Winterlinge

Jedes Jahr gehören sie zu den ersten. Kaum, dass die Sonne etwas kräftiger scheint, öffnen sich ihre gelben Blüten. Von einem Kranz grüner Lamellen gestützt, lassen sie sich bestrahlen und schließen sich wieder am Abend. Dann verharren sie als sonnengefütterte, kleine Ballons an der Spitze der blattlosen Stängel und schaukeln später im nächtlichen Wind.

Dicht nebeneinander geboren, erscheinen Winterlinge wie muntere Scharen von Geschwistern, die einander sehr ähneln, keine Sonderwünsche einklagen und, falls gewünscht, auch bereit sind, als Chor aufzutreten. Dirigenten aber vertragen sie nicht und auch keine Begleitung. Sie singen unisono, bescheiden, aber gut zu verstehen. Plattenverträge lehnen sie Jahr für Jahr ab.

Vorfrühling

Clara, Maria, Sophia – was sie alle nur wollen?! Dio, an einem Vorfrühlingstag wie heute bin ich vorläufig für keine von ihnen da. Ich genieße die Sonne, meine neue Brille, das weiße Hemd, den leichten Anzug. Noch immer bin ich ein hübscher Junge, da kann man nichts sagen, und noch immer bin ich ein Junge mit vielen teuflischen und brillanten Ideen. Verabredet bin ich später (mit Caterina? Oder…?! Verdammt, ich hab’s vergessen, macht aber nichts, zumindest den Ort habe ich im Kopf, was ja auch reicht…). Jetzt aber werden erst einmal die Schuhsohlen mit Sonnenmilch einbalsamiert, so, wie ich es liebe…

Am Tag nach dem Valentinstag

Marcello, Sophia ist am Apparat! Sie tobt! Marcello, was hast Du getan, gestern Abend?! Warst Du mit Maria unterwegs? Und später sogar noch mit Carla? Wie kannst Du Sophia das antun? Am Mittag hast Du ihr noch das Valentinslied gesungen! Es gab frische Artischocken, die ich so mag! Marcello, Du hast Sophia verraten…

Der Valentinsmonolog

Sophia, nun stell Dich nicht an! Ich habe bei Onkel Roberto das halbe Lokal reserviert! Du sitzt neben mir, in der Mitte! Du bist die Königin, und ich singe Dir zu Ehren das Valentinslied! Nein, Maria ist nicht eingeladen, wo denkst Du hin? Nein, Carla natürlich auch nicht! Sophia, Du bist die Einzige, immer warst Du es, die einzigste Einzige! Was soll ich noch sagen?! Du machst mich verrückt, Sophia! Jetzt verdreh nicht die Augen! Tu es nicht, ich sehe, wie Du die Augen verdrehst! Es wird alles gut, am Mittag, ja, an unserem Mittag, Sophia! Bei Onkel Roberto!

Das schöne Altern des Archivs

(Heute auch als Kolumne im Kölner Stadt-Anzeiger, S.4)

Mein Patenkind (weiblich, 13 Jahre) hat mich nach Hause eingeladen, damit ich sein aufgeräumtes Zimmer bewundere. Seit einiger Zeit schaut es eine Netflix-Serie, in der Marie Kondo, eine japanische Meisterin der Raumentleerung, das Sagen hat. Die Folgen spielen in den USA und exerzieren jeweils ein einfaches Drama durch: Marie Kondo betritt eine Wohnung, schaut in jede Ritze und empfiehlt den Bewohnern, alles zu entfernen, was „keine Freude macht“.

Die Empfehlung ist hart. Einige Klienten klammern sich an alte Stofftiere, die nicht mehr so richtig als Freudenspender taugen, andere werfen prüfende Blicke auf ihren Partner, ob der denn noch… Alles Überflüssige muss raus, ist die Devise von Frau Kondo, deren geheimes Leitbild kleine Wohnräume auf altjapanischen Bildrollen sind. Nur wenige Gegenstände waren in diesen Räumen erlaubt, man saß meist auf dem Boden und reichte sich Tee, und die Unterhaltung verlief über Haikus, die als lyrisches Genre der spirituelle Gipfel des „Aufräumens“ sind.

Ich gebe zu, dass ich mich an den Anblick des Patenkindzimmers nur schwer gewöhnen kann. Früher lagen dort die gerade gelesenen Bücher und Zeitschriften herum, es roch nach interessanten Teesorten und allerhand Verbotenem. Mein Patenkind spricht vom „Glück“, das Aufräumen mache, vom Gefühl der Befreiung und von der Vision eines einfachen Daseins. Die Zahl seiner Facebook-Freunde hat es gleich mit reduziert, und seit neustem wird eine ganze Woche dieselbe Kleidung getragen, einschließlich Frisur und Makeup.

