Suspense

Es gab einmal eine Zeit, in der ich gerne Bücher von Patricia Highsmith gelesen habe. Damals erschien sie mir als Meisterin in der Herstellung eines speziellen Kribbelns, das sich bei meinen Nachforschungen als „Suspense“-Kribbeln entpuppte. Über dieses Empfinden von unheimlich wirkender Spannung, in die sich Angst, Furcht und eine starke Unruhe mischen, hat sie sogar einmal ein ganzes Buch geschrieben (Suspense – oder wie man einen Thriller schreibt). 

Deshalb bin ich jetzt gespannt auf die frühen Stories aus ihren Anfängerjahren als Schriftstellerin und damit aus der Zeit des Warmlaufens vor den großen Romanen.

Erste Texte großer Autorinnen und Autoren haben mich immer sehr interessiert. Mit ihrer Hilfe kann man verfolgen, wie sich das spätere Schreiben herausbildet. Man stösst auf so manche Unbeholfenheit, die Sicherheit ist noch nicht da, aber man erlebt oft auch einen unbekümmerten, experimentellen Schwung.

In Ladies entdeckt man zum Beispiel das Gespür für den funkelnden, irisierenden Moment und das folgenreiche Detail. Da steht eine khakifarbene Allzwecktasche auf einem Bahnsteig…, da widmet sich ein Sonderling dem Studium von Schnecken…, da toben sich Spinnen auf einer Veranda aus…, und da findet ein junges Mädchen beim Blick durch das Fenster ihrer New Yorker Wohnung hinab auf die Straße eine mögliche Freundin.

Das Kribbeln ist bereits da, man spürt lauter kurze, heftige Schocks und fragt sich: Wie geht die noch junge Autorin mit ihnen um?!

  • Patricia Highsmith: Ladies. Frühe Stories. Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz, Dirk van Gunsteren und pociao. Diogenes Verlag 2020

Impfungen

(Am 14. April 2021 auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S. 4)

Begegne ich meinen Freunden, verlaufen die Gespräche auf den Straßen momentan sehr ähnlich. Bist Du schon geimpft? Nein? Wann bist Du dran? Und wo? Impfzentrum oder Hausarzt? Welcher Impfstoff?

Einer meiner älteren Freunde hat von seiner Impfung in der Hausarztpraxis berichtet. Noch nie hat er dort so viele gut gelaunte Menschen erlebt. Keine leidenden oder behandlungsbedürftigen Patienten, sondern solche, die sich auf die Impfung freuten und dafür dankbar waren.

Es habe eine fast ausgelassene Stimmung geherrscht, eine italienische Sprechstundenhilfe habe sogar mit Maske gesungen! Mein Freund fühlt sich befreit und erzählt davon, dass er sich jetzt anders bewege als früher. Natürlich weiter mit Abstand, Maske und Vorsichtsmaßnahmen, aber doch weniger ängstlich. Auch gedanklich habe er aus seiner engen Klause herausgefunden und nehme mehr wahr, sagt er, fast sei es so, als habe man ihm ein erweitertes Leben geschenkt.

Freunde, die in Bayern auf dem Land leben, melden trotz ihres Alters über Siebzig dagegen starke Verzögerungen. Die Hausärzte haben zu wenig Impfstoff, und die Impfzentren muss man alle paar Tage anrufen, weil sie oft behaupten, bestimmte Daten noch nicht richtig gespeichert zu haben. Sehnsüchtig denkt man an Berlin, wo bereits Menschen über Sechzig von den Behörden angeschrieben werden und einen Termin erhalten. So sollte es sein, sagen sie, umstandslos, ohne viele Anrufe, Termin melden und bestätigen, fertig.

Über die Nachwirkungen kursieren viele Gerüchte. Manche Geimpfte melden sogar bei Impfungen mit Biontech Pfizer Fieber und anhaltende Müdigkeit, die erst nach etwa zwei Wochen abzuklingen scheinen. Die meisten Freunde überhören so etwas aber und sagen: Hauptsache geimpft, egal mit welchem Mittel, selbst Sputnik V würden sie akzeptieren.

So erlebe ich alles in allem eine bisher in der Pandemie noch nie dagewesene Aufbruchsstimmung. Es geht voran, spätestens im Herbst haben wir das Schlimmste hinter uns – das ist der Tenor. Die Kehrseite besteht darin, dass erst vor kurzem fixierte gute Vorsätze bereits wieder in Frage gestellt werden. Könnte man nicht doch bald wieder weitere Strecken fliegen? Und eher früher als später eine längere Autoreise durch halb Deutschland planen? Im Saarland soll es besonders günstige Hotelangebote geben, und an Nord- und Ostsee sollen Ferienhäuser speziell für Großfamilien und Freundeskreise zu mieten sein.

So kommen die vertrauten, alten Zeitverläufe langsam wieder ans Tageslicht: Feiertage, Brücken, Urlaube! Die Pandemie hatte ihren eigenen Kalender geschaffen, mit erheblichen Beschränkungen und der Bindung an die täglich gegenwärtigen Nachrichten. Was möglich war, stand unter Vorbehalt und musste mit der Lebenswelt in der Umgebung abgeglichen werden. Jetzt dagegen sieht es so aus, als sprengten die Impfungen solche Fesseln und öffneten wieder ungeahnte Freiräume.

Ich gebe zu, dass ich weiter ein sehr mulmiges Gefühl habe. Der Blick meiner meisten Freunde ist auf Deutschland fixiert, die schlimmen Meldungen aus Brasilien, Indien, Tschechien oder Frankreich lassen sie an sich abperlen. Bald werden die Bewohner dieser Länder es auch gepackt haben, so reden sie sich die Zukunft schön. Wenn die Pandemie aber eines mit aller Wucht gelehrt hat, dann war es die Erfahrung des globalen Lebens. In China ist ein Sack Reis umgefallen, war mal ein abgestandener Internetwitz über belanglose Nachrichten. Heute zuckt man zusammen, wenn man so etwas liest.

