Mein literarischer Herbst 1

Liebe Leserinnen und Leser, mein Literarischer Herbst 2019 startet mit einer Besonderheit: Am Sonntag, den 13. Oktober 2019, 16.30 Uhr, eröffne ich in meinem westerwäldischen Heimatort Wissen/Sieg (Mittelstraße 16) die „Sala Ortheil“, einen Ausstellungsraum mit Dokumenten aus einem großen Archiv.

Anschließend (18 Uhr) lese ich im „Kulturwerk Wissen“ (direkt am Bahnhof gelegen) aus meinem aus diesem Anlass erscheinenden neuen Buch „Im Westerwald“ (Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung Mainz).

Zu beiden Veranstaltungen lade ich Sie herzlich ein. Bis zum 15. September nehme ich nun noch eine kleine Auszeit (ohne Internet), um Herbstpower zu tanken. Danach geht es weiter mit diesem Blog …

Frischer Schwung im frühen Herbst

(Heute auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S.4)

Jeder Herbst bringt die zeittypischen Moden und Trends eines Jahres auf den Punkt. Was sich in seinem Verlauf ankündigte und abzeichnete, wird auf Fashionweeks, Festivals, Messen und Ausstellungen geerntet, bestimmt und sortiert.

Unsere Freundinnen mit Sinn für die neuste Mode tragen zum Beispiel jetzt schwarze Schnürstiefel, und unsere Jazz-Freunde hören Martin Tingvalls herbstliches Klavieralbum The Rocket (mit Nummern wie Floating und Dark Matter). Das Herbst-Buch für alle Generationen wiederum besteht aus langen Dialogen zwischen älteren und jüngeren Paaren (Sally Rooney: Gespräche mit Freunden), und das eindringlichste Buch des Herbstes ist ein sowohl literarisches als auch philosophisches und heißt Du bist die Aufgabe.

Es ist von Franz Kafka und enthält lauter Ideen und Aphorismen aus den Herbst- und Wintermonaten 1917/18, in denen er sich zu seiner Schwester aufs Land ins böhmische Zürau zurückgezogen hatte. Reiner Stach hat diese oft altasiatisch anmutenden Gedankengänge („Wie ein Weg im Herbst: kaum ist er rein gekehrt, bedeckt er sich wieder mit trockenen Blättern.“) kommentiert, und wir lesen plötzlich einen Kafka von heute, als lebte dieser asketische Weise noch und säße bei uns, unter herbstlichen Kastanienbäumen, leise murmelnd und gedankenschwer.

Viele unserer Freunde können sich von ihren Urlaubserinnerungen schlecht trennen, was zu einem gewissen Alkoholkonsum führt. Aus fernen Ländern haben einige den Autumn Reviver mitgebracht, einen Drink, der vor allem aus Gin, Zitronensaft, Ingwer Sirup und Orangenlikör besteht. Man nippt kurz vor dem Abendessen daran, viele trendbewusste Esser lassen darauf vegetarische Mahlzeiten folgen. Alle nur möglichen Pilzsorten (Pfifferlinge, Steinpilze) stehen an erster Stelle, und es gibt Zwiebelkuchen im knusprigen Pizza-Modus, aus Vollkornmehl und Rapsöl, mit Thymian bestreut.

Eine herbstliche Ausstellung par excellence startet im Bonner Kunstmuseum (und vielen weiteren Museen) und bringt unter dem Stichwort Jetzt! junge Malerei in Deutschland. Die dort ausgestellten 53 Künstlerinnen und Künstler sind alle nach 1970 geboren, und ihre Werke ergeben ein aussagekräftiges Panorama bildnerischer Ästhetik der Gegenwart.

Junger Herbst – das bedeutet: frischen Schwung, kosten, probieren, erkunden, den neuen Impulsen folgen und lustvoll festhalten, wie und woran der Zeitgeist arbeitet und denkt.

Früher Herbst 2 – Stuttgarter Geißwirtle

Die kleinen, festen, tropfenförmigen Birnen des Frühherbstes, die im Raum um Stuttgart zuerst um 1750 angeblich von Ziegenhirten gefunden wurden, sind eine wahre Delikatesse. Sie schmecken wie süße Fruchtkonzentrate mit saftigem Zimtnachgeschmack. Das verleiht ihnen einen starken Purismus, der jede Begleitung durch andere Speisen oder Getränke ausschließt. Die Geißwirtle sind vielmehr Raritäten, die höchstens junge Trauben neben sich dulden. Wohl dem, der beides in seinen Gärten vorfindet, der frühe Herbst hat in diesen raren Angeboten seine ganz und gar passenden Speisen gefunden!

Mein Lebensbuch dieses Herbstes

Was ist das: ein „Lebensbuch“? „Lebensbücher“ sind Bücher, die ich einige Wochen mit mir herumtrage. Es sind Taschenbücher, in denen ich etwas anstreiche, an deren Seitenrändern ich eine Textstelle kommentiere und auf deren leere Partien ich tagebuchartige Aufzeichnungen unterbringe.

Aus einem gedruckten Buch entsteht ein „Lebensbuch“, indem ich den gedruckten Text gleichsam in mein Leben tauche und Spuren dieses Lebens in ihm hinterlasse. Das heißt: Ich lasse mich durch ein solches Buch animieren, leiten, anregen und schreibe hinein, was an neuen Texten dadurch entsteht.

„Lebensbücher“ sind Bücher, die ich sehr mag und in denen ich täglich, immer wieder, zu den verschiedensten Tageszeiten, lese. Es sind Bücher, die ich nie „auslesen“ werde, weil sie zu jeder Zeit Neues und Stimulierendes anbieten. Sie kommen mir vor wie „für mich geschrieben“, als wären die jeweilige Autorin oder der jeweilige Autor mit mir verwandt.

Mein Lebensbuch dieses Herbstes ist von Roland Barthes und hat den Titel Über mich selbst. Ich kenne dieses Buch schon seit Jahrzehnten, jetzt liegt es endlich auch als Taschenbuch bei Matthes & Seitz vor. Dadurch hat es nun genau das richtige Format, den richtigen Druck, das richtige Papier – ich könnte es geradezu verschlingen. Aber nicht doch: Ich soll es nicht verschlingen, sondern „füllen“ und um meinen Beitrag verdoppeln.

Früher Herbst 1

Die ersten Farben, Klänge und Düfte des Herbstes sind da! Auf den Märkten leuchten die Sonnenblumen, und die violetten, kreisrunden, flockigen Blüten der Artischocken ziehen die Blicke an. Daneben liegen die schweren Kürbisskolosse, die auf ihre Verarbeitung als orangefarbene Suppe warten, während wir neben die Wildragouts glänzendes Kastanienpüree platzieren.

Starke, exotisch wirkende Farben nehmen rasch zu, und wir wittern den Rauch verbrannter Äste im früher werdenden Dunkel des Abends. Ein strenger Erd- und Waldgeruch setzt sich durch, und trockene Blätterscharen mit matten Brauntönen werden von letzten, tiefsitzenden Sonnenstrahlen bestäubt, die in den Altweißregionen der Trockenmauern langsam verblassen.

Es ist die Zeit der Impromptus und Moments musicaux Franz Schuberts – Grigorij Sokolov spielt sie für uns in den Nächten, und wir sitzen und hören sie draußen im Freien und spüren den frühen Herbst nun allüberall.

Morgens um vier

Von Amélie Nothomb habe ich bisher noch kein einziges Buch gelesen. In letzter Zeit bin ich aber auf einige ihrer Interviews gestoßen, die mich interessieren, weil sie von den Ritualen ihres Schreibens gesprochen hat.

Jeden Morgen steht sie gegen vier Uhr auf und trinkt danach einen halben Liter „zu starken schwarzen Tee“. Dann arbeitet sie (mit einem schlichten Bic-Kugelschreiber) an einem Roman, „vier Stunden lang, ohne Unterbrechung“. Wenn andere Menschen aufstehen, hat sie ihr „Tagwerk“ getan und verschwindet später in ihr Verlagshaus, um Leserpost zu beantworten. Sie behauptet, ein „zu 100 Prozent analoger Mensch“ zu sein. Kein Handy, kein Internet. Abends, gegen 18 Uhr, leert sie alle zwei Tage mit einem Freund eine Flasche Champagner.

Solche überdreht wirkenden Informationen haben mich neugierig gemacht. Auch ich bin ein Frühaufsteher – eine Aufstehzeit um vier Uhr morgens wäre mir aber zu früh. Danach etwas Starkes zu trinken, könnte ich mir ebenfalls vorstellen, schwarzer Tee käme aber nicht in Frage. Mehrere Stunden am Stück hintereinander mit der Hand zu schreiben – das ist auch mein Verfahren am weiteren Morgen. Ein „zu 100 Prozent analoger Mensch“ bin ich dagegen nicht, bemühe mich aber, den Einfluss der digitalen Welten auf mein Leben so gering wie möglich zu halten.

Bleibt der abendliche Champagner. Statt Champagner trinke ich Wein, nichts Besonderes, sondern einen guten aus der jeweils nahen Region.

Die Arbeitsrituale von Madame Nothomb und meine eigenen überschneiden sich also hier und da in auffälliger Weise. Was zur Folge hat, dass ich auf ihre Romane neugierig geworden bin. Womit soll ich anfangen? Ich habe mich für Die Kunst, Champagner zu trinken (Diogenes Verlag) entschieden. Mal sehen, wie verführbar ich bin …

Eidechsen

Auf der Terrasse unter dem großen Sonnensegel besucht mich an diesen heißen Tagen oft eine Eidechse. Sie ist urplötzlich da und besetzt immer denselben Ort: Einen Mauervorsprung, auf dem die Sonne besonders stechend verweilt. Wie erstarrt krallt sie sich in das Licht und regt sich nicht. Wenn ich sie länger betrachte, werde ich immer ruhiger. Schließlich sind wir einander sehr nahe in unserem Stieren und Schauen und in der Lust, uns die Wärme ganz einzuverleiben.

Mir gefallen ihr langer, spitz zulaufender Schwanz, ihr grünbraunes Schuppenkorsett und ihre wachsam erscheinenden Augen. Sie ist eine Einzelgängerin, da könnte ich wetten. So behält sie ihr Leben für sich, samt der Beute und der raren Entdeckungen in den Zonen des Lichts. Sonnengesänge könnte sie dichten, während ihre Beobachter sie in ein Haiku verwandeln. Bereits von Natur aus ist sie nämlich eine Haiku-Erscheinung, eine Kreatur abgemessener Silben und dreizeiliger Takte.

„Ich wüsste gern mehr über Dich“, dachte ich gestern, als ich den Nachmittag mit ihr erlebte. Und als hätte sie meine geheimsten Gedanken erraten, brachte am frühen Abend jemand ein Buch vorbei. Darin hatte Joachim Sartorius in einem Naturkunden-Band von Matthes & Seitz Eidechsen der verschiedensten Arten porträtiert. Ich schlug den Band auf und las den ersten Satz: „Meine Kindheit in Tunesien war eine Eidechsenkindheit …“

Ich las den schönen Satz mehrmals und langsam, setzte ebenfalls an und fuhr fort: „Meine Kindheit im Westerwald war eine Eidechsenkindheit. Ich machte ihre Bekanntschaft an den Sandhaufen rings um die große Baugrube im Wald, in der das Haus meiner Eltern entstand. Wie entfesselte Biker stürzten sie sich von den sandigen Höhen in die Tiefe und verschwanden plötzlich im niedrigeren Wurzelgelände, als eilten sie auf dunklen Wegen zu geheimen Treffen …“

Revival am Klavier

Wenn ich an den alten, vertrauten Räumen vorbeikomme, die in meinen zuletzt erschienenen Romanen auftauchen, zieht es mich fast immer wieder hinein. Angesichts von Wie ich Klavierspielen lernte (Insel 2019) sind das zum Beispiel Klavierhäuser, in denen die schweren Steinway-Jungs dicht nebeneinanderstehen, lauernd darauf, ob ich es wage, mich auf ihnen hören zu lassen.

Vor Jahrzehnten habe ich in einem solchen Klavierhaus die Bekanntschaft eines meiner besten Freunde gemacht (Wie ich Klavierspielen lernte, S.202ff.). Antons Vater gehörte die Steinway-Herberge, und Anton selbst war mir im Klavierspiel weit voraus. Ich hatte das Glück, dass er sich um mich kümmerte und mir half, die richtigen Lehrer und Lehrerinnen zu finden. Selbstlos verfolgte er mein Spiel, gab Anregungen, trat mit mir zusammen auf und machte mich mit den großen Virtuosen früherer Zeiten bekannt.

„Nimm Platz“, murmeln die Steinway-Jungs, „Du weißt, was wir von Dir erwarten: Eine Beethoven-Sonate als erstes, und die Suiten Händels als zweites – die ganze Bandbreite. Zieh Dein lächerliches Hemd aus und am besten auch gleich die lange Hose. Spiele im Unterhemd und in kurzer Sporthose, verwandle Dich wieder in den Athleten, der Du sein musst, um uns ins Spiel zu bringen …“

Wir Zitronensafttrinker

(Heute auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S.4)

Neulich hat die fünfte Ehefrau von Altkanzler Gerhard Schröder, Soyeon Schröder-Kim, mitgeteilt, wie sie ihrem Mann den Drang zum deutschen Bier abgewöhnt hat. Vor jedem gemeinsamen Essen fügt sie den jeweils frisch und eigenhändig auspressten Saft einer ganzen Zitrone einer Flasche Wasser hinzu. Der Altkanzler hat den neuen Drink „Soyeon-Champagner“ getauft und denkt wahrscheinlich daran, ihn patentieren zu lassen.

Die prickelnde Nachricht hat sofort weite Kreise gezogen, und die deutsche Regierung bemühte sich in Gestalt von Umweltministerin Svenja Schulze, die Zitronenempfehlung klimapolitisch zu erweitern. Leitungswasser, verkündete die Ministerin, sei empfehlenswerter als Mineralwasser aus Flaschen, denn wer es trinke, spare Geld, Energie und unnötige Verpackungen. Rasch wurde von Ministeriumsseite auch ein Verein mit dem glücklich gewählten Namen „a tip: tap“ (Ein Tipp: Wasserhahn) gegründet, um das Projekt „Wasserwende – Trinkwasser ist Klimaschutz“, durch 1,3 Millionen Euro unterstützt, in die Wege zu leiten.

Natürlich haben wir sofort reagiert und sind den zarten Empfehlungen aus Südkorea ebenfalls gefolgt. Seither haben wir immer eine Trinkflasche mit ausgepresstem Zitronensaft dabei und sind während unserer Stadtgänge auf der Suche nach öffentlichen Trinkwasserbrunnen, deren Aufstellung der weitsichtige Rat der Stadt Köln bereits im Februar 2019 mit dem Konzept „Zwölf Trinkbrunnen für Köln“ angestoßen hat.

Besuchen wir ein Restaurant, packen wir unsere Flasche aus und lassen uns eine Karaffe mit Leitungswasser bringen, dem noch zusätzlich einige dünn geschnittene Zitronenscheiben beigefügt wurden. Die Scheiben versenden in unsere Umgebung einen feinen Duft, wir kauen sie vorsichtig klein und spüren, wie unser Atem sich erhellt und belebt. Unmengen von Kalium wandern in unsere Blutbahnen, um Herz und Muskeln zu stärken. Nach dem abschließenden Dessert (natürlich: Zitronenmousse) sind wir so powergeladen, dass wir zur Energieabfuhr etwas Sport treiben.

Altkanzler Schröder begleitet Ehefrau Soyeon Schröder-Kim dann zum Golfen. Golf sei ein langer Spaziergang mit Unterhaltung und einem Ball dabei, hat die Ernährungsberaterin Golf neu definiert. Wir halten es eher mit einem Spaziergang ohne Ball, aber mit Hund. Der von uns zur Unterstützung der neuen Sportart gegründete Verein heißt übrigens „a hound: found“. Zum Start des Unternehmens hoffen wir auf einen Empfang durch Ministerin Schulze.

Der von den Löwen träumte 2

Gerade habe ich die Arbeit an meinem Roman Der von den Löwen träumte beendet (vgl. den Blogeintrag vom 29.07.2019) und das Manuskript an den Verlag geschickt – da sind auch schon die Druckfahnen da, die ich nun korrigieren muss. 350 Seiten ist der neue Roman lang, und es ist das erste (und wahrscheinlich letzte) Mal, dass ich ihn ganz, Seite für Seite, lese.

Viele Details habe ich bereits wieder vergessen, so dass mich manche Passagen durchaus zum Staunen bringen. Wie kam dieser oder jener Einfall denn in den Text? Keine Ahnung! Der Roman hat begonnen, sich vor mir zu verschließen und sich auf seine eigene Sprache und sein eigenes Denken zurückzuziehen.

Was bedeutet, dass ich während der Lektüre der Druckfahnen zu einem Leser werde, dem vieles fremd ist und der den Roman mit einer gewissen Neugier liest, als kennte er die Hintergründe seiner Entstehung nicht, sondern wäre ein beliebiger Leser, der die Bekanntschaft eines neuen Buches macht.

Mit der Zeit lese ich immer schneller, nein, ich bin kein guter Korrektor. Die Suche nach falschen Satzzeichen und Tippfehlern übernehmen im Verlag zum Glück noch andere Korrektoren, die langsamer und genauer lesen als ich.

Schließlich bin ich am Ende – und es ist immer dasselbe: Das Ende des Romans lässt mich in eine tiefe Rührung verfallen, als wäre ich eine seiner Figuren und müsste mich nun darum kümmern, nach all den starken Erlebnissen auf eigene Weise am Leben zu bleiben.