Beethoven 2

Angenommen, eine gute Sachbuchautorin hätte den nahe liegenden Gedanken gehabt, zum Beethoven-Jubiläum 2020 (250. Geburtstag) ein Buch zu schreiben: wie hätte sie vorgehen können?

Die traditionelle biografische Methode hätte darin bestanden, Beethovens Leben chronologisch zu erzählen und in die fortlaufende Erzählung kurze Interpretationen und Deutungen seiner Musik einzuflechten. Das ist möglich, birgt aber viele Gefahren.

Denn kaum etwas ist schwieriger, als über eine solche Musik zu schreiben. Entweder wird das Vokabular so analytisch („von einem dunklen Cis-Moll bewegt sich die frei schwebende Melodie über die Dominantseptime hin zu einer Rondopassage…“ etc.), dass es (zumal für Laien) unverständlich wird.

Oder es wird metaphorisch („Die Sonate beginnt wie ein Monolog über eine tief sitzende Trauer, die etwas schicksalhaft Unausweichliches hat…“ etc.) – was auch nicht viel besser ist, weil Begriffe wie „Trauer“ oder „Schicksal“ sehr vage sind und vielerlei diffuse Auslegungen erlauben.

Die Musikwissenschaftlerin Christine Eichel war sich dieser Gefahren genau bewusst. Sie hat sich klugerweise dafür entschieden, nicht zu viele Werke Beethovens eins nach dem andern knüppelhart und knochentrocken zu deuten, sondern sich zunächst vor allem auf die wichtigsten zu konzentrieren. Ihre Auswahl folgt weiterhin der Idee, von Anlage, Ausdruck und Konzeption her sehr unterschiedliche Stücke zu behandeln – und das so, dass man über die Erzählung ihrer Entstehungsgeschichte zum Ausdruckscharakter der Stücke gelangt. Jedes von ihnen ist in dieser Perspektive sowohl ein Porträt seines Komponisten wie ein Dokument der Zeit, in der es entstanden ist.

Eine so geschickte und kluge Komposition eines Buches könnte man als „Charakterstudium“ bezeichnen: Christine Eichel schreibt über Kompositionen wie über Klangerzählungen und konfrontiert diese Erzählungen mit Erzählungen von Details der Beethovenschen Lebensgeschichte.

Als Leserin oder Leser erlebt man so das Glück, ein Buch über Beethoven am Stück, ohne Aussetzer, Umwege oder lästigen Detailfanatismus, lesen zu können. So etwas macht Freude, zumal Christine Eichel mit einem Schwung und einer Begeisterung schreibt, als hätte ihr Beethoven persönlich nicht nur Klavierunterricht erteilt. Nein, es muss auch Kompositionsunterricht gewesen sein – und zwar einer von der entspannten und mit vielen Überraschungen aufwartenden Sorte.

Das beste Buch im Beethoven Jahr, das ich bisher gelesen habe!! (Christine Eichel: Der empfindsame Titan. Ludwig van Beethoven im Spiegel seiner wichtigsten Werke. Blessing Verlag, München)