Aktives Venedig

Heute erzählen unsere Venedig – Korrespondenten vom großen Redentore-Stadtfest, bei dem die Bewohner der Stadt des Endes der Pest im Jahre 1577 gedenken. Für zwei Tage führt eine Brücke von den Zattere hinüber zur Insel Giudecca und zur Kirche Il Redentore, einem Bau, der damals unter der Leitung des Architekten Andrea Palladio entstand.

Aktiv unterwegs sind auch die Venetisti, die eine Botschaft ihres gewählten Dogen an die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an viele Häuserwände geklebt haben. Darin gratulieren sie ihr zu der Wahl, beklagen die nun seit 222 Jahren andauernde Besetzung Venedigs durch Franzosen, Habsburger, diverse germanische und italienische Stämme und fordern ein freies, unabhängiges, großes Europa, an dem sich die alte Republik Venedig wieder mit Freude beteiligen würde.

SPIEGEL-Gespräch

In der heutigen, neuen Nummer des SPIEGEL (Nr. 30/20.07.2019) findet man ein SPIEGEL-Gespräch des SPIEGEL-Redakteurs Martin Doerry mit dem Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil über sein Buch Wie ich Klavierspielen lernte (Insel-Verlag) und dessen Hintergründe …

 

Lesen im Freien

(Heute auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“)

„Aura“ ist ein sehr schönes Wort. Es kommt, wie der „Duden“ meldet, aus dem Griechischen und dem Lateinischen und meint einen Lufthauch, ein Wehen, einen Schimmer oder auch einen Duft oder Dunst. Spüren wir eine solche Aura, fühlen wir uns von etwas angeweht, erhellt oder sogar ergriffen, ohne dass wir es zunächst klar benennen oder fixieren könnten.

Vor kurzem schenkte mir ein Freund die Neuauflage eines Bandes mit Schwarz-weiß-Fotografien des berühmten ungarischen Fotografen André Kertész (1894-1985). Es waren Fotografien lesender Menschen, weswegen Kertész den Band On reading genannt hatte. Die Fotos zeigten nämlich keine Porträts, sondern umkreisten, wie der Titel exakt ankündigte, vor allem den Vorgang des Lesens.

Die meisten Lesenden befanden sich dabei im Freien, sie hatten sich einen bestimmten Ort (oder ein „Plätzchen“) gesucht und es meist auch rasch gefunden. Ein Stuhl mitten auf einem Bürgersteig, eine Liegewiese, eine Kaimauer an einem Fluss, stark belaubten Erdboden mitten in einem Wald, eine Treppe, eine Parkbank – das waren typische Räume für das Verweilen und die angeregte Lektüre.

All diese Menschen, fiel mir auf, schienen eine bestimmte Aura des Lesens zu spüren. Sie waren in einen Text vertieft und erlebten seine auratische Wirkung. Dadurch strahlte er etwas aus, erhellte die Umgebung und ging mit ihr eine atmosphärisch dichte Verbindung ein. Gelang das, hatte die Lektüre in der Erinnerung später etwas von einem Traum und spielte auf zwei Ebenen: denen des Textes und denen des Raums, in dem das Lesen stattfand.

Jetzt, im Sommer, ist die große Zeit des Lesens im Freien, und wer in unseren Städten unterwegs ist, sieht sie zum Glück überall: Die Auratiker, meist allein, mit einem Buch unterwegs, dem sie „alle Zeit der Welt“ schenken, um irgendwann wieder aus ihm emporzutauchen und aufzuwachen. Ein Duft, ein Dunst? Ja, da war doch etwas und ist geblieben, bis man wieder und wieder danach verlangt und eine bestimmte Aura spürt und gar nicht genug davon bekommen kann.

Sommerpause

So, nun geht auch dieser Blog für einige Zeit in die verdiente Sommerpause, weil ich in der nächsten Zeit nicht immer einen Internetzugang habe. Dann und wann werde ich mich melden, allerdings nicht mehr so regelmäßig wie gewohnt. Nach den Ferien aber wird es so weitergehen wie bisher, versprochen!

Ich sage den Leserinnen und Lesern „Adieu“, indem ich sie bitte, zusammen mit mir jenes sommerlich-passende Lied zu hören (und vielleicht auch zu summen), das den gerade verstorbenen brasilianischen Musiker João Gilberto weltberühmt gemacht hat. Zusammen mit dem Saxofonisten Stan Getz und der Sängerin Astrud Gilberto hat er es in den sechziger Jahren eingespielt.

Es heißt Garota de Ipanema (The Girl from Ipanema) und besteht aus dem wehmütigen Singsang eines Mannes, der einem Mädchen hinterherschaut, das gerade die Straße zum Strand von Ipanema überquert. Dieses regungslose Schauen vertonen der Gesang und seine Begleitung, die das Geschehen im Rhythmus des Bossa nova auf unnachahmliche Art inszenieren: Ein leises Seufzen und Flüstern, ein Sich-Wegducken, hypnotisiert von der Bewegung der Schönen und von dem sich weit auftuenden Bild des Meeres …

Olha que coisa mais linda
Mais cheia de graça
É ela menina
Que vem e que passa
No doce balanço, a caminho do mar …

Landregen

Endlich wieder Landregen! Schon das Wort beruhigt und lässt einen durchatmen. Keine Helligkeit, kein Windesweben – sondern ein Regen, der sich der Erde so verhalten und tonlos annimmt, als wollte er ihr hingestrecktes Grün nur leicht befeuchten. Man sieht ihn gar nicht, so dezent bringt er sich ein, keine schweren Tropfen, sondern ein dauerhaft zwischen dem eintönig hellgrauen Himmel und der dürstenden Erde vermittelnder Schleier. Geht man nach draußen, ist er die pure Erfrischung. Einen Regenschirm zu benutzen, würde ihn kränken, er bestäubt den Kopf, mischt sich ins Haar und verdunstet sofort auf der Kopfhaut wie feines, geruchloses Wolkenparfüm. Auf den Blättern der Hortensien hinterlässt er ein Netz von kleinen Tropfen, die sich halten und klammern. Tagelang könnte es so weitergehen – und alle, die er berührt und beschwichtigt, wären für eine Weile einmal wieder zufrieden.

Kleine Heimat(en) 2

Ich sitze in dem ältesten Teil des Restaurants Alte Vogtei in Hamm an der Sieg. Mein Platz ist der kreisrunde Tisch, an dem sonst die Wirtsleute sitzen und zur Ruhe kommen, wenn die meisten Gäste gegessen haben. Wie oft bin ich hier schon gewesen, habe den Mittag oder den Abend verbracht oder habe mit Bekannten oder Freunden zu einem schönen Anlass gefeiert!

Ich blicke auf die Eingangstür, durch die man den Raum der „alten Gastwirtschaft“ betritt. Danach erkennt man die Theke, die auch zugleich die Rezeption ist. Die viereckigen Tische laden zu kleinen Mahlzeiten zwischendurch ein, zu knusprigem Westerwälder Brot mit Schinken und Käse aus der Umgebung und zu dunklem Bier aus Hachenburg.

Das Restaurant hat noch viele andere Räume, und jeder von ihnen hat einen eigenen Charakter und daher auch einen eigenen Namen. Es gibt die Ratsstube und ein Biedermeiereckzimmer, es gibt das Gewölbe, ein Jagdzimmer und das Raiffeisensälchen, und es gibt eine hölzerne Kegelbahn, an der ich so manche Partie verloren habe.

Warum sitze ich am liebsten am Tisch der Wirtsleute?  – Urtiefen der Erinnerung: An den Gasthof meiner väterlichen Großeltern und seine Gaststube. An seine Fachwerkarchitektur. An den Geruch eines Bratens, der aus der nahen Küche durch eine halb geöffnete Tür einzog und Appetit machte. An die Männer, die nur an viereckigen Tischen Karten spielten, weil runde Tische für das Ausspähen von Karten eine Gefahr darstellten. An die weißen Vorhänge, die erst geschlossen wurden, wenn der letzte Gast die Wirtschaft verlassen hatte. An den Bruder meines Vaters, der hinter der Theke stand und Bier zapfte. An meinen Vater, der, je länger wir saßen, immer stiller wurde und am Ende ganz schwieg. An mich selbst, der ich mich als Kind so „zu Hause“ fühlte wie (noch) nirgends sonst.

Kleine Heimat(en) 1

Vor kurzem habe ich mit Mariana Leky und Arnold Stadler über Heimat(en) gesprochen (vgl. 01.06.2019). In diesen Gesprächen haben wir verschiedene Heimatbegriffe unterschieden: Die „erste Heimat“ (als Raum der frühsten, prägenden Begegnungen und Erfahrungen), die „zweite Heimat“ (als neuen Raum, in den man als Jugendlicher aufbricht, um dort eine Heimat für sich zu entwerfen), die „ferne Heimat“ (als weiten Raum des Jenseitigen und weit Entfernten, das ganz anders ist als das frühere Zuhause), die „europäische Heimat“ (als Heimat der Nachbarschaft der europäischen Völker), die „neue Heimat“ (als Heimatsuche der Menschen, die sich als Fremde/Flüchtlinge in einem nicht freiwillig aufgesuchten Raum etablieren) – und schließlich die „globale Heimat“ unseres Welt-Universums, deren Ganzheit und Vielfalt uns spätestens seit den Raumflügen der späten sechziger Jahre und dem Blick auf den blauen Globus ganz bewusst geworden sind.

Gegenwärtig denke ich weiter über diese Begriffe nach und möchte ihnen heute die „kleine Heimat“ hinzufügen. Sie ist jener oft begrenzte und minimale Raum zu Hause und anderswo, den wir sehr häufig in unserem Leben aufgesucht haben und in dem wir uns für die meist zeitlich bemessene Dauer eines Aufenthaltes beheimatet fühlen.

Einige Beispiele: Bin ich in München unterwegs, eröffnet sich im Englischen Garten rund um den Chinesischen Turm eine „kleine Heimat“, in der ich schon viele Stunden meines Lebens verbracht habe. Fahre ich nach Hamburg, gehe ich fast immer die Straße „Lange Reihe“ in der Nähe des Hauptbahnhofs entlang, in der ich beinahe jedes Geschäft, Café oder Restaurant kenne. Besuche ich Bonn, streife ich im Beethovenhaus meist sehr langsam durch alle Räume, als wäre ich nicht längst schon über fast alles darin im Bilde. Und so weiter.

„Kleine Heimaten“ sind Inseln des Geborgenseins. Jede ist anders und leitet einen zu einem stark emotionalen Teil des eigenen Selbst zurück. Worin die Verbindung zwischen dem oft entfernten Weltausschnitt und mir dann jeweils besteht, weiß ich nicht genau zu sagen. Auf jeden Fall aber spüre ich in solchen Heimaten eine enorme Anziehung, die von winzigen Details ausgeht. Das Studium dieser Details könnte stark dazu beitragen, dass ich mich, naiv gesagt, noch besser und genauer „kennenlerne“. Als hätte ich mit einer fremden Person zu tun, deren Spleens ich detektivisch aufdecken würde, um dadurch ihre Bekanntschaft zu machen (und vielleicht sogar ihre Freundschaft zu gewinnen).

Sicher, liebe Leserinnen und Leser, kennen auch Sie solche „kleinen Heimaten“. Schicken Sie mir doch bitte einen kurzen Text, in dem Sie zumindest eine von ihnen beschreiben oder von ihr erzählen.

Neues Wohnen 1

 (Heute auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S.4)

In den letzten Wochen habe ich meinem Freund Peter bei seinem Umzug geholfen, schon seit einem halben Jahr hat er die Aktion vorbereitet. Zunächst legte er Listen mit älteren, aussortierten Möbeln, Kleidungsstücken, Küchengeräten und Büchern an und stellte sie ins Netz. Das meiste davon verkaufte er, einiges verschenkte er auch. Der Umzug erwies sich dadurch als ein grundsätzlicher gedachtes Vorhaben. Peter wollte nicht nur von einer Wohnung in eine andere wechseln, sondern er plante den bewusst vollzogenen Beginn eines neuen Lebensabschnitts, dessen Ausrichtung und Charakter die veränderten Räumlichkeiten spiegeln sollten.

Peter hatte eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit kleiner Küche und Bad in der Nähe seines Arbeitsplatzes in einem belebten Viertel der Stadt gefunden. Er wollte nicht mehr wie in den letzten Jahren der Ausbildungszeit abgeschottet und relativ isoliert leben, sondern „unter Menschen wohnen“. Daher stellte er ausführliche Erkundigungen über die nachbarliche Umgebung an. Welche Geschäfte, Kneipen und Treffpunkte gab es dort, wo würde er rasch Anschluss und Kontakte finden? Bisher hatte er seine Wohnung als eine Art Höhle betrachtet, in der er seine Studien und Passionen betrieben, anderen aber fast keinen Zugang gewährt hatte. Entsprechend dunkel und farblos hatte es in ihr ausgesehen. Die neue Wohnung soll ganz anders werden: hell, farbig, offen für Gäste, mit denen zusammen er in seiner Küche kochen und essen will.

Seinen Wagen hat Peter verkauft, denn zum Arbeitsplatz kann er nun mit dem Fahrrad fahren. Das Frühstück davor isst er nicht mehr eilig zu Hause, sondern in einer Bäckerei mit Stehausschank. Bei seinem dritten Besuch wurde er schon erkannt und geriet mit den Verkäuferinnen rasch ins Gespräch. So wie dort ist es auch an anderen Orten: Mehrmaliger Besuch führt zu Bekanntschaften und Unterhaltungen über alles, was in der Umgebung „so läuft“.

Peter wohnt seit neustem daher nicht mehr in einer „Höhle“, sondern eher in einem „Nest“. Es soll luftig, reich an Atmosphären und leicht zugänglich sein. Nach zwei bis drei Jahren könnte vielleicht schon ein weiterer Umzug anstehen, mit einem wiederum ganz anders gearteten Programm. So, sagt Peter, verstehe er nämlich „das neue Wohnen“: als zeitlich begrenztes, auf eine Umgebung bezogenes Lebensprojekt.

Nachtkerzen

Sie sind der nächtliche Begleitreigen der königsgelben Schwadron. Streckt diese sich brütend in der Gluthitze des Tages, so beginnen die Nachtkerzen ihren Tanz am frühen Abend, in jenen Stunden, da es allmählich kühler wird. Die dunkelgrünen, ledrig erscheinenden Kelchblätter umschließen das dämmernde Gelage der gelben Blüten, bis deren gestockte Kraft sie sprengt und die einzelnen Blütenblätter hervorschießen und sich entrollen. Geöffnet bilden sie zwei ineinandergreifende Lagen von hellgelben Fächern, die sich an der Frische der Nacht nähren, bis sie, sobald die Hitze wieder erstarkt, in sich zusammenfallen und mit einer bekümmert und schwächelnd erscheinenden Pantomime ihren Abschied verkünden.

Der erste Walkman und seine Folgen

Als vor genau vierzig Jahren der Walkman auf den Markt kam, war ich sofort begeistert. Meine erste Fahrt mit dem neuen Gerät verlief auf einem Fahrrad von Köln aus. Ich fuhr in Domnähe los und immer weiter nach Süden, direkt am Rhein entlang. Manchmal machte ich Station, setzte mich irgendwo ins Grün und hörte Klaviermusik. Bach, Mozart, Schumann – meine Pausen dauerten jeweils etwa zwanzig Minuten, und ich genoss die Befreiung von all den Innenräumen und Wohnungen, in denen ich früher solche Stücke gehört hatte.

Die Schallplatte hatte einen vom Hören im Konzertsaal befreit, der Walkman befreite einen darüber hinaus von schweren Geräten, Lautsprechern und Elektroanschlüssen. Das mobile Hören mit Hilfe eines kleinen handlichen Geräts war genau das, was ich mir immer gewünscht hatte.

Ich fuhr bis Weiß und nahm die Personenfähre nach Zündorf. Später ging es auf der rechten Rheinseite wieder zurück. Ich hatte eine große musikalische Schleife hingelegt und sie mit lauter Musikstationen bestückt.

Der nächste Schritt bestand darin, weitere solcher Musikprogramme zusammenzustellen. Das Weiß-Zündorf-Programm war die Nummer 1, Wochen später gab es bereits beinahe fünfzig solcher Nummern, darunter das Wuppertaler Schwebebahn-Programm, das Kölner Dombesteigungsprogramm oder das Nippeser Brauhausprogramm. Überallhin begleitete mich nun Musik, die ich für die entsprechenden Orte und Räume eigens ausgewählt hatte.

So verdankte ich dem Walkman die Autonomie des Hörens und damit bald auch ein neues Leben als Aficionado von Klaviermusik jedweder Art.