Wintersonntag

Kilometerweit den frühen Spuren im Schnee folgen. Und plötzlich: Das passende Bild, in dem die Motive sich bündeln. Und: Den aus unendlicher Ferne (sehr leise) kommenden Chorgesang (über Kopfhörer) hören: Wer bis an das Ende beharrt … – und …

 

Die Nummer Eins

Gestern Nacht war es soweit: Roger Federer ist nach einem Dreisatzsieg über Robin Haase (4:6, 6:1, 6:1) wieder die Nummer Eins im Herrentennis – und das mit sechsunddreißig Jahren. Danach hat er sich ein Glas Moët & Chandon gegönnt, viele Interviews gegeben – und ein zweites Glas getrunken. Dass auch Literaten seine Spiele verfolgen (David Foster Wallace zum Beispiel hat darüber einen packenden Essay geschrieben), liegt an Federers Psychogestik, die extrem schwer zu deuten ist. Was geht in ihm vor? Und woran erkennt man, was gerade in ihm vorgeht? Federer wird nie laut, er spricht nicht mit sich, dem Gegenüber oder dem Publikum, sondern bleibt fast immer verschlossen. Eine so gnadenlose Verschlossenheit macht den Eindruck sich verstärkender Konzentration, die auch Raum und Zeit einbezieht. Federer schaut nicht nur, sondern fixiert: Als erstes den Gegner, dann den Ball, dann den Punkt, wo der Ball auftrifft. Ist ein Spiel zu Ende, sieht man ihm an, wie die Analyse die letzten Punkte durchgeht. Sie schwingt vom kurzen Moment zu den vielen Momenten, denn Federer hat ein Empfinden für die vergehende Zeit und was er tun muss, sie zu verlangsamen oder zu beschleunigen. Seine Schlussfolgerungen lässt das nächste Aufschlagspiel ahnen. So gesehen, ist er eine geheimnisvolle Gestalt. Ihr Geheimnis vertieft sich noch dadurch, dass er im realen Leben oft wie die Gutmütigkeit selbst oder wie ein grüner Junge erscheint, den drei Gläser Champagner bereits umwerfen könnten.

Acting

Helen Mirren habe ich vor kurzem in Das Leuchten der Erinnerung an der Seite von Donald Sutherland gesehen. Nun ist sie in Berlin, wo gestern die Filmfestspiele eröffnet wurden. Ganz nebenbei macht sie Werbung für ihre Online-Lektionen in der Reihe Masterclass, in der sie viele Aspekte des Acting vorstellt. Eine Schauspielschule hat sie selbst nie besucht, aber in den vielen Jahren als Schauspielerin unendlich viel über Themen wie Dramaturgie, Kameraführung, Mimik, Kostüme etc. in Erfahrung gebracht. Im Trailer geht sie zu einem Sessel, nimmt Platz und legt unbefangen, direkt und sehr lebendig los. Ich könnte mir kaum eine Schauspielerin vorstellen, von der ich mir lieber erklären lassen würde, was Acting alles meint und worauf man als Schauspielerin/Schauspieler zu achten hat. Sie wirkt nicht wie eine abgeklärte Lehrerin, sondern wie eine Frau, die sich noch mitten in den Szenen, Kulissen und Sets befindet und in den Atmosphären dieser Milieus lebt. Ihr Unterricht ist Acting auf höchstem Niveau: Über ihren Beruf redend, spiegelt sie sich in ihren Rollen und erzählt deren Geschichte. Ich liebe Lessons, in denen Profis über ihre Arbeit (Mode, Kochen, Schach, Basketball etc.) berichten, ich glaube sogar, dass die Kenntnis solcher Einführungen zu einem besseren Schreiben beitragen könnte. Man lernt detailliert, Werkprozesse einer bestimmten Dauer zu planen und durchzuführen. Und man betrachtet diese Prozesse nicht mehr als bloßes Spiel, sondern so, als ginge es in jedem Moment „um alles“.

