Fotografien des Sommers

Die Sommerzeit ist durch Reise und Urlaub auch die hohe Zeit der Fotografien. Damit sie nicht den üblichen, verbrauchten Konventionen folgen, könnte man sich mit Meisterwerken vertraut machen, die oft einem bestimmten, streng strukturierten ästhetischen Konzept folgen. Viele orientieren sich am Prinzip der Serie oder des Albums und halten mosaikartig die Gestalten eines geschlossenen Kosmos (ein  Dorf und seine Bewohner/Figuren des Sports/Landschaftselemente/Kleidung bestimmter Bevölkerungsschichten) fest.

Bernd Stiegler und Felix Thürlemann haben bei Reclam einen Band veröffentlicht (Meisterwerke der Fotografie), der anhand von einhundertfünfzig Fotografien die Geschichte der Kunstgattung von den Anfangen bis heute auf einleuchtend konkrete Weise erzählt: Jede beispielhaft erscheinende Fotografie wird abgebildet und auf der jeweils gegenüberliegenden Seite knapp kommentiert und von ihren technischen und ästhetischen Grundlagen her erläutert.

So lernt man die Besonderheiten bestimmter Stile kennen und erhält auf diese Weise auch viele Anregungen für eigene Fotos, abseits von den üblichen Klischees. Selbst alte Gemälde in einem venezianischen Palazzo lassen sich nämlich interessant und kreativ fotografieren, wenn zum Beispiel der Fotograf Elliott Erwitt sie in den Blick nimmt.

Darüber hinaus ist das Betrachten von Fotografien und das Studium ihrer Details schon für sich selbst ein starkes ästhetisches Vergnügen. Es bereichert das eigene Sehen und belebt die Freude an den kuriosen Erscheinungen des Daseins in unseren Umgebungen.

Helsinki und mehr

Mensch, sagt mein Freund Uwe, manchmal ist mir so richtig nach Helsinki. Nach Helsinki, Finnland und mehr. Nach langen Haaren und einem Saxophon. Manchmal kann ich all die Maskenpflichtkopfbeutel nicht mehr ertragen und sehen, dann hasse ich dieses Rumgeeiere in den Läden und Kneipen, man lebt ja nur noch mit Bremse, rechtsrum und wieder linksrum und schleich Dich – und Du glotzt in einen Spiegel, von wo Dich ein verrückt gewordener Elch anstiert, als wäre er mit Dir verwandt! Ist das eine vertane, verlorene Zeit! Wer gibt einem all die bescheuert verlebten Stunden wieder zurück? Wen kann ich dafür verklagen? Nicht mal das geht, und der Fluchtpunkt dieses durch und durch mulmigen Lebens ist… – genau, Helsinki und das fernste Abseits und Trygve Seim mit seinem Saxophon und seinen Helsinki-Songs, ich höre schon gar nichts anderes mehr, Tag und Nacht Helsinki und Nebel mitten im Sommer und ein fettes Kompott im Kopf, so kommt es mir vor…ehrlich, so ist das.

Interludium Teatro La Fenice in Venedig

Heute, am 5. Juli 2020, 19 Uhr, eröffnet das legendäre Teatro La Fenice in Venedig wieder für das Publikum. Die Bläser sowie der Chor des Teatro führen Werke von Aaron Copland, Giovanni Gabrieli, Claudio Monteverdi (darunter seine Marienvesper) und Johann Sebastian Bach (Jesu, meine Freude – BWV 227) auf.

Das Konzert wurde für eine Online-Präsentation bereits einmal im Juni (vor leeren Rängen) aufgezeichnet, hier kann man miterleben, was die Venezianer heute Abend live sehen werden:

 

EU-Ratspräsidentschaft 2

(In Berlin und Brüssel haben sich Angela Merkel und Ursula von der Leyen zu einer gemeinsamen Videokonferenz anlässlich der gerade begonnenen deutschen EU-Ratspräsidentschaft getroffen, um über das weitere gemeinsame Vorgehen zu beraten. Hier Auszüge aus dem Geheimprotokoll:) 

Ursula von der Leyen (UvdL): Ich grüße Dich, Angela. Wie gerne wäre ich zu Beginn Deiner EU-Ratspräsidentschaft mit meiner EU-Kommission nach Berlin gekommen!

Angela Merkel (AM): Lass nur, Ursula, das holen wir nach! Zum Glück kennen wir uns ja schon seit Ewigkeiten!

UvdL: Das stimmt – deshalb vertrauen wir einander auch tief.

