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Sie ist die Einzige, solitär, noch nie wurde sie von einer aus ihrer Art begleitet. Und sie begrüßt mich am Gartentor, angelehnt an die alte Trockenmauer. Wenn ich das Tor öffne, blicke ich in das Weiß ihres tief liegenden, zurückhaltenden Augenpaars – und sehe weiter: dass sie aus raren Kleidern besteht, Kleidern nach letzten Tänzen, sommerlich übermüdet. Nirgends sonst leben Blütenblätter, um- und ineinander verschlungen, so schön in den Rhythmen aus der Ferne kommender Klänge, verdächtig nahe dem Tango. Ich starre ihr Duo an, wie gern wäre ich in diesem Reigen der Dritte!

0:1 in Mexiko

Unsere Korrespondenten waren in Mexiko-City live vor Ort, als die deutsche Nationalmannschaft gegen Mexiko gestern ihr erstes Vorrundenspiel der WM 2018 bestritt und 0:1 verlor. Zusammen mit einer unüberschaubaren Menschenmenge von Mexikanern verfolgten sie das Spiel auf einer Großleinwand, die den zentralen Platz der Hauptstadt, den berühmten Zócalo (Kathrin Wildner: Zócalo. Die Mitte der Stadt Mexiko City. Ethnographie eines Platzes. Reimer 2003), unvorteilhaft zustellte.

Unsere Korrespondenten berichten, dass sie ihre Blicke, je länger das Spiel dauerte, immer mehr von dem Geschehen abwandten und stattdessen die alte Kathedrale der Stadt (mit ihren mächtigen Glockentürmen und der großen Kuppel) betrachteten. Sie war Ende des sechzehnten Jahrhunderts von den spanischen Eroberern genau an jener Stelle gebaut worden, wo sich davor der aztekische Tempelbezirk befand.

Unsere Korrespondenten berichten weiter, dass sie nach der Niederlage der deutschen Mannschaft an der großen Fiesta teilgenommen und bis in die Nacht (das Spiel fand in Mexiko um 10 Uhr am Vormittag statt) mit den Einheimischen gefeiert hätten. Der Jubel des Tages soll in der Millionenstadt ein kleineres Erdbeben ausgelöst haben.

Sommerbild 2

Wenn das letzte Sonnensträuben erlischt (abends, gegen 19 Uhr), bei einsetzender, noch kaum merklicher Kühle – öffnen sich die Blüten der Nachtkerzen. Nacheinander, in raschem Wechsel, springen sie auf, schälen sich aus ihren Tagesbehausungen und strecken die Fühler aus. Ein paar letzte Falter und Insekten touchieren sie, lassen dann aber endgültig (und wie auf Geheiß) von ihnen ab. Sind sie endlich allein, atmen sie die Düfte der Nacht und erstrahlen. Im stärker werdenden Dunkel leuchten sie und werden zu gelben Oasen, jede für sich, schöne Autonomie – und dennoch eins mit den anderen in den gemeinsamen Hymnen und Liedern (Claude Debussy: Suite bergamasque 3: Clair de Lune, gespielt von Menahem Pressler).

Peter-Wust-Preis

Heute habe ich in der Römerstadt Trier den Peter-Wust-Preis 2018 der Theologischen Fakultät Trier und der Peter-Wust-Gesellschaft verliehen bekommen. Ich wurde für mein „umfangreiches literarisches Wirken“ und mein „Engagement als Gründer einer Schreibschule an der Universität Hildesheim für Studierende aus unterschiedlichen Kulturkreisen“ ausgezeichnet. Die brillante Laudatio hielt Prof. Dr. Erich Garhammer von der Universität Würzburg.

Der mit 5000 Euro dotierte Preis ist nach dem Philosophen Peter Wust (1884-1940) benannt, der zuletzt als Professor für Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster lehrte. Das Hauptwerk von Wust ist Ungewissheit und Wagnis (1937), Bruchstücke einer Autobiographie findet man in Gestalten und Gedanken (1940).

 

 

Sommerbild 1

Ein früher Sommerabend, gegen 18 Uhr. Die Schatten legen sich auf die Gartenflächen. Am Tag wurden Kirschen geerntet. Etwas Rauch zieht vom Tal herauf.

Ein kleiner Teller steht jetzt bereit: Hauchdünner, sehr zarter Polpo, mit (u.a.) Fenchel, Sojasprossen, Tomaten, Olivenöl. Dazu das Getränk: ein Glas Weißwein aus Griechenland. Dazu die Lektüre: das wunderbare Buch über den Kraken (Untertitel: Versuch über die Logik des Imaginativen) von Roger Caillois. Dazu die Musik: Waves von Ludovico Einaudi, eingespielt von Jeroen van Veen.

Die Fußball-WM 2018 beginnt

Heute, am 14. Juni 2018, beginnt in Moskau die Fußball-WM. Leider wird sie uns einige Zeit kosten, viel Zeit, die wir in den schlimmsten Fällen besser anders verbracht hätten (als vor den diversen Public Viewing-Leinwänden unseres Landes).

Die schlimmsten Fälle – das sind langweilige Spiele „ganz ohne Höhepunkte“ oder aber nichtssagende, trostlose Interviews (von so Interviewkanonen wie Peter Großmann (ARD) oder Thomas Skulski (ZDF)) oder aber endlos sich dehnende Minuten in den berüchtigten WM-Studios, in denen jede kleine Meldung zum neunzigsten Mal (wir nennen nur: Katrin Müller … ja, genau die!) breitgeredet wird.

Ganz schlimm aber könnte es werden, wenn diese WM nicht zu markanten (und unser ganzes Leben lang in Erinnerung bleibenden) „Geschichten rund um den Fußball“ führt. Der aufgeschlitzte Oberschenkel von Ewald Lienen (am 14. August 1981 im Bundesligaspiel zwischen Werder Bremen und Arminia Bielefeld), die Selbsteinwechslung von Günter Netzer (am 23. Juni 1973 im Pokalendspiel zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln) oder die schönste Bundesligaschwalbe von Andreas Möller (am 13. April 1995 im Bundesligaspiel zwischen Borussia Dortmund und dem Karlsruher SC) – genau solche Ereignisse der Fußballgeschichte meinen wir. Jeder Fußballbegeisterte hat sie im Gedächtnis und kann von ihnen bei jeder Gelegenheit erzählen.

Kaum einer aber kann das so gut wie Rainer Moritz. In seinem neuen Buch Als der Ball noch rund war. Schreckliche, unangenehme und grandiose Fußball-Erinnerungen. Atlantik 2018) lässt er die ganze Palette solcher Meilensteine der Erinnerungskultur an uns vorüberziehen. Locker, humorvoll, pointenreich und ganz im Stil des von uns (trotz aller Machenschaften) noch immer geschätzten Spiels: Mit thematischen Steilvorlagen (vom Málaga-Eis zu Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder), mit direkt verwandelten Freistößen (die schönsten/schlimmsten Fußball-Schlager) oder mit virtuosen Flankenläufen (Lars Ricken kam, sah und schoss …).

Dank dieses wunderbaren Legendenbuches sind wir also für die schlimmsten Minuten der WM hervorragend präpariert. Wenn Großmann, Skulski, Müller H oder Béla Réthy mal wieder losfabeln – greifen wir einfach zu (den fast dreihundert spannenden Seiten) Moritz und summen (verzückt): Schlag nach bei Moritz (allein das Register hat über zehn Seiten), bei dem steht was drin … (natürlich in der Cole Porter Version von Kiss me, Kate …) …

Die Lebensgefährtin/Der Lebensgefährte 2

Mein Blogeintrag über das Thema Die Lebensgefährtin/Der Lebensgefährte hat (vielen Dank!) zu regen Rückmeldungen von Leserinnen und Lesern geführt. Einige werfen ein, dass es neben dem „Lebensgefährten“ auch den „Lebensabschnittsgefährten“ (zum Beispiel für bestimmte Lebensphasen/Lebensperioden etc.) geben könnte. Dann bekäme man vielleicht zu hören: „Hey, Leute, das hier ist Cornelius, mein Lebensabschnittsgefährte seit dem vierundsechzigsten Lebensjahr, vorläufig schon mal vorausabonniert bis zum siebzigsten …“

Wem das zu detailliert oder zu umständlich ist, der/dem könnte eine extrem verknappte Version gefallen: „Hey, Leute, das ist Gudrun, meine Gefährtin!“ „Gefährtin“ hat etwas Zupackendes, das nach gemeinsam zu bestehenden Abenteuern klingt. Mit der „Gefährtin“ oder dem „Gefährten“ ist man auf rauem Gelände (und manchmal eben nur da und nicht gleich wieder in einer gemeinsamen Wohnung) unterwegs. Aber Vorsicht: Auch anhängliche tierische Gesellen können „Gefährten“ (oder sogar „treue Gefährten“) sein.

Eine weitere Version für „die Lebensgefährtin/den Lebensgefährten“ wäre „die bessere Hälfte“ (ich muss zugeben, dass ich damit meine Schwierigkeiten habe). „Die bessere Hälfte“ ist vor allem dann zu verwenden, wenn man sich sein eigenes Leben überhaupt nicht mehr ohne die „andere Hälfte“ vorstellen kann. Man denkt also schon beim Aufstehen gleichsam doppelt: „Sechs Uhr. Ich/Wir (Edeltraud und Oskar) stehen nun (in Nachthemd und Schlafanzug) auf (mit dem rechten/mit dem linken Fuß zuerst).“ Ein derartiges Leben heißt in der psychoanalytischen Theorie „Stereophoner Komplex better half“ und ist mit all seinen unterschiedlichen Praxiskomponenten ausführlich erforscht worden.

Schlicht und unkompliziert bleibt das Ganze, wenn man einfach „Freundin“ oder „Freund“ sagt: „Das ist Brunhilde, meine Freundin.“ Solche Schlichtheit könnte Brunhilde allerdings extrem verletzen, und zwar besonders dann, wenn sie schon seit längerer Zeit „eine Freundin“ ist. „Freundin“ ist jedoch zum Glück steigerungsfähig: „Das ist Brunhilde, meine gute/langjährige/beste/allerbeste Freundin.“

Faszinierend ist der schlichteste Vorschlag. Der hat was, unbedingt. Wie nämlich wäre es, „die Lebensgefährtin/den Lebensgefährten“ einfach durch Nennen des Vornamens vorzustellen: „Das ist Peter.“ Schluss. Aus. „Das ist Eva.“ Schluss. Aus. Dann müssen alle, die so etwas in kleiner oder großer Runde hören, sich einmal selbst Gedanken machen. Hä?! Wer ist denn Peter, wer Eva? In so einem Fall bleibt das Leben geheimnisvoll – und in den Köpfen der anderen entstehen im Stillen laufend neue, vertrackte Geschichten.

Flycatcher (von Astrid Klein)

… Und plötzlich stehe ich (unerwartet, auf glückliche Weise hingeführt) vor einer Installation. Von der Decke (eines weißen Raums der Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg) hängen viele aneinander geheftete Fliegenfänger, einer sehr hellen Lichtquelle von oben ausgesetzt. Sie bewegen sich nicht, sondern wirken wie eine fremde Horde auf Rast. Ein Klavierstück (Aus dem Tagebuch einer Fliege von Béla Bartók) ist hörbar, die quicklebendige, nervöse Musik unterläuft die statische Gestik der Zeichen, Kratzer und Sprünge in Honiggelb, die den Fliegenfängern anhaften. Unverkennbar ist es eine Installation, die sich aus mehreren Quellen speist: Aus dem hängenden Material der blassen, aber dennoch leuchtenden Streifen, aus dem Kontrast von Lichtquelle und dunklem Boden, aus der Musik, die keinen festen Raum hat, sondern den Raum kreisend durcheilt, als müsste sie ihn „laufend“ neu vermessen und ordnen.