Wintertraining, Wintermusik

Kurz nach dem mageren Frühstück gehen wir hinaus auf die Loipe. Die örtlichen Skivereine haben sich große Mühe gegeben, einige Langlaufstrecken in die weite Landschaft zu zeichnen. Besonders liebevoll erscheint die Reverenz für die Olympischen Winterspiele in Südkorea: Die bambusähnlichen Stecklinge machen aus den weißen Hügeln asiatisch anmutende Skizzen. Wir durchlaufen die schmalen Bahnen und fühlen uns winterlich wohl. Als heftiger Schneefall einsetzt, ziehen wir uns wieder ins Haus zurück. Das Arbeitszimmer hat eine angenehme, einladende Wärme. Wir schauen aus dem Fenster und beobachten, wie die Schneeflocken schräg gewendet ums Haus treiben und die umgebenden Flächen mit Schleiern überziehen. Dazu hören wir passende Klänge: Lautenmusik von Johannes Hieronymus Kapsberger, der 1580 in Venedig als Sohn einer Italienerin und eines deutschen Adligen geboren wurde. Er war einer der besten Lautenisten seiner Zeit und ein später in Rom gefeierter Komponist, den man wegen seiner (auch) deutschen Herkunft den „nobile alemanno“ nannte. Kapsbergers Musik klingt so improvisiert wie der Schneefall: tastend, gewitzt, mit viel Takt das Gelände inspizierend, mit dem Blick für Schauplätze …

 

Aschermittwoch – Kinderbild

In meiner Kindheit war Aschermittwoch ein ganz besonderer Tag. Vor der Schule ging es in den Gottesdienst, in dem die Gläubigen ein Aschekreuz auf die Stirn erhielten. „Memento homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris“ (Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst) murmelte der Priester während der Zeremonie und erklärte uns später eindringlich, dass es höchste Zeit sei, Buße zu tun und an unser Lebensende zu denken. Während der Karnevalstage hatten wir blind gefeiert und die weiteren Perspektiven unseres kleinen Lebens außer acht gelassen. Jetzt aber war es vorbei mit dem „Frohsinn“, und wir hatten uns auf eine lange Fastenzeit einzurichten. Keine Süßigkeiten, keine lauten Lieder, einfaches Essen und Wasser aus der Leitung. Wir verließen die Kirche als Sünder und schlichen durch die Straßen. Das Aschekreuz wagten wir nicht abzuwischen, obwohl wir von den vielen Ungläubigen in der Nachbarschaft angestarrt wurden wie Gezeichnete. Während des Schulunterrichts waren wir kleinlaut, und in den Pausen schauten wir nach, ob die Asche wenigstens etwas blasser geworden war. Sie wurde aber nicht blasser, sondern begleitete uns den ganzen Tag. Am Nachmittag verließen wir die Wohnung nicht, an Spiele im Freien mit den anderen Jungs oder Mädels war nicht zu denken. Und als genügte das alles nicht, gab es am Abend saure Heringe. Wir verzogen das Gesicht, aßen die saure Speise in kleinen Mengen und hielten uns an die Pellkartoffeln. So bekamen wir drastisch zu spüren, was uns in den nächsten vierzig Tagen erwartete: Dunkles, Saures, Stille und Einkehr.

Olympiavorbereitungen, ideal

Jana S., Masterstudentin des Studiengangs Literarisches Schreiben und Lektorieren an der Universität Hildesheim, hat sich in idealer Weise auf die Olympischen Winterspiele in Südkorea vorbereitet. Vor einigen Jahren sah sie zufällig ein Video in koreanischer Sprache und war von ihrem weichen, melodiösen Klang so angetan, dass sie sich auf alles stürzte, was mit Korea zu tun hatte. Sie sah koreanische Spielfilme in der Originalsprache sowie Dokumentationen über die Tier- und Pflanzenwelt, sie las Reiseführer und blätterte sich durch unzählige Bildbände. In einer Tandempartnerschaft mit einem jungen Koreaner begann sie, Koreanisch zu lernen. Natürlich hört sie inzwischen vor allem koreanische Musik, alles, Klassik, Jazz (wie die Sängerin Youn Sun Nah! – unbedingt auch hören!!), ganz zu schweigen davon, dass sie eine Radio-App heruntergeladen hat, um tagaus, tagein koreanisches Radio hören zu können. Während sie Koreanisch kocht (Kimchi – unbedingt auch kochen!!) und Rezepte mit ihren Freundinnen und Freunden in Korea austauscht, ist noch Zeit für die Lektüre koreanischer Romane, im Original, aber auch in deutschen Übersetzungen (ihr Lieblingsroman ist Der ferne Garten von Hwang Sok-yong – unbedingt auch lesen, erschienen bei dtv!!). Einmal ist sie schon für drei Wochen in Südkorea gewesen, dieses Jahr wird sie mehrere Monate bleiben. Was soll man vor lauter Begeisterung noch sagen? Im Grunde lebt Jana S. inzwischen längst mit der Seele und dem Großteil ihrer Gefühle in Korea, kein Wunder also, dass sie an einem Roman schreibt, der (jetzt kommt der Gipfel!!)  nirgendwo anders spielt als unter koreanischen Menschen mitten in Seoul, der Hauptstadt von Südkorea!! (Nach Erscheinen unbedingt lesen!!)

Rosenmontag

Rosenmontag – Höhepunkt des rheinischen Karnevals. Der Zug, der sich heute von Süden aus ins Zentrum von Köln rund um den Dom bewegt, ist acht Kilometer lang und braucht dreieinhalb Stunden. Er ist jener vitale Modus des Feierns, der die Topographie der Innenstadt als bunter Erreger in Schwingungen versetzt.

Ohne die am Wegrand mitfeiernden Kneipen wäre er aber bloß eine Attrappe, denn der Kneipenkarneval bildet die Kernzelle des Festes. Hier treffen sich die Anwohner (dort, wo sie sonst unter sich sind) mit den Freunden und Fremden. Jede Kneipe feiert auf ihre Art, bringt ihre Musik, gestaltet den Raum individuell. Das eigentliche Feiern besteht darin, von Kneipe zu Kneipe zu ziehen, mit vielen Mitfeiernden Kontakt aufzunehmen und so eine Art Kneipenparcours zu kreieren, der sich spontan (eben durch die frisch geknüpften Kontakte) ergibt. Auf die Anregungen und Eingebungen kommt es also an, darauf, wie gut man auf die sich rasch verändernden Szenen reagiert, ein Teil von ihnen wird, sich wieder ausklinkt … Nichts ist langweiliger und stumpfer als das lange Stehenbleiben an einem Ort, in einer Kneipe, mit immer denselben Menschen.

Karneval feiern heißt: Das Fluten des Zuges an seinen Rändern umsetzen in das eigene Treiben und Tanzen. Dazu gehört das (zumindest versuchsweise) Mitsingen der Kölschen Lieder und die Kunst der Improvisation, wenn es auf Schwung und Witz bei neuen Kontakten ankommt. Daher die Kostüme und Verkleidungen: Sie sind Komödie und machen es leicht, andere Jecken anzusprechen. „Jeck sein“ ist Anderssein, ein Triumph der Leichtigkeit über die Schwere, ein ununterbrochener, sich steigernder Wirbel mit starken Episoden.

Morgens um 10 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung, aber er ist, wie gesagt, nur der Stachel, der Anreiz. Vom frühen Morgen an sollte man sich durch den Tag und die Nacht treiben und allmählich die Kölschen Lieder ausklingen lassen. Am Morgen des Veilchendienstags endet alles mit dem Blues of Desperation von Joe Bonamassa, in Rheinnähe, dort, wo der frühe Morgen so kalt und brutal ist wie nirgends sonst.

Schneewehen

In tiefer Nacht fuhr ich los, und die Straßen waren noch trocken und gut beleuchtet. Dann erschienen erste Spuren von Nässe, etwas Blitzendes, Funkelndes, und das Licht erhielt Schärfe. Es wurde dunkler, und ein starkes Gestöber setzte ein, erst Regen, von Schnee durchsetzt, worauf sich der Schnee behauptete und den Regen vertrieb. Diffus taumelnde Wolken von Schnee, die schließlich zerplatzten und in schräg dahintreibenden Schneewehen um Zäune und Hausecken sprangen. Ich fuhr durch Wind, Schnee und Regen zugleich, es war ein irreales Theater, und ich erinnerte mich an das wunderbare Buch von Karl Ove Knausgård Im Winter, in dem ich beinahe den ganzen Winter (also seit Dezember) immer wieder eine Geschichte (Erzählung, Essay, Brief) gelesen habe.

Es sind kurze Texte von nur wenigen Seiten, zwei, drei oder vier, und es geht um Schneewehen (!), Fenster, Stiefeletten, Fisch, Zahnbürsten. Meist sind es Dinge und Ereignisse des Alltags, die brillant und gestochen scharf beschrieben oder erzählt werden – und nach jeder Lektüre hielt ich eine Weile inne und ließ den Text (wie einen Textfilm) durch den Kopf geistern, um ihn wenig später noch ein- oder zweimal zu lesen. Ich verstehe nicht, warum viele Leserinnen und Leser (angeblich) kein Gefallen an kurzen Texten finden. Wenn sie gut sind, liest man sie ganz anders als umfangreiche Erzähltexte, die sich darum kümmern müssen, dass etwas vorangeht und die Zeit ein bestimmtes Tempo hält. Kurze, gute Texte können aber auf alle Tempogebärden verzichten und elementare Lektionen des langsamen und wiederholten Lesens sein. Im Winter von Karl Ove Knausgård enthält viele solcher Lektionen.

Das Buch ist Teil einer Tetralogie über die vier Jahreszeiten. Zwei Bände (Herbst und Winter) liegen schon vor, im Frühjahr werden Frühling und Sommer erscheinen. Mit Herbst und Winter habe ich meine Knausgård-Lektüre begonnen und mich in Knausgård eingelesen. Das, wie es heißt „große autobiographische Projekt“ in sechs Bänden habe ich noch vor mir. Mal sehen, wann ich endlich auch damit beginne …

Anekdoten (nach Heinrich von Kleist) 3

Ein bereits in die Jahre gekommener allein lebender Mann aus dem Ostalbkreis setzte am frühen Abend einen Topf mit Pasta auf den häuslichen Herd. Während das Wasser kochte und brodelte, machte er sich auf den Weg zur Toilette, wo er sich vor dem Nudelessen von einem lastenden Druck im Magen befreien wollte. Als das glücklich gelungen war, riss er jedoch vor lauter Glück derart an dem Griff der Toilettentür, dass dieser abbrach. Nach einer halben Stunde erfolgloser Bemühungen, die Toilettentür zu sprengen, nahm er den starken Rauchgeruch wahr, der sich durch die ganze Wohnung verteilte. Glücklicherweise sprang der wenige Wochen zuvor montierte Brandmelder an und sorgte nicht nur in der Wohnung, sondern auch in der Nachbarschaft für erheblichen Lärm. Eine Nachbarin verständigte daraufhin die Feuerwehr, die mit Macht in die Wohnung eindrang, sich Zugang zu dem um Hilfe rufenden Toilettenfrequenteur verschaffte und die Wohnung von allen in den letzten Stunden angefallenen Geruchsspuren befreite. Der Mann teilte mit, vom Pastakochen in Zukunft abzulassen, worüber die Nachbarin sich erfreut zeigte und zusätzlich erklärte, dass sie bereit sei, ihn in Zeiten heftigen Pastaverlangens zu einer Pastamahlzeit einzuladen. (Quelle siehe unten)

Frieden und Gedeihen

Heute werden die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang (auf Deutsch: Frieden und Gedeihen) eröffnet. Wären wir Programmdirektoren von ARD und ZDF, würden wir das gesamte Fernsehprogramm darauf abstimmen. Und zwar nicht so, dass wir laufend nur Sport (und damit die immergleichen Wettbewerbe mit den immergleichen Kommentatoren und den immergleichen Interviews) senden, sondern indem wir koreanische Filme, Dokumentarfilme über Menschen, Städte und Landschaften, Konzerte mit koreanischer Musik sowie Beiträge über koreanische Literatur zeigen. Wir würden die Olympiade zum Anlass nehmen, uns aufmerksam und intensiv in Geschichte und Kultur dieses Landes zu vertiefen – und nicht in den Fehler verfallen, die Spiele so in den Vordergrund zu rücken, dass sie auch nicht anders aussehen als Skiflugwochen in Garmisch oder Eisschnelllauftage in Inzell. Das nämlich ist die Gefahr: Dass die vielen Sportbilder und Kommentare ganz Korea mit all seinen Besonderheiten in eine heimelige Moderatorenlandschaft verwandeln. Fangen wir daher zur Einstimmung auf die Spiele anders an: Mit dem Violinkonzert der südkoreanischen Komponistin Unsuk Chin (oder Chin Un-Suk), die heute in Berlin lebt. (Auf YouTube abrufbar …) Es hat vier Sätze, und die Geigerin Viviane Hagner ist die Solistin.