Intermezzo 7 – Auf der Festung

Gestern wurde auf der Festung Ehrenbreitstein eine Ausstellung meines Künstlerfreundes Erwin Wortelkamp mit dem Titel Wehrhaft – oder was es zu verteidigen gilt? eröffnet. Die ideale Anfahrt besteht in einer Fahrt mit der Seilbahn vom Deutschen Eck in Koblenz über den Rhein hinauf zu den imposanten Festungsanlagen. Auf dem großen Gelände sind zwanzig Skulpturen verteilt, die man mit Hilfe eines Lageplans ausfindig machen kann.

Sie wirken wie aus dem Himmel herbeigeschwebt und lagern auf der Höhe des Felsens wie vorzeitliche Urgestalten, mit denen man schauend, suchend und fragend in engeren Kontakt tritt. Manche rollen sich in sich zusammen und stellen sich taub. Einige ziehen sich in Nischen zurück, andere stellen sich in den Weg. Verspielt erscheinen jene, die sich verstecken und erst nach längerem Suchen gefunden werden. Eine einzige (die dominante) aber reckt sich triumphal empor und greift nach den Wolken, während der Wind durch jenen Hohlraum pfeift, wo sich einmal ihr Kopf befand. (Die Ausstellung wird noch bis Februar 2019 gezeigt.)

Intermezzo 6 – Am Tag, als der Regen kam

Gestern war es soweit. Zum ersten Mal seit unendlich vielen Tagen regnete es. Eindeutig, ja, es waren Regentropfen, die da noch vorsichtig fielen. Brauchten wir einen – na, wie hieß er doch gleich? – einen Dingens, äh, einen Regenschirm …? Nein, natürlich nicht, nassgeregnet zu werden, war der reine Genuss, daher tauchten wir in lauter Schauern ab und hielten fest: das war der Tag, als der Regen kam, langersehnt, heißerfleht …

Langersehnt, heißerfleht? Von wem war dieser Text? Wir waren sicher, dass wir ihn kannten und schon oft gehört hatten, erinnerten uns aber nicht mehr genau. Also ließen wir uns von einer Suchmaschine helfen und gerieten rasch auf die richtige Fährte: „Am Tag, als der Regen kam, langersehnt, heißerfleht/Auf die glühenden Felder, auf die durstigen Wälder/Am Tag, als der Regen kam, langersehnt, heißerfleht/Da erblühten die Träume, da erwachten die Träume …“ Den Song hatte in den späten fünfziger Jahren die Sängerin Dalida mit großem Erfolg (monatelang in  der deutschen Hitparade) gesungen. Dalida, richtig, die hatten wir längst vergessen. War sie nicht in Ägypten geboren und später nach Paris gegangen, um dort eine Schauspielkarriere zu beginnen?

Wir kontaktierten erneut eine Suchmaschine und lasen von ihren großen Erfolgen, nicht als Schauspielerin, sondern als Sängerin. 1964 hatte sie angeblich zehn Millionen Schallplatten verkauft. Paroles, paroles … – stimmt, auch an diesen Song aus den frühen siebziger Jahren (zusammen mit Alain Delon gesungen) erinnerten wir uns gut. Schließlich lasen wir auch von Dalidas dunkler, privater Geschichte. Zwei ihrer Lebensgefährten nahmen sich das Leben, und auch sie selbst starb 1987 in Paris durch die Einnahme einer Überdosis von Schlafmitteln. Der Abschiedsbrief der damals 54-jährigen soll aus nur einem einzigen Satz bestanden haben: „Das Leben ist mir unerträglich geworden – vergebt mir.“

Gestern regnete es fast den ganzen Tag, mal heftig, mal unentschlossen. Wir dachten an Dalida und hörten viele ihrer Songs, und wir wussten, niemand hatte, was an diesem Tag geschah, besser und schöner besungen.

 

 

Intermezzo 5 – Die Neue Saison

Heute beginnt die neue Bundesliga-Saison, doch sie interessiert mich nicht. Ich werde mir keine Bundesliga-Spiele mehr anschauen, nein, ich werde mir vorerst überhaupt keinen Fußball mehr antun, an dem Erstliga-Profis beteiligt sind. Also auch keine Champions- oder Europa League-Spiele, ganz zu schweigen von Länderspielen.

Grund für diese Abstinenz ist meine Enttäuschung über das Ausscheiden der Nationalmannschaft während der letzten WM. Natürlich ist es keine Schande, wenn ein Weltmeister in der Vorrunde ausscheidet. Ist möglich, kann sein. Aber nicht in der Art, wie dieses Ausscheiden von unseren Spielern vorsätzlich betrieben wurde. Es waren tief enttäuschende, jämmerliche, geradezu lachhafte und vollkommen unwürdige Auftritte von Ehemaligen, die sich wieder in Azubis verwandelt hatten.

