Eröffnung der SALA Ortheil

Gestern wurde die SALA Ortheil in Wissen an der Sieg (Mittelstraße 16) eröffnet. Anschließend las ich im KulturWERK der Stadt aus meinem neuen Buch „Im Westerwald“.

Hier ein kurzer Bericht der Redakteurin Leonie Berger, der heute im SWR gesendet wurde:

https://www.swr.de/swr2/literatur/Ausstellung-Sala-Ortheil-in-Wissen-an-der-Sieg-Der-Schriftsteller-als-Einzelhaendler,sala-ortheil-in-wissen-an-der-sieg-20191014-journal-am-mittag-100.html

Kurze Nachrichten

So, da bin ich wieder. Noch nicht ganz gesund, aber doch „auf dem Weg der Besserung“. Einige kurze Nachrichten möchte ich mitteilen:

Zunächst danke ich all den vielen Leserinnen und Lesern, die mir Genesungswünsche oder andere aufmunternde Sätze geschickt haben. Das hat mich sehr gefreut und mit Sicherheit auch zur Genesung beigetragen.

Daneben möchte ich auf einige Termine aufmerksam machen: 1) In den kommenden beiden Wochen erscheinen gleich zwei neue Bücher: a) Das Buch „Im Westerwald“ (Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung), mit den gesammelten Texten zu meiner Kindheitslandschaft, der ich bis heute treu geblieben bin – und b) der Roman „Der von den Löwen träumte“ (Luchterhand Literaturverlag).

Die Premierenlesung von „Im Westerwald“ findet am kommenden Sonntag, 13. Oktober, 18 Uhr, im KulturWERK der Stadt Wissen/Sieg (also mitten in meinem Heimatort, direkt am Bahnhof gelegen) statt. Vorher führe ich ab 16.30 Uhr durch die SALA Ortheil (Mittelstraße 16, 57537 Wissen/Sieg), in der sich viele Fotografien und Archivstücke zu meinen Westerwaldtexten befinden.

Die Premierenlesung von „Der von den Löwen träumte“ findet am Donnerstag, den 17. Oktober 2019, 18 Uhr, im WDR Funkhaus in Köln (Wallrafplatz 5) statt.

Fast dreißig Lesungen aus meinen neuen Büchern waren für Herbst und Winter 2019 in den verschiedensten Regionen Deutschlands fest vereinbart. Leider werde ich fast all diese Lesungen nicht bestreiten können, da meine Gesundheit solche Anstrengungen noch nicht zulässt. Ich bitte um Verständnis.

Ich hoffe sehr, schon bald wieder neue und (hoffentlich) interessante Texte in diesen viel gelesenen Blog stellen zu können. Auf Wiedersehen!

Verlängerte Auszeit

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs, leider bin ich nicht so gesund, wie ich gern sein würde – von „Herbstpower tanken“ kann erst gar keine Rede sein. Deshalb wird der nächste Blogeintrag noch ein wenig auf sich warten lassen. Ich bitte um Verständnis und Geduld.

Mein literarischer Herbst 1

Liebe Leserinnen und Leser, mein Literarischer Herbst 2019 startet mit einer Besonderheit: Am Sonntag, den 13. Oktober 2019, 16.30 Uhr, eröffne ich in meinem westerwäldischen Heimatort Wissen/Sieg (Mittelstraße 16) die „Sala Ortheil“, einen Ausstellungsraum mit Dokumenten aus einem großen Archiv.

Anschließend (18 Uhr) lese ich im „Kulturwerk Wissen“ (direkt am Bahnhof gelegen) aus meinem aus diesem Anlass erscheinenden neuen Buch „Im Westerwald“ (Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung Mainz).

Zu beiden Veranstaltungen lade ich Sie herzlich ein. Bis zum 15. September nehme ich nun noch eine kleine Auszeit (ohne Internet), um Herbstpower zu tanken. Danach geht es weiter mit diesem Blog …

Frischer Schwung im frühen Herbst

(Heute auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S.4)

Jeder Herbst bringt die zeittypischen Moden und Trends eines Jahres auf den Punkt. Was sich in seinem Verlauf ankündigte und abzeichnete, wird auf Fashionweeks, Festivals, Messen und Ausstellungen geerntet, bestimmt und sortiert.

Unsere Freundinnen mit Sinn für die neuste Mode tragen zum Beispiel jetzt schwarze Schnürstiefel, und unsere Jazz-Freunde hören Martin Tingvalls herbstliches Klavieralbum The Rocket (mit Nummern wie Floating und Dark Matter). Das Herbst-Buch für alle Generationen wiederum besteht aus langen Dialogen zwischen älteren und jüngeren Paaren (Sally Rooney: Gespräche mit Freunden), und das eindringlichste Buch des Herbstes ist ein sowohl literarisches als auch philosophisches und heißt Du bist die Aufgabe.

Es ist von Franz Kafka und enthält lauter Ideen und Aphorismen aus den Herbst- und Wintermonaten 1917/18, in denen er sich zu seiner Schwester aufs Land ins böhmische Zürau zurückgezogen hatte. Reiner Stach hat diese oft altasiatisch anmutenden Gedankengänge („Wie ein Weg im Herbst: kaum ist er rein gekehrt, bedeckt er sich wieder mit trockenen Blättern.“) kommentiert, und wir lesen plötzlich einen Kafka von heute, als lebte dieser asketische Weise noch und säße bei uns, unter herbstlichen Kastanienbäumen, leise murmelnd und gedankenschwer.

Viele unserer Freunde können sich von ihren Urlaubserinnerungen schlecht trennen, was zu einem gewissen Alkoholkonsum führt. Aus fernen Ländern haben einige den Autumn Reviver mitgebracht, einen Drink, der vor allem aus Gin, Zitronensaft, Ingwer Sirup und Orangenlikör besteht. Man nippt kurz vor dem Abendessen daran, viele trendbewusste Esser lassen darauf vegetarische Mahlzeiten folgen. Alle nur möglichen Pilzsorten (Pfifferlinge, Steinpilze) stehen an erster Stelle, und es gibt Zwiebelkuchen im knusprigen Pizza-Modus, aus Vollkornmehl und Rapsöl, mit Thymian bestreut.

Eine herbstliche Ausstellung par excellence startet im Bonner Kunstmuseum (und vielen weiteren Museen) und bringt unter dem Stichwort Jetzt! junge Malerei in Deutschland. Die dort ausgestellten 53 Künstlerinnen und Künstler sind alle nach 1970 geboren, und ihre Werke ergeben ein aussagekräftiges Panorama bildnerischer Ästhetik der Gegenwart.

Junger Herbst – das bedeutet: frischen Schwung, kosten, probieren, erkunden, den neuen Impulsen folgen und lustvoll festhalten, wie und woran der Zeitgeist arbeitet und denkt.

Früher Herbst 2 – Stuttgarter Geißhirtle

Die kleinen, festen, tropfenförmigen Birnen des Frühherbstes, die im Raum um Stuttgart zuerst um 1750 angeblich von Ziegenhirten gefunden wurden, sind eine wahre Delikatesse. Sie schmecken wie süße Fruchtkonzentrate mit saftigem Zimtnachgeschmack. Das verleiht ihnen einen starken Purismus, der jede Begleitung durch andere Speisen oder Getränke ausschließt. Die Geißhirtle sind vielmehr Raritäten, die höchstens junge Trauben neben sich dulden. Wohl dem, der beides in seinen Gärten vorfindet, der frühe Herbst hat in diesen raren Angeboten seine ganz und gar passenden Speisen gefunden!

Mein Lebensbuch dieses Herbstes

Was ist das: ein „Lebensbuch“? „Lebensbücher“ sind Bücher, die ich einige Wochen mit mir herumtrage. Es sind Taschenbücher, in denen ich etwas anstreiche, an deren Seitenrändern ich eine Textstelle kommentiere und auf deren leere Partien ich tagebuchartige Aufzeichnungen unterbringe.

Aus einem gedruckten Buch entsteht ein „Lebensbuch“, indem ich den gedruckten Text gleichsam in mein Leben tauche und Spuren dieses Lebens in ihm hinterlasse. Das heißt: Ich lasse mich durch ein solches Buch animieren, leiten, anregen und schreibe hinein, was an neuen Texten dadurch entsteht.

„Lebensbücher“ sind Bücher, die ich sehr mag und in denen ich täglich, immer wieder, zu den verschiedensten Tageszeiten, lese. Es sind Bücher, die ich nie „auslesen“ werde, weil sie zu jeder Zeit Neues und Stimulierendes anbieten. Sie kommen mir vor wie „für mich geschrieben“, als wären die jeweilige Autorin oder der jeweilige Autor mit mir verwandt.

Mein Lebensbuch dieses Herbstes ist von Roland Barthes und hat den Titel Über mich selbst. Ich kenne dieses Buch schon seit Jahrzehnten, jetzt liegt es endlich auch als Taschenbuch bei Matthes & Seitz vor. Dadurch hat es nun genau das richtige Format, den richtigen Druck, das richtige Papier – ich könnte es geradezu verschlingen. Aber nicht doch: Ich soll es nicht verschlingen, sondern „füllen“ und um meinen Beitrag verdoppeln.

Früher Herbst 1

Die ersten Farben, Klänge und Düfte des Herbstes sind da! Auf den Märkten leuchten die Sonnenblumen, und die violetten, kreisrunden, flockigen Blüten der Artischocken ziehen die Blicke an. Daneben liegen die schweren Kürbisskolosse, die auf ihre Verarbeitung als orangefarbene Suppe warten, während wir neben die Wildragouts glänzendes Kastanienpüree platzieren.

