Die Dinge des Lebens 4

Die Bleistiftspitzmaschine von Staedtler besitze ich seit vielen Jahrzehnten. Als ich sie geschenkt bekam, war sie eine echte Sensation (und das ist sie in meinen Augen heute noch immer). Schon ihr Bürodunkelrot nahm mich für sie ein, denn ein solches Rot hatte ich noch nie gesehen. Es wirkte wie die Farbe einer nicht zu vornehmen, aber durchaus standesbewussten Prälatenmontur. Den Stift muss man vorsichtig in das Spitzloch einführen und die kleine Handkurbel danach langsam drehen. Dann rieseln kleine Späne oder Locken in den Auffangbehälter und türmen sich mit der Zeit zu einer surrealistischen Kleinplastik im Stil von Max Ernst. Die beigefügte Tischklemme mag ich nicht, sie ist einem meiner wichtigsten Arbeitsgeräte einfach nicht angemessen. Meine Bleistiftspitzmaschine soll stolz und frei stehen. Jedes Mal, wenn ich sie benutze, spitzt sie ganze Rudel von Stiften, die ich dann mit dem Kopf nach unten in einen Stifteköcher stecke, wo sie ihre perfekt gespitzten Minen zeigen, jederzeit griffbereit.

(Will man sich noch mehr in das Thema vertiefen, gibt es dafür eine erweiternde Lektüre: David Rees: Die Kunst, einen Bleistift zu spitzen. Aus dem Amerikanischen von Uta Goridis und Egbert Hörmann. Metrolit 2014)

Tour de France

Die Fahrer der Tour de France legen heute die zwölfte Etappe (175 km) zurück. Es ist eine legendäre und schwierige Strecke, die in 21 Serpentinen hinauf führt nach L’Alpe d’Huez. Wer dort als Erster ankommt, gehört zu den Unsterblichen der Tour, und sein Name wird in eine der Kehren für ewige Zeiten eingetragen.

Die Tour de France ist im Fernsehen eine der seltsamsten Sportübertragungen überhaupt. Man starrt auf die führenden Fahrergruppen, die sich zäh und anscheinend unverändert durch vorbei fliegende Dörfer und Landschaften bewegen, und man blickt  (von oben, aus den Hubschraubern) auf die Bilder des aus der Vogelperspektive hinreißend schönen Landes: Ein Fluss, ein Château, eine Dorfkirche, Weinberge, eine Kathedrale! Und natürlich: All diese dunkelroten, heimelig erscheinenden Dächer, unter denen man lauter Bistros und Brasserien vermutet, mit karierten Tischdecken und Getränken aus der Umgebung!

Tour de France gucken ist also zweierlei: Ein Stream mit unentwegt strampelnden Beinen und eine Wünschelruten-Diashow mit touristischen Highlights. Wohl dem, der beide Präsentationsformen zusammen bekommt! Die meisten Zuschauer schauen ‚den Sport’ (was aber genau macht ihn aus?!), doch es gibt auch welche, die ausschließlich ‚Frankreich von oben’ interessiert. (Lange Zeit war ich selbst so ein Zuschauer.)

Kümmern wir uns heute einmal nur um die zweite Gruppe, literaturverseucht, wie wir nun mal sind! Von oben gesehen, macht das Schauen der Tour de France Lust auf Frankreich und eines der intensivsten Bücher, mit dessen Hilfe man dieses Land in langsamen Suchbewegungen erkunden kann. Jean-Christophe Bailly hat es geschrieben, und es heißt Fremd gewordenes Land. Streifzüge durch Frankreich (Aus dem Französischen von Andreas Riehle. Matthes & Seitz 2017).

