Frühlingsmonolog

6.15 Uhr.

Ich werde den ganzen Tag im Freien verbringen, die Gärten aber nicht verlassen.

Ich werde unter dem großen Schirm sitzen und lesen.

Ich werde die blühenden Weißdornsträucher und die trunkene Mirabellenblüte im Blick haben und den Vormittag über reichlich Zitronensoda trinken.

Ich werde nicht telefonieren, wohl aber Nachrichten aus Venedig beantworten.

Ich werde mich in diesen Frühling verwandeln und bis in die Nacht den Geistern ein stilles Quartier bieten.

Aber Herr Ortheil …,

was ist denn das? So viele Bücher? Und alle in Postkisten?

Es sind Neuerscheinungen, die ich bestellt habe und die in letzter Zeit per Post gekommen sind. Zunächst lagere ich sie in gelben Postkisten, weil ich noch nicht weiß, wie ich mit jedem einzelnen Buch verfahren soll.

Und wie verfahren Sie dann?

Ich nehme sie mir vor, blättere, lese, mache mir Notizen – und entscheide, wohin das Buch kommt.

Wohin könnte es denn kommen?

Die einfachste Lösung: Ein Buch bekommt in einem Regal einen Platz und darf „überleben“ und „bleiben“ (für wie lange entscheide ich in regelmäßigen Abständen). Eine andere: Ich schenke es einer bestimmten Person, von der ich annehme, dass es sie interessiert. Die dritte: Ich leite es an eine Bibliothek weiter, die es in ihre Bestände aufnimmt. Auf jeden Fall beschäftige ich mich mit jedem Exemplar ausführlich, weil ich es ja gezielt bestellt habe. Viele der Bücher sind Material für diesen Blog, ich schreibe über sie oder denke über isolierte Passagen nach.

Diese Bestellungen wirken wie ein nicht abreißender Strom …

Ja, keine Flut, kein Bächlein, sondern ein geleitetes Strömen und Fließen, Tag und Nacht …

Anders hören

Eigentlich sollte ich jetzt in Frankfurt sein. Dann hätte ich eine Karte für das Projekt, das Marina Abramović gegenwärtig in der Alten Oper inszeniert. Alles läuft auf ein Konzert zu, das Ihre Gäste am kommenden Sonntag besuchen dürfen. Es wird fünfeinhalb Stunden dauern, und niemand ahnt, wie genau es verlaufen wird.

Mehrere Solisten und Ensembles werden erscheinen, und man wird ganz unterschiedliche Musik zu hören bekommen. Die Musikerinnen und Musiker werden sich frei bewegen und auf keinem Podium sitzen. Und die Zuhörerinnen und Zuhörer werden ebenfalls unterwegs sein und – je nach Impuls – in die verschiedensten Klangräume eintauchen.

Es geht also nicht um eines der üblichen Konzerte, in die ein Publikum von zu Hause aufbricht, um mal rasch etwas Musik zu tanken. Marina Abramović verlangt von ihren Gästen viel mehr. Sie sollen vor dem Sonntagskonzert zweimal zu einem jeweils dreieinhalbstündigen Training erscheinen. Mobiltelefone und Uhren sollen vor Beginn dieser Trainingseinheiten ebenso abgegeben werden wie vor dem sonntäglichen Konzert.

Das Training besteht aus Übungen, die der Abramović-Methode folgen. Sie dienen gesteigerter Konzentration, innerer Teilhabe am „Hier und Jetzt“, Versenkung in Stille und Wahrnehmung kleinster visueller oder akustischer Reize (in stark verlangsamter Form). „Um wirklich Musik zu hören“, sagt Marina Abramović, „muss man mit allen seinen Sinnen dabei sein. Aber unser Leben ist schwierig und hektisch, und wenn wir in ein Konzert gehen, nehmen wir all diese Last mit. Deswegen dachte ich mir, dass es wichtig ist, eine Methode zu entwickeln, mit der man sich auf das Hören vorbereitet.“ (Weitere Informationen im Programm der Alten Oper Frankfurt)

Ich sollte unbedingt in Frankfurt sein. Mein halbes Leben habe ich darüber nachgedacht, wie man „Konzerte“ anders inszenieren könnte als in der klassischen Form. Und fast zwei Jahrzehnte habe ich die Performances und Auftritte von Marina Abramović bis in die kleinsten Details studiert (der Roman Liebesnähe übersetzt ihre „Methode“ in die Erfahrungsbahnen einer sich entwickelnden Liebesbeziehung …).