Starke, exotisch wirkende Farben nehmen rasch zu, und wir wittern den Rauch verbrannter Äste im früher werdenden Dunkel des Abends. Ein strenger Erd- und Waldgeruch setzt sich durch, und trockene Blätterscharen mit matten Brauntönen werden von letzten, tiefsitzenden Sonnenstrahlen bestäubt, die in den Altweißregionen der Trockenmauern langsam verblassen.

Es ist die Zeit der Impromptus und Moments musicaux Franz Schuberts – Grigorij Sokolov spielt sie für uns in den Nächten, und wir sitzen und hören sie draußen im Freien und spüren den frühen Herbst nun allüberall.

Morgens um vier

Von Amélie Nothomb habe ich bisher noch kein einziges Buch gelesen. In letzter Zeit bin ich aber auf einige ihrer Interviews gestoßen, die mich interessieren, weil sie von den Ritualen ihres Schreibens gesprochen hat.

Jeden Morgen steht sie gegen vier Uhr auf und trinkt danach einen halben Liter „zu starken schwarzen Tee“. Dann arbeitet sie (mit einem schlichten Bic-Kugelschreiber) an einem Roman, „vier Stunden lang, ohne Unterbrechung“. Wenn andere Menschen aufstehen, hat sie ihr „Tagwerk“ getan und verschwindet später in ihr Verlagshaus, um Leserpost zu beantworten. Sie behauptet, ein „zu 100 Prozent analoger Mensch“ zu sein. Kein Handy, kein Internet. Abends, gegen 18 Uhr, leert sie alle zwei Tage mit einem Freund eine Flasche Champagner.

Solche überdreht wirkenden Informationen haben mich neugierig gemacht. Auch ich bin ein Frühaufsteher – eine Aufstehzeit um vier Uhr morgens wäre mir aber zu früh. Danach etwas Starkes zu trinken, könnte ich mir ebenfalls vorstellen, schwarzer Tee käme aber nicht in Frage. Mehrere Stunden am Stück hintereinander mit der Hand zu schreiben – das ist auch mein Verfahren am weiteren Morgen. Ein „zu 100 Prozent analoger Mensch“ bin ich dagegen nicht, bemühe mich aber, den Einfluss der digitalen Welten auf mein Leben so gering wie möglich zu halten.

Bleibt der abendliche Champagner. Statt Champagner trinke ich Wein, nichts Besonderes, sondern einen guten aus der jeweils nahen Region.

Die Arbeitsrituale von Madame Nothomb und meine eigenen überschneiden sich also hier und da in auffälliger Weise. Was zur Folge hat, dass ich auf ihre Romane neugierig geworden bin. Womit soll ich anfangen? Ich habe mich für Die Kunst, Champagner zu trinken (Diogenes Verlag) entschieden. Mal sehen, wie verführbar ich bin …

Eidechsen

Auf der Terrasse unter dem großen Sonnensegel besucht mich an diesen heißen Tagen oft eine Eidechse. Sie ist urplötzlich da und besetzt immer denselben Ort: Einen Mauervorsprung, auf dem die Sonne besonders stechend verweilt. Wie erstarrt krallt sie sich in das Licht und regt sich nicht. Wenn ich sie länger betrachte, werde ich immer ruhiger. Schließlich sind wir einander sehr nahe in unserem Stieren und Schauen und in der Lust, uns die Wärme ganz einzuverleiben.

Mir gefallen ihr langer, spitz zulaufender Schwanz, ihr grünbraunes Schuppenkorsett und ihre wachsam erscheinenden Augen. Sie ist eine Einzelgängerin, da könnte ich wetten. So behält sie ihr Leben für sich, samt der Beute und der raren Entdeckungen in den Zonen des Lichts. Sonnengesänge könnte sie dichten, während ihre Beobachter sie in ein Haiku verwandeln. Bereits von Natur aus ist sie nämlich eine Haiku-Erscheinung, eine Kreatur abgemessener Silben und dreizeiliger Takte.

„Ich wüsste gern mehr über Dich“, dachte ich gestern, als ich den Nachmittag mit ihr erlebte. Und als hätte sie meine geheimsten Gedanken erraten, brachte am frühen Abend jemand ein Buch vorbei. Darin hatte Joachim Sartorius in einem Naturkunden-Band von Matthes & Seitz Eidechsen der verschiedensten Arten porträtiert. Ich schlug den Band auf und las den ersten Satz: „Meine Kindheit in Tunesien war eine Eidechsenkindheit …“

Ich las den schönen Satz mehrmals und langsam, setzte ebenfalls an und fuhr fort: „Meine Kindheit im Westerwald war eine Eidechsenkindheit. Ich machte ihre Bekanntschaft an den Sandhaufen rings um die große Baugrube im Wald, in der das Haus meiner Eltern entstand. Wie entfesselte Biker stürzten sie sich von den sandigen Höhen in die Tiefe und verschwanden plötzlich im niedrigeren Wurzelgelände, als eilten sie auf dunklen Wegen zu geheimen Treffen …“