52 Inspirationen

Im Tagesspiegel hat Christiane Peitz einen Artikel über das Online-Videoprojekt Eurograph veröffentlicht, das mich begeistert hat. Man gibt ein Wort seiner Wahl ein, aus deren Buchstaben eine Playlist komponiert wird.

Sie wiederum ist das individuelle Programm eines Reigens von Texten, Spielen und Performances, die etwas wunderbar Leichtes und Gelöstes haben.

So kann man, inspiriert von 52 Künstlerinnen und Künstlern: schauen, lauschen und mitschwingen, so viel und so lange man will…

https://www.tagesspiegel.de/kultur/das-video-kunstprojekt-eurograph-alphabet-der-guten-laune/26836082.html

 

Digitale Lesungen 2

Der Vortragssaal des Literaturhauses Stuttgart bietet ca. zweihundert Personen Platz. Als ich ihn gestern aus Anlass meiner Online-Lesung betrat, war er fast leer. Keine Stuhlreihen, kein Publikum, wohl aber ein großes Regiepult mit mehreren Monitoren. Daran saß Alex Katsaros, der meine Lesung vorbereitete und noch einmal den Ablaufplan durchging, den ich ihm zugeschickt hatte. Auch Stefanie Stegmann, die Leiterin des Literaturhauses, war da, und wir unterhalten uns eine Weile über die erheblichen nicht nur finanziellen Probleme, mit denen die Literaturhäuser gegenwärtig zu kämpfen haben.

Kurz darauf saß ich an dem kleinen Lesetisch, an dem ich schon unzählige Male (dann aber natürlich vor Publikum) gesessen habe. Alex Katsaros hatte in Absprache mit mir ein bildliches Szenario unterworfen: Ich sollte als Vortragender laufend im Bild bleiben – und zu meiner Linken sollte man die eingeblendeten Fotos meines Buches In meinen Gärten und Wäldern sowie die von mir ausgewählten Musikvideos (siehe meinen gestrigen Blogbeitrag) zu sehen bekommen.

Ich trank vor Beginn noch eine kleine Flasche Wasser und las ein paar Sätze, ich saß bequem und hatte nur Stefanie Stegmann und Alex Katsaros vor mir, die an den Monitoren saßen und meine Lesung als Regieduo verfolgten.

Sind Sie bereit?! Ja, war ich. Stefanie Stegmann begrüßte die Leserinnen und Leser (in aller Welt) – dann begann die Lesung. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich, dass weit mehr als die in Präsenzveranstaltungen möglichen zweihundert Gäste zugeschaltet hatten, die Schätzungen anhand der eingegangenen Ticketwünsche beliefen sich auf mehr als das Doppelte.

Die große Zahl irritierte mich aber nicht, ich konzentrierte mich auf die Lesung  – die Texte aus zwei Büchern, meine Fotos, die Videos, meine Kommentare zu den Textstellen, Bildern und Filmen – und ich spürte, wie stark diese Konzentration war und wie sie im Verlauf der Lesung noch stärker wurde. Dazu trug die Stille im Raum bei – und nicht zuletzt die erhöhte Aufmerksamkeit des Regieduos und seine Präsenz in naher Ferne.

Fast anderthalb Stunden dauerte die Lesung – und war auf diese Weise (trotz fehlendem, stark vermisstem Publikum) eine neue, sehr gute und interessante Erfahrung: Das Zusammenspiel der Medien, keine Ablenkung, eine Lesung wie aus einem Meditationsraum, aus dem das Flüstern nach draußen dringt, weitergeleitet wird und Impulse überallhin verbreitet.

Danach streifte ich allein durch das leere, nächtliche Stuttgart. Leicht überdreht, bildete ich mir ein, dass meine Lesung Wellen und Wogen geschlagen hatte. Im Schaufenster eines Geschäfts mit elektronischen Geräten erkannte ich einige Fernseher mit laufendem Programm. Die Nachrichten berichteten von der Vereidigung des neuen Präsidenten Joe Biden in den USA. Schau hin, sagte ich mir, komm wieder zu Dir, Du bist nicht allein auf der Welt…

Ortheil liest 4

Mittwoch, 20. Januar 2021, lese ich um 19.30 Uhr online im Literaturhaus Stuttgart aus meinen Büchern In meinen Gärten und Wäldern und Was ich liebe und was nicht.

Eintritt (Euro): Das Livestreamticket kostet lediglich 5.- Euro!!

Es kann bis 60 Minuten vor Veranstaltungsbeginn gebucht werden und steht Ihnen dann 72 Stunden zur Verfügung.
Sie müssen nur noch Ihren persönlichen Zugangscode eingeben, den Sie mit Kauf des Tickets erhalten. 
Hier entlang zum Livestream: https://stream.reservix.io/1642267

Exklusiv für die Leserinnen und Leser dieses Blogs veröffentliche ich an dieser Stelle den Programmverlauf des Abends. Sie können die Lesung also anhand des Programms detailliert und in Ruhe verfolgen.

Programm

Vorbemerkung: Die Online Lesung/ Der zu erwartende Ablauf/ Text, Foto, Musik im Jahreskreis

  1. Einleitung: Thema (Gärten und Wälder)/ Erläuterungen zum Thema/ Garten-Ideen und Garten-Konzepte/ Der physiognomisch-phänomenologische Blick/ Francis Ponge und japanische Haiku-Literatur
  2. Der Garten meiner Eltern im Westerwald (Lesung aus „Was ich liebe und was nicht“, S. 381-387)
  3. Der Winter – Foto Schneefall (Lesung aus „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 13-21 (gekürzt))
  4. Foto Lavendel (Lesung aus „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 22)
  5. Mein Stuttgarter Garten (Lesung aus „Was ich liebe und was nicht“, S. 397-400)
  6. Der Vorfrühling im Garten 1 – Foto Zwei Blütenpaare (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern“, S.26)/ Foto Die Seiltänzer (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 30)/ Foto Schneeglöckchen (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 56)/
  7. Gänge im Vorfrühling – Foto Der Held und sein Wetter (Lesung aus „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 42)/ Foto Stuttgarter Stäffele (Lesung aus „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 55)/
  8. Der Vorfrühling im Garten 2 – Foto Die Botinnen und Boten des Frühlings II (Lesung aus „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 37 und Lesung aus „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 38-40)/
  9. Video 1 – Anton von Webern: Fünf Lieder opus 3: An baches ranft

https://www.youtube.com/watch?v=6gGJTz8Vq8w (Christiane Oelze/ Eric Schneider)

  1. Der Vorfrühling im Garten 3 – Foto Veilchen (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 46)/

Die Blume als Sinnbild von Emotionen/Die Blume als psychisches Objekt

  1. Vögel im Garten (Lesung aus „Was ich liebe und was nicht“, S. 394-397)
  2. Video 2 – Aus Gustav Mahlers Lieder eines fahrenden Gesellen: Ging heut‘ morgen über’s Feld (Christian Gerhaher/Simon Rattle/Berliner Philharmoniker) https://www.youtube.com/watch?v=6VCpbMPhmWY

Feld und Wald als Stratosphäre des Gehens, Erlebens, der Umsicht/Der gestaltete, wahrgenommene Gang/Der Rückbezug auf ein schmerzhaftes Erlebnis

  1. Der Frühling Foto Forsythien (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 67)/ Foto Narzissen (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 70)/ Foto Unter Mirabellenblüten (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 74-78)/ Foto Glyzinien (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 97)
  2. Video 3 – Maurice Ravel: Le jardin féérique, aus: Ma Mère l’Oye (Orchestre Philharmonique de Radio France/ Myung-Whun chung)

https://www.youtube.com/watch?v=5x-u7iw7W1Y

Die impressionistische Ausmalung des reichen, blühenden Gartens/Die wahrgenommene Fülle/Das vor allem innere, geduldige Erleben/Die Schönheit als Autonomie der Gartenerscheinung

  1. Der Sommer – Foto Mohn (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 113)/ Foto Nachtkerzen 1 (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 114 und 127)/ Foto Hibiskus (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 132)/ Foto Eidechsen (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 136)/
  2. Video 4 – Robert Schumann: Der Springbrunnen, op. 85, Nr. 9, aus: 12 Klavierstücke für kleine und große Kinder (Paola del Negro/ Roberto Plano)

https://www.youtube.com/watch?v=q94NWUnlxnc

Robert Schumanns Idee der „Hausmusik“ als musikalische Vergegenwärtigung kindlichen Sehens und Erlebens/Das musizierte Objekt/Der Springbrunnen als Zentrum der Gartenarchitekturen

  1. Der Herbst – Foto Quitten (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 163)/ Foto Die Katze (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 148/149)/ Stuttgarter Geishirtle (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 144)/ Foto Herbstlaub (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 158 und 161)/
  2. Der Winter – Foto Der erste Schnee (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 164)/ Foto Winteräpfel (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern, S. 169)/ Foto Der offene Winterwald (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern, S. 174)/ Foto Der Wintergang (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern, S. 180)/
  3. Ausklang – Foto Der Blick in die Wolken (Lesung: „In meinen Gärten und Wäldern“, S. 183)
  4. Verabschiedung – Rückblick – FINIS

Signierte Buchexemplare erhalten Sie von der Buchhandlung im Literaturhaus Stuttgart, Breitscheidstraße 4, 70174 Stuttgart (Tel. 0711/2842904).

Fermers Wanderungen 23

Es war kälter geworden. Auf den Feldern hatte der Schneefall für eine lastende, schwere Verhüllung gesorgt, die das Gehen erschwerte. Er kam nur noch mit kleinen Schritten voran, während ihm die eisige Luft zusetzte und kein Laut mehr zu hören war. Auch die Vögel waren verschwunden, und in den Talsenken tauchten Schnee und Nebel die Landschaft in ein milchig-diffuses Weiß. Häufig blieb er stehen, von der Kälte gepackt, unschlüssig, wohin er sich weiter bewegen sollte. Manchmal fuhr ein Auto über die verschneite Landstraße und hinterließ eine fahrige Spur, die der Schneefall sofort wieder löschte. Die Äste der Bäume trugen das kompakt wirkende Weiß kaum noch und neigten sich zum Boden, während in den Wäldern das Gurgeln des schmalen Baches allmählich verebbte und in den wachsenden Eisschichten erstarb. Er ließ die große Lichtung hinter sich und schlurfte durch die Schneezonen zurück in den Ort, wo er leichter vorankam. Plötzlich erkannte er den Turm der heimatlichen Dorfkirche und das verschneite Kirchenschiff. Kurz danach auch die alten Fachwerkgebilde in der Nähe des Großelternhauses. Die große Stille hatte nun etwas Tröstliches, und er atmete tief durch und ließ den Blick nicht von den Dächern, die ihm vorkamen wie vertraute Schneeflächen auf Bildern von Brueghel.

(Kurze Erläuterung: Fermer ist die männliche Hauptfigur in meinem Debütroman Fermer aus dem Jahr 1979. In Fermers Wanderungen schreibe ich diesen Roman in der Gegenwart segmentartig weiter – in der Form von kurzen Natur- und Landschaftsbeobachtungen.)

Im siebzigsten Jahr 2

1990, im Jahr der Wiedervereinigung, habe ich an der Universität Hildesheim mit Forschung und Lehre in den Fächern Kreatives Schreiben, Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus begonnen. Dabei habe ich versucht, diesen Fächern eine neue Richtung zu geben und sie auf literaturwissenschaftliche Forschungen zu beziehen.

Fast dreißig Jahre lang bin ich Woche für Woche tausend Kilometer mit dem Zug gefahren, aus dem Süden Deutschlands in den Norden und wieder zurück. Jedes Jahr habe ich während meiner Hildesheim-Fahrten die Erde einmal umrundet.

Weit über eine Million Kilometer habe ich so zurückgelegt, während an der Universität Hildesheim eigene Studiengänge für Kreatives und Literarisches Schreiben und später sogar ein eigenes Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft entstanden.

Die Hildesheimer Jahrzehnte waren ein wunderbares, einzigartiges, nie so vorgekommenes Experiment. Irgendwann werde ich von diesem gewaltigen Lebenswerk einmal detailliert erzählen: Von den vielen Überlegungen und Wegen hin zu einem Institut, das es so in ganz Deutschland nicht gab – und von all den jungen Autorinnen und Autoren, die ich bis zu ihren ersten Veröffentlichungen in Verlagen begleitet habe.

Die Coronazeiten haben meine Hildesheim-Präsenz jäh unterbrochen, seit anderthalb Jahren war ich nicht dort. Manchmal kommen mir Bilder, Szenen und Menschen in den Sinn, die mir sehr fehlen.

So auch gestern. Ganz zufällig stieß ich auf Fantasien für Violine solo von Georg Philipp Telemann. Und sofort erinnerte ich mich, dass mir während meiner jahrzehntelangen Suche nach Schriftstellern, Künstlern und Musikern, die in Hildesheim gelebt oder die Stadt besucht haben, auch Telemann begegnet war.

Gestern  begleitete ich ihn während eines imaginativen Spaziergangs auf dem Hildesheimer Domplatz. Einer seiner Freunde ging uns voraus und spielte seine Violin-Fantasien. Und Georg Philipp Telemann erzählte von seinen Hildesheimer Jahren (1697-1701), als er in Hildesheim das Gymnasium Andreanum besucht und bereits als junger Schüler seine ersten Kompositionen geschrieben hatte.

Nachtwandern

Chris Yates (geb. 1948) ist ein britischer Schriftsteller, der in seinem Heimatland vor allem durch seine Bücher über Fischen und Angeln bekannt wurde. Jahrelang hat er für den Rundfunk auch Dokumentationen über diese Themen gemacht und sie auf andere Naturthemen ausgedehnt.

Ein Ergebnis ist das Buch Nachtwandern. Eine Reise in die Natur (Aus dem Englischen von Frank Sievers. Insel Verlag). Es skizziert in kurzen, dichten Kapiteln nächtliche Gänge vor allem durch Wälder. Chris Yates beginnt mit seinen Wegen in den Regionen rund um sein Wohnhaus und gerät sehr allmählich von einem Landterrain ins nächste.

Erstaunlich ist, wie die Nachtbeobachtungen von Tieren, Bäumen oder Pflanzen dabei sehr eigene, unterschiedlich strukturierte Räume der belebten Stille entwerfen, die mit Raumformationen des hellen Tages kaum noch etwas gemein haben.

Die nächtlichen Erfahrungen sind vielmehr intensiver und setzen sich meist erst aus einzelnen fragmentarischen Vermutungen zusammen. Sie verdanken sich einer Spurensuche nach Atmosphären, die mehr über die Umgebung preisgeben und mitteilen, als es am Tag möglich wäre.

Nachtwandern hat etwas Verlockendes, als wollte Chris Yates einem ein Reich zeigen, das man noch nie so zur Kenntnis genommen hat und das sich doch in der nächsten Umgebung verbergen könnte. In Coronazeiten und in Zeiten eines drohenden noch anstrengenderen Lockdowns könnte diese Verlockung zunehmen…

 

Nachts schreiben

Gestern habe ich ein Buch mit Nachtgedanken von Ivo Andrić vorgestellt – heute finde ich im Netz eine Sendung von Ute Rüenauver, die im Deutschlandfunk das Schreiben in der Nacht anhand von vielen Beispielen untersucht und erläutert hat:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/nocturnes-die-schlaflosen-naechte-der-schriftsteller.974.de.html?dram:article_id=490501

Wann geschrieben wird, das ist, wie ich aus Erfahrung weiß, ein häufiges Thema bei Gesprächen mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern. So erinnere ich mich gut an Unterhaltungen mit Wolfgang Hilbig, in denen er mir von seinen nächtlichen Schreibriten erzählte: Er könne nur nachts schreiben, beginne damit nach Mitternacht und setze es bis in die Morgenstunden fort. Den Vormittag über schlafe er – bis zum Mittag.

Noch weiter führt die Frage danach, was denn nachts geschrieben wird. Arbeitet man kontinuierlich an einem Werktext? Oder an Notizen? Schreibt man Mails, Briefe oder Tagebuch? Gibt es also spezifische Schreibformate der Nacht?

Besondere Formate der Nachtmusik gibt es auf jeden Fall. Seit der Romantik sind es solistische Stücke (wie etwa Nocturnes), die das nächtliche monologische Denken und Kreisen in Klänge verwandeln. Seit langer Zeit gehört es zu meinen „Riten“, nachts, vor dem Einschlafen, eine solche Musik zu hören. Keine Orchester, selten Gesang, eher Stücke für ein einzelnes Instrument, mit einer Gestik des Gehens und Schlenderns. (Beispiele habe ich in diesem Blog bereits genannt.)

Nachtgedanken

Tage- und Notizbücher gehören zu meinen favorisierten Lektüren. Weil sie den Lebensprozess strukturierend begleiten, kommentieren und von Details der Lebensführung handeln. So gesehen, sind sie Teile einer autobiografischen Literatur, die oft ein Fundament bietet für das weiterführende Berichten oder Erzählen.

Der bosnische Schriftsteller und Nobelpreisträger Ivo Andrić (1882-1975) ist ein Sonderfall. Er hat in seinen Romanen und Erzählungen nicht gerne sein eigenes Leben thematisiert. Vielmehr hat er eher im Geheimen Erlebnismomente und Überlegungen in einem während schlafloser Nächte geführten Notizbuch festgehalten.

Sie lassen sich wie ein Protokoll all dessen lesen, was tagsüber verborgen bleibt und zurückgehalten wird, aber dennoch Bahnen in das dunkle Unterbewusstsein gräbt.

Nachts beleben sich diese Motive und verlangen nach Erwiderungen und Antworten…, um die sich der große Erzähler Andrić auf ebenso ehrliche wie brillante Weise bemüht. Ein Buch der Nachtgedanken, das eigene Nachtgedanken begleiten und strukturieren könnte.

Ivo Andrić: Insomnia. Nachtgedanken. Hrsg., aus dem Serbischen übersetzt und mit einem Nachwort von Michael Martens. Paul Zsolnay Verlag 2020

Nachtrag Klavierspielen mit links

Gestern haben mich Recherchen zum Klavierspielen mit links zu weiteren Aufnahmen und CDs (oder auch Streamingangeboten) von Maxime Zecchini geführt – und ich habe fast den ganzen Tag lang immer erstaunter gehört, was Zecchini alles nur mit links eingespielt hat: Transkriptionen von Liszt, Kompositionen von Schumann, Chopin, Ravel, Bach, Prokofiev, aber auch Filmmusik – zu Star Wars, Jurassic Park oder Jenseits von Afrika

Klavierspielen mit links

Klavierspielen gelernt zu haben, bedeutet nicht nur, ein Instrument zu beherrschen, sondern viel mehr. Im idealen Fall lernt man, es als ein „Lebewesen“ zu verstehen.

Das beginnt mit dem Blick darauf, wie es gebaut wird, wie ein bestimmtes Klavier „funktioniert“, welche Unterschiede zwischen den verschiedenen Klavierbaufirmen bestehen und welches Klavier für welche Stücke besonders geeignet ist.

Von Kindheit an (am besten etwa ab dem fünften/sechsten Jahr) wächst man allmählich in den Klavierkosmos hinein, begreift, wie Komponisten für Kinder und Jugendliche komponiert haben, studiert ihre Zyklen und erforscht Stück für Stück die Klavierliteratur, ihre Möglichkeiten und Wirkungen.

Das alles ist ein elementarer, jede Klavierschülerin und jeden Klavierschüler psychisch und physisch verändernder Prozess. Nach einigen Jahren lebt man mit dem Klavier, geht in viele Konzerte, schaut und hört sich um. Ist man dann noch immer „bei der Sache“ und hat das Spielen und Üben nicht aufgegeben, wartet ein unendlicher Reichtum von Musik, der einen das ganze Leben lang begleitet.

Diesen erweiterten, wunderbaren Lernprozess durchsichtiger zu machen, war eine der Zielsetzungen meines Buches Wie ich Klavierspielen lernte (Insel Verlag). Es erzählt auf ungewöhnliche, biografische Weise, wie das Klavierspielen und ein Instrument in ein Leben eindringen, es immer mehr prägen und starke Folgen zeitigen. Daher ist es eine Art Psychobiografie des jugendlichen Klavierspielens.

Die starken Folgen erkenne ich zum Beispiel daran, dass ich mich fast täglich nach Neuigkeiten zum Thema umschaue. Ich verfolge die Geschichten bestimmter Interpretinnen und Interpreten, ich lese Musikbücher, und ich setze mich ans Klavier, um am Tag zumindest etwa eine Stunde zu spielen (momentan sehr eingeschränkt, da die beiden Hände nach einer Krankheitsphase noch nicht wieder aufeinander abgestimmt sind).

Um so mehr hat mich heute morgen ein Artikel von Michael Stallknecht in der Neuen Zürcher Zeitung elektrisiert, in dem er von dem französischen Pianisten Maxime Zecchini erzählt.

https://www.nzz.ch/feuilleton/das-spielt-er-glatt-mit-links-der-pianist-maxime-zecchini-ld.1595496

Zecchini studiert seit langem die Klavierliteratur für die linke Hand, spielt viele der Stücke ein und zeigt, dass sich fast alle Stücke auch nur mit einer Hand spielen lassen.

Hier ein erstaunliches Programm, vorgestellt von Zecchini: