Grosse Ferien 2 – Sommerszenen 1

Bevor das Kind badet, wird es unter die kalte Dusche geführt. Die wolkenhellen Blautöne der Matten spiegeln die Bläue des Himmels. Schau uns an, glänzen sie scharf, und das Kind senkt den Kopf und wartet, dass der Hahn aufgedreht wird. Von oben prescht die Strahlung auf den gebeugten Schädel, bekommt ihn zu fassen und hüllt ihn ein. Die kühlen Wasserschlägel treffen die Membran des Kopfes, rauschen am Körper herab und modellieren ihn für den Gang in den See. Das Kind dreht und dreht sich und blinzelt zu den abwesend brütenden Schilfmatten gleich nebenan. Dann ist es bereit, verlässt den Bereich der Präparation und springt.

Das alles geschieht so in den späten fünfziger Jahren – aber die alte Stätte der kleinen Folter hat sich erhalten und liegt da wie eine Einladung an das scheinbar nur geringfügig gealterte, überraschte Geschöpf.

 

Grosse Ferien 1 – Fermers Wanderungen 17

Auf den sommerlich trockenen Waldwegen folgte er seinem Schatten. Zwei Reiterinnen kamen vorbei und setzten ihre Wege von einem Moment auf den andern im Galopp fort. Eine dunkelblau gekleidete Läuferin tauchte aus dem Tal auf und lief grußlos hinab in die nächste Senke. Die Rinder standen im Schatten eines Waldrands und zupften mit ihren vor Hitze steif gewordenen Zungen an bleichen Gräsern. Ein mächtiger Raubvogel erhob sich von einer Eiche und segelte schwungvoll über die Wiesen. Im Trockenbett des Flüsschens wartete ein Fischreiher auf den nächsten Fang, aufmerksam, klug, ein Testesser mit gutem Geschmack.

 

Es geht in die Sommerferien

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs, in den südlichen Bundesländern beginnen in diesen Tagen die Großen Ferien. Sie beginnen zum Glück auch für mich und führen in abgelegene Gegenden, wo ich nicht täglich Zugang zu elektronischen Medien habe. Bis zum 15. September 2018 werden sie also nicht wie gewohnt Tag für Tag einen neuen Eintrag lesen, wohl aber dann und wann, alle paar Tage.

Wenn Ihnen das zu wenig ist, lesen Sie den Blog einfach mal rückwärts, bis zu seinen Anfängen. Diese Zeitreise enthält beinahe vierhundert Stationen, darunter vieles, das weiter verblüfft, anregend ist und zu vertiefen wäre. Denn das ist ja eines der versteckten Ziele dieses Blogs: Die Mitarbeit der Leserinnen und Leser (zuhause, indem sie selbst „vergehende Zeit“ durch eigenes Schreiben dokumentieren). Also: An die Arbeit, es ist das reine Sommervergnügen! (Und die Ferien sind dafür der ideale Zeitraum …)

(Hanns-Josef Ortheil: Mit dem Schreiben anfangen. Fingerübungen des Kreativen Schreibens.  DUDEN-Verlag 2017)

Knausgårds Sommer

Der letzte Band des Jahreszeiten-Zyklus von Karl Ove Knausgård ist erschienen –  und auch Im Sommer (Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand 2018) enthält lauter konzentrierte Meditationen und Essays über so etwas wie ‚den Sommer an und für sich’.

Was wiederholt sich (auf positive Weise) in unseren Sommern, was unterhält uns oder hält uns gefangen? Kurze Hosen, Fledermäuse, Mixer, Rasen, Wespen, Mücken, Eiscreme, Schmetterlinge – das alles sind Überschriften der meist nur wenige Seiten langen Texte, in denen sich Knausgård auf seinen genauen Blick und seine fünfzig Jahre an Lebenserfahrung verlässt.

Weil ihm das nicht genug war, hat er die Monate Juni und Juli des Jahres 2016 in tagebuchartigen Eintragungen (Tag für Tag) porträtiert. Das ergibt dann zwei starke Blöcke mit Geschichten und Reflexionen über das Leben mit seiner Familie und Freunden.

Ich nörgle nicht gerne an Büchern herum, die ich derart mag (und die mir nahe sind, sonst schriebe ich nicht über sie). Aber, verdammt, ich muss sagen, dass ich auf diese Tagebuchtexte hätte verzichten können. Tut mir leid, Karl Ove, ich komme nicht darum herum, das zu schreiben! Die Meditationen von wenigen Seiten fangen den ganzen Zauber eines möglichen Sommers ein – und die Tagebuchtexte treten ihn breit.

Schreibe ich gerade so etwas eine Kritik? Nein, ich schreibe keine Literaturkritiken mehr (Literaturkritiken sind ein Problem, darüber denke ich ein anderes Mal länger nach). Aber was tue ich sonst? Ich lege den Finger auf … – mehr nicht.