Sollte eine Leserin oder ein Leser dieses Blogs an dem Projekt Anders hören teilnehmen, wäre ich für eine Rückmeldung mit Erfahrungsbericht sehr dankbar.

Literarischer Frühling 3

Heute ab 18.45 Uhr bin ich im WDR Fernsehen in der Aktuellen Stunde (und später jederzeit in der Mediathek) zu sehen! Das Filmteam hat mich in mein früheres Elternhaus im Kölner Norden begleitet – in den alten Hinterhof und die noch älteren großen Keller des Miethauses, in dem ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe.

Im Keller war ich zum ersten Mal seit über fünfzig Jahren. Er ist kaum wiederzuerkennen, denn heute wirkt er hell und freundlich und dient als großes Atelier für zwei Fotografen. Und dennoch: Ich hatte die alten, nur scheinbar vergangenen Szenen sofort wieder vor Augen: Wie ich als junger Mann in diesen Kellerräumen unzählige Stunden Klavier geübt habe (um die Nachbarn nicht zu stören), wie ich dort einem guten Freund den Solopart von Schumanns Klavierkonzert vorgespielt habe, wie ich … –

und plötzlich war die Idee da: Sollte ich nicht in diesen großen Kellern einmal eine Lesung veranstalten? Geht das? Kann ich das? Im Herbst könnte es dazu kommen. Vorerst aber lese ich in Köln erstmal am 29. März im Rahmen der Lit.Cologne (moderiert von Denis Scheck) aus Die Mittelmeerreise.

Literarischer Frühling 2

Ich beginne mit meinen Frühlingslisten – und zwar (wie gestern angekündigt) so, dass ich einige erste Titel nenne, die ich auf jeden Fall lesen oder zumindest anlesen werde. Dabei werde ich begründen, warum ich ausgerechnet diese Titel ausgewählt habe. Erkennbar werden sollte die „schriftstellerische Auswahlperspektive“: sie verbindet die Neuerscheinung mit eigenen Interessen und Themen.

  1. Über kein Buch wird in meinem Freundeskreis gegenwärtig so viel gesprochen wie über Kenah Cusanits Roman Babel (Carl Hanser Verlag). Erzählt wird die Geschichte des deutschen Ärchäologen Robert Koldewey, der sich noch vor dem Ersten Weltkrieg an die Arbeit macht, das alte Babylon auszugraben. Babel ist also ein historischer Roman, der die Figur des kauzigen Ausgräbers in den Mittelpunkt stellt.

Ich habe eine Schwäche für historische Romane (und selbst bereits drei geschrieben). An Kenah Cusanits Buch interessiert mich, wie sie mit den Mitteln der Gattung umgeht. Erzählt sie von heute aus, oder bleibt sie in der Vergangenheit, dicht an der Figur? Und wie implantiert sie das reiche historische Wissen (über Babylon, Archäologie oder Zeitgeschichte), das sie sich vor dem Schreiben angeeignet hat?

  1. Der Roman La place von Annie Ernaux ist bereits 1984 in Frankreich erschienen. Jetzt hat Suhrkamp die deutsche Übersetzung veröffentlicht. Ernaux erzählt in ihm die Geschichte ihres Vaters, der lange Zeit Landwirt und später ein Lebensmittelhändler in der Normandie war. Einerseits wird die Lebensgeschichte dieses Mannes bis zu seinem Todesjahr (1967) skizziert, andererseits aber auch mit einem Blick von außen untersucht: Was „bedeutet“ es für die Tochter, an der Seite dieses Vaters aufzuwachsen? Wie entwickelt sich ihre Beziehung, als sie selbst auf eine höhere Schule geht und den gesellschaftlichen Aufstieg sucht?

Mein Vater war auch für mich eine zentrale Gestalt meines Lebens. Gleich mehrfach habe ich von ihm erzählt. Auch er kam aus einer Bauernfamilie und studierte als einziges von elf Kindern an einer deutschen Universität. Habe ich mir diesen Sprung je bewusstgemacht? Warum habe ich ausführlich von ihm erzählt, ihn aber nie als „soziale Figur“ gesehen und porträtiert? Ich werde das schmale Buch von Annie Ernaux lesen, um diese Fragen (auf dem Umweg über die Lektüre, für mich) zu beantworten.