Seither kann ich das Grinsen von Thomas Müller nicht mehr sehen. Und auch nicht die selbstzufriedene Miene von Manuel Neuer. Dass Toni Kroos und Sami Kedira in den nächsten Spielen (als wäre nichts passiert) wieder übers Spielfeld geistern, halte ich für einen Skandal. Und dass Jogi Löw, Oliver Bierhoff und Reinhard Grindel nach Wochen armseligen Schweigens als Trauertrio mit schwarzer Krawatte um Unterstützung bitten, ist der Gipfel. Längst hätten  sie alle Drei abtreten und genau das übernehmen müssen, was man von jedem verlangt, der sich zum kläglichen Hampelmann gemacht hat: „Verantwortung“.

Die Auftritte all dieser Gestalten haben auf mein Bild vom Profifußball abgefärbt. Dass die Medien jetzt so tun, als gäben es nichts Spannenderes als das ewige Revival von Bundesligaspielen (egal, was vor einigen Wochen passiert ist), ist unglaublich genug. Alles vergessen, alles vorbei! Was nur noch zählt, ist die laufende, hochgejuxte Berichterstattung, womöglich noch kommentiert von der allgegenwärtigen Wichtigtuerin Dunja Hayali im Aktuellen Sportstudio.

Ich mache da nicht mehr mit. Höchstens die Spiele des FC in der Zweiten Liga verfolge ich. Das muss sein, sonst fehlt etwas schmerzhaft. Fußball, der sich im Abseits von Weitermachern mit Werbeverträgen abspielt, werde ich ebenfalls sehen, als Groundhopper, der wie ein zerzauster Nomade von Fußballplatz zu Fußballplatz zieht. Meine nächste Partie im alten Stadion am Zoo: Wuppertaler SV – SV Straelen (4. Liga).

Intermezzo 4 – Traubenernte

Die Trauben des kleinen Weinstocks direkt am Gartenhaus schimmern jetzt erntereif. Die Beeren leuchten in den verschiedensten Farben, von hellgrün bis dunkelblau. Ich pflücke sie einzeln, auf der Hand liegen sie nebeneinander wie Perlen aus Glas. Prall, die Haut geladen, platzen sie auf der Zunge und lassen ein schmales Rinnsal von süßherbem, körnigem Saft strömen. So sind sie ein starker Genuss: Perlenkontakt, Perlenverzehr –  der feinste Luxus, den der Garten zu bieten hat.

 

Intermezzo 3 – Ohne Kanon durch den Sommer

In der Ausgabe der ZEIT von dieser Woche (Nr. 34, 16. August 2018) legt der Journalist Thomas Kerstan einen Kanon mit jeweils 25 Titeln für die unterschiedlichsten Bereiche unseres Wissens vor. Damit soll ein gemeinsamer Fundus skizziert werden, der definiere, „was heute von Bedeutung ist und morgen von Bedeutung sein könnte“. Im Bereich „Sprache und Kommunikation“ werden Umberto Ecos Der Name der Rose ebenso empfohlen wie Ernest Hemingways Der alte Mann und das Meer, Erich Kästners Emil und die Detektive oder Alan Alexander Milnes Pu der Bär.

Ich selbst bin gegenüber solchen Versuchen, kanonische Werke festzulegen, sehr skeptisch. Wenn ich mich an meine eigene „Wissensgeschichte“ erinnere, so verlief sie in vielen kurzen Phasen, die von immer anderen Impulsen der Neugierde bestimmt wurden. Ich vergaß rasch, was ich eben noch mit viel Aufwand gelesen hatte, und wandte mich Werken zu, von denen ich einige Wochen zuvor noch nie gehört hatte.

So folgte ich fast ausschließlich meinen eigenen Interessen, kostete hier und da, las mich fest, legte beiseite und begann etwas Bekanntes wieder von vorn. „Bildung“ war kein Prozess, durch den Autoritäten einem „Wissen“ verordneten, sondern ein lebenslanger Lustprozess der autodidaktischen Aneignung von Werken und Themen, die einem zu einem bestimmten Zeitpunkt gefallen und „etwas zu sagen haben“. Mit dem bekannten „Schulwissen“ hatte das überhaupt nichts zu tun, meist begegnete es mir zur falschen Zeit, nämlich zu einem Moment, als ich nicht das geringste Gefallen daran fand oder auf seine Inhalte noch nicht vorbereitet war.