Die Arbeit ist von der Künstlerin Astrid Klein (geb. 1951 in Köln), und sie ist Teil einer großen, ihr gewidmeten Ausstellung (auf mehreren Stockwerken). Der Betrachter kann also versuchen, sie in Verbindung zu bringen mit den frühen Malstudien, den späteren Fotoarbeiten oder noch anderen Installationen. Natürlich, das geht – und es wäre eine der üblichen Weisen, sich dieser Arbeit zu nähern. Mir ergeht es aber von dem Moment an, in dem ich vor den Flycatchern stehe, ganz anders. Der Kunstanspruch erlischt – und die Zeichen verwandeln sich in Signale der Erinnerung …

… Und so sitze ich plötzlich in der Küche des alten Bauernhofs unserer westerwäldischen Nachbarn, es ist Mittag, unzählige Fliegenfänger baumeln von der Decke und bewegen sich im schwachen Wind. Die Fenster stehen wegen der Sommerhitze weit offen, und die Fliegen, die sich zum Teil im Klebstoff der hängenden Köder suhlen und räkeln, sind kaum noch zu zählen. Es riecht nach Kartoffeln und Speck, und auf dem Herd werden Eier gebraten. Ich bin nicht älter als neun oder zehn Jahre, und ich starre die ganze Zeit auf das Schauspiel, das uns von der Decke herab überfällt. Ich habe das Klavierstück Aus dem Tagebuch einer Fliege im Kopf, ich könnte Teile daraus summen, lasse es aber bleiben. Die Frauen in der Küche sprechen miteinander, als gäbe es keine Fliegen, Fänger oder andere Katastrophen. Es ist Erntezeit, und die Männer sind auf den Feldern. Ich bin das einzige Kind weit und breit, und ich kann mich nicht rühren, bis die Mahlzeit angerichtet und vorbei ist und wir nach Hause zurückkehren dürfen. Wo ich das Stück von Béla Bartók spielen werde, gleich und aus dem Gedächtnis …

(Ich danke Daniela Guhl, Tatjana Hummel und Dirk Luckow für wertvolle Hilfe.)

In einem früheren Leben

Nicht real, wohl aber in Gedanken (und mit der ganzen Psyche) befinde ich mich derzeit auf einer Mittelmeerreise. Ich übernachte in einer kleinen Kabine auf einem großen Frachtschiff, und mein  Vater und ich sind die einzigen Passagiere an Bord. Was ich sehe, höre und überlege, halte ich (wie schon seit langem) in Notizbüchern fest, daneben schreibe ich Tagebuch (das ich meinem Vater nicht zeige).

Ich lebe im Juli 1967, die Fahrt beginnt in Antwerpen, die Beatles feiern gerade ihre großen Erfolge, und ich tanze zum ersten Mal in meinem Leben zu ihrer Musik. Während der Landgänge in Griechenland suche ich beharrlich nach einem Klavier (möglichst versteckt muss es stehen) und bitte darum, wenigstens eine halbe Stunde (ohne Zuhörer) spielen zu dürfen. Ich spiele Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier, und die freundlichen griechischen Gastgeber halten mich für einen netten, aber beschränkten Exoten.

Von alldem erzähle ich in Die Mittelmeerreise. Ich tippe, schreibe und schwitze, aber der „Summer of Love“ will einfach nicht enden …

Am Piano 2

Ich übe nicht mehr, ich spiele lieber wieder wie früher Klavier. Ganz schlicht, auch anhand von Klavierschulen. Ich spiele sehr langsam, Stück für Stück, ich lerne die kurzen, oft anonymen Kompositionen auswendig durch häufiges Spielen, ich habe eine kindliche Freude daran, die bescheidenen Tonfolgen wiederzuhören. Bloß nichts Virtuoses, lieber nur ein entspanntes Klingen, ein Sich-Umschauen, Schlendern. Und warum?! Um dem Klavier spielenden Kind, das ich einmal war, erneut zu begegnen. Wir erkennen uns, Sitzung für Sitzung kommen wir einander näher.

Malakoff Kowalski hat uns die Freude gemacht, ein Album einzuspielen, das den Gestus dieses besonderen Spielens vorführt: My First Piano – das ist es. Andeutungen, Fragen, im Kreis gehen, Zirkelbewegungen. Spielen ohne jeden Anspruch, sich mit dem Kinderleichten begnügen …