In meinen Gärten – Ringelblumen

Für die Dauer etwa einer Woche springen ihre sonnigen Blüten alle zugleich auf, drängen sich dicht zusammen und bilden ein herbstlich getöntes Feld von gelb- und orangefarbenen Schirmen, deren Blütenblätter einen kreisförmigen, dunkleren Zentralpunkt umspielen.

Sie sind ein letztes Aufgebot glühender Farben. Aus Mittelmeerräumen entstiegen, könnten sie auf hohen Wiesenkuppen rauschen und wehen, um das Wogen des nahen Meers auszuleuchten.

Ein Meer im Kleinen sind sie selbst, den zunahe tretenden Schatten entflohen, Lichtsauger der tief stehenden Sonne, deren Würze sie konzentrieren und später mit in feine, duftende Salben verwandeln.

(Mein Buch In meinen Gärten und Wäldern erscheint Anfang Oktober in der DVB Mainz.)

Charaktere 4 – Der Brombeerpflücker

Die Charaktere des griechischen Dichters Theophrast (am besten liest man sie in der schmalen Ausgabe des Reclam-Verlages, griechisch und deutsch, übersetzt und hrsg. von Dietrich Klose) sind schon seit langem eine meiner Lieblingslektüren. In ihnen wurden zum ersten Mal in der europäischen Literatur einzelne Typen des sozialen Lebens genau beobachtet und „charakterisiert“.

Die dreißig kurzen Texte gelten Figuren wie etwa „dem Redseligen“, „dem Bedenkenlosen“, „dem Gerüchtemacher“ oder „dem Spätgebildeten“. Theophrast seziert nicht ihre Psyche, sondern zeigt, wie und woran man sie erkennt. So erzählt er von ihrem Tun und Lassen bis in die Details ihrer Selbstdarstellung. Sein Büchlein wurde dadurch auch zu einem Grundlagenbuch für Epiker und Dramatiker, die erfuhren, wie man einzelne Figuren vorstellt und entwickelt.

Ich folge Theophrast und schreibe selbst eine kleine Erzählung, die sich an seine Manier anlehnt:

Der Brombeerpflücker

Er liebt Früchte. Wenn er spazierengeht, entdeckt er sie überall. Mirabellen, Himbeeren, Johannisbeeren. Brombeeren mag er am liebsten, und so sieht man ihn im Spätsommer an den Straßenrändern und Waldlichtungen dort, wo Brombeersträucher in großen Inseln wuchern.

Er hat eine alte Milchkanne seiner längst gestorbenen Mutter dabei und lässt die gepflückten Beeren in das tiefe Verlies gleiten, dessen Anblick eine Geruchsassoziation auslöst. Es riecht nach dem Mutterparfüm, einem herbschweren Duft, dessen Namen er noch immer nicht kennt. Die tiefschwarzen Beeren verschwinden im Dunkel und verdichten sich allmählich zu einem Bau aus mehreren dicht aufeinandersitzenden Lagen, die er später mit einem Emaildeckel verschließt.

Er pflückt immer soviel, bis der Topf gefüllt ist. Dann ummäntelt er ihn mit einem langen Kniestrumpf und befestigt ihn auf dem Rücksitz seines Fahrrads. Er steigt nicht auf, sondern schiebt das Rad neben sich her, den wie eine Monstranz aufgebahrten Schatz im Auge. Die Passanten schauen ihm nach, denn zusammen mit seinem Rad und der umwickelten Kanne hat sein Auftritt etwas von einer Prozession.

Was ist drin in dem Heiligtum, das er neben sich herschiebt? fragen sich viele und beginnen zu flüstern: Ein Tier? Eine Kostbarkeit? Oder gar Munition? Wenn er gegrüßt wird, nickt er kurz, antwortet aber nicht. Er geht langsam, Schritt für Schritt, vorsichtig, als wäre er auf der Hut. Ist ein Ast im Weg, streicht er ihn mit der Hand zur Seite wie einen Vorhang, der sich nach der Öffnung rasch wieder hinter ihm schließt. Beginnt es zu regnen, geht er ungerührt weiter und duldet regungslos, dass die Tropfen seinen Kopf einnässen.