  1. Michel Serres ist einer meiner französischen Lieblingsautoren. Seine großen Studien über den Parasiten oder die Geschichte der fünf Sinne habe ich mit Begeisterung gelesen. Bald wird er neunzig Jahre alt und hat ein Buch geschrieben, das auf den ersten Blick in das Genre der „Weisheitslehren“ gehört. In Form solcher Lehren haben sich (seit frühster Zeit, seit den Tagen des Alten Ägypten) Männer in hohem Alter an ihre viel jüngeren Nachkommen gewandt, um ihnen die grundlegenden Einsichten ihres Lebens zu vermitteln. Auch Serres spricht zur Jugend, aber er tut es nicht aus der Distanz oder von oben herab. In Was genau war früher besser? (Edition Suhrkamp) will er in Form eines „optimistischen Wutanfalls“ alten Vorurteilen begegnen. War früher wirklich alles besser? Und welchen Fantasien sitzt man auf, wenn man so etwas behauptet?

Ich mag wütende Männer in hohem Alter – schon deshalb, weil ich wahrscheinlich nie einer sein werde, in späteren Jahren aber vielleicht gerne einer sein würde. Wut, Zorn, Rage – bisher habe ich das nicht drauf. Da könnte die Serres-Lektüre helfen, die Emotionen zumindest einmal kurzfristig zum Kochen zu bringen. Mal sehen, ob sie mich ansteckt …

Literarischer Frühling

Am Wochenende hat mit dem Erscheinen vieler Literaturbeilagen der „Literarische Frühling“ begonnen. Von Tag zu Tag wird es sonniger und wärmer werden, so dass sich Bücher endlich auch wieder im Freien lesen lassen. Dienstag/Mittwoch wird in Köln das größte deutsche Lesefestival (Lit.Cologne) beginnen – und am Donnerstag in Leipzig die Frühjahrsbuchmesse. Etwa zwei Wochen lang wird auf allen Kanälen von neuen Büchern gesprochen werden.

Ich werde meine Frühlingsleselisten zusammenstellen und schon bald die ersten Empfehlungen in diesem Blog veröffentlichen. Vorsicht aber: Schriftsteller lesen anders als Literaturkritiker! Sie suchen nach den geheimen Verbindungen zwischen Neuerscheinungen und Themen, die sie selbst beschäftigen. Und sie lesen Bücher selten ganz – und auch nicht immer von vorne nach hinten. Blätternd, stöbernd schlachten sie ein Buch aus, entnehmen ihm etwas Honig oder auch festere Nahrung und machen sich dazu die seltsamsten, meist sehr privaten Gedanken (ich werde Beispiele bringen).

Und sonst noch?! Narzissen, Forsythien, Mirabellenblüten – ins braune Grau werden zu Beginn des „Literarischen Frühlings“ die ersten starken Farben eingezogen. Joseph Haydn hat solche Farbvorgänge (meist in drei Sätzen) komponiert. Und Ivo Pogorelich hat sie gespielt (Joseph Haydn: Piano Sonatas 19 & 46).

Erster Frühling – ein Entwurf

Erster Frühling

So, jetzt wandern Stühle und Liegen mit blauen Polstern nach draußen –

und der Sonnenschirm dehnt sich wieder dem Himmel entgegen.

Die Forsythiensträucher blitzen grell an den Zäunen,

und im Wiesengrün erstehen bunte Gelage von Primeln.

Sonnig ist es und windstill,

die Böen und Orkane flohen hinter die Berge.

Stefan George schleicht durch das Gras

und bittet mit einer kaum merklichen Geste

aus der Ferne hinauf zu den japanischen Gärten und Meistern.

Im Friseursalon

(Heute auch als Kolumne im Kölner Stadt-Anzeiger, S.4)

Alle zwei Monate lässt Justus sich die Haare schneiden. Aus Gewohnheit geht er immer in denselben Friseursalon, wo ihn Matti erwartet. „Vorne kurz, hinten länger, wie letztes Mal“, sagt Justus leise und kommt sich etwas altmodisch vor. Zu beiden Seiten studieren viel jüngere Kunden mit Hilfe von Tablets die gegoogelten „Frisuren männlich 2019“. Sie werden von Stylisten umkreist, die eine intensive Typberatung betreiben. Modisch angesagt sind längere Haare, auch dramatische Locken, die aber „undone“ getragen werden, „raspelkurze Seiten“ dagegen sind jetzt das Letzte.

Nach der Typberatung werden die neusten Zeitschriften verteilt. Die meisten Kunden lesen GQ oder Men´s Health, die mutigeren pflücken Modetrends auch aus den Frauenzeitschriften. Lektüren verlaufen laut, Bruchstücke werden in den Raum geschleudert und ziehen Gelächter oder kurze Kommentare nach sich.

Vor dem Schnitt müssen alle unters Wasser, Haare waschen, inklusive einer speziellen Kur. Das kann man auf einem Massagestuhl erleben, dessen röhrende Stangen sich massiv an den Rückenmuskeln entlangbewegen. Kurzes Atemholen, ein Gläschen Prosecco oder auch nur etwas Wasser. Justus mag nicht massiert werden, auch die Kopf- oder Handmassagen von wortarmen Azubis mit ausdrucksloser Mimik ignoriert er. Mit hochgezogenen Schultern versinkt er unter seinem weiten Poncho und blickt stur auf die Tageszeitung.

Die Gespräche kreisen um Neueröffnungen von Restaurants oder Bars, angesagte Drinks, Sport und Mode. Gesprochen wird im Stil des „Karlism“ und damit in jenem unnachahmlichen Idiom, das Karl Lagerfeld kreiert hat („I like everything to be washable, myself included.“) Knappe Pointen, gedämpfter Humor, alles soll leicht und selbstbewusst wirken, als berührte einen die Welt nicht besonders. Zwei Stunden verbringt Justus im Lagerfeld-Country, zahlt, schüttelt sich, verlässt den Salon und traut niemandem mehr über den Weg.

Der Suter-Komplex – eine Auswertung

Liebe Leserinnen und Leser, die schweren Stürme sind verrauscht, ich erkenne meinen Garten wieder. Heute habe ich noch einmal alle bisher eingegangenen Rückmeldungen hintereinander gelesen. Es sind jetzt über zweihundertfünfzig, die wahrhaftig einen gewaltigen Chor bilden.

Sein unüberhörbares, von ca. 99 Prozent aller Antworten auf meine Fragen geteiltes Leitmotiv ist: „Nichts/gar nichts/auf keinen Fall etwas am Blog ändern!“

Der Hintergrund dieses Leitmotivs sind die Ein- und Wertschätzungen, die dem Blog entgegengebracht werden. Er gilt nicht nur als informativ, abwechslungsreich und originell, sondern auch als sehr „persönlich“ und „authentisch“. Viele empfinden ihn als ein „offenes Gespräch“ mit den Leserinnen und Lesern und daher als Teil eines „Austauschs“ von Einsichten, Erfahrungen und Hinweisen.

Von diesen Bewertungen her ergibt sich geradezu zwangsläufig die Ablehnung einer Bezahlung. Sie würde den Charakter des Blogs elementar verändern, hin zu einem kommerziellen, bestimmten Regeln der Warenpräsentation gehorchenden Angebot. Außerdem würden solche Veränderungen jene Leserschichten ausschließen, die sich eine Bezahlung nicht leisten können oder wollen. Was nicht nur schade, sondern auch „fies“ wäre.

Ca. 80 Prozent der Rückmeldungen warnen mich vor Twitter und Instagram. „Bloß die Finger davon lassen! Bloß kein Trump-Niveau! Bloß nichts hurtig Hinausposauntes!“ Auch die Befürworter dieser Medien sind jedoch der Meinung, Einträge in diesen Medien auf keinen Fall als einen Ersatz des Blogs, wohl aber als seine Ergänzung zu verstehen. „Sie könnten vor allem junge Leser dadurch erreichen –  und zwar dann, wenn Sie Ihre Meldungen auf eine solche Zielgruppe (Tipps jeder Art) abstimmen!“

Fast alle Befürworter warnen gleichzeitig vor „täglichen Nachrichten“: „Das kostet Sie zu viel Zeit!“ Und fast alle legen mir nahe, auch auf unfreundliche Reaktionen gefasst zu sein („Legen Sie sich ein dickes Fell zu!“)

Soweit die Auswertung… – die mir in selten deutlicher Form klargemacht hat, wie sehr der Blog in der jetzigen Gestalt seine Aufgabe erfüllt: Den Kontakt mit meinen Leserinnen und Lesern auf nicht oberflächliche, sondern intensive Weise in der Form eines „offenen Austauschs“ über Themen und Motive meines Lebens/meiner Arbeit/unserer Gegenwart zu suchen. Diese Erfahrung lässt mich durchatmen: Natürlich wird es mit dem Blog so weitergehen wie bisher, solange ich bei jedem Eintrag selbst etwas von jener Freude empfinde, die er während der Lektüre bei den Leserinnen und Lesern auszulösen scheint.

