Die Ergriffenheit

So war das, solange ich mich an Karfreitage erinnern kann: vom frühen Morgen an war man von einer „Ergriffenheit“ befallen, die einen regelrecht lähmte und der man nicht entkam. Laufend Musik im Ohr – Arien und Chorpassagen aus Johann Sebastian Bachs Passionen oder aus den Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz von Joseph Haydn (wobei ausgerechnet das knappste („sitio“ = „mich dürstet“) von stärkster Wirkung war), später dann Spaziergänge über die Felder, auf denen man lauter spaziergehenden Menschen begegnete, die kaum ein Wort redeten, in sich zusammengesunken, als wäre an diesen Tagen wirklich gerade „der Heiland gestorben“. Erstarrung, stupor – das war es, man brachte kaum ein vernünftiges Wort hervor und entzog sich, bis in die Nacht, als man erst bemerkte, dass man den Tag über fast nichts zu sich genommen hatte außer etwas Wasser und einen einzigen, aus dem Winterlager herausgekollerten Apfel.

 

 

Nachrichten von den Leblosen

(Auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“ vom 15. April 2019, S.4)

Paul lädt seine fünf besten Freunde per Facebook mal wieder zu einer Kurzwanderung ein: Vier Stunden quer durch die Wälder zum Waldheim. Josef meldet sich nach zwei Minuten: Warum wieder zum Waldheim? Warum nicht zum Stausee? Sechs Minuten später ist Ernie soweit: Warum nur wir Freunde? Warum nicht auch Bekannte, Frauen und Kinder? Das regt Dieter sehr auf: Bisher waren wir Männer ganz unter uns, das soll so bleiben, höchstens Hunde wären als Begleitung noch passend. Was soll das heißen? fragt Bernd, sind Hunde als Begleitung beliebter als Frauen und Kinder? Um Gottes willen, meldet sich Dieter zurück, so war das doch nicht gemeint! Hat sich aber so angehört, bellt Bernd, worauf Paul wieder eingreift: Leute – was ist denn bloß mit Euch los?!

Seit einiger Zeit nerven Social Media-Konferenzen. Sie beginnen mit einem harmlosen Vorschlag oder einer unscheinbaren Idee und weiten sich in wenigen Minuten zu heißen Debatten über das Weltganze aus. Jeder Satz provoziert eine Antwort, die sich quer stellt und dadurch zu einer neuen Provokation wird. Rasch entwickeln die immer schärfer werdenden Abgrenzungen eine eigene Dynamik. Schließlich redet sich jeder in einer bestimmten Position fest, die eigentlich gar nicht seine Position ist und auch niemals so gedacht war: Josef will nur zum Stausee! Ernie nur mit Großgruppen! Dieter wiederum höchstens mit Hunden!

Nach einer Weile steht der Austausch still, und niemand ist in der Lage, das Knäuel der Meinungen aufzulösen. Dann haben wir es mit Formen von Entscheidungsfindung zu tun, wie sie für Social Media-Kontakte typisch sind. Der falsche Gebrauch der Neuen Medien zerkleinert jedes Thema mikroskopisch bis ins Unendliche und führt schließlich zur Erstarrung. Seit einiger Zeit sind wir die armen Zuschauer dieses Dilemmas und erhalten fast täglich Nachrichten von den Fronten der Leblosen: Monatelange Koalitionsverhandlungen, jahrelange Brexit-Umkreisungen – und keinen Tag nur eine Spur von Bewegung.

Was aber könnte helfen? Die Gesprächspartner einsperren und isolieren, magere Kost, wenig Getränke, keine sonstige Unterhaltung – nach dem Vorbild eines Konklaves zur Papstwahl, bei dem der weiße Rauch neuerdings in immer kürzeren Abständen aufsteigt. Handybenutzung, Internet – das alles ist den Kardinälen verboten, und so verlieren sie rasch die Lust an der ewigen Streuung der Meinungen und einigen sich schließlich ruckzuck auf einen Gelehrten aus Deutschland oder einen Heiligen vom anderen Ende der Welt.