Zu Hause schiebt er das Fahrrad in den Hinterhof, schließt es ab, greift nach der Kanne und trägt sie in seine Küche. Er befreit sie von ihrem Mantel, öffnet sie und lässt den ausströmenden Duft überall eindringen: in seine Kleidung, die Küche und den Flur, wo sich die Duftsphären in der Ablage festsetzen, genau dort, wo er seit dem Tod der Mutter noch ein letztes ihrer Kleider aufbewahrt. Es ist lang und schwarz und hängt auf einem hellen, geschwungenen Bügel. Eine Kette mit Granatschmuck funkelt wie ein Reif auf dem Oberteil.

Einen Teil der Brombeeren isst er gleich am Abend. Den Rest kocht er ein und verzehrt ihn im Winter, morgens zum Frühstück, begleitet von duftenden Zimthörnchen, von denen er jeden Morgen welche vom nahen Bäcker holt. Er trennt sie durch und legt sie nebeneinander zu einer Parade auf ein Holzbrett. Dann bestreicht er die Hälften langsam mit der Brombeermarmelade und trinkt während des Frühstücks dazu einen besonders starken Kaffee.

Bis zum Mittag nährt ihn das, und erst, wenn er sich auf eine andere Mahlzeit einlässt, stirbt langsam der intensive Geschmack, der sein Leben grundiert und trägt.

 

Wolfgang Büschers Heimkehr

Sehr selten, aber manchmal passiert es eben doch, dass ich ein gerade erschienenes Buch in die Hände bekomme und erstaunt erlebe, dass ich den dort behandelten Stoff ebenfalls lange im Kopf hatte und bereit gewesen wäre, ihn zu einem Buch auszuarbeiten.

Lange im Kopf hatte ich zum Beispiel die Idee, mich für einige Zeit in eine Waldhütte des Westerwaldes zurückzuziehen und dort allein und ohne vielerlei Hilfsmittel zu leben. Auf ein solches Erfahrungsexperiment war ich gespannt: Frühstes Aufstehen, Streifzüge durch die umgebenden Wälder, keine Kontakte (auch keine Telefonate), viel Musik hören, lesen und schreiben. Würde ich das eine Zeitlang aushalten? Ich glaube schon, aber ich habe leicht reden, denn nicht ich, sondern der Schriftsteller Wolfgang Büscher hat das Experiment gewagt und darüber geschrieben.

Er ist in der Nähe von Kassel aufgewachsen und derselbe Jahrgang (geb. 1951) wie ich. Wir werden also beide, wie Stefanie Stegmann vor kurzem ausgerechnet hat, im kommenden Jahr Fünfzig. Vielleicht erklärt das, warum wir ähnliche Buchprojekte hatten, Wolfgang Büscher hat seines verwirklicht und ich werde (vielleicht) irgendwann etwas Ähnliches versuchen.

Er ist wieder in seine Kindheitsgegend gereist und hat sich dort in einem großen Waldgelände für viele Monate in einer Jagdhütte niedergelassen. In seinem Buch Heimkehr (Rowohlt Berlin) erzählt er von dieser einsam verbrachten Zeit, von der Neudeutung seiner Kindheitserlebnisse und vom Tod seiner Mutter, die im Verlauf seiner Waldklausur stirbt.

Das Ganze ist ein ruhiges, konzentriertes Buch geworden, eine Rückkehr zum Eindringlichen, als hätte Büscher bereits geahnt, was uns allen in den Coronazeiten bevorstehen würde: Mit uns selbst auszukommen.

Ich beneide ihn um seine Heimkehr, und ich werde darüber nachdenken, ob er sein Buch nicht auch in meinem Namen geschrieben hat, so dass ich meine eigene Heimkehr nicht mehr zu schreiben brauche.

Im Chambre séparée des Le Moissonnier

Zum Mittagessen im Le Moissonnier. Seit 170 Tagen war das Restaurant geschlossen, nun trauen sich Liliane und Vincent Moissonnier wieder, Gäste zu empfangen. Man schlüpft mit Maske durch den bekannten dunklen Vorhang und steht in einem anderen Raum. Die vertrauten roten Lederbänke spielen Versteck, und das ockergelbe Jugendstildekor der Säulen bildet eine Hintergrundkulisse für die Plexiglas-Trennwände, die den Raum jetzt beherrschen. Dadurch hat er eine zusätzliche theatralische Note bekommen, und das Publikum benimmt sich entsprechend andächtig und ruhig.

Ja, in der Tat, die Stimmen der jetzt noch vierzig Gäste (sonst dürfen es über fünfzig sein) sind viel leiser als sonst, und die meisten sitzen zu zweit, unterhalb der großen Spiegel, in die kaum noch jemand hineinschaut, weil man die Trennwände zur Rechten und Linken als Rahmen eines kleinen Gehäuses empfindet, in das man sich für die Dauer der Mahlzeit vor der übrigen Welt zurückzieht.