Was Twitter und Instagram betrifft, so besteht der Grund meines (eventuellen) Interesses nicht darin, mich bekannter/berühmter/doller oder proller etc. zu machen. Nein, es geht um etwas ganz Anderes. Seit ich als Kind in der „Obhut“ meines Vaters (ich habe das in „Der Stift und das Papier“ beschrieben) Schritt für Schritt schreiben gelernt habe, habe ich eine große Freude an allen neuen Medien. So habe ich bereits als Kind kleine Gedichte, kurze Hörspiele, Reportagen über das Leben im Dorf, Charakterstudien anderer Menschen etcetc. geschrieben.

Auch später habe ich mich immer wieder (zumindest zeitweise) an neuen Gattungen versucht. Ich habe Drehbücher, Dramen, Hörspiele, ja sogar Opernlibretti geschrieben – und hinterher oft festgestellt, dass viele dieser „Experimente“ in meinen Augen gescheitert waren. Darauf kam es jedoch nicht an, wichtiger waren die Erfahrungen, die ich bei der Arbeit mit diesen für mich jeweils neuen Medien sammelte.

Genau so geht es mir momentan mit Twitter und Instagram. Diese Medien reizen mich, mit ihnen zu arbeiten – und das auf eine Weise, die mir selbst (und nicht den Forderungen der „User“) entspricht. Vom Ansatz und vom Gestus her habe ich sogar längst typische Twitter- und Instagram-Meldungen in meinen Blog eingeschleust.

In einem Eintrag vom 19.02.2019 melde ich kurz, dass mein Roman „Der Typ ist da“ als Taschenbuch erschienen ist. Das wäre normalerweise eine Twitter-Meldung. Und in einem Eintrag vom 08.02.2019 sitze ich (in selbstironischer Absicht) mitten in Venedig auf einem Säulenstumpf und notiere, was mir beim Anblick venezianischer Wäsche an uralten venezianischen Hausfassaden auffällt (nämlich, dass ich in der Tradition von John Ruskin unterwegs bin). Das nun wiederum wäre normalerweise eine Instagram-Meldung (der Autor ist selbst auf dem Foto und zeigt einen Weltausschnitt seiner Umgebung).

Momentan habe ich eine große Lust, das Schreiben in vielen Richtungen zu erweitern. Am liebsten würde ich selbst einen Film drehen, am liebsten würde ich mich an Langgedichten versuchen, am liebsten würde ich großformatige Collagen mit Bildmaterial zu einem bestimmten Tagesverlauf entwerfen usw. Dazu gehört die (bisher im Zaum gehaltene) Lust an Twitter und Instagram. Wäre es nicht einen Versuch wert, diesen Medien eine „eigene Sprache“ abzugewinnen? Die Sprache eines Mikroromans in vielen Fortsetzungen (Twitter)? Die Sprache eines Fotoromans in ebenso vielen Fortsetzungen (Instagram)? Natürlich geht so etwas nicht mit „täglichen Meldungen“, wohl aber mit persönlichen Nachrichten, die ich immer dann versenden würde, wenn es mich „juckt“/mir etwas „zustößt“/ich eine bestimmte „Musik spüre“.

Sie verstehen, liebe Leserinnen und Leser. Ich bin nicht öffentlichkeitsgeil, sondern ich freue mich auf Neues, Anderes, Weiteres, mehr nicht.

Vorläufig weiß ich aber genau, dass ich momentan nicht die Zeit für die neuen Medien habe. Ich lebe noch immer in Klausur, und der neue Roman, der im Herbst erscheinen wird, wächst und wächst. Er hat den Arbeitstitel „Der von den Löwen träumte“. Im Ernst.