Ein Beispiel: Während meiner Oberstufenjahre in einem humanistischen Gymnasium lasen wir Schüler Homers Odyssee auf Altgriechisch in Auszügen. Der Text war viel zu schwer für uns, und das bruchstückhafte Lesen führte schließlich sogar dazu, dass wir den Überblick verloren und Monate später kaum noch eine Erinnerung an den Text hatten. Wie hieß noch einmal die Nymphe, bei der Odysseus erstaunlich viel Zeit verbracht hatte? Und wie war der Name des besonders gastfreundlichen Volkes, an dessen Küste er als Schiffbrüchiger schließlich gestrandet war?

In den Sommerferien des Jahres 1967 ging ich mit meinem Vater auf Reisen. Auf einem Frachtschiff fuhren wir (als einzige Passagiere an Bord) von Antwerpen aus durch die Meerenge von Gibraltar bis nach Griechenland und Istanbul. An Deck las ich damals Ausschnitte der Odyssee und begriff, dass ich mich zum großen Teil genau auf jenen Strecken befand, die auch Odysseus zurückgelegt haben musste. Plötzlich belebte sich mein Interesse an dem alten Epos, manche Gesänge las ich mehrmals – der emotionale Kontakt zum früher als spröde empfundenen Text war hergestellt und führte zu dem, was ich noch heute für das Wichtigste an einem „Wissensprozess“ halte: Persönliche Aneignung, Notieren von Eindrücken, Wiedergabe dessen, was einen berührt und fasziniert hat. (Mein Buch Die Mittelmeerreise erzählt genau davon …)

Intermezzo 2 – Sommer am Rhein

In den frühen siebziger Jahren studierte ich in Mainz und nahm während der dreimonatigen Semesterferien des Sommers am frühen Morgen den Bus. Vom Hauptbahnhof fuhr er zum Rhein und über die Theodor Heuss-Brücke auf die andere Seite. Ein schmaler Gehweg verlief direkt am Ufer entlang auf einer Insel, hin zum schönsten Freibad der Welt. Es hieß „Maaraue“ und wurde auf der einen Seite vom Main, auf der anderen aber vom mächtigeren Rhein eingerahmt. Gegenüber zeichnete sich die Silhouette der Stadt mit ihrem sandsteinfarbenen Dom, der Stephanskirche und dem Kurfürstlichen Schloss ab.

Nacheinander trafen am frühen Vormittag auch die Freunde ein, von denen die meisten Philosophie studierten. Auf der großen, viel Platz bietenden Liegefläche fanden wir ein bequemes Lager irgendwo am Rand, unter einem schattigen Baum. Wir schwammen, lasen zusammen philosophische Texte (Adorno, Benjamin, Heidegger) und hörten Musik.

Am frühen Abend wurden die ersten Gläser Weinschorle gezischt, Kopfsprünge vom Sprungturm waren die Folge. Als das Bad schloss, zogen wir weiter ans Rheinufer und entzündeten dort unsere Grillfeuer. Dazu wurden schließlich härtere Sachen getrunken, Edelbrände aus dem Rheingau, die ein befreundeter Winzersohn mitbrachte. Erst weit nach Mitternacht trennten wir uns, sonnendurchglüht, begriffstrunken, dionyische Nomaden des Wissens.

Grosse Ferien 14 – Intermezzo

Der erste Teil der Grossen Ferien 2018 liegt hinter mir. Ich war in den Bergen unterwegs, wanderte mit Fermer, schwamm in Waldseen und versteckten Freibädern, las Bücher von Knausgård, Joubert und Silke Scheuermann (Gerade noch dunkel genug. Frankfurter Poetikvorlesungen), schrieb kurze Texte zu Bildern von Edward Hopper, sah Trifonov spielen, hörte Klaviermusik von Henning Schmiedt und korrigierte die 640 Seiten meines im November 2018 erscheinenden Buches Die Mittelmeerreise.

Für eine Woche lege ich nun ein kleines Intermezzo (Sechs Intermezzi, op.4, von Robert Schumann, gespielt von Andrea Padova) ein, um danach aus den Bergen an eine Küste zu reisen und den zweiten Teil der Grossen Ferien einzuleiten.

Tag für Tag werde ich im Meer schwimmen, neue Bücher (Nachtleuchten!) lesen, selber Klavier spielen und mich für den Herbst präparieren, wenn am 18. September 2018 in der Agnes-Kirche von Köln meine Lesereisen erneut beginnen.

Am 21. Oktober 2018 steht dann die Premierenlesung von Die Mittelmeerreise in meinem westerwäldischen Heimatort Wissen/Sieg an, an einem Sonntagmorgen als Matinée um 11 Uhr – wie ich mich darauf freue! (Es wird eine ganz besondere Lesung …)

Grosse Ferien 13 – Longlist

Die Longlist mit zwanzig Romanen (dieses Frühjahrs oder Herbstes) für den Deutschen Buchpreis 2018 ist erschienen. Mein Gott – jedes Jahr wird rund um diese Liste ein immenses Theater gemacht, als gäbe es im jeweiligen Herbst keine anderen guten Bücher, die nicht auf dieser Liste stehen. Natürlich gibt es sie, und natürlich ist die Liste immer nur das Ergebnis des zähen Verteilungskampfes von Stimmen, die von sieben Jurorinnen oder Juroren abgegeben werden. Mich interessiert diese Longlist daher nicht besonders, ich habe sie nur einmal kurz überflogen, vielleicht präsentiert sie zumindest einige Titel, die ich hätte übersehen können.