Das neue Ambiente kommt all jenen Gästen entgegen, die sich vor allem an den servierten Speisen selbst erfreuen und weniger Wert darauf legen, vor den Besuchern an den Nebentischen durch auffälliges Gebaren zu glänzen. Hat man Platz genommen, die Maske abgelegt und den ersten Schluck frischen Mineralwassers genommen, erkennt man plötzlich, wo genau man sich befindet: In einem Chambre séparée!

Mein Gott, richtig, das ist es! Zu zweit sitzt man einander dicht gegenüber, gute Voraussetzungen, um das neue Séparée-Ambiente zu genießen. Man ist derart auf sein Gegenüber fixiert, dass man die Umgebung kaum noch bemerkt. Gastgeberin und Gastgeber Moissonnier kommen (woher eigentlich?) herangeschwebt und flüstern einige begrüßende Worte, und die freundlichen Helferinnen (die für ihre besondere, unauffällige Aufmerksamkeit bekannt sind) servieren wie Feengestalten, die sich aus einem fernen Reich den weißen Gestaden der schmalen Tische nähern.

Gibt es in der Nähe überhaupt noch eine Küche? Man hört davon jedenfalls nichts, und die Speisen von Meisterkoch Eric Menchon und seiner Truppe wirken im Chambre séparée noch um einiges erotischer als sonst. Zwei kleine Beispiele: Auf einem Kalbsfilet-Tatar liegt die hauchdünne Decke eines Birnen-Carpaccios, unterhalten von kleinen Haselnussstücken aus dem Piemont! Und – wenig später, die Offenbarung des Minimalen: Ein frittiertes Shizo-Blatt, gefüllt mit geschmortem Geflügel und überzogen von einem Buchweizenflair.

Wird das alles im normalen Sinn „gegessen“? Eigentlich nicht. Was aber dann? Zunächst erscheint es als leuchtendes Bild, das sich einprägt. Dann überlegt man, wie man sich nähert. Vorsichtig bitte! Mit Hilfe einer kleinen Gabel segmentiert man eine Probe, spürt den Bestandteilen nach, kostet erneut – und trennt sich für eine kurze Pause durch einen Schluck Wein (oder auch zwei).

Man isst ein Tatar also ebenso wenig wie ein gefülltes Shizo-Blatt, sondern lässt es durch behutsamen Umgang mit Besteck und Mund langsam verschwinden. Die Hauptrolle beim Verzehr spielen die Zunge sowie der Gaumen, während die Zähne rein gar nichts zu kauen haben. Der Schluck Wein ist die Begleitkomponente im geweiteten Mund, er durchwärmt die Speisen und verwandelt den Geschmack in Musik (ich könnte sogar genau sagen, in welche…).

Ich speiste und saß, bis ich der letzte Gast war. Und ich hätte, wäre es möglich gewesen, den Nachmittag hindurch weiter allein dagesessen, um zu schreiben und lesen (eine ideale Lektüre wäre ein Buch von Hartmut Kiltz: Das erotische Mahl. Szenen aus dem „chambre séparée“ des neunzehnten Jahrhunderts). Am frühen Abend hätte ich dann die Fortsetzung dieses Abenteuers verborgener Genüsse mit einer anderen, zweiten Person erlebt, und gegen Mitternacht wäre ich nach Hause gegangen.

Von Mittag bis Mitternacht – das wäre der Traum, und nur im Le Moissonnier lässt er sich träumen…

Twittern im Spätsommer

In meiner Sommerklausur, die sich inzwischen in eine Spätsommerklausur verwandelt hat, habe ich mich auch mit dem Twittern beschäftigt. Nein, ich twittere noch immer nicht und halte mich an die Empfehlungen der Leserinnen und Leser dieses Blogs, die mir in Chören zugerufen haben: Tu es nicht, junger Freund! Schreibe im Blog, aber lass das Twittern sein!

Ich habe also keineswegs getwittert, sondern mir zunächst noch einmal vergegenwärtigt, was mich als Twitterer erwarten würde: Ein strapaziös unruhiges Leben (auf der steten Suche nach einem Tweet), einen Hagel von Kritik (wenn ein Tweet mißfällt oder verärgert), eine frustrierende Jagd nach Followern, Likes und sonstiger Anerkennung (das Allerletzte im Grunde…).

Dann aber schenkte mir eine freundliche Sachverständige Jan Böhmermanns gerade als Buch erschienene Twitter-Sammlung Gefolgt von niemandem, dem du folgst. Twitter-Tagebuch. 2009-2020 (Kiepenheuer & Witsch). Ich las – und sage jetzt mal nichts Inhaltliches dazu, sondern nur, dass mich dieses Textformat plötzlich anregte. Ausprobieren! riefen Böhmermanns kurze Tweet-Sentenzen mir zu…

Ich fand, dass gegen bloßes Ausprobieren nichts einzuwenden sie, sofern ich mich daran halte, nicht real zu twittern, sondern das Twitterformat nur im Rahmen dieses Blogs auszuprobieren…

Hier also – streng im Rahmen des Blogs – ein Twitter-Versuch…

Mit einer Frau, die „Chuck Taylor All Star“ von Converse trägt, würde ich sofort etwas trinken. Und wählen würde ich sie sowieso.

Ich finde, dieser Tweet hat was…, er ist nicht plump, sondern dunkel und andeutungsreich. Ich sollte mich noch zu weiteren Tweets hinreißen lassen, alles im Rahmen dieses Blogs natürlich. Über Böhmermanns Buch dagegen werde ich später noch ausführlicher nachdenken…

 

Lang Langs Goldbergvariationen

Der chinesische Pianist Lang Lang hat die Goldbergvariationen von Johann Sebastian Bach eingespielt. Auf der neuen CD findet man zwei Aufnahmen: Eine im Studio entstandene und den Live-Mitschnitt eines Konzerts in der Leipziger Thomaskirche.

3sat hat eine Dokumentation über Lang Langs Vorstudien und Überlegungen gesendet (Lang Langs Goldbergvariationen, bis 11.12.2020 auch in der 3sat-Mediathek), und im SPIEGEL dieser Woche (Nr. 38) findet man ein langes Interview, dessen Inhalt sich mit der 3sat-Doku teilweise überschneidet.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich Lang Langs Spiel früher nicht besonders gerne gehört, sondern mich oft weggeduckt, wenn ich seinen Auftritten begegnete. Das änderte sich, als ich erfuhr, dass er nach zu intensivem Üben von Maurice Ravels „Klavierkonzert für die linke Hand“ eine Sehnenscheidenentzündung bekam, die ihn fünfzehn Monate pausieren ließ. Seither habe ich ihn als einen Leidensgenossen gesehen, denn eine Sehnenscheidenentzündung habe auch ich in der Jugend nach zuvielem Üben bekommen. Vor diesem Hintergrund werde ich mir seine Einspielung der „Goldbergvariationen“ besonders genau anhören, viele Male, immer wieder. Erst dann werde ich dazu etwas sagen.

Die 3sat-Doku und das Interview im SPIEGEL vermitteln jedoch darüber hinaus gute Vorstellungen davon, was „Klavierüben“  bedeutet. Das normale Konzertpublikum ahnt davon wenig: Einsatz der Finger (und ihr individuelles Training), Haltung der Hände, Körperschulung, Analyse eines Stückes, die Suche nach dem Charakter des Spiels, das Verwerfen, Proben, die Fragen danach, welche Anlage man einer Komposition geben möchte.

Pianistisch ambitioniertes Klavierspielen erfordert den Einsatz eines ganzen Menschen. Welche Aspekte und Themen dabei alles eine Rolle spielen, erfährt man durch Lang Langs Überlegungen in aufschlussreicher Weise. Übt man Tag für Tag mehrere Stunden, operiert man fortlaufend mit dem aufmerksamen Blick auf eine zu erhaltende physisch-psychische Balance, die von jeder Komposition anders eingefordert wird. Der Auftritt im Konzertsaal ist nur das flüchtige Endergebnis, viel existentieller ist das Üben und Trainieren selbst, das einen Menschen oft von Kindheit an in eine Art Extremsportler mit zehn flinken Fingern verwandelt. Hochempfindlich, eingeschränkt beweglich (Sportarten wie Rudern, Basketball oder gar Turnen sind viel zu gefährlich). Als sei man ein neurotisches Studienobjekt mit einem sehr individuellen Training, das ein erhofftes Zusammenspiel von Körper und Psyche laufend neu strukturiert.