Summa: Ich mache weiter mit meinen Blogeinträgen, so wie bisher. Natürlich verlange ich dafür kein Geld. Weiter nachdenken werde ich darüber, ob ich dann und wann „twittern“ oder „instagramen“ sollte. Speziell auch für junge Leser. Erzählend. In Romanform. Und nachdenken werde ich auch darüber, ob ich wirklich ein „dickes Fell“ besitze, um in den sozialen Medien eventuelle Ablehnung lächelnd hinzunehmen (ich glaube nicht).

Soweit. Nun bleibt mir nichts, als mich bei Ihnen ganz herzlich zu bedanken. Ich habe mich sehr über die vielen Reaktionen gefreut. Alle habe ich mehrmals und oft sehr berührt gelesen: Meine Herren – wer bin ich? Sie haben mir sehr geholfen und mir das Gefühl vermittelt, in einer großen Gemeinschaft gemeinsamer Erfahrungen und Themen zu leben. Was könnte es Schöneres geben?

Bitte sehen Sie mir nach, wenn ich nicht einzeln antworte. Sie wissen ja: Ich muss schreiben, schreiben, schreiben, es wird nie aufhören, ich versprech´s. Und jetzt geht es weiter, in der Gesellschaft dessen, der von den Löwen träumte…

 

Orkanböen

Vergangenen Freitag, 8. März 2019, veröffentlichte ich um 12.21 Uhr einen Blogeintrag, in dem ich meinen Leserinnen und Lesern neue Digital-Vorhaben meines Schweizer Kollegen Martin Suter erläuterte und ihnen dazu drei kurze Fragen stellte, mit der Bitte, sie nach Möglichkeit zu beantworten.

Etwa zwanzig Minuten später trafen die ersten Reaktionen per Mail bei mir ein. Am Himmel wurde es fast gleichzeitig dunkler, laut Wetterbericht war ein Sturm mit massiven Böen im Anmarsch, man konnte es ahnen, wenn man die Wolkenfelder ernst nahm, die am Horizont einen ersten kleinen Tanz hinlegten.

Gegen 18 Uhr abends hatte der Sturm sich orientiert und entwurzelte in meinem Garten erste Sträucher. Von den Leserinnen und Lesern waren bereits über fünfzig Rückmeldungen eingegangen. Die meisten riefen mir ein lautstarkes „Bitte nichts ändern!!“ zu, formulierten ihren Abscheu über Twitter und Instagram und baten mich eindringlich, in Zukunft auch ohne Sutersche Bezahlungsmanöver auszukommen.

Im Lauf des nächsten Vormittags trafen stündlich viele weitere Mails ein, mein Smartphone meldete sich alle paar Minuten mit einem subtilen Zittern, während der Sturm sich von anfänglichen Böen zu Orkanböen hin ausweitete. Ich wagte es nicht mehr, das Haus zu verlassen, morsche Äste naher Bäume klatschten wie Rutenhiebe auf das Dach, während die Schindel einer Gartenhütte munter davonflogen und in einer Hecke strandeten. Am Abend zählte ich einhundertzwanzig Rückmeldungen.

Dann der Sonntag. Mein Smartphone erlitt einen Vibrationskatarrh, leuchtete fast unaufhörlich und spielte Notmeldungen (wegen der Orkanböengefahren) ein. Die Reaktionen der Leserinnen und Leser hatten sich zu einem gewaltigen Chor Giuseppe-Verdischen Ausmaßes verdichtet. Nicht mehr „Bitte nichts ändern!!“ war der Refrain, sondern „Auf keinen Fall etwas ändern!!“ Ein altersmüder Apfelbaum erlitt eine schwere Fraktur, die Windböen zogen pfeifend und drohend ums Haus, ich ging in meinem Arbeitszimmer auf und ab und studierte die nicht aufhörende Maildichte. Über zweihundertzwanzig Rückmeldungen waren es am Abend.

Heute, liebe Leserinnen und Leser, bin ich mit Aufräumen in Haus und Garten beschäftigt. Morgen werde ich Ihre Mails mit den vielen interessanten Anregungen auswerten und Ihnen bald darauf die wichtigsten Erkenntnisse mitteilen.

Seien Sie bis dahin unbesorgt. Die Orkanböen dieses Wochenendes haben mir den Weg gewiesen. Natürlich erhebe ich keine Gebühren, natürlich meide ich Twitter und Instagram, und natürlich bleibe ich der, der ich immer war, bin und sein werde. Halleluja.