Der von den Löwen träumte 2

Gerade habe ich die Arbeit an meinem Roman Der von den Löwen träumte beendet (vgl. den Blogeintrag vom 29.07.2019) und das Manuskript an den Verlag geschickt – da sind auch schon die Druckfahnen da, die ich nun korrigieren muss. 350 Seiten ist der neue Roman lang, und es ist das erste (und wahrscheinlich letzte) Mal, dass ich ihn ganz, Seite für Seite, lese.

Viele Details habe ich bereits wieder vergessen, so dass mich manche Passagen durchaus zum Staunen bringen. Wie kam dieser oder jener Einfall denn in den Text? Keine Ahnung! Der Roman hat begonnen, sich vor mir zu verschließen und sich auf seine eigene Sprache und sein eigenes Denken zurückzuziehen.

Was bedeutet, dass ich während der Lektüre der Druckfahnen zu einem Leser werde, dem vieles fremd ist und der den Roman mit einer gewissen Neugier liest, als kennte er die Hintergründe seiner Entstehung nicht, sondern wäre ein beliebiger Leser, der die Bekanntschaft eines neuen Buches macht.

Mit der Zeit lese ich immer schneller, nein, ich bin kein guter Korrektor. Die Suche nach falschen Satzzeichen und Tippfehlern übernehmen im Verlag zum Glück noch andere Korrektoren, die langsamer und genauer lesen als ich.

Schließlich bin ich am Ende – und es ist immer dasselbe: Das Ende des Romans lässt mich in eine tiefe Rührung verfallen, als wäre ich eine seiner Figuren und müsste mich nun darum kümmern, nach all den starken Erlebnissen auf eigene Weise am Leben zu bleiben.

Bernhard von Clairvaux

Heute ist der kirchliche Gedenktag für Bernhard von Clairvaux (1090-1153). Ich erinnere mich gut an die Kindertage, als wir am 20. August ihm zu Ehren in den Gottesdienst gingen. Oft war ein hoher Würdenträger des Zisterzienserordens anwesend und zitierte aus den Schriften des Heiligen, der schon zu Lebzeiten eine europäische Berühmtheit war.

Ich weiß noch, dass ich einmal lange über seinen Satz „Gott ist die Ruhe, und er beruhigt alles“ nachgedacht habe. Dass Gott „alles beruhigt“, hätte ich in dieser Einfachheit selbst noch nicht zu sagen gewusst. Dabei konnte ich diesem Gedanken sehr viel abgewinnen, denn genau das empfand auch ich, wenn ich an Gott dachte: dass er „alles beruhigt“. Wenn ihm das gelang, konnte man ihn wohl als „die Ruhe“ bezeichnen, das war logisch und konsequent.

Auch der Satz, dass aus dem Schweigen alle Kraft komme, leuchtete mir ein. Das Schweigen empfand ich damals als unterschätzt. Wer schwieg, schien etwas nicht zu wissen, oder er wirkte ängstlich oder gelangweilt. Dabei war das Schweigen doch wichtig: um auf gründliche Weise, langsam voranschreitend, an gute Gedanken zu kommen, um sie zu prüfen und genau zu formulieren. Wer arglos drauflos schwätzte, brachte sich oft selbst um die angestrebte Genauigkeit und eine tiefergehende Wirkung des Gedachten.

Auf bildlichen Darstellungen (wie etwa von Filippino Lippi oder Perugino) war Bernhard oft im Gespräch mit der Gottesmutter Maria zu sehen. Er kniete an einem Schreibpult, hatte eine Feder in der Hand und lauschte auf das, was Maria ihm sagte. Das war verblüffend. Maria in der Rolle eines Engels, der einem Schreiber Sätze von Gewicht zuflüsterte! War noch ein anderer Heiliger in den Genuss einer so besonderen Verkündigung gekommen?!

Sehr gefiel mir, dass man Bernhard als „Doctor mellifluus“ (honigfließenden Lehrer) bezeichnet hatte, um durch diese schöne Metapher seine besondere Rede- und Schreibkunst zu ehren. (In meinem Roman Schwerenöter habe ich im Internatskapitel viele direkte und indirekte Anspielungen auf dieses „honigfließende Sprechen“ untergebracht …)

Wo gab es, überlegte ich in den früheren Zeiten weiter, dafür eine Entsprechung in der Musik? Das „Honigfließende“ war etwas Helles, Tröstliches, Schlichtes, das tief in die Seelen der Hörer eindrang. Als ich Mozarts Fassung des Ave Verum Corpus (KV 618) wieder einmal in einem Gottesdienst hörte, wusste ich es – das war „honigfließende Musik“, die einen nach dem Hören schweigen und zur Ruhe kommen ließ.

Goldruten

Dicht nebeneinanderstehend, besetzen die hartnäckigen, erstaunlich hoch gewachsenen grünen Stängel an den Rändern des Beetes ein eigenes Feld. Ihre Blätter erscheinen fest, glänzend wie Lorbeer, sie lassen den Regen abgleiten, als wäre Wasser nur lästiger Überfluss.

Und wirklich harren diese Pflanzen auch bei höchsten Temperaturen regungslos aus und zeigen, wüstenverliebt und ins Trockene vernarrt, nicht die geringste Beeinträchtigung.

Das Blütengelb ihrer oberen Segmente offenbart ihr geheimes Gespräch mit den Sonnen, denen sie Höhenmassive alpiner Strukturen abgewinnen. Auf ihnen bewegen sich Bienen und Schmetterlinge klettersüchtig entlang, tänzelnd über den Abgründen.

 

Hildegard Kempowski ist gestorben

Heute findet um 15 Uhr in Haus Kreienhoop in Nartum die Trauerfeier für Hildegard Kempowski statt, die am 12. August im Alter von 84 Jahren gestorben ist.

Haus Kreienhoop ist das von ihrem Mann, dem Schriftsteller Walter Kempowski (1929-2007), großräumig entworfene, mitten auf dem Land gelegene Wohnhaus, in dem die Kempowskis jahrzehntelang gelebt, Gäste empfangen, Literaturveranstaltungen aller Art organisiert und dem umfangreichen literarischen Werk Kempowskis eine Bühne geboten haben.

Ich habe Hildegard Kempowski zwar schon vor dem Tod ihres Mannes kennengelernt, näher gekommen sind wir uns aber erst, als ich Haus Kreienhoop aus Anlass einer Lesung besuchte. Danach war ich viele Male dort, als Lesender, aber auch als Vortragender, der zum fünfjährigen Bestehen der Stiftung Haus Kreienhoop (2010) sogar den Festvortrag hielt. Auch als Seminarleiter eines Literaturseminars der Universität Hildesheim bin ich dorthin gereist und habe während dieses Seminars mit Hildegard Kempowski aus dem Stegreif ein Stipendien-Projekt entwickelt, das jahrelang Studierende des Faches Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus für einige Wochen nach Nartum führte, um in der ländlichen Einsamkeit an ihren Romanen zu arbeiten.

Solche Angaben berühren den auf Öffentlichkeit und das literarische Leben bezogenen Teil unseres Kontakts. Der private Teil verlief tiefer und gehört zum Erstaunlichsten, was ich an Verbindungen mit Leserinnen und Lesern erlebt habe. Denn Hildegard Kempowski widmete sich jedem meiner neu erschienenen Bücher mit besonderer Anteilnahme. Mit der Zeit wurde sie zu einer meiner kundigsten und aufmerksamsten Leserinnen überhaupt.

Las ich in der Stadtbibliothek Bremen, ließ sie es sich auch bei schlechtem Wetter nicht nehmen, eigens anzureisen. Erhielt ich in Hamburg den Hannelore Greve-Preis der Hamburger Autorenvereinigung, tauchte sie unerwartet und plötzlich unter den Zuhörern der Festveranstaltung auf, um mir zu gratulieren. Und zwischendurch schrieb sie mir Briefe, in denen sie mir vom Leben in Haus Kreienhoop erzählte.

Mit ihr habe ich eine wunderbare, humorvolle und treue Freundin verloren, mit der ich mich so gut verstanden habe wie mit kaum einer anderen Leserin meiner Bücher. Es ist schade, dass ich heute um 15 Uhr nicht in Haus Kreienhoop sein kann. In Gedanken aber bin ich dort, um in den traurigen Momenten dieser Stunden aus den Fenstern hinauszuschauen auf das weite Land ringsum, auf seine Äcker und Wiesen und auf all das, was von ihr geprägt und gestaltet wurde, damit es für noch lange Zeit weiterlebt.

 

 

Seven Days Walking 7

(Heute auch als Kolumne im Kölner Stadt-Anzeiger, S. 4)

Irgendwann waren wir es leid, die Reiselasten in einem Koffer herumzuschleppen. Lange Zeit hatte er alles aufgenommen, was wir unterwegs angeblich brauchten. Wir hatten ihn bis zu den Rändern vollgestopft, und er hatte am Ende ausgesehen wie ein praller Koloss, den wir ungelenk schieben, tragen und durch überfüllte Gänge quetschen mussten. So signalisierte er, dass wir mit einem viel zu großen Teil unserer eigenen vier Wände unterwegs waren. Wir wollten (oder konnten) uns davon nicht trennen, sondern verwandelten jedes Hotelzimmer zumindest partiell in ein zweites Zuhause.