Von all diesen Themen habe ich übrigens in meinem Buch Wie ich Klavierspielen lernte (Insel Verlag) detailliert erzählt. Viele Leser haben mir nach seinem Erscheinen geschrieben und davon berichtet, wie dieses Buch ihren Blick auf musikalische Darbietungen, Spielformen und Techniken erweitert hat. „Ich erlebe ein Konzert jetzt ganz anders als früher, als ich noch nichts davon wusste, was das Üben eines Instruments eigentlich so alles mit sich bringt und worauf es vor allem ankommt. Und ich habe nun selbst wieder große Lust bekommen, Klavier zu spielen und zu üben“, schrieb eine Leserin.

Ergänzend dazu noch eine gute Meldung:

Am 07. Oktober erscheint das viel gelesene Buch auch als Insel- Taschenbuch!

In meinen Gärten und Wäldern – Spätsommer

Nein, der Vollherbst rauscht noch nicht durchs Land, wir erleben vielmehr gerade den Spätsommer oder den Frühherbst, also eine der schönsten Übergangszeiten des Jahres.

Die sommerlichen Energien lassen nach, und das Sonnenlicht legt sich breit, wie eine glimmende Decke, auf das austrocknende Grün. Die ersten Gelbtöne schimmern durch, und die Früchte verdichten ihr Spektrum der Farben. Die Wärme kauert zwischen den Pflanzen, Sträuchern und Bäumen als ein letzter Vorrat, ausharrend. Kein Wind, keinerlei Bewegung, sondern ein einziges Gehenlassen, die letzte, große Statik der Natur vor dem Umbruch.

Aber, was bemühe ich mich? Friedrich Hebbel hat das alles klangvoll besungen. Er nennt sein Gedicht Herbstbild, und er erkennt darin einen „Herbsttag“ – in Wahrheit meint er aber wohl eher einen Spätsommertag:

Herbstbild

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was von dem milden Strahl der Sonne fällt.
 

(Die von mir gesammelten Texte „In meinen Gärten und Wäldern“ erscheinen in wenigen Tagen, am 1. Oktober 2020, als Buch.)

Die Literaturagentin 1

In der Ausgabe der ZEIT vom 3. September hat das Feuilleton eine ganze Seite für die Literaturagentin Karin Graf (geb. 1952) freigemacht. Der lange Artikel von Ronald Düker (geb. 1970) rahmt eine große, ikonenartige Fotografie von Lena Giovanazzi (geb. 1983).

Frau Graf sitzt outside, locker postiert auf einem orangefarbenen Gartenstuhl. Sie trägt, passend zur Jahreszeit, ein Kleid mit herbstlich wirkenden Blumenmotiven, der rechte Arm stützt sich auf eine Lehne, die Hand zeigt zum Boden und führt am vierten und fünften Finger zwei kleine Goldringe vor. Der linke Arm schmiegt sich in den Schoß, und die linke Hand fügt sich schräg unter die rechte, ohne Ringe, dafür aber mit einem schwarzen, kraftvollen Armreif. Eine dunkelblaue Jacke ist weit geöffnet und erscheint wie ein halbernster Kontrast zum verspielt wirkenden Kleid.

All diese Signale codieren das Bild ihres Berufs: „Ich verstehe mich mit der Jugend (das Kleid), unterhalte mich aber auch gern mit dem Alter (die Jacke). Ich liebe die Freiheit des Outside (die Gartenstühle, die rechte, herabfallende Hand), habe alles Notwendige aber in meinen Büros gespeichert (die linke, ruhende Hand, der Armreif). Ich bin die Freundin sowie die bestens informierte Empfangsdame der Literatur.“

Was sich außerdem in ihr abspielt, erzählt die Mimik des Gesichts mit den kurz geschnittenen, blonden Haaren und dem Distanz einfordernden Blick: „Schau mich an…, aber ja, Du darfst schauen, doch ich gebe nichts preis! Geh erst einmal in Dich – und werde Dir klar, was Du willst und wer Du zu sein glaubst!“

Die Fotografie in der Ausgabe der ZEIT ist die einer Werktags- und Arbeitsphysiognomie. Was fehlt, ist das Gegenbild der investigativen Entdeckerin, die sich in den Zirkeln des literarischen Lebens umhört und jede Nuance der Gespräche mitbekommt. Auch diese Seite hat die Fotografin Lena Giovanazzi eingefangen. Jetzt ist der Blick schärfer und gleichzeitig verdeckter, und der dunkle Raum ringsum wirkt wie der eines Studioraums von Stimmen, die gerade mitgehört und gesammelt werden. In so ergiebigen Momenten kommt es darauf an, das Gehörte zu sondieren und kalkulieren. Die Emotionen sind konzentiert: auf Ideen, Pläne und Schlussfolgerungen, die im schönsten Fall große Buchereignisse nach sich ziehen.