Notre-Dame de Paris 2

Gestern habe ich SPIEGEL ONLINE ein Interview gegeben, das bald auch im Netz zu finden sein wird. Hier schon einmal der Wortlaut:

SPIEGEL ONLINE: Herr Ortheil, Sie reisen seit Jahrzehnten regelmäßig nach Paris, und bei jedem Besuch zieht es Sie zuerst auf die ÎIe de la Cité zur Notre-Dame. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie am Montagabend die Flammen in den Himmel schießen sahen?

Hanns-Josef Ortheil: Ich konnte mich stundenlang nicht von den Fernsehbildern und der Berichterstattung lösen. Ich selbst stand zuletzt im November lange auf einem der Türme, um auf Paris zu schauen. Mein Eindruck ist: So tragisch der Brand ist, die Ereignisse lösen eine Rückbesinnung aus, die auch mich sehr bewegt.

SPIEGEL ONLINE: Worauf?

Ortheil: Auf das, was Notre-Dame eigentlich ist. In den letzten Jahren war die Kathedrale ja vor allem eine Touristenattraktion, ihre historische Bedeutung schien in den Hintergrund getreten. Dabei ist Notre-Dame der zentrale, historische Raum, in dem seit Jahrhunderten französische Geschichte geschrieben wird. Die Île de la Cité ist der Ursprungsort von Paris. Von hier aus ist die Stadt  gewachsen, zunächst links, dann rechts der Seine. Für die Franzosen ist es undenkbar, Notre-Dame zu verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Noch bevor das Feuer gelöscht war, hat Präsident Macron den Wiederaufbau versprochen. Wird die Wunde, die der Brand verursacht hat, wieder heilen?

Ortheil: Davon bin ich überzeugt. Es zeichnet sich ja auch schon eine breite Bewegung ab, die den Wiederaufbau vorantreiben will. Die Franzosen können enthusiastische und kraftvolle Optimisten sein. In den traurigen Ereignissen auf der Île de la Cité liegt eine große Chance.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Ortheil: Der Wiederaufbau wird mehr werden als ein Stein-auf-Stein-Setzen, er wird enorme kulturelle Energien erzeugen – ob in Theaterstücken, Musik, Literatur, Kunst oder Philosophie. Das wird zu einer Wiederbelebung der spezifisch französischen Kreativität  beitragen und Notre-Dame in ihrer historischen Relevanz neu glänzen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Warum zieht es Sie persönlich immer wieder in und auf die Kathedrale?

Ortheil: Mich fasziniert die Wucht, die gotische Architektur in einer Kirche entfaltet. Ich bin in Köln aufgewachsen und war als Kind mit meinen Eltern fast jeden Sonntag im Dom. Notre-Dame fühlt sich für mich wie ein verwandter Bau an. Diese Parallelität bewegt mich sehr. Obwohl ich zugeben muss, dass Notre-Dame nicht nur die ältere, sondern auch die schönere Kathedrale ist.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch Paris, links der Seine beginnen Sie mit einem Ausblick von Notre-Dame über die Stadt. Was macht den so besonders?

Ortheil: Natürlich kann man auf Paris auch vom Eiffelturm oder dem Tour Montparnasse blicken. Doch nur auf den Türmen von Notre-Dame steht man wirklich mitten in der Stadt. Nicht zu hoch, nicht zu tief. Man ist im Freien, kann fast noch den Kaffeeduft von unten riechen. Die Häuser sind nah, unter einem teilt sich die Seine. Es gibt keinen schöneren Ort, um die Stadt zu erfassen.

SPIEGEL ONLINE: Von den vielen Touristen haben Sie sich in der Vergangenheit bei Ihren Besuchen nicht stören lassen?