Nach Norden! Eine imaginäre Reise 1

Seltsam, aber ich bin in meinem Leben fast immer nur nach Süden oder Westen gereist. Das hatte auch damit zu tun, dass ich im Rheinland groß geworden bin und das Rheinland seine kulturellen Wurzeln eben vor allem im Süden (Italien) und Westen (Frankreich) hat. Rom und Paris sind zu meinen imaginären ausländischen Hauptstädten geworden, in denen ich lange Zeit gewohnt habe. Und Venedig ist die südliche Trauminsel, in der ich jedes Jahr länger lebe.

In den frühen siebziger Jahren bin ich aus privaten Gründen jedoch immer wieder vom Rheinland aus in den Norden aufgebrochen: Nach Göttingen, Hamburg und Schleswig-Holstein. Genau diese Bewegung nach Norden macht die Hauptfigur meines ersten Romans, der junge Fermer, mit. Er reist bis zur dänischen Grenze – und der Roman bricht vor dem bevorstehenden Grenzübertritt ab. Fermer denkt aber nicht daran, weiter in den Norden (durch Dänemark nach Norwegen, Schweden oder Finnland) zu reisen. Er denkt vielmehr an Italien. Seine Reise in den Norden erscheint daher wie ein Umweg in den Süden, den er längst im Sinn hat.

So aber soll es nicht weitergehen. Schon bald einmal möchte ich auch in den Norden reisen. Damit ich dieses Ziel nicht aus den Augen verliere, begebe ich mich in diesem Frühjahr (pandemiebedingt) schon einmal auf imaginäre Spuren dorthin. Lesend, Musik hörend, planend und nicht zuletzt kulinarisch werde ich mich auf eine reale Reise in den Norden vorbereiten.

Am 2. Mai 2021 werde ich zusammen mit der Schriftstellerin Mariana Leky die 20. Westerwälder Literaturtage im Kulturwerk meines westerwäldischen Heimatortes Wissen/Sieg eröffnen. Im abendlichen Livestream ab 18 Uhr kann man uns erleben: Wie wir beide uns anhand vieler Bücher, Bilder und Klänge auf die Suche nach dem mysteriösen Norden machen. Unser Gespräch über den Norden soll erkunden, was den Norden ausmacht. Da wir beide uns bisher niemals dorthin getraut haben, verspricht der Abend unterhaltsam, kurzweilig und entdeckungsreich zu werden.

Der Livestream ist kostenlos, er ist am 2. Mai 2021 unter www.kulturwerk-live.de abrufbar. Viel Vergnügen!

 

Die nachösterliche Ruhe

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hatte zum österlichen „Fest des Suchens“ eingeladen und mich u.a. gefragt: Was haben Sie vor kurzem einmal gesucht und wiedergefunden? Hier mein Text (erschienen am 3. April 2021, S.3):

Wie ich meine Stimme wiederfand…

In den frühen sechziger Jahren freute ich mich über meinen ersten Kassettenrecorder. Auf so ein Gerät hatte ich gewartet. Leicht und handlich wie er war, konnte ich ihn überallhin mitnehmen und unbeobachtet Aufnahmen machen: Geräuschkulissen von Straßen, Gespräche in Läden oder die Musik von Straßenmusikanten – ich war süchtig danach, die Klänge und Töne meiner Umgebung festzuhalten.

Schließlich wagte ich es sogar, Szenen des täglichen Schulunterrichts heimlich aufzuzeichnen. Der Recorder steckte in meiner Schultasche, nur das Mikrofon schaute heraus, ich verdeckte es mit meinem rechten Arm und ließ das Band stundenlang laufen. Griechisch, Latein, Mathematik – ich speicherte die Schulstunden und hörte mir die ereignisarmen Sequenzen später so begeistert an, als enthielten sie rare Sensationen.

Vor kurzem suchte ich nach meinem alten Recorder und fand ihn zusammen mit unzähligen Kassetten in einer Depotkiste meines Archivs. Er funktionierte noch tadellos, so dass es mich reizte, einige Bänder mal wieder laufen zu lassen. Tauchte meine eigene Stimme etwa auch irgendwo auf?! Nach längerem Herumspulen hörte ich einen hohen Sopran, stark rheinisch und kölsch gefärbt! Während einer Mathestunde dividierte, multiplizierte und subtrahierte er! Die Stimme zitterte, die Angst, einen Fehler zu machen, merkte man ihr deutlich an. Ein Lehrer begleitete sie im Basso continuo: richtig, weiter, in Ordnung!

Schließlich atmete der nervöse Knabe tief aus. Er stöhnte leise „geschafft!“ und beendete die Aufnahme. Ich schloss die Augen und sah ihn vor mir – den streng gezogenen Scheitel und die kurzen, dunkelblauen Hosen!

Ich werde alle Kassetten aufbewahren. Sie bekommen ein eigenes Regal und werden chronologisch geordnet. Hänge ich mal durch, werden sie mich motivieren: Hey, das bin ich, vor mehr als fünfzig Jahren, als kreative Avantgarde des O-Ton-Hörspiels der siebziger Jahre!

Der Ostersonntag

Allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich FROHE OSTERN!

(Buona Pasqua! Joyeuses Pâques! Happy Easter!)

Der Text zum Ostersonntag: Johannes-Evangelium 20, 1-23

Die Musik zum Ostersonntag: Das Grab ist leer