Und werde jetzt sofort weiter lesen und weiter, etwa (aus verständlichen Gründen) über den Rasensprenger: Mir ist nie wirklich bewusst gewesen, dass ich einen Rasensprenger besitze, er ist nur eines von vielen Dingen gewesen, die ich anschaffte, als wir dieses Haus kauften, ähnlich wie den Rasenmäher, die Gartenscheren, die Harken und alle anderen Gerätschaften, die zu einem Garten gehören …

Sommerbild 7

Wie kaum eine andere Blüte reagiert die des weißen Hibiskus auf die sommerliche Wärme und Hitze. Sie schlägt ein bequemes Lichtlager auf und ordert getöntes Strahlen, mit schwachen Schatten garniert. Die Blütenblätter verwandeln sich dabei in etwas betucht Stoffliches, als bestünden sie aus federleichten, bequemen Laken. Sie betten sich so ineinander, dass nirgends eine Öffnung, sondern höchstens eine leichte Vertiefung entsteht, die von der schimmernden Fruchtsäule der Staubblätter besetzt wird. Als ganzes hat diese Erscheinung etwas so Entrücktes, dass man nicht wagt, sie zu berühren. Sie feiert ihre sommerlichen Feste allein, ohne uns, und sie empfängt seltenen, hohen Besuch, der durch die geheime Hintertür wieder verschwindet.

Die große Hitze

Ich freue mich auf die große Hitze, die uns zum Ende der Woche bevorsteht. 37 Grad! Genau richtig für mich! Bei siebenunddreißig Grad stehe ich noch früher als sonst auf (5 Uhr) und verschwinde, wenn es heiß wird, in die Nähe eines Badesees. Musik hören, lesen, selbst gemachte Limonaden trinken – und vor allem: schwimmen, ganz langsam, wie ein Lurch ohne Interessen.

Mein Japanischer Taschenkalender für das Jahr 2018 (DVB Mainz) hat mitgedacht (als ahnte er alles schon im Voraus). In dieser Woche präsentiert er ein Haiku von Haiku-Meister Tan Taigi (1709-1771). Es nimmt eine Eidechse bei großer Hitze in den Blick – und das, weil dieses Tier die Hitze genießt und mit einem „Glänzen“ auf sie reagiert. So soll es sein: Nicht stöhnen, nörgeln, klagen, nein: glänzen!

Auf dem Trittstein

eine Eidechse, glänzend;

o, diese Hitze!

Kölner Lichter 2018

Gestern Abend waren wir Zeugen eines der schönsten Feuerwerke, die man sich ausdenken kann. So etwas findet naturgemäß in Deutschland nirgendwo anders als in Köln statt. Hunderttausende waren auf beiden Seiten des Rheins und vielen Schiffen auf dem Fluss Zeugen, wie Chefpyrotechniker Georg Alef ein Feuerwerk von etwa dreißig Minuten in ein synästhetisches Gesamtkunstwerk verwandelte.

Wir müssen bekennen, dass wir sonst keine Freunde von Feuerwerken sind. Das Herumgeballere an Silvester ist dumm und überflüssig – und die typischen Sommerfeuerwerke in Barockgärten sind fast immer zum Gähnen. Als Betrachter wartet man geduldig, bis die meisten Zuschauer ihr übliches „Ah!“ und „Oh!“ gerufen haben und sich nach dem Ende eine winzige Depression der niedersten Triebe breitmacht: „Schade, es war so schön – und alles schon wieder vorbei!“

Genau das kann man vom gestrigen Kunstfeuerwerk unter der Leitung von Georg Alef nicht sagen (eine Aufzeichnung mit den genial erleuchteten 27 Minuten ist über die ARD-Mediathek abrufbar). Was er zusammen mit fünfzig Gehilfen zauberte, hatte Hintergrund und zitierte Geschichten, denn es ging eben nicht darum, ein paar bunte und beliebige Farben- und Feuergarben in unterschiedlichen Höhen rummsdumms explodieren zu lassen.

Das Kunstprojekt Paintings (angeregt übrigens durch Gerhard Richters Fenster im Kölner Dom) inszenierte vielmehr zu klug ausgewählten Musikstücken strahlende Feuerbildkompositionen in den unterschiedlichsten Stilen der Kunstgeschichte. Akkord für Akkord, Melodie für Melodie malte es vertraute Musik so ins Dunkel, dass man den Klangverlauf im Entstehen und Vergehen von abstrakten Bildstrukturen verfolgen konnte. Chefpyrotechniker Alef dirigierte außerirdisch vom Himmel herab und ging in die Geschichte der Feuerwerkerei als der neue Debussy (einer Einheit von Bild- und Klangmagie) ein. Wir danken!

Sommerbild 6

Selten haben wir so früh im Jahr Klaräpfel geerntet. Jeden Tag poltern sie in Scharen auf die Erde und wollen sofort aufgehoben und weggetragen werden. Weich und wächsern liegen sie in der Hand, wie frisch poliert. Für kurze Zeit zeigen sie ein vitales, aber verhaltenes Grün. Lässt man sie aber mehr als nur einen Tag liegen, trocknen sie allmählich aus, nehmen ein ungesundes Gelbgrün an und schmecken wie mehliger Puder.

Gesunde Klaräpfel sind die Apfelvorspeisen des Herbstes, unauffällige und ehrliche Kolonien, die wir (durchgeschnitten, in zwei Hälften) Abend für Abend in den Ofen wandern lassen, mit Nüssen, etwas Honig und Vanille gefüllt. Im Ofen entfalten sie einen Frühherbstgeschmack und zeigen ihr ganzes Talent, uns zu begeistern (‚Was? So gut können die schmecken?!‘).

In ihrer Nachbarschaft sind die anderen Apfelsorten dabei, Farbe anzunehmen und erste Herbstsignale aufzutragen. Um solche Farben schon im Voraus in all ihrer Pracht zu studieren, fahren wir in diesen Tagen zu einer wunderbaren Ausstellung im Museum Würth (74653 Künzelsau). Dort nämlich werden die Aquarelle Äpfel und Birnen des Theologen, Pomologen und Künstlers Korbinian Aigner gezeigt.

Aigner (1885-1966) hat ein Leben lang Hunderte von einzelnen Äpfeln und Birnen aquarelliert – und das selbst noch in der Zeit, als er ein politischer Häftling und in den Konzentrationslagern von Sachsenhausen und Dachau inhaftiert war. Er hatte genau das detailgetreue Auge, wie wir es an Künstlern und Schriftstellern so schätzen: Präzise und beinahe andächtig gegenüber den kleinsten Emphasen, das Große im scheinbar Geringen suchend, ohne Pathos und Wichtigtuerei: „hingebungsvoll“.

(Zur Vorbereitung auf die Ausstellung kann man einen Prachtband durchblättern – Korbinian Aigner: Äpfel und Birnen. Das Gesamtwerk. Hrsg. von Judith Schalansky. Matthes & Seitz 2013)

Die Dinge des Lebens 4

Die Bleistiftspitzmaschine von Staedtler besitze ich seit vielen Jahrzehnten. Als ich sie geschenkt bekam, war sie eine echte Sensation (und das ist sie in meinen Augen heute noch immer). Schon ihr Bürodunkelrot nahm mich für sie ein, denn ein solches Rot hatte ich noch nie gesehen. Es wirkte wie die Farbe einer nicht zu vornehmen, aber durchaus standesbewussten Prälatenmontur. Den Stift muss man vorsichtig in das Spitzloch einführen und die kleine Handkurbel danach langsam drehen. Dann rieseln kleine Späne oder Locken in den Auffangbehälter und türmen sich mit der Zeit zu einer surrealistischen Kleinplastik im Stil von Max Ernst. Die beigefügte Tischklemme mag ich nicht, sie ist einem meiner wichtigsten Arbeitsgeräte einfach nicht angemessen. Meine Bleistiftspitzmaschine soll stolz und frei stehen. Jedes Mal, wenn ich sie benutze, spitzt sie ganze Rudel von Stiften, die ich dann mit dem Kopf nach unten in einen Stifteköcher stecke, wo sie ihre perfekt gespitzten Minen zeigen, jederzeit griffbereit.

(Will man sich noch mehr in das Thema vertiefen, gibt es dafür eine erweiternde Lektüre: David Rees: Die Kunst, einen Bleistift zu spitzen. Aus dem Amerikanischen von Uta Goridis und Egbert Hörmann. Metrolit 2014)

Tour de France

Die Fahrer der Tour de France legen heute die zwölfte Etappe (175 km) zurück. Es ist eine legendäre und schwierige Strecke, die in 21 Serpentinen hinauf führt nach L’Alpe d’Huez. Wer dort als Erster ankommt, gehört zu den Unsterblichen der Tour, und sein Name wird in eine der Kehren für ewige Zeiten eingetragen.

Die Tour de France ist im Fernsehen eine der seltsamsten Sportübertragungen überhaupt. Man starrt auf die führenden Fahrergruppen, die sich zäh und anscheinend unverändert durch vorbei fliegende Dörfer und Landschaften bewegen, und man blickt  (von oben, aus den Hubschraubern) auf die Bilder des aus der Vogelperspektive hinreißend schönen Landes: Ein Fluss, ein Château, eine Dorfkirche, Weinberge, eine Kathedrale! Und natürlich: All diese dunkelroten, heimelig erscheinenden Dächer, unter denen man lauter Bistros und Brasserien vermutet, mit karierten Tischdecken und Getränken aus der Umgebung!

Tour de France gucken ist also zweierlei: Ein Stream mit unentwegt strampelnden Beinen und eine Wünschelruten-Diashow mit touristischen Highlights. Wohl dem, der beide Präsentationsformen zusammen bekommt! Die meisten Zuschauer schauen ‚den Sport’ (was aber genau macht ihn aus?!), doch es gibt auch welche, die ausschließlich ‚Frankreich von oben’ interessiert. (Lange Zeit war ich selbst so ein Zuschauer.)

Kümmern wir uns heute einmal nur um die zweite Gruppe, literaturverseucht, wie wir nun mal sind! Von oben gesehen, macht das Schauen der Tour de France Lust auf Frankreich und eines der intensivsten Bücher, mit dessen Hilfe man dieses Land in langsamen Suchbewegungen erkunden kann. Jean-Christophe Bailly hat es geschrieben, und es heißt Fremd gewordenes Land. Streifzüