Fermers Wanderungen 12

Damals, in den späten siebziger Jahren, war dieses Kino (aus den fünfziger Jahren) der Inbegriff einer romantisierenden Avantgarde gewesen. Wim Wenders hatte solche Kinos geliebt und sie Im Lauf der Zeit (1976) eine wichtige Rolle spielen lassen. Fermer erinnerte sich genau: wie häufig er in Kinos dieser Art gesessen hatte, einen Nachmittag oder Abend lang, mehrere Filme hintereinander schauend, niemals ermüdend, vielmehr geborgen in einem Raum, dessen Charakter mit seiner Kindheit viel zu tun hatte. Und was gab es heute zu sehen? Einen Film über die Rivalität zwischen Björn Borg und John McEnroe – und, ja, das passte genau in diesen erneuerten Lauf der Zeit. 

Meditationskabine

In der Ausstellung Partizipation (zu sehen Im TAL/ Hasselbach/Ww.) stellt der Künstler Erwin Wortelkamp einige seiner Arbeiten aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren vor. Darunter befindet sich auch eine Meditationskabine (aus dem Jahr 1970). In Außenräumen (auf Plätzen und Straßen) postiert, war dieses Objekt ein Angebot für Passanten. Indem sie es betraten, orteten sie sich selbst in einem vorgegebenen Raum und diesen begrenzten Raum wiederum in einem Bezug zu seiner weiteren Umgebung. Raumbegehung, Raumbestimmung, aber auch Raumabenteuer waren im Verlauf solcher Aktionen leicht möglich. Das schöne Objekt atmet den guten Geist dieser Jahre: Experiment, Neugier, Offenheit, Lust auf freie Selbstbestimmung im Spiel mit einem vorgegebenen Rahmen. Schließlich auch (in expressivem Sinn): Aufruf zu allem, was „möglich sein“ könnte!

 

 

 

Alleen im Herbst

Die herbstliche Großstadtmelancholie ist die Melancholie der großen Alleen, in denen der Winter in jeder Farbe und jedem Geruch bereits lauert. Bald wird uns die einbrechende Kälte von alldem trennen, und genau vor diesem Verlust graut es uns ingeheim bereits jetzt. Dieses Grauen ist die eigentliche Wurzel der großstädtischen Herbstmelancholie, denn wir ahnen: dem Barbarismus des Winters werden wir niemals entkommen.

 

Die Prachtinitiale

Die Urgestalt der Schrift ist besetzt von Farbe, Kontur, lebendem Raum und erahnbarem Klang. Als gemaltes Zeichen und Graphik bewahrt die Handschrift all diese Existenzen. In Gutenbergs gedruckter Bibel aus dem fünfzehnten Jahrhundert blieben die Räume für diese Hand- und Körperzeichen frei. Der zukünftige Leser hatte dafür zu sorgen, dass die Prachtinitialen (als Referenzen gegenüber der verloren gegangenen mittelalterlichen Handschrift) erhalten blieben. Der leuchtende Buchstabe führte den Reigen des Gedruckten an. In seinem Raum atmet die Schrift, nirgends sonst.

Kleine Magie

Und jetzt schau mal: Was ist das? Ein Trio in Begleitung? Eine Meditation in Flussnähe? Ein Filmmoment meines Projekts Fermers Wanderungen? Mag alles sein – die Magie entsteht jedoch durch den Mövenflug, als wäre die Bewegung des hellen Vogels am Fluss das Signal, das Menschen und Atmosphären dieses schönen Augenblicks berührt und zusammenhält.

Herbstlaub

Immer, wenn ich in diesen Tagen größere Haufen von Herbstlaub herumliegen sehe, fällt mir ein Gedicht Stefan Georges ein, dessen 150. Geburtstag im nächsten Jahr ansteht. Ich schaue aufs Laub, und das Gedicht breitet sich in mir aus, ich höre Zeile für Zeile – und es ist noch immer das alte Wunder eines vollkommen gelungenen, leichten Stefan George-Gedichts: Sprich nicht immer/ Von dem Laub · / Windes raub ·/ Vom Zerschellen/ reifer quitten ·/ Von den tritten/ Der vernichter/ Spät im jahr./ Von dem zittern/ Der libellen/ In gewittern/ Und der lichter/ Deren Flammen/ Wandelbar.

 

Herbstspeise

Die Jagd hat längst begonnen. Daher, mein lieber O, servieren wir heute frischen Wildschweinpfeffer „im Blut gebunden“, mit einer extra-Schrotkugel, die Du hoffentlich rechtzeitig ausmachst und keineswegs schluckst.

Fermers Wanderungen 11

Vor genau vierzig Jahren, im Herbst 1977, habe ich mit der Niederschrift meines Debütromans Fermer begonnen, der im Frühjahr 1979 im S. Fischer-Verlag erschien. Und genau dieses Bild des Mainzer Rheinufers hatte ich damals vor Augen, so dass mit diesem Bild und mit dem Weg der Hauptfigur über die Brücke der Roman beginnt. Es war ein Aufbruch, dem ich bis heute nachlebe – in diesen Tagen besonders. Fermers Wanderungen greifen diesen Impuls auf: Unterwegs sein, möglichst allein, auf der Suche nach starken Augenblicken, Bildern und Szenen.

Kaffeebohnen

Während einer ICE-Fahrt (und der damit verbundenen Arbeit) werden zum öden Dallmayr-Filterkaffee plötzlich Schoko-Kaffeebohnen serviert, ohne Bestellung, einfach aus einer guten Laune des Bordpersonals heraus. Wie lange habe ich so etwas nicht mehr zum Kaffee gegessen? Jahrzehntelang nicht, ich hatte diese Kombination völlig ausgeblendet. Dabei handelt es sich um eine ideale Ergänzung: geröstete Bohnen mit einem Überzug, der den Zucker im Kaffee ersetzt.