur übersichtlich ist, sondern mit zwei, maximal drei Menüvorschlägen auskommt.

Am Mittag unseres Besuchs gab es Saibling mit Karotte/ Lauch/ Taube mit Mais/ Meerretticheis mit Apfel – und dazu das jeweils passende, von einer klugen Beraterin vorgeschlagene Glas Wein. Die beiden unsichtbar bleibenden Meisterköche (Andree Köthe & Yves Ollech) waren in Hochform – so dass die mehrstündige Mahlzeit zu einem nicht alltäglichen, sondern sich für lange Zeiten einbrennenden Ereignis wurde. Ich liebe nicht alltägliche, sich für lange Zeiten einbrennende Kochereignisse, und ich liebe sie noch mehr, wenn ich zu ihnen eingeladen werde.

Im Essigbrätlein hat man es für einige Stunden mit dem zu tun, was man „Kochkunst“ nennt. In meinem Verständnis besteht „Kochkunst“ aus vielen jener Elemente, aus denen „Kunst“ ganz grundsätzlich besteht. „Kunst“ ist die Passion und die Sache von Künstlern, die ihr Handwerk verstehen und die handwerkliche Arbeit klug benennen. Im Falle der „Kochkunst“ bilden die exakten Rezepte so etwas wie das Making of (oder die Poetik) des Handwerks. In den Rezepttexten (die zu den frühesten Making of-Texten der Kulturgeschichte überhaupt gehören) sind die Bestandteile der Mahlzeit, deren Zusammensetzung und Zubereitung fixiert. Die Speisen bilden (zusammen mit den Getränken) „das Werk“, auf dessen verschiedene Aromen und Formate das Geschmackserlebnis des Gastes (und damit des Rezipienten) reagiert. Bilden die Rezepte (und die Kommentare der Köche zu ihrem Handwerk) die Grundlagen der „Kunstproduktion“, so antworten darauf die Texte der Restaurantkritiker, die das Geschmackserlebnis im besten Fall so nuanciert wie ein Kunsterlebnis interpretieren.

Schade, dass es kaum Bücher gibt, in denen diese Dreiheit von Produktion (das Kochen und seine Poetik), Werkkomposition (Beschreibung und Analyse der Speisen) und Rezeption (der Genuss und seine Elemente) einmal als ganzes erscheint. So gesehen, sind die Debatten über „Kochkunst“ noch längst nicht auf einem möglichst hohen Niveau: Dann nämlich sprächen Köche und Kritiker an einem Tisch über das gerade komponierte und genossene Werk. Nichts ist öder als der einsame Abschied des Gastes von der holzgetäfelten, stillen Stube, ohne dass es zum Gespräch mit jenen Künstlern gekommen ist, die sich stundenlang scheu in der Küche verschanzt haben.

Im Fall des Essigbrätlein kann man immerhin auf Dokumente zurückgreifen. In der Bibliothek der Köche (SZ-Edition) ist 2008 ein Band über die Kochkunst von Andree Köthe & Yves Ollech erschienen (der darunter leidet, dass die Köche ihre „Kochgeschichte“ nicht selbst mitteilen, zu viele Seiten der schönen Stadt Nürnberg gewidmet und die hoch interessanten Rezepte nicht von den Köchen und Kritikern gleichzeitig interpretiert werden). Und 2012 sowie 2015 sind zwei Bände (Gemüse und Gemüse2) im Tre Torri-Verlag erschienen, die jene Geniestreiche der Gemüse-Kochkunst enthalten, von denen ich einsam zurückbleibender Gast mit Begleitung einmal im Essigbrätlein kosten durfte (ohne leider danach die Gelegenheit zu haben, mit den Meisterköchen über meine Geschmackserlebnisse zu sprechen).