AM: Ja, wir vertrauen einander. Und wir werden es schaffen. Früher haben es Männer bloss versucht, jetzt schaffen es zwei Frauen.

UdvL: Eiris sâzun idisi, sâzun hêra duoder.

AM: Einstmals setzten sich Frauen, setzten sich hierhin und dorthin. Althochdeutsch. Neuntes Jahrhundert, ich weiß.

UdvL: Ich ahnte, dass Du es kennst. Du weißt einfach immer Bescheid.

AM: Woher kennst Du es?

UdvL: Ich habe neulich mit Emmanuel Macron telefoniert. Der kam mir mit diesem Spruch.

AM: Emmanuel?! Was Du nicht sagst! Er hat sehr gute Berater, was die deutsche Kultur betrifft. Da können wir, was Frankreich angeht, noch einiges lernen.

UdvL: Seit ich in Brüssel lebe, bin ich Frankreich so nahe wie noch nie in meinem Leben. Und ich hole viel nach…

AM: Brav, Ursula. Ich vermute Du liest ein Frankreich-Buch nach dem andern, habe ich recht?

UdvL: Ich gebe mir Mühe, wie immer, Angela. Im Grunde reicht fürs Erste aber ein einziger Titel. Damit kommst Du durch ganz Brüssel bis nach Paris und wieder zurück.

AM: Verrätst Du mir mehr?

UdvL: Ich lese jede Nacht zehn Artikel im Petit Larousse du Savoir-Vivre…, damit nimmst Du die französische Lebensart tief in Dir auf.

AM: Was Du nicht sagst! Gibt es auch Artikel über die Techniken des perfekten Rendez-vous?!

UdvL: Angela! Ich hoffe doch nicht…

AM: Nun sag schon und zier Dich nicht so!

UdvL: Meinst Du etwa das Rendez-vous amoureux?!

AM: Daran dachte ich in der Tat, Ursula!

UdvL: Hoppla…Wo soll es denn steigen?

AM: Das geht Dich vorerst nichts an, Ursula! Du erfährst es rechtzeitig genug aus der Presse.

UdvL: Bitte keine Geheimdiplomatie, Angela! Wir vertrauen einander doch tief…

AM: Mal sehen. Am Mittwoch komme ich nach Brüssel, um meine historische Rede vor dem Europäischen Parlament zu halten. Dann flüstere ich Dir ein paar Andeutungen ins Ohr! Wenn wir ganz unter uns sind! Und dieser Videostreamquatsch endlich abgeschaltet!

UdvL: Ich schenke Dir eine Ausgabe des Petit Larousse du Savoir-Vivre…

AM: Und ich schenke Dir das Buch eines griechischen Klassikers. 2400 Jahre alt, mindestens.

UdvL: Spann mich nicht auf die Folter…

AM: Ich meine Xenophons Reitkunst. Weil Du Pferde und das Reiten doch über alles liebst…

UdvL: Angela, Du denkst einfach an alles. Und Du weißt auch noch alles!

AM: Das Vorwort ist von Hans-Heinrich Isenbart…

UdvL: Nein! Wirklich?! Das ist ja fantastisch!

AM: Du sagst es, Ursula! Lass es Dir gutgehen bis Mittwoch! Und räum Deinen Stall auf!

UdvL: Tue ich, Angela, tue ich. Brüssel wird Dich festlich empfangen!

(Beide nehmen einen Schluck Gerolsteiner Mineralwasser…)

Chöre wollen wieder singen

Vor kurzem hat der Berliner Senat in seiner neuen Infektionsschutzverordnung (gehört ins Corona-Wörterbuch!) generell und undifferenziert festgelegt, dass in geschlossenen Räumen nicht gemeinsam gesungen werden darf.

Untersuchungen verschiedener Institute kommen dagegen zu dem Schluss, dass man Chorsingen erlauben kann, wenn in hohen, gut durchlüfteten Räumen mit Sicherheitsabstand gesungen wird (Münchener Bundeswehr-Universität) oder wenn Chorproben in sehr großen Räumen mit Sicherheitsabstand und fünfzehnminütiger Stoßlüftungspause (gehört ins Corona-Wörterbuch!) stattfinden (Universitätsklinikum Freiburg).

In Berlin gibt es einen Chorverband, dem dreihundert Laienchöre und elftausend Sängerinnen und Sänger angehören. Er hatte ein Hygienekonzept für Chorproben entwickelt, wurde vom Senat aber erst gar nicht gehört. Nun meldet er Protest an und fragt, was in den nächsten Monaten mit all den vielen Profi-, Laien- und Schulchören samt deren Leiterinnen und Leitern geschehen soll?

Erst Corona hat so richtig sichtbar und deutlich gemacht, wie viele Menschen unbedingt gemeinschaftlich singen wollen. Singen als Lebenserhaltung, als Lebenssteigerung, als Lebensintensität! Sollte ein so wichtiges und wunderbares Ausdrucksmittel nicht wie ein Grundrecht eingestuft und behandelt werden?

Blenden wir kurz hinüber nach Großbritannien, wo das große gemeinschaftliche Singen von Chören und Publikum der Höhepunkt der Night of the Proms in der Royal Albert Hall in London ist. Und sehen und hören wir den legendären Schluss eines Konzertes aus dem Jahr 2012, in dem alle gemeinsam das Chorlied Jerusalem (Musik von Hubert Parry, Gedicht von William Blake):

https://de.m.wikipedia.org/wiki/And_did_those_feet_in_ancient_time) –

und anschließend (starker, großer Moment) God save the Queen singen. Statt die Hymne laut herauszubrüllen, singt der Chor sie zunächst pianissimo, dann stimmt die versammelte Sängerschaft des großen Saals mit ein.

Und?! Wem läuft da nicht ein gewaltiger Schauer über den Rücken, angesichts dieses enormen, leidenschaftlichen und innigen Chorgesangs?! Dem Berliner Senat sollte dieser Mitschnitt vorgespielt werden, das wäre eine gute Motivation für eine neue Hymnusschutzverordnung!

Mit Jhumpa Lahiri nach Italien

Die Schriftstellerin Jhumpa Lahiri (geb. 1967 in London) ist mit Bengalisch und Englisch als Muttersprachen aufgewachsen. Verliebt hat sie sich als junge Frau aber ins Italienische – und zwar so sehr, dass sie mit ihrer Familie irgendwann nach Rom gezogen ist, um diese Sprache zu lernen. Inzwischen schreibt sie sogar auf Italienisch.

Ihr Buch Mit anderen Worten. Wie ich mich ins Italienische verliebte. (Übersetzt von Margit Knapp. Rowohlt Verlag) ist eine wunderbare Verführung für alle, die Freude am Erwerb des Italienischen haben: damit man in Italien nicht wie ein tumber Tourist herumirrt, sondern sich traut, mit seinen Bewohnern in deren Sprache zu reden.

Will man Jhumpa Lahiri danach weiter durch Italien begleiten, so kann man das mit Hilfe ihres neuen Romans Wo ich mich finde (Aus dem Italienischen von Margit Knapp. Rowohlt Verlag) tun. Dieses Buch ist eine ideale Sommerlektüre – spielt der Roman doch in Rom, wo eine Universitätsangestellte von ihren einsamen Spaziergängen durch die Ewige Stadt erzählt.

Sie tut das in über vierzig Kapiteln, die jeweils nur wenige Seiten haben und jedes Mal ein bestimmtes Detail des römischen Alltags in den Blick rücken:  Eine Buchhandlung, ein Wartezimmer, eine Trattoria, ein Schreibwarengeschäft, das Meer. Das alles wird in einer hochkontrollierten, ruhigen Sprache so ins Bild gesetzt, so dass man die Atmosphären und Aromen ganz nahe miterlebt.

Schon allein der Schönheit und Genauigkeit der Sprache wegen sollte man diesen Roman lesen, aber auch deshalb, weil er einem auf jeder Seite die Augen für Details des italienischen Alltags öffnet, die einem sonst kaum aufgefallen wären. Ein großer, vielfacher Lesegenuss!

EU-Ratspräsidentschaft

(Auf Schloss Meseberg haben sich Angela Merkel und Emmanuel Macron getroffen, um über das weitere Vorgehen anlässlich der heute beginnenden deutschen EU-Ratspräsidentschaft zu beraten. Hier Auszüge aus dem Geheimprotokoll:)

Emmanuel Macron (EM): Wie schön, Dich endlich wieder leibhaftig zu sehen, Angela!

Angela Merkel (AM): Ja, ich freue mich auch, Emmanuel! Unser letztes Treffen ist ja bereits eine Ewigkeit her.

EM: Du sagst es, eine Ewigkeit! Aber wo sitzen wir hier eigentlich?

AM: Auf Schloss Meseberg, mein Lieber.

EM: Merseburg? Wo die Merseburger Zaubersprüche spielen?

AM: Welche Zaubersprüche?

EM: Eiris sâzun idisi, sâzun hêra duoder.

AM: Wie bitte?

EM: Das ist Althochdeutsch. Übersetzt meint es ungefähr: Einstmals setzten sich Frauen, setzten sich hierhin und dorthin. Neuntes Jahrhundert. Einer der frühsten althochdeutschen Texte überhaupt.

AM: Donnerwetter! Frauen setzten sich?!

EM: Hierhin und dorthin. Besungen werden die magischen Fähigkeiten von Frauen: Zu lindern, zu heilen…, Du verstehst.

AM: Jedes Wort. Und ich beziehe es natürlich auf den Beginn meiner Rats-Präsidentschaft. Was hätte ich Besseres zu tun als zu lindern und zu heilen! Großartig! Ich danke Dir für diesen Hinweis! Es gibt nur ein kleines Problem…

EM: Und welches?

AM: Wir sind nicht in Merseburg, sondern auf Schloss Meseberg!

EM: Ah ja…Me-se-berg!!

AM: Du sagst es, Emmanuel.

EM: Das ist kein Problem. In der Pressekonferenz sagen wir, dass wir unsere Gespräche auf Schloss Me-se-berg mit einer gemeinsamen Deutung der Mer-se-burger Zaubersprüche begonnen haben. Frauen setzten sich, hierhin und dorthin. Das markiert Deine Wege und Fahrten durch Europa, die Dir leider jetzt bevorstehen.

AM: Genial, lieber Emmanuel! Darauf wäre ich nie gekommen. Merseburger Zaubersprüche zu Beginn meiner EU-Ratspräsidentschaft! Frauen…, hierhin und dorthin…Das wird mein Motto!

EM: Fabelhaft, darauf stoßen wir an.

AM: Später, mein Lieber! Wenn Fotografen zugegen sind, trinken wir Wasser.

EM: Danke, ja. Hätte ich fast vergessen.

AM: Vergiss auch nicht, dann und wann Deine Aktenmappe zu öffnen! So ein schönes Schwarz!

EM: Mache ich, ich fange gleich damit an. Aber später…

AM: Keine Sorge. Ich habe bei Vincent Moissonnier sechs Flaschen seines neuen Angebots bestellt!

EM: Oh, bei Vincent! Fantastisch! Ich habe da noch eine Bitte.

AM: Raus damit, Emmanuel! Du weißt, ich tue fast alles für Dich!

EM: Im September speisen wir beide bei Vincent! In Köln! Nur wir beide, ganz allein! Und Eric Menchon wird für uns kochen! Ich träume bereits davon…

AM: Nur wir beide? Könnten wir den Kardinal mit hinzuziehen? Das sähe besser aus, medienfreundlicher.

EM: Den Kölner Kardinal?

AM: Exakt den.

EM: Liebe Angela, ich dachte nicht an einen Kardinal, sondern an die französische Form des Rendez-vous…

AM: Ein Rendez-vous…

EM: Enorm medientauglich. Emmanuel und Anchela – das Rendez-vous in Köln.

AM: Und der Kardinal?

EM: Der darf dazu die Domglocken läuten…

AM: Emmanuel, Du verblüffst mich immer wieder…Prost!

(Beide nehmen einen Schluck Mineralwasser…, während Vincent Moissonnier in Köln uns sein Weinangebot vorstellt…)

Woche 16 – Vincent Moissonnier

Der souveräne Leser

Das gerade bei Wagenbach erschienene Buch des britischen Schriftstellers Alan Bennett Der souveräne Leser liebe ich aus vielerlei Gründen: Zunächst, weil es ein Buch über das Lesen, dann, weil es ein Buch mit vielen Tagebucheintragungen – und schließlich, weil es ein Buch von Alan Bennett ist, der sowieso einer meiner Lieblingsautoren ist.

In Der souveräne Leser liest er nicht einfach so vor sich hin und in sich hinein, sondern zeigt seinen Leserinnen und Lesern, wie er liest. Er tut dies nicht als typischer Rezensent oder gar Kritiker, sondern als Schriftsteller, der keinem Kanon und keinen Vorgaben, sondern einfach nur seinen zufälligen Neugierden und Vorlieben folgt, die er sich selbst nicht genau erklären kann. Und warum das alles?

Bennett möchte sich über seine Lektüregedanken und –empfindungen klarwerden. Deshalb verpackt er sie nicht in gelehrte Essays oder staubtrockene Artikel, sondern vor allem in muntere, spontan wirkende Aufzeichnungen seines Tagebuchs. Man sieht ihn geradezu lesen, auf und ab gehen, um eine Straßenecke biegen, in ein Café gehen – und das alles mit Lektüren im Kopf oder auch in der Hand.

Virtuos beherrscht Bennett dabei die Kunst, Lektüreerlebnisse unkompliziert, nackt und direkt darzustellen, ohne Fachvokabular und ohne das übliche, oft ablenkende Drumherum (von Einordnung, biografischen Details, Stilzuweisungen etc.). So lockt er einen in Welten, in denen das Lesen endlich wieder ein reines Vergnügen ist und nicht die Eintrichterungspraxis von „Interpretationen“, mit denen uns die Schule lange genug vergeblich gequält hat.

Franz Kafka ist jener Schriftsteller, den Bennetts Texte am häufigsten umkreisen. Er kommt ihm so nahe, dass man glaubt, er habe ihn jeden Morgen in seine Prager Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt begleitet und nach getanem Bürodienst wieder von dort abgeholt, um mit ihm einen Kaffee zu trinken.

Kaffee? Kaffee mit Kafka? Oder nicht doch eher Tee?! Nein, Tee bestimmt nicht. Bier?! Aber nein! Wein?! Auch nicht?! Aber was denn zum Teufel, was konnte und wollte man mit Kafka trinken?! Schwierige Frage, die bereits tief in sein Werk hineinführt und vorerst unbeantwortet bleibt.

Genaueres weiß Bennett aber über das Wohnen: „Kafka hätte nie so geschrieben, wie er schrieb, wenn er in einem Haus gewohnt hätte. Er schreibt wie ein Mensch, der sein Leben in Wohnungen verbracht hat, mit Aufzügen, Treppenhäusern, dumpfen Stimmen hinter geschlossenen Türen und Geräuschen, die durch Wände dringen. Steckte man ihn in eine hübsche, freistehende Villa, hätte er nie ein Wort geschrieben.“

Na?! Ist das nicht fabelhaft?! Und fallen einem nicht auf der Stelle weitere eigene Klugheiten ein – über Kafka als Schwimmer, als Badenden, als Lauschenden, als Gehenden? Damit man seinen Lektüren näherkommt, sollte man Bennett lesen, sofort, es ist ein heftiger, großer Genuß.

(Alan Bennett: Der souveräne Leser. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Verlag Klaus Wagenbach Berlin 2020)

San Pietro

Ein Blick in Albert Christian Sellners Immerwährenden Heiligenkalender beweist uns, dass in vielen christlichen Kirchen heute das Fest des heiligen Petrus gefeiert wird. Unter den Jüngern Jesu nimmt er eine besondere Stellung ein, wird oft als erster genannt und tritt in mehreren Szenen des Neuen Testaments als gut erkennbare Gestalt mit vielen Zweifeln und Ängsten auf.

Ausgerechnet Petrus, der von Jesus als der „Felsen“ benannt wird, auf dem sich die Kirche einmal erheben soll, hat sich zuvor keineswegs als ein solcher erwiesen. Sein Glaube ist nicht besonders stark, und wenn er in Gefahr gerät, gibt er nach und erweist sich als unsicherer Jünger, der seine Gefolgschaft sogar dreimal verleugnet.

Vor seiner Berufung war er ein einfacher Fischer, den Jesus beim Fischfang begleitete. Daran erinnerte am gestrigen Sonntag eine Szene in Venedig, wo das Fest des heiligen Petrus bereits einen Tag früher gefeiert wurde.

Vor der alten Patriarchatskirche San Pietro di Castello versammelten sich die Gläubigen im Freien zum Gottesdienst (siehe Foto), und danach bestieg der Patriarch von Venedig, Francesco Moraglia, unter Trompetengeschmetter eine Gondel, um dem Fischer Petrus nachzueifern, der sich mit Jesus auf den See Genezareth begab (siehe Video).

Interludium am Sonntag

Mit diesem Interludium aus Musik, Film und Literatur wünsche ich allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs einen schönen, inspirierten Sonntag!

  • Lisa Batiashvili spielt Werke von Johann Sebastian Bach (Deutsche Grammophon), über Streamingdienste abrufbar
  • Babettes Fest, Film von Gabriel Axel (nach einer Erzählung von Karen Blixen) mit Stéphane Audran in der Hauptrolle (über Arte-Mediathek abrufbar)
  • Mason Currey: Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstlerinnen. Aus dem Amerikanischen von Jenny Merling und Anna-Christin Kramer. Kein & Aber Zürich 2019