In der Hamburger Kunsthalle

In der Hamburger Kunsthalle begegnete mir ein überraschendes Objekt, an dem ich während meiner Rembrandt-Studien „liebend gerne“ Platz genommen hätte. Ich mochte seine Schlichtheit und seinen kargen Stolz, seine Sorgfalt und seine nicht zur Schau gestellte, sondern eher scheu präsentierte Einfachheit. So, dachte ich, sollte auch gute Literatur sein…

Trifonow live

Endlich habe ich Daniil Trifonow live in einem Konzert erlebt. Er ist achtundzwanzig Jahre alt, sieht aber mit seinem markanten Bart und einem offenen, weißen Hemd in locker sitzender schwarzer Konzertkluft noch aus wie ein Student, der etwas zu lang studiert hat. In erheblichem Tempo stürzt er auf die Bühne, eilt dem Flügel entgegen und schlägt sofort die ersten Klänge und Harmonien an. Von da an gibt es kein Halten mehr, und man glaubt, eine Figur aus Tschechows Drama Der Kirschgarten vor sich zu haben. Ist das nicht Pjotr Sergejewitsch Trofimow, der die siebzehnjährige Anja Ranjewskaja liebt?

Je länger Trifonow spielt (und er spielt zunächst nur Skrjabin), umso unheimlicher verwandelt er sich in die toternste Tschechow-Figur. Keine Pausen zwischen den Stücken, es ist alles eins, Liebe, Liebeskummer, Skrjabin – selbst als eine Beethoven-Sonate dran ist, gibt es zwischen Skrjrabin und Beethoven ebenso wenig ein Atemholen wie zwischen Trifonow und Trofimow. Beide sind letztlich eine Gestalt, und als die Beethoven-Sonate (op. 110) geschafft ist, verschwindet unser ewiger Student mit einigen raschen Sätzen, mehrere Stufen auf einmal nehmend, in der Garderobe, um Tschechow zu lesen.

Nach der (wieder mal nichts als lästigen) Pause ersteht das alte Russland weiter: Alexander Borodin, Sergej Sergejewitsch Prokofjew – man sitzt längst zu Trifonows Füßen und leidet mit ihm. Wie geht es Anja Ranjewskaja? Borodins Musik erträgt sie noch, Prokofjews 8. Sonate aber nicht mehr – und so geht diese heftige Liebe entzwei, und wir bescheiden uns mit einer Rachmaninow-Zugabe aus reinstem, kristallinem Glockenklang. Anschließend einige Gaffel-Kölsch – zur Abkühlung und Ernüchterung.

 

Die gestrige Lesung in Hamburg

Gestern Abend habe ich vor über fünfhundert (!) begeisterten Zuhörerinnen und Zuhörern im Rolf Liebermann-Studio des NDR in Hamburg aus meinem neuen Roman „Der von den Löwen träumte“ gelesen und über die Entstehungsgeschichte des Buches fast zwei Stunden mit dem brillanten NDR-Redakteur Alexander Solloch gesprochen.

Nachhören kann man das Ganze am Sonntag, dem 22.12.2019, ab 20 Uhr in der Sendung „Sonntagsstudio“ von NDR Kultur!

Hier eine erste Besprechung des Abends:

https://www.ndr.de/kultur/buch/Hanns-Josef-Ortheil-liest-aus-Der-von-den-Loewen-traeumte,ortheil162.html

 

Ortheils Abendmusiken

Am Sonntag, dem 24. November 2019, beginne ich in Wissen/Sieg, meinem westerwäldischen „Heimatort“, mit der neuen Reihe meiner Abendmusiken. Um 16.30 Uhr empfange ich meine Gäste in der Sala Ortheil (Mittelstraße 16), wo wir uns anhand von Material aus meinem Archiv zusammen auf das Thema Klavier/Klavierspielen einstimmen. Anschließend lese ich um 18 Uhr aus meinem Buch Wie ich Klavierspielen lernte (Insel Verlag) und zeige dabei auch ausgewählte Beispiele von pianistischen Auftritten und Hypnosen.

Die neue Reihe der Abendmusiken thematisiert Berührungen von Literatur und Musik und stellt originelle Beispiele für diese oft versteckten Szenarien vor.

https://www.ak-kurier.de/akkurier/www/artikel/84455-hanns-josef-ortheil-laedt-zu–abendmusiken-

Volodos spielt Schubert

In meinem Blogeintrag vom 25.10.2019 habe ich meinen schwierigen Umgang mit Franz Schuberts Klaviermusik erwähnt. Ich habe geschrieben, dass ich sie zwar gerne gehört, aber nicht habe spielen können. Wie gerufen kam daher der Hinweis einer Leserin dieses Blogs, die mich auf die Einspielung einer Schubert-Sonate und dreier Menuette durch Arcadi Volodos hinwies (gerade erst erschienen).

Oh ja! So sollte man Schubert spielen! Eine Musik, die sich immer wieder aus dem Singenden, Tänzerischen ins Pianissimo verflüchtigt: Als verschwinde ein nachdenklich gehender, herumstreunender Mensch in Waldesnischen. Das Streuen und Umschauen ist sehr gegenwärtig, aber eben auch die Waldumgebungen, geheime Fluchtorte, plötzlich sich auftuende Lichtungen – und eine Einsamkeit, die oft etwas schmerzhaftes hat, dann aber von kurzen, sehr tröstlichen Wendungen beruhigt wird.

Besondere Juwelen sind die drei Menuette. Das in Cis-Moll macht einem beinahe Angst: weil es von jemandem summt oder klingt, der sich in eine unendliche Ferne fortbewegt, wo er denn ganz alleine ist und uns nur noch einen letzten Abschiedsblick gewährt.

Schuberts letzte Sphären gehören zum Unheimlichsten, das die Musik hervorgebracht hat…

Tiepolo

Gestern in einer Ausstellung mit Bildern von Giovanni Battista Tiepolo (1696-1770), dem unverwechselbar venezianischen Maler. Ich liebe besonders seine Deckengemälde, deren größter Meister er war. Um sie angemessen zu betrachten, müsste man sich auf den Boden legen und das Schweben der offenen Himmel mit einem Fernglas studieren. Wo befinden sich eigentlich die Figuren? Angesaugt von der Fliehkraft eines fernen Blaus heben sie von ihren Bastionen zwischen Erde und Himmel ab. Einige kauern, lagern und genießen die Nachdenklichkeit, andere triumphieren, spielen ein Instrument, zeichnen, agieren. Die meisten erscheinen in kleinen Gruppen und sind der irdischen Fragen enthoben. Ihr Lebensstoff ist das Transzendieren, das Hinübergleiten von der Erdschwere der alten Themen hin zur Leichtigkeit des Jenseitigen. So umspielen sie Formen des Traums. Nicht mehr greifbar, aber auch noch nicht entschwunden, sind sie musikalische Wesen, lyrischen Klangwelten ausgesetzt, von deren Substanzen nur die größten Dichter etwas geahnt haben.

Wie es nun weitergeht

Am kommenden Samstag, dem 09. November 2019, lese ich um 20 Uhr aus meinem Buch „Wie ich Klavierspielen lernte“ in der Kulturkirche Köln in Köln-Nippes (Siebachstraße 85).

Und am Dienstag, dem 12. November 2019, lese ich um 19.30 Uhr im Rolf Liebermann-Studio des Norddeutschen Rundfunks in Hamburg, Oberstraße 120 (Moderation: Alexander Solloch) aus meinem Roman „Der von den Löwen träumte“.

Entzifferung eines aktuellen Werbeplakats

In den Seminaren von Roland Barthes (Mythen des Alltags) war die Entzifferung von Werbung oft ein Sport. Widmen wir uns also diesem Plakat, einem Fundstück auf einem beliebigen Bahnhof:

Sie fährt das schwerste und bekannteste Motorrad, eine (unverschämt) neue und glänzende Harley-Davidson, auf der sie niemanden zum Mitfahren einladen wird. Den Ebenen ist sie weit entrückt, wir befinden uns in den Bergen, dort, wo die Straßen nicht mehr asphaltiert sind. Sie legt eine Pause ein und strahlt gelassen mit einem Glücksblick hinauf zum Himmel. Die Haare offen, den Helm längst abgelegt. Sie trägt fingerlose Lederhandschuhe (wahrscheinlich aus Lammfell) und eine Lederjacke, die perfekt sitzt, sie aber nicht einengt (deshalb oben offen). Die erdbezogenen Stiefeletten sind gekonnt staubig. Das einzige Manko: Die klotzig wirkende Ledertasche mit den Utensilien für Tag und Nacht (gehört zu einem ganz anderen Lifestyle). Gerade öffnet sie eine Wasserflasche und gibt vor dem Schluck zu erkennen: Ich bin genau da, wo ich sein wollte. Allein, entrückt, dem Himmel nahe, auf niemanden angewiesen, mit nichts Weiterem beschäftigt als dem Genuss dieses Augenblicks.

Völlig überflüssig und dümmlich daher der Textkommentar: „Unabhängig ist einfach …“ (Ein gutes Bildarrangement spricht für sich selbst …)