Der erste, an dem ich hängen geblieben bin, ist Nachtleuchten von María Cecila Barbetta (S.Fischer Verlag). Von dieser aus Argentinien stammenden, seit vielen Jahren in Berlin lebenden Schriftstellerin habe ich bereits ihren Debütroman Änderungsschneiderei Los Milagros gelesen, der mich sehr beeindruckt hat. In Nachtleuchten werde ich mich auf jeden Fall bald vertiefen – und ich habe bereits damit begonnen, mich darauf einzustimmen.

Der Roman spielt in einer meiner „Lieblingsstädte“ (in der ich noch nie gewesen bin), nämlich in Buenos Aires. Den Raum des Romans habe ich durch viele mir bekannte Fotografien und Bilder der Stadt bereits schemenhaft vor Augen. Die Musik des Romans wiederum hat die Autorin in einer „Playlist“ zusammengestellt: Man klickt den Romantitel über „fischerverlage.de“ an und trifft auf die fünfundzwanzig Musikstücke, die den Roman begleiten. Und los geht es, mit El Cuartetazo …

Grosse Ferien 12 – Ein Sommer mit Joubert

Joseph Joubert (1754-1824) hat sein Leben lang kein Buch veröffentlicht, aber unaufhörlich notiert und geschrieben. Maurice Blanchot hat behauptet, dass Joubert auf diese Weise „Vorbereitungen, eins zu schreiben“, getroffen habe – aber das glaube ich nicht. Die Entscheidung, den fortlaufenden Strom des Nachdenkens für sich zu behalten, ist radikal. Er hat mit dem Entschluss, sich diesem Strom ganz anheim zu geben und keine Verfestigungen oder Abspaltungen zu dulden, zu tun.

Bis zu Jouberts Tod waren die unendlich vielen Notizen seines Lebens (zweihundertfünfzig kleine, gebundene Notizbücher) nicht nur ein Teil dieses Lebens, sondern sein Träger, sein Element, seine Dynamik. Hätte er ihnen etwas für die Veröffentlichung entnommen, hätte sein Schreiben eine zweite oder gar dritte Funktion (und unbestimmte Wirkungen) erhalten. Das aber wollte Joubert nicht, er wollte eins bleiben mit dem Geschriebenen – und so dichtete er es für immer nach außen hin ab: „Ich will nichts zu Papier bringen als das, was ich mir selber sagen möchte.“

Freunde (wie Denis Diderot, Restif de la Bretonne oder François-René de Chateaubriand) wussten natürlich von diesem Schreiben – und einige von ihnen kümmerten sich später um diese Texte und veröffentlichten sie in Auszügen. So wurde Joubert schließlich doch noch ein zwar nicht sehr bekannter, bis in die Gegenwart aber (vor allem von Literaten – wie etwa Elias Canetti oder Paul Auster) hoch geschätzter Schriftsteller.

Ein ganzes Leben lang nichts zu veröffentlichen und doch im Schreiben zu leben – das ist für Schriftsteller eine eminent verführerische Fantasie. Sie kokettiert mit dem Glück des Einsamen, der sich ein Weltreich der Schrift erbaut, ohne nach rechts und links zu schauen und mit dem schalen Schimmer des literarischen Lebens zu liebäugeln. Franz Kafka hatte den Traum von dieser Fantasie immer wieder vor Augen, erlag aber den Gespenstern um ihn herum, die ihn zum Druck seiner Arbeiten und sogar zu Lesungen einluden.

Eine neue Auswahl aus Jouberts Notizen ist jetzt wieder auf Deutsch erschienen (Joseph Joubert: Alles muss seinen Himmel haben. Aus seinen Notizen. Auswahl, Übersetzung und Vorwort Martin Zingg. Nachwort Paul Auster. Jung und Jung 2018). Natürlich kann man diese kurzen, extrem verdichteten Texte jederzeit, immerzu, ja, ein Leben lang lesen. Im Sommer wirken sie aber besonders stark. Als schluckte man scharfe Pastillen gegen die Hitzeblödigkeit, als nähe man kleine Drogen gegen Lethargie, als ermunterte man sich, ein gewisses Niveau um keinen Preis zu unterschreiten. Also: Joubert lesen! Tag und Nacht: „Werk, das nach Sonne riecht, Werk, das nach Kerze riecht“ …