Bailly geht es um die Erforschung dessen, was ‚Frankreich’ noch ist und für seine Bewohner bedeutet. Und so fährt und wandert er durch seine Regionen, jede genau abgesteckt und jede nach allen Regeln der äußersten Aufmerksamkeitsspannweiten erkundet: geographisch, gastrosophisch, atmosphärisch, literarisch (im Blick auf die Vorläufer seiner ‚Grand Tour’). Ein so klangvoll (und durch und durch ‚französisch’) geschriebenes Buch über die Liebe zu der Welt, in die man hinein geboren wurde, gibt es kaum ein zweites Mal. Selbst wenn man es im deutschen Zuhause liest, versinkt man in diesen Beschwörungen von Landschaften, Dörfern und intimen Räumen und glaubt, sich rasch aufs Fahrrad (nun ja, versuchen wir es zumindest) schwingen zu müssen, um unsere eigene, von Jean-Christophe Bailly geführte Tour de France zu erleben.

Sommerliches Gespräch mit Gottfried Benn

„Meinen Sie Zürich zum Beispiel/sei eine tiefere Stadt,/wo man Wunder und Weihen/immer als Inhalt hat?“ –  fragte mich in diesen sommerlichen Tagen (da die meisten Freunde im Urlaub und auf Reisen gegangen sind) der Dichter Gottfried Benn. – „Ja, Gottfried, das meine ich“, gab ich zur Antwort, „Zürich halte ich für einigermaßen tief, und Wunder und Weihen könnte ich auch sofort benennen: St. Galler Kalbsbratwürste, die Kronenhalle, den Zürcher See, die Tonhalle, das Arbeitszimmer von Thomas Mann im Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich … – lauter Wunder und Weihen!“ – „Kenne ich leider alles nicht“, sagte Gottfried Benn. – „Könnten Sie aber kennenlernen, wenn Sie meinen Roman Das Verlangen nach Liebe lesen würden. Er spielt nämlich in Zürich, an vielen Plätzen dieser Wunder und Weihen.“ – „Interessant“, meinte Gottfried Benn, „wir werden sehen. Vorläufig halte ich mich aber noch an meine althergebrachten Sommerregeln!“ – „Und die wären?“ – „Ach, vergeblich das Fahren!/Spät erst erfahren Sie sich:/bleiben und Stille bewahren/das sich umgrenzende Ich.“ – „Schön gedichtet, Gottfried“, sagte ich, „und durchaus überzeugend! Weswegen ich mich jetzt auch in eine asiatische Sommerstille zurückziehen werde, um es zu suchen: das sich umgrenzende Ich!“ …

Sommerbild 5

Der Fußball-WM-Sieg Frankreichs wirkt nach – weswegen wir uns heute auf ein sommerliches Blanquette de veau konzentrieren. Als Kind haben wir diese kleinen Kalbfleischstücke bereits sehr gerne gegessen, und das vor allem wegen der hellen, leicht cremigen Sauce. Man lässt das Fleisch in einem Gemüsefonds lange ziehen, bis es zart genug ist, dann darf es kurz ruhen. Die Sauce besteht aus dem Fonds, Eiern, Zitrone und ein wenig Wein – und darf weder dick noch sämig werden, sondern sollte (nach diskretem Einköcheln) etwas Luftiges, Leichtes behalten. Das Gemüse des Fonds servieren wir separat, in einer kleinen Schale, mit einem Spritzer Olivenöl, nachgepfeffert, nachgesalzen.

Also: Nicht alles vermischen, sondern den Kalbfleischstücken die größte Ehre erweisen, indem man sie ohne Beilage (kein Reis, keine Kartoffeln, höchstens frisches Baguette) ‚solo’ serviert. Dazu ein kräftiger Riesling.

Blanquette de veau ist ein Sommergericht. Das Fleisch in kleinen Würfeln saugt sich voll mit der noch (von Zitrone und Wein) leicht vibrierenden Sauce. Auch Fleisch kann „auf der Zunge zergehen“, ja doch.

Perfekt wird Blanquette de veau unweit der französischen Grenze, nahe Trier, serviert. Unser Sommerbild 5 entstand während einer Mahlzeit im Landgasthof Paulus (66620 Nonnweiler). Selten haben wir einen Wirt erlebt, der interessanter und kundiger über seine Mahlzeiten spricht. Und selten einen, dem es derart leid zu tun scheint, sie nicht auch auf der Stelle selbst verzehren zu können.