Der Anlass für den Artikel ist das fünfundzwanzigjährige Bestehen der Agentur, an deren Anfänge ich mich selbst gut erinnern kann: Vor fünfundzwanzig Jahren ging ich mit Karin Graf an einem regnerischen Tag am Berliner Wannsee spazieren, und sie erzählte mir von einer kühnen, verrückten Idee, der Gründung einer Literaturagentur nach amerikanischem Vorbild. „Wärst Du dabei?“ fragte sie, und ich antwortete: „Sofort, wann geht es los?

Die Stundengebete

Zwei Formen des Gottesdienstes habe ich als katholisches Kind mit auf den Weg bekommen: Die der Meßliturgie und die der Stundengebete, die ich in Abteien und Klöstern erlebte. Mehrmals am Tag versammelten sich die Mönche im Chor einer Kirche und intonierten die alten gregorianischen Gesänge, deren Texte meist aus denen der Psalmen bestanden.

Die Stundengebete wirkten wie Meditationen, eine halbe oder auch ganze Stunde lang. Man saß in den Bänken des Kirchenschiffs und war der stumme Zuhörer, der weder angesprochen noch auf anderen Wegen in das Beten einbezogen war. Der gregorianische Gesang war der einer stillen Gemeinschaft, die für sich blieb, lautlos ein- und auszog und später wieder in den Zellen oder Kammern des Klosters verschwand.

Nach langer, coronabedingter Enthaltsamkeit nahm ich wieder an einem solchen Stundengebet teil. Es war eine Vesper am Nachmittag. Das schon abendlich wirkende Sonnenlicht fiel durch die hohen Fenster, und der Gesang zirkulierte in unendlicher Ruhe im Chor, als habe sich die Welt seit Urzeiten in keiner Nunace verändert.

Manchmal war die singuläre Stimme des Abtes zu hören, andere Einzelstimmen waren nicht deutlich zu fixieren. Der Gesang wirkte wie die kaum variierte Schwingung eines einzigen, konstanten Gebetstons. Die Mönche standen, während sie sangen, manchmal lehnten sie sich mit dem Rücken gegen das Chorgestühl, dann setzten sie sich oder verbeugten sich tief, um sich danach wiederum langsam zu erheben.

So erschienen die fortlaufend veränderten Bewegungen wie unterschiedliche Zeichen von Andacht, deren Komponenten sich den Zuhörern und Zuschauern nicht erschlossen. Sie wirkten wie Teile eines geheimen Ritus, nur für jene Eingeweihte, die Klang und Text in Gestik und Mimik der Körper spiegelten.

Am Eingang der Kirche lag eine Liste aus, in die man sich als Gast und möglicher Mitbeter eintragen sollte. Als müsste aber auch die Anwesenheit der Mönche fixiert werden, machten ihre Namen den Anfang: Abt A, Pater B, Frater C, Bruder D… – so waren sie erkennbar präsent. Ich trug meinen eigenen Namen direkt darunter ein. Als gehörte ich letztlich dazu und würde den Mönchen nach der Vesper in die für Laien unzugänglichen Klosterräume folgen, um mit ihnen zu Abend zu essen.

 

In meinen Wäldern

In meinen Wäldern wurden viele Fichten, die wegen der anhaltenden Dürre vom Borkenkäfer befallen waren, gekappt. Das Forstamt hat mit der Neubepflanzung begonnen und setzt auf Hainbuchen, Winterlinden, Esskastanien, Spitzahorn und Wildkirschen, die in kleinen Runden auf die entstandene Freifläche gruppiert werden.

Die Stümpfe der Fichtenbäume erscheinen auf der Kahlfläche wie Denkmäler der alten Zeit, der die wild gewachsene, dichtgrüne Phalanx der überlebenden Bäume entgegensteht. Sie wirkt wie eine geschlossene, immune Gesellschaft, die gerade alle Anstrengungen aufbietet, das neue Leben mit zu generieren.

Schon in wenigen Jahren wird die Kahlfläche anders aussehen: Eine bunte Mischung verschiedenster Zöglinge statt der alten, dürren Garde von Fichten, die etwas von einer lethargischen Kompanie hatten. Sie wollten ausharren und uralt werden, jetzt sind sie gefallen – auch der Wald ordnet sich neu und vitalere und hellere Kreise ziehen nun ein.