Der Rucksack dagegen ist anders. Indem wir ihn Stück für Stück füllen, denken wir über die Notwendigkeit jedes einzelnen Teils nach. Sparsames Packen, gezielt ausgesuchte Gegenstände, überlegt neben- und übereinander verstaut – das dient dem Grundsatz, sich auf Reisen so leicht und unkompliziert wie möglich zu bewegen. Anders als der Koffer beherbergt der Rucksack die Einzelteile nämlich nicht in großer Zahl und erst recht nicht in jenen vertrauten Ordnungen, in denen wir sie aus unseren Schränken gefischt haben.

Die Dinge, die wir in ihm verstauen, sind vielmehr meistens mobil und haben ihre nützlichen Auftritte in ungewohnten Lebenssituationen, die sich auf Reisen ergeben und die wir zu bewältigen haben. Es sind Gegenstände des Haushalts und damit aus Küche und Bad, während die typischen Kofferinhalte vor allem den Schlafzimmern entstammen. Unsere Reiseintelligenz wird sich darin beweisen, diese beiden Herkunftsterrains geschickt miteinander in Beziehung zu setzen.

Was also brauchen wir auf Reisen wirklich und was wäre nützlich? Was während eines Wochentrips nach Paris, was während einer Dreitagesreise an den Bodensee? Es gibt Reisende, die immer denselben Koffer bis zu den Rändern füllen, egal, wie lange sie unterwegs sind. Wäre es nicht eine schöne Aufgabe, einen Rucksackinhalt einmal minimalistisch zusammenzustellen? So dass wir am Ende sogar mit einem Mini-Rucksack auskommen würden?

Seven Days Walking 6

Bevor wir nach Hause zurückkehren, erleben wir eines der ersten Spiele der gerade beginnenden Fussball-Saison mit. Es ist ganz gleichgültig, wo wir stehen – ob in einem großen Stadion oder auf einem Kreisligaplatz, wir warten nur darauf, das Lied der Lieder wieder singen zu können: You’ll Never Walk Alone. 

Aber: Kennen wir seine Geschichte wirklich?! Vielleicht nicht genau genug. Und das wäre schade.

Deshalb zwei Vorschläge, die neue Saison einzuleiten – mit:

1) You’ll Never Walk alone. Die Geschichte eines Songs. Doku. Regie: André Schäfer. DVD 2017

oder:

2) Malte Oberschelp: Die Hymne des Fussballs. You’ll Never Walk Alone. Eine Kulturgeschichte. Göttingen 2013

 

 

Seven Days Walking 5

Am fünften Tag unserer siebentägigen Sommerwanderung begleiten wir die Schauspielerin Elisabeth Moss, die in einem Video (über Youtube abrufbar) zur Musik von Max Richter (On The Nature Of Daylight) durch kanadische Straßenlandschaften geht.

Die Gehende bleibt ganz bei sich und verschließt sich gegenüber der Umgebung. So zieht das Gehen eine anonyme Spur, während sich die Innenwelten kaum sichtbar dramatisieren. Schließlich entlädt sich die Melancholie, und das Mienenspiel taucht ab in Verzweiflung.

Gehen als der Versuch, ein inneres Drama auszutragen und es hinüber zu retten … – wohin?

 

 

Seven Days Walking 4

Am vierten Tag unserer siebentägigen Wanderung anhand neuer Sommerlektüren (begleitet von Musik und Bildern) folgen wir Rebecca Solnit auf den Wegen ihres breit angelegten kulturhistorischen Panoramas des Gehens (Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens. Aus dem Englischen von Daniel Fastner. Matthes & Seitz 2019).

Alles beginnt bereits in der Antike mit den „Fußgängerarchitekturen“ philosophischer Wege , die das Gehen inspirierten und formten. In der Moderne des achtzehnten Jahrhunderts begegnen wir Jean-Jacques Rousseau während seiner Träumereien eines einfachen Schweifenden und lernen durch ihn den empfindsamen Spaziergänger mit wachem Augenmerk für die Umgebung kennen. Und in der Spätmoderne des zwanzigsten Jahrhunderts lernen wir, dass ein Philosoph wie Edmund Husserl das Gehen als jene Daseinsform entwirft, die uns erst zur „außerleiblichen Umwelt“ in Beziehung setzt.