  

Das Finale der Fußball-WM 2018

Die Fußball-WM 2018 ist gestern mit dem 4:2-Sieg Frankreichs gegen Kroatien zu Ende gegangen. Im Alltagsleben von Fußballfreunden hinterlässt ein solches Turnier mit seiner Dauer von mehr als vier Wochen deutliche Spuren. Wir verfolgen nicht nur so viele Spiele wie möglich, sondern tauschen uns auch täglich mit besten Freunden über das Gesehene und Erlebte aus. Dabei geht es natürlich nicht nur um Fußball, einzelne Spieler, Trainer und Mannschaften, sondern auch um das Leben an sich.

Niemals sonst stehen wir in einem solchen Dauerkontakt, mailen in der Früh die Eindrücke von der Nacht, lesen am Morgen die frischen Kommentare der Medien, stimmen unsere Mahlzeiten am Mittag auf den Spielplan ab (wenn Frankreich spielt, ist auch Frankreich in unseren Gläsern etc.)  und widmen uns nach einem kurzen Lockerungstraining am frühen Nachmittag schließlich den Spielen selbst. Alles, aber auch alles ist von Bedeutung, nichts entgeht unseren Augen: Nicht das schlecht sitzende Trikot des spanischen Torhüters, nicht die unvorteilhafte Frisur eines Schiedsrichters, nicht die taktische Aufstellung von Japan, die wir uns ganz anders gewünscht hätten.

Eine kleine kompakte Auszeit unseres Lebens verbringen wir wie in einem Camp und von Tag zu Tag mehr in Trance. Auf dem Cover unserer Bibel ist zu sehen, wohin das führt. Denn Karl Ove Knausgård und Fredrik Ekelund haben uns vorgemacht, wie man sich durch eine Fußball-WM peitscht. 2014 haben sie die Spiele beobachtet und einander ununterbrochen geschrieben, und es ist einer der schönsten Dialogkommentare der Zuschauergeschichte daraus geworden (Karl Ove Knausgård/Fredrik Ekelund: Kein Heimspiel. Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenborg. btb 2018).

Auf dem Cover sieht man Knausgård am Ende: Rauchend in seiner zugemüllten Schriftstellerhöhle, die nackten Füße auf dem Tisch, unzählige längst geleerte Kaffeetassen lässig um sich herum verteilt. Ein Mann, den eine Fußball-WM umgehauen und dem sie (wie zum Hohn) auch noch einen ungeliebten Sieger beschert hat.

Das aber können wir nicht behaupten. Nein, im Gegenteil: Frankreich hat gewonnen, das haben auch wir gefeiert, das entsprechende Getränk auf den Sieg dieser Mannschaft geleert und die nächste Fahrt nach Paris gebucht, wo die Helden heute eintreffen werden.

Meine weissen ara

Gestern kam während eines Abendessens mit Freunden das Gespräch noch einmal auf den einhundertfünfzigsten Geburtstag des Dichters Stefan George. Darauf, dass seitdem alle überregionalen Zeitungen oft über mehrere Seiten Artikel, kurze Essays und Berichte über die Festveranstaltungen gebracht haben. Und darauf, welche von Georges Gedichten uns noch gut (und warum?) in Erinnerung sind.

Und „wie aus dem Nichts“ erinnerte ich mich plötzlich an jenes George-Gedicht, das ich schon als Kind (im Alter von höchstens zehn Jahren) zu hören bekommen habe. Und zwar wohl in Köln, und zwar wahrscheinlich während eines Zoobesuchs. Damals hatte ich zum ersten Mal Aras gesehen. Sie wirkten stark exotisch – aber abwesend. Fast regungslos brüteten sie vor sich hin, als gingen weder die Zoobesucher noch ihre Artgenossen sie etwas an. Dabei waren es doch wunderschöne Tiere, die man lange anstarrte, als könnte man ihnen so zumindest ein paar Geheimnisse ihres Daseins entlocken.

Stefan Georges Gedicht „Meine weissen ara/Haben safrangelbe kronen …“ ist ein Tiergedicht, das auch ein Kind Zeile für Zeile verstehen kann. Die Geheimnisse der Aras werden in ihm, ohne dass sie benannt oder befragt werden, so kunstvoll indirekt umkreist, dass ich noch heute aus dem Staunen nicht herauskomme.

Dieses Gedicht ist eines der rarsten der deutschen Sprache, denn es ist (in meinen Augen) „vollkommen“. Ich kenne nur wenige „vollkommene“ Gedichte – es sind solche, in denen ich kein Wort verändern, verbessern, ersetzen oder umstellen würde.

Das Gedicht entzündet sich am kurzen Namen der Tiere: „Ara“ – und spielt mit allen Möglichkeiten der Verkürzung. Und zwar so, dass die Vokale nacheinander (das lagernde „a“, das thronende „o“ und das sitzende „i“) aufleuchten, als rührten sie an die drei gleichzeitigen Bewegungszustände der Tiere. Alle Eile und Richtung werden dadurch aus dem Gedicht genommen (keine aktiven Verben), stattdessen entsteht die besondere Aura dieses tierischen Völkchens aus der Stille, der Ruhe, der Unbeweglichkeit – und dem Rückzug auf sich selbst. Sie sind pures Dasein und in der Ausstellung dieses Purismus „für sich“. Das Gedicht übertrifft diese Bilder, indem es selbst puristisch wird, bis hin zu den Extremen: „ruf“ …, „sang“ …, „schlummern lang“…, „träumen“ …, „von den fernen Dattelbäumen“ … – ohne jede Zeichensetzung, in Kleinschreibung, wie ein Flüstern, ein Hauch … – Kann man Tiere bewundernder in Szene setzen, ohne sie zu domestizieren?

Meine weissen ara haben

Safrangelbe kronen

Hinterm gitter wo sie wohnen

Nicken sie in schlanken ringen

Ohne ruf ohne sang

Schlummern lang

Breiten niemals ihre schwingen –

Meine weissen ara träumen

Von den fernen dattelbäumen.

Die tägliche Fitness

Mein Smartphone ist seit seinem Kauf mit einer von mir gar nicht gewollten App bestückt, die meine tägliche Fitness kontrolliert. Zunächst wollte ich sie löschen, dann fand ich ihre Rückmeldungen aber interessant und vor allem komisch. Jeden Morgen grüßt sie mich mit meinem Vornamen und rechnet mir vor, dass ich zum Beispiel gestern „13 Minuten aktiv“ war. Heute solle ich es mal mit 23 Minuten versuchen. Der Hintergrund ist klar: Gestern habe ich mein Smartphone nur 13 Minuten mit mir herumgetragen (und das reicht doch, ich lasse es lieber irgendwo liegen und vergesse es). Heute aber soll ich es am besten den ganzen Tag bei mir haben und ausführen wie ein Haustier  (das könnte meinem Anbieter so passen!).

Angeboten wird mir auch eine Stressmessung. Wenn ich den Finger auf einen Sensor lege, erhalte ich die Nachricht, dass ich beängstigend stressfrei bin und ein wenig Stress nachlegen soll. (Man kann diese Meldungen übrigens sehr leicht manipulieren, was manchmal sehr hilfreich ist. Bin ich etwa mit meinem Freund Udo unterwegs, kann ich mal rasch den Stresstest machen – und mich von ihm verabschieden: „Du, Udo, mir geht’s gerade nicht gut. Meine App meldet horrenden Stress…“)

Rund um die Uhr werden auch meine Sauerstoffsättigung, meine Nahrungsaufnahme, mein Blutdruck sowie meine Wasserzufuhr kontrolliert. Wollte ich mich diesen Kontrollen hingeben, wäre ich den ganzen Tag mit lauter Mumpitz beschäftigt. Erstaunlicherweise scheint das vielen Menschen nichts auszumachen, denn in den nahen Wäldern erlebe ich, dass kaum ein Mensch ohne Smartphone und diverse Kontrollen unterwegs ist.

Harmlos sind noch jene Spaziergänger, die allein unter einer dicken Buche stehen und die neusten Befindlichkeiten streuen: „Ich habe ihm immer gesagt, dass ich seine Schwester nicht mag. Aber er hört nicht auf mich …“ Angestrengter wirken Läuferinnen, die sich von lauten Kommandos ihrer Fitnessmaschinen anspornen lassen: „Schneller, Traude, schneller, Du packst es!“ Professionell aber sind jene Pedelec-Fahrer unterwegs, die ihre abnormen Geschwindigkeiten der Liebsten zu Hause melden: „Schatz, vierunddreißig Kilometer im Schnitt – und das nach nur einem Brötchen mit jungem Gouda und einer kleinen Fassbrause …“

Festivalsommer mit Robert Schumann

Der Festivalsommer hat begonnen. Könnte ich mir etwas wünschen, würde ich ihn in Schleswig-Holstein (Schleswig-Holstein Musik Festival vom 30.06. bis 26.08.2018) und/oder im Rheingau (Rheingau-Festival vom 23.06. bis 01.09.2018) verbringen.

In Lübeck ist neben vielen Konzerten auch eine wunderbare Ausstellung des Brahms-Instituts an der Musikhochschule Lübeck zu sehen (Neue Bahnen. Schumann und Brahms – noch bis zum 15. Dezember 2018 in der Villa Brahms, Jerusalemsberg 4). Dort bin ich vor kurzem einem Goldenen Federhalter begegnet, den Clara Schumann einmal ihrem Mann Robert geschenkt hat. Er liegt dort leuchtend und traumverloren in einer Vitrine und setzt für einen Schumann-Enthusiasten wie mich eine ganze Kette von Fantasien frei.

Mit keinem Komponisten habe ich mich seit den Kindertagen so intensiv beschäftigt – und das wird so schnell auch nicht aufhören. Irgendwann muss ich ein Schumannbuch schreiben, das ist klar, und natürlich wird der Goldene Federhalter (neben vielen anderen Gegenständen aus seinen verschiedenen Haushalten) darin eine Rolle spielen. (In meinem Buch Musikmomente gibt es eine kurze Vorfassung des Vorhabens: Mein Leben mit Robert Schumann, S. 246-275)

Am  20. Juli 2018 beginnen dann auch die Salzburger Festspiele. Als Kind und junger Mann habe ich sie oft erlebt. Ich habe damals, in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, immer einige Zeit bei Salzburger Freunden gewohnt, die zum Glück gute Kontakte zur Festspielorganisation hatten. In Salzburg konnte man den ganzen Tag Musik hören, in seinen Gärten, nahen Schlössern, Konzertsälen (und sogar im Marionettentheater!).

Abends besuchte ich ausschließlich Konzerte mit den Stars der pianistischen Szene, die jedes Jahr bevorzugt nach Salzburg kamen. Das ist auch in diesem Jahr so. Anhören würde ich mir diesmal (auf jeden Fall): Arcadi Volodos (31. Juli 2018), Igor Levit (04.08.2018), Grigory Sokolov (08.08.2018), Daniil Trifonov (14.08.2018) und Khatia Buniatishvili (25.08.2018).

Stefan George

Heute vor einhundertfünfzig Jahren wurde der Dichter Stefan George in Büdesheim (bei Bingen) genau dort geboren, wo die Nahe in den Rhein fließt. Viele seiner Gedichte gehören zu den schönsten, die jemals in deutscher Sprache geschrieben wurden.

Vierzig von ihnen stellen Ute Oelmann (frühere Leiterin des Stefan George Archivs der Württembergischen Landesbibliothek) und Wolfgang Braungart (Literaturprofessor an der Universität Bielefeld) in dem Band Dies ist ein lied für dich allein (Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung Mainz 2018) vor.

Statt Gedicht für Gedicht zu „interpretieren“ (und durch den Fleischwolf von Strophenschemata, Bildern eines „lyrischen Ichs“ oder (besonders scheußliches Wort!) „Herangehensweisen“ des Dichters zu drehen), führen sie sehr genaue und hellwache „Lesarten“ der Gedichte vor. Keine gleicht dabei der anderen. Jede beginnt mit einem Staunen: über eine erste Zeile, über den Verlauf eines Gedichts, über einzelne Wörter.