Ortheil: Orte mit einer besonderen Ausstrahlung locken nun mal viele Leute an. Natürlich habe auch ich einen Widerwillen gegen die Übertouristisierung, aber ich leite daraus nicht die Konsequenz ab, selbst wegzubleiben. Mein Rezept für den Besuch beliebter Sehenswürdigkeiten ist: Ich gehe immer allein hin, lasse mir viel Zeit  und nehme etwas Passendes zu lesen mit. Gerade Notre-Dame hat unendlich viel Stoff hervorgebracht: Gedichte, kleine Erzählungen, den wunderbaren Roman von Victor Hugo. Wenn es mir zu laut wird, höre ich Musik, die einen Bezug zur Umgebung hat.

SPIEGEL ONLINE: Spüren Sie den Drang, möglichst bald selbst wieder nach Paris zu fahren, um zu verstehen, was passiert ist?

Ortheil: Jetzt gerade würde ich nicht hinfahren wollen. Die Menschen vor Ort brauchen Zeit, um das Geschehene für sich zu ordnen und zu überlegen, wie es nun weitergehen wird. Da muss ich nicht daneben stehen. Ich werde wie geplant im September wieder in Paris sein.

Notre-Dame de Paris

Gestern, 19 Uhr, die ersten Nachrichten vom Brand der Kathedrale Notre-Dame de Paris. Den ganzen Abend bis in die Nacht vor dem Fernseher, unmöglich, sich von den entsetzlichen Bildern zu trennen, bis sie endlich eine Spur Hoffnung freigeben.

„Espérance“ ist die zentrale Vokabel von Macrons kurzer Ansprache kurz vor Mitternacht, und genau an diesem Leitbegriff hält man sich bis zum frühen Morgen fest und entwickelt Ideen, Pläne und Perspektiven: wie zu helfen und was zu tun möglich wäre …

Der schönste Text über das zentrale Bauwerk von Paris ist der Roman Notre- Dame de Paris von Victor Hugo (im Deutschen lautet der Titel: Der Glöckner von Notre Dame). Eine Übersetzung ist im Netz leicht zu finden: http://www.zeno.org/Literatur/M/Hugo,+Victor/Roman/Der+Gl%C3%B6ckner+von+Notre+Dame

Hugo gibt dem großen mittelalterlichen Bauwerk eine literarische Gestalt und Figur – weit ausholend, das Äußere und Innere sowie die Geschichte miterzählend in den beiden Kapiteln des dritten Buches: Die Kirche Notre-Dame und Paris aus der Vogelschau.

Lektüre dieser beiden Kapitel, und die Portale öffnen sich, und die Erinnerung an unzählige Besteigungen der beiden Türme ist wieder da, samt dem einzigartigen Blick auf das Wunder der so sehr geliebten Stadt …

Mein Film

Der japanische Philosoph Isaku Yanaihara war sechsunddreißig Jahre alt, als er 1955 dem Bildhauer Alberto Giacometti in Paris begegnete. Yanaihara hatte sich mit französischer Kunst der Gegenwart und der Philosophie des Existentialismus beschäftigt, Werke von Albert Camus übersetzt und die intellektuellen Klimaumschwünge in Paris aus der Nähe studiert. Dazu hatte ein Stipendium beigetragen, das ihn für einige Zeit in der französischen Metropole wohnen und arbeiten ließ.

Einen entscheidenden Impuls erhielt er in dieser Zeit zunächst durch Gespräche, die er mit Giacometti führte. Die beiden müssen sich von Anfang an sehr gut verstanden haben, denn die spontan empfundene Nähe erhielt schon bald eine Struktur: Giacometti begann, den Freund zu porträtieren. Tag für Tag saß er von da an stundenlang in dessen kleinem Studio, aufrecht, oft mit Jacke und Krawatte, das blasse, breite Gesicht den Blicken des Künstlers aussetzend.

Mit der Zeit entstand eine Arbeits- und Lebenssituation, wie es sie in dieser Strenge nur selten gegeben hat. Giacometti hörte nicht auf, Yanaihara zu porträtieren, und Yanaihara geriet dadurch in den Bann einer Werkentstehung, aus der auch er sich nicht zu lösen vermochte. Immer wieder schob er die geplante Rückreise nach Japan auf und ging schließlich sogar eine Liaison mit der dritten Person im Bunde, mit Giacomettis Frau Annette, ein.

In den folgenden Jahren hat Yanaihara zweihundertachtundzwanzig Mal für Giacometti Modell gesessen. Nach den Sitzungen war man oft zu zweit oder zu dritt bis in die Nacht in Paris unterwegs. Hatte man sich getrennt, machte sich Yanaihara Notizen über die Tag- und Nachtgespräche, aus denen später ein Buch entstand. Seit kurzem liegt dieses wunderbare Zeugnis einer Lebensgemeinschaft auch in erstmaliger deutscher Übersetzung vor (Isaku Yanaihara: Mit Alberto Giacometti. Aus dem Japanischen übertragen und mit einem Beitrag versehen von Nora Bierich. Piet Meyer Verlag AG, Bern/Wien 2018).

Drei Menschen, verstrickt in einen fortlaufenden, sich immer wieder zuspitzenden und neu strukturierenden Werkprozess, die Metropole Paris als Anschauungsbühne für ihre Blicke und Themen, die dadurch ausgelöste Verwandlung der künstlerischen Praxis in eine erotische – das wären die Motive und Themen für einen Film, den ich Bild für Bild vor Augen habe.

Ich würde das Drehbuch schreiben und Regie führen – und ich würde ein serielles Kammerspiel inszenieren, in dem drei Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen (und geprägt von sehr unterschiedlichen „Begabungen“) aneinandergeraten und nicht mehr voneinander lassen. Mein Gott, wäre das ein Film!!

Herta Müllers Wortbaukästen

Herta Müller berichtet im Vorwort zu ihrem neuen Buch Im Himmel ist ein blauer Saal (Carl Hanser Verlag 2019), dass ihr das Verschicken von Postkarten an gute Freunde irgendwann nicht mehr genügt habe. Damals seien ihr die Postkarten hässlich, bunt und aufdringlich vorgekommen. Sie habe sich als Ersatz weiße Karteikarten und einen Klebestift gekauft und mit einer kleinen Schere aus Zeitungen und Zeitschriften Fotos und Wörter ausgeschnitten. Aus ihnen habe sie kurze Texte gebildet, von nicht mehr als einer Karteikartenseite Länge (und Höhe).

Solche Texte folgen im neuen Buch dann auf das Vorwort, und man erkennt an ihnen den starken ästhetischen Reiz des Projekts. Die ausgeschnittenen Wörter und Fotos erscheinen wie Solitäre, die einen eigenen farbigen und typographischen Ausdruck haben, daneben aber auch eine Verbindung zu ihresgleichen eingehen. Zusammen bilden sie einen vibrierenden Wortraum, in dem das einzelne Wort auf sich aufmerksam macht und dadurch ein besonderes Gewicht hat.

Die Aneinanderreihung von vorgefundenen und „gepflückten“ Worten kann schließlich seltsame Sinnkombinationen ergeben, nahe dadaistischen oder auch surrealen Experimenten. Das aufgetane Wort erscheint in lauter unüblichen Kontexten und wird dadurch zu einer spielerischen Instanz.

Herta Müller berichtet in ihrem Vorwort weiter, dass sie inzwischen Schubladen und „Wörterschränkchen“ mit ihren Fundstücken besitze. Aus ihnen könne sie sich je nach Reiz und Laune bedienen.

Ihr Vorgehen erinnert mich daran, dass ich die Festlegung des Schriftstellers auf den bloß (mit der Hand/der Maschine etc.) geschriebenen Text immer als eine immense Einengung empfand. Seit ich schreibe, habe ich daher auch gekritzelt, Fotos und Texte eingeklebt und dabei unübliche Papierformate benutzt.

Für solche Projekte ist der zentrale Ort der schriftstellerischen Produktion, der Schreibtisch, zu klein. Papierarbeiten tendieren (mit vielen Stiften, Scheren, Papieren, Alben etc.) zum breiten Maler- oder Tapeziertisch. Damit öffnet sich die Zelle hin zum Atelier, in dem mehrere Arbeitsplätze in einem größeren Raumgefüge nebeneinander bestehen.

Sehnsucht des „Schreibers“: Die Raumfluchten eines Ateliers, eines Studios, eines ganzen Hauses …

Lunchkonzert 2

Ach, ich muss es jetzt doch erzählen: Das Lunchkonzert schien beendet, als die begeisterten Zuhörer noch eine Zugabe forderten. Ich war bereits auf dem Weg zum Ausgang, als ich die ersten Töne hörte und stehen blieb. Wenige Takte eines Klaviervorspiels – und dann der Einstieg der singenden, das Lied fortlaufend singenden Stimme der Violine. Das Klavier tritt in die Begleitung zurück, die Violine singt sich aus, dann ein kurzer Mittelteil, in dem das Klavier durchatmet – und die Rückfindung der Violine zum Singen.

Das habe ich früher solo auf dem Klavier gespielt, dachte ich. Das ist ein Lied ohne Worte von Mendelssohn, das ist das opus 19/1 in E-Dur, dachte ich, das ist in der Version mit Klavier u n d Violine noch viel schöner als Klavier solo, dachte ich, das ich unglaublich, das impft einem die ganze Schönheit von Musik in drei Minuten bis in die hintersten Spulen des Hirns, das ist …

Und ich blieb weiter stehen und hörte, wie das Stück ausklang und die Zuhörer einen Ergriffenheitsmoment still wurden danach und sich dann erhoben und zu klatschen begannen und ich ebenfalls klatschte und mit feuchten Augen hinaus ins Freie eilte, durch die Narzissenlandschaft ringsum.

So etwas passiert mir vor allem im Frühling, dachte ich, kurz vor Ostern, verdammt.

Inzwischen habe ich das opus 19/1 von Mendelssohn in der Version mit Violine und Klavier jeden Tag erneut gehört – und heute Abend ist es mein Vorsonntagslied, das mich in die Karwoche führt.

Lunchkonzert

Neulich in einem Lunchkonzert in der Berliner Philharmonie. Sie öffnet gegen 12 Uhr, eine Stunde lang strömen Menschenscharen aller Lebensalter hinein. Sie kommen mal eben vorbei, um etwa fünfzig Minuten an einem mittäglichen Konzert teilzunehmen, und sie halten sich dazu nicht in einem der Konzertsäle auf, sondern im Hauptfoyer.

Für Personen mit Schwerbehindertenausweis ist eine bestimmte Sektion von Plätzen abgesperrt, die anderen Zuhörer verteilen sich im Raum, wo auch immer sie gerade einen Steh- oder Sitzplatz finden. Viele setzen sich auf den Boden oder die Treppen, andere steigen hinauf zum Umgang, wo man nur entlang der Geländer einen Blick auf das kleine Podium werfen kann.

Gegen 13 Uhr erscheinen auf ihm die beiden Solisten, eine Pianistin und ein Violinist. Sie spielen eine Violinsonate von Mozart und eine von Beethoven, und sie schließen mit der Tzigane von Ravel. Zwischen den einzelnen Sätzen wird dankbar und begeistert geklatscht, und obwohl das Publikum überall verstreut sitzt, liegt, krabbelt (wie etwa die Kleinsten), wirkt diese wunderbare Mittagssession hoch konzentriert, heiter, ja, wie ein locker komponiertes Zusammentreffen und Fest.

Wer will, kann sogar (oben auf dem Umgang) auf und ab gehen, und wer durch eines der Fenster beobachten will, wie sich die Musik von drinnen in der Umgebung draußen verteilt, kann auch das tun: Erstaunlich, wie gelöst und passioniert die Bauarbeiter in den nahen Anlagen erscheinen, wenn dazu gerade Musik von Mozart erklingt!

Ich war von dieser schönen Stunde begeistert – während mir wieder die „Methoden“ und Überlegungen von Marina Abramović einfielen, mit deren Hilfe sie versucht hatte, ein großes Publikum für ein Konzert (in der Frankfurter Alten Oper, siehe meine Einträge vom 21. und 26. März 2019) zu konditionieren.

Das Lunchkonzert in der Berliner Philharmonie zeigte mir, wie es einfacher, besser und umstandsloser geht: Man öffne vielen Menschen einen großen Raum und lasse sie machen …, man greife nicht ein, sondern vertraue ihrer Konzentration und ihrem spontanen Geschick …, und man teile mit ihnen die gespannte Begeisterung beim Anhören von Musik, die sich wie hergezaubert in den Räumen verteilt.

Ich bekam richtig Lust, auch einmal solche ausgefallenen Konzerte zu organisieren, und ich machte die ersten Pläne …

Das österliche Geschenkbuch

Mein Buch Was ich liebe und was nicht ist zum ersten Mal 2016 erschienen. Nun gibt es die kurzen erzählenden oder reflektierenden Meditationen dieses Bandes (zu Themen wie Reisen, Musik hören, Kunst, Wohnen, Oasen, Mahlzeiten etcetc.) auch in einer sehr handlichen Ausgabe als Geschenktaschenbuch. Es ist nicht mehr als zehn Zentimeter breit und etwa fünfzehn Zentimeter hoch, man kann es in jede Rock- oder Jackentasche stecken und mit sich herumtragen.

Genau dafür ist diese besonders schöne Ausgabe auf feinem, altweißem Papier nämlich geschaffen: Sie soll herumgeführt und im Gehen, Stehen und Sitzen (dann auch zu Kaffee, Tee, Wein) gelesen werden. Die in sich geschlossenen Leseeinheiten von wenigen Seiten erlauben das Nachdenken über ein bestimmtes Thema oder Motiv, das umkreist, eingefangen und genauer konturiert wird.

Daher stelle ich mir den Umgang mit diesem Büchlein, das in meinen Augen ein kleines Stundenbuch des Selbstgespräches ist, als eine Dauerlektüre vor: Dass man (wie in einem Brevier) Tag für Tag darin liest und den Faden nicht abreißen lässt. Aus einem inneren fortlaufenden Dialog könnte sich allmählich der Monolog des Lesenden entwickeln, der sich im eigenen Schreiben und Notieren zu denselben Themen niederschlagen würde.

All das macht Was ich liebe und was nicht zu einem sehr passenden und anspruchsvollen Geschenk vor, zu und nach Ostern. (Dass die nun fünfhundert Seiten Dünndruck nur zehn Euro kosten, ist ein letzter, zusätzlicher Anreiz.)

 

 

 

 

 

 

 

Traubenhyazinthen

Traubenhyazinthen gehörten zu den Lieblingsblumen meiner Kindheit. Warum? Weil sie unerwartet in einem Eck des Gartens auftauchten und als kleine Kolonie plötzlich ein intensives und statisches Blau hinzauberten. Formierte sich das Frühlingsgrün ringsum noch vorsichtig und zaghaft, so bildeten die dicht zur Traube verbundenen Blüten regungslose kleine Skulpturen, die sich von Wind und Regen nicht irritieren ließen. Sie veränderten weder Farbe noch Aussehen, sondern behielten etwas abgedichtet Geheimnisvolles, als wären sie Stoff ferner Märchen und als steckten in ihren Blüten winzige, hellblau schimmernde Kristalle, die ihnen ihre seltsame Standfestigkeit verliehen.

In diesem Frühjahr hat sich die Deutsche Bundespost auf ihre Schönheit besonnen und präsentiert sie als Briefmarke.

Ich bin dabei, Briefe mit ihrem Bild zu verschicken.