Als Anhänger des Archivierens hänge ich jedoch an der allmählichen Vermehrung der Gegenstände um mich herum. Ich kann ihr Altern durchaus genießen, und ich hole sie manchmal hervor, um mit ihrer Hilfe die Vergangenheit zu beleben. Mein Patenkind hält das für „falsche Nostalgie“. „Du solltest lernen, Dich von allem zu trennen, das Staub ansetzt“, sagt es ernst, und ich denke darüber auf dem Nachhauseweg nach. Ich werde neue Putzmittel kaufen, einen Extrem-Putztag von vielen Stunden einrichten und die alten Ladenhüter in meinen Zimmern abstauben und auf Hochglanz polieren. Das ist die Lösung! sage ich mir und entwerfe im Kopf gleich eine neue Netflix-Serie: Archivieren präsentieren!

John Ruskin folgen

Heute vor zweihundert Jahren wurde der große John Ruskin (1819-1900) geboren. Niemand hat Venedig genauer gesehen, gezeichnet, beschrieben. Seit vielen Jahren folge ich ihm, indem ich sein Meisterwerk The Stones of Venice (Die Steine von Venedig. Neu komponiert von Catharina Berents und Wolfgang Kemp. Corso 2016) mit meinen bescheidenen  Mitteln fortsetze…

 

Salingers Nachlass

Wie oft habe ich bisher J.D.Salingers Roman Der Fänger im Roggen gelesen? Er ist in meinem Geburtsjahr (1951) erschienen, doch er ist noch heute vollkommen frisch und gegenwartsnah. In meinem Buch Die Mittelmeerreise (2018) spielt er eine versteckte, bedeutende Rolle, ist doch der Ich-Erzähler von Salingers Roman genauso alt wie der junge Erzähler in meinem (der auf diese Altersgleichheit und ihre Folgen mehrfach anspielt).

Außer dem Fänger im Roggen habe ich auch alle weiteren Veröffentlichungen Salingers zu seinen Lebzeiten gelesen. Ich war süchtig nach seinen Figuren und nach der merkwürdigen Feierlichkeit, mit der sie aus kleinen Alltagsmomenten starke Augenblicke machten. Die letzte, von Salinger veröffentlichte Erzählung erschien 1965, danach zog er sich zurück.

Von Salingers Sohn Matt ist nun zu erfahren, dass sein Vater bis zu seinem Tod im Jahr 2010 kontinuierlich weitergeschrieben habe. Es gab also anscheinend ein fast vierzigjähriges Schreiben, das der Öffentlichkeit vorenthalten wurde, durchaus aber für einen späteren Druck bestimmt war.

Vergleichbares kenne ich nicht. Die Isolation hatte in Salingers Fall wohl den Sinn, das Schreiben gegenüber allen möglichen Einmischungen „pur“ und ungestört zu erhalten. Von außen sollte nichts in den geschlossenen Kosmos des Hauses eingreifen, in dem Salinger, abgeschottet von der Umwelt, seine letzten Jahrzehnte verbrachte. Jede Teilhabe an seinen Texten (etwa durch Kommentar und Kritik) war daher ausgeschlossen. Das Schreiben blieb so ganz „bei sich“, reiner Impuls des Selbst.

Von heute (und damit vom digitalen Zeitalter) aus betrachtet, erscheint eine solche Entscheidung wie eine Provokation. Angesagt ist nämlich jetzt, dass Autorinnen und Autoren unendlich viele Stimmen und Reaktionen auf einen Text einholen, der gerade im Entstehen ist. Im schlimmsten Fall trägt das dazu bei, dass solche „Vorlektorate“ zu ungewollten Selbstblockaden der Schreibenden führen. Genau das wollte Salinger vermeiden. Er schrieb und schrieb in seinen letzten fast vierzig Jahren ohne „Gutachter“, um einer späteren Leserschaft jene Texte anvertrauen zu können, denen er alle Kommentare zu Lebzeiten erspart hatte.

Matt kümmert sich nun zusammen mit Salingers Witwe um die Veröffentlichung des gesamten Nachlasses. Bald sollen die ersten Texte erscheinen…

Die Seitenflügel der Klausur

Während einer länger anhaltenden Klausur stauen sich von Tag zu Tag die Hinweise auf Bücher, Musik, Filme und andere Daseinsdetails, denen ich aus Zeitmangel nicht nachgehen und folgen kann. Die kurzen Aufzeichnungen halten höchstens noch die Fakten und Benennungen einer Lese- und Lebenslust fest, die inzwischen in der täglichen Arbeit am „großen Text“ ihren einzigen Gegenstand gefunden hat. Die Klausur beschneidet die Seitenflügel der Energien rigoros und lässt sie (vorerst!) in die zentrale Energie münden.

Klavierstunde 1

Wer in einen pianistischen Konzertabend geht, erlebt ihn vor allem als Hörer oder Zuhörer. Die Wahrnehmung ortet den Klangcharakter, den damit verbundenen jeweiligen „Ausdruck“ der einzelnen Phrasen und die sich im Klangverlauf entwickelnde „Folge geweckter Emotionen“.

Die wenigsten Hörer oder Zuhörer aber sehen einen Pianisten spielen. Wer das tut, nimmt die Physis des Spielens wahr, die körperliche Aktion, die Zusammenarbeit ganz unterschiedlicher Kräfte, die ein akzentuiertes Spiel erst ermöglichen.

Deshalb lade ich zu einer kurzen Klavierstunde ein, indem ich Vladimir Horowitz dabei beobachte, wie er während seines Wiener Klavierabends im Jahr 1987 das Impromptu Nr. 3 in ges-dur von Franz Schubert spielt (auf Youtube leicht zu finden).

Erstaunlicherweise liegen beide Hände nebeneinander sehr flach auf den Tasten, die Finger nicht gekrümmt, sondern so weit wie möglich gestreckt. Der Anschlag erfolgt über den vordersten Teil der Fingerspitzen, die so wenig Aufwand wie möglich betreiben. Sie touchieren die Tasten und bewegen sich fast unmerklich in ihre Ausgangsstellung zurück. Die Unterarme auf gleicher Höhe wie die Hände und Finger – diese Dreiheit ergibt eine Linie der Reduktion, die sich von den Armen über die Hände bis zu den Fingern verfolgen lässt.

Das aufrechte Sitzen des Rumpfs folgt dieser Erstarrung. Er bewegt sich in keinem Moment, selbst das Mienenspiel des Gesichts ist fast nicht vorhanden. Schuberts Impromptu wird auf diese Weise weniger gespielt, inszeniert oder vorgetragen, sondern: Die Musik kommt Takt für Takt zum Erscheinen, wie von selbst, als spielte der Flügel und habe den Spielenden verhext oder in Trance versetzt.

Kein anderer Pianist hat je so medial dieses Impromptu von Schubert gespielt und dadurch erkennen lassen, welche Musik Schubert da eigentlich komponiert hat: Die eines Abwesenden, Einsamen, der nichts so scheut wie die direkte Berührung, den Eifer, die Teilhabe an den lauten Liedern der Welt.

Entzug könnte man die Physis dieser Jahrhunderteinspielung nennen. Eine fast körperlose Statuarik begleitet eine Psychologie des Alleinseins.

 

 

Romanarbeit 2 – Zweite Arbeitsphase

Die erste, sich über einen langen Zeitraum hinziehende Arbeitsphase des Material- und Ideensammelns für einen Roman schlägt sich in vielen Notiz- und Skizzenbüchern nieder. Im idealen Fall präpariert sie einige Figuren, eine (zumindest geahnte) Handlung/Geschichte, einen Raum sowie einen zeitlichen Verlauf.

Erscheinen mir Figuren und Räume einigermaßen präsent, gehe ich auf Reisen. Ich fahre genau dorthin, wo der Roman spielt. Fast immer handelt es sich dabei um Orte und Räume, die ich bereits seit langem gut kenne und in denen ich mich schon viele Male aufgehalten habe. Kennenlernen muss ich sie also nicht mehr, nein, es geht um etwas Anderes: Ich erlebe sie von neuem, aber nicht mit eigenen Augen, sondern mit denen meiner Romanfiguren.

Diese Metamorphose geht oft soweit, dass ich mich ähnlich kleide und verhalte wie sie. Ich lege sogar Notizbücher an, in die ich nicht mehr notiere, was mir selbst so alles auffällt, sondern ausschließlich das, was einer bestimmten Romanfigur auffallen könnte. So übernehme ich Romanidentitäten, die ich manchmal sogar im Alltag durchspiele. (Ich gebe mir den Namen einer Figur, ich übernehme ihre Biografie.)

Ich vermute, dass nicht viele Romanautoren so vorgehen und ich mit dem seltsamen Spleen, die Fiktion in der Wirklichkeit zu testen, ziemlich allein dastehe. Manchmal ereilt mich in solchen Zeiten die Versuchung, meine Verwandlung in eine Romanfigur selbst zum Inhalt eines Romans zu machen. (Schriftsteller O reist nach X und bezieht unter falschem Namen – dem einer seiner Romanfiguren – ein Zimmer in einem Hotel… usw.) Soweit ist es bisher aber noch nicht gekommen.

Die Metamorphose hat auch weniger den Sinn, die Handlung/Geschichte zu profilieren als vielmehr die, Räume und Orte mit fremdem, neugierigem Auge anders und neu zu erleben. Ich lasse mich fallen, ich trenne mich von meinem codierten Blick, ich gebe mich der Sinnlichkeit und den Atmosphären um mich herum in der größtmöglichen Freiheit hin.