So entspannt und aufmerksam sollte man sich großen Gedichten nähern. Man sollte vermeiden, sie stupiden Deutungsregeln zu unterwerfen, die sich die kleinen Beamten der Didaktik ausgedacht haben. Und man sollte die einzelnen Gedichte in unterschiedlichem Tempo, zu den verschiedensten Tag- und Nachtzeiten lesen, um ihnen  immer wieder neue Stimmungen und Traumcharaktere zu entlocken. So gesehen, bestehen Gedichtlektüren aus konzentriertem, abwechslungsreichem Lesen. Im Kopf des Lesers hinterlassen sie dann rare Wortfelder, die Erfahrungen und Blickstudien des Lesers aufbewahren.

Dies ist ein lied

Für dich allein:

Von kindischem wähnen

Von frommen tränen..

Durch morgengärten klingt es

Ein leicht beschwingtes.

Nur dir allein

Möcht es ein lied

Das rühre sein.

 

Das Wohnen des Textes

Eine Leserin ist auf meinen Blogeintrag vom 3. Juni 2018 eingegangen und schickt mir mehrere Skizzen, die auf Grund der Lektüre meines Romans Der Typ ist da (Kiepenheuer & Witsch 2017) entstanden sind.

Skizze 1 zeigt die Außenansicht des Miethauses im Kölner Norden, in dem die Dreier-WG junger Frauen wohnt, die den Venezianer Matteo bei sich aufnimmt. Skizze 2 zeigt den Grundriss der Wohnung mit der Anordnung der einzelnen Zimmer und Räume.

Als Autor des Romans nehme ich (anhand von Skizze 1) verblüfft zur Kenntnis, dass es sich bei dem Miethaus um einen schmalen, bereits älteren Bau mit drei Stockwerken und einem Zimmer unter dem Dach handeln soll. Es gibt eine dekorative, wahrscheinlich hölzerne Eingangstür – und jeweils zwei Fenster in jedem Stock (wobei diese Fenstergruppen sich immens unterscheiden). Nebenan steht ein vierstöckiges Haus mit modernen Fenstern und einer Durchfahrt (in einen Hinterhof).

Anhand von Skizze 2 verstehe ich, dass das Nachbarhaus ein Ärztehaus ist und das Miethaus der Dreier-WG auch einen Hinterhof besitzt. Die Zimmer der drei Frauen sind etwa gleich groß, Bad und Küche sind etwas geräumiger. Daneben gibt es noch einen Balkon.

Beide Skizzen vermitteln aber weitaus mehr als bloße Außen- und Innenansichten. Skizze 1 zeigt ein leicht altmodisches, bei Studentinnen aber „angesagtes“ und zugleich etwas „kapriziös“ wirkendes Haus. Skizze 2 belegt, dass die Zuteilung der Räume eine „gerechte Verteilung“ des vorhandenen Raumangebots in der WG-Wohnung anstrebt.

Über diese Skizzen ließe sich lange „philosophieren“. Sie zeigen anschaulich, was eine Leserin den bereits vorhandenen, minimalen „Informationen“ des Romans entnimmt und was sie (frei fantasierend) hinzutut. Auf das Verhältnis von Vorgabe und Fantasien kommt es an, denn in ihm drückt sich aus, wie ein Roman gelesen wird und mit der Hilfe von geleiteten Fantasien an Leben gewinnt.

Auf diese Weise entwickelt die Lektüre „Kulturen“ des Textes, die Mischformen von durch den Autor erfundenen und von der Leserin weiter entwickelten Bildfolgen sind. Die Vorabinformationen des Autors können so detailliert und ausführlich sein, dass sie kaum konkrete Fantasien einer möglichen Leserin erlauben. Sie können aber auch so offen und vage sein, dass die Fantasien den Text „erobern“. Entscheidend ist also: das jeweilige „Mischungsverhältnis“, mit dessen Hilfe sich genauer bestimmen lässt, wie ein Text gelesen wird …