Rebecca Solnit konzentriert sich auf die konkreten Berichte und die Theorien der Gehenden. Sie skizziert also „Figuren des Gehens“, die der gängigen Wanderung, Tour oder Reise individuelle Formen des Sehens und Wahrnehmens abgewinnen. Die Bewegungen führen vom behüteten Haus in die „freie Umgebung“ und von diesen Umgebungen weiter zum „Leben auf den Strassen“. Am Ende dieser belebten Wege (von San Francisco, New York, London oder Paris) geraten wir in die gefährlichen Vorstadtzonen und ziehen uns, irritiert und abgeschreckt, auf Laufbänder zurück, wo wir die unermüdliche, heftige Bewegung wieder im Raum des Hauses imitieren.

Rebecca Solnit hat Freude am Deuten und am Nachvollzug extremer Erlebnisse. Nebenbei erzählt sie von ihren eigenen Bewegungsexperimenten an bestimmten Orten und in den Städten ihres Lebens. So verleitet das Buch dazu, sich über das Gehen und Fortbewegen nicht nur Gedanken zu machen, sondern laufend selbst neue Formen der konkreten Weltaneignung durch den eigenen Körper auszuprobieren.

 

Seven Days Walking 3

Am dritten Tag unserer siebentägigen Sommerwanderung begleiten wir den Pianisten Hauschka durch A Different Forest (leicht abrufbar). Der klare, schwebende Klang des Pianos grundiert eine starke Intimität des Gehens. Wir sind hellwach, mit kleinen neuronalen Sensationen beschäftigt, mögen sie nun von der Natur oder den Wäldern der Stadt ausgelöst werden. Aus den einfachsten Schritten können minimale kosmische Wirbel und Ausdehnungen entstehen, die sich wieder zurückziehen und in lapidare Geschichten verwandeln. Ufern die fließenden Bewegungen der Klanglinien aber aus, entstehen vibrierende Seitenarme.

„Verästelungen“ könnten wir all das nennen und zielten damit auf das wuchernde Pulsieren der Nerven und Blutbahnen.

Seven Days Walking 2

Am zweiten Tag unserer siebentägigen Wanderung durch neue Sommerlektüren (begleitet von Musik und Bildern) halten wir uns mit Sigmund Freud in Italien auf. Jörg-Dieter Kogel hat uns in einem sehr informativen Buch (Im Land der Träume. Mit Sigmund Freud in Italien. Aufbau 2019) Details der vielen Reisen vorgestellt.

Italien war das bevorzugte Reiseland Freuds. Fast immer suchte er es in  ausgewählter Begleitung auf und bereitete sich intensiv auf jede einzelne Reise vor. Er sprach fließend Italienisch und versuchte, die Aneignung neuen Wissens mit jenem epikuräischen „Vergnügen“ zu paaren, das aus der Dreiheit von schönem Wohnen, sehr guten Mahlzeiten sowie engem Kontakt mit den Einheimischen und der Umgebung bestand.

Freud reiste nicht naiv. Das Besondere seiner leidenschaftlichen Reiseaktivität besteht darin, dass er in vielen Briefen und Notizen nicht nur seine ersten Eindrücke festhielt, sondern passioniert darüber nachdachte, warum ausgerechnet ihn gerade diese Eindrücke ereilten. So unterzieht er sie oft einer auf seine Person und ihre Eigenheiten zugeschnittenen Analyse, die das Alltägliche ebenso zum Gegenstand macht wie ein einzelnes Kunstwerk.

Als Reisender sucht Freud nach jenen „Bedeutungen“, die sich unter der Oberfläche des Gesehenen abzeichnen. Statt als Tourist bloß passiv zu reagieren, fahndet er nach den in Tiefenschichten der Dinge und Kulturen sich artikulierenden Zeichen. So erscheint „das Reisen“ als Urmethodik der späteren psychoanalytischen „Betrachtung“: Es durchstreift das Fremde und Verborgene, legt es sich in Denkschritten zurecht und formuliert „ihm gegenüber“ eine Karte der Deutung.

In Kogels Buch kann man Freud in Venedig, Norditalien, der Toscana und Umbrien, vor allem aber in Rom begleiten, bis schließlich auch Neapel, Capri und Sizilien bereist werden. Es handelt sich um eine ideale „Hauslektüre“: Vom eigenem Haus aus zieht man lesend durch eine „zweite Heimat“ und überlegt, welche Erfahrungen man als Reisebegleiter Freuds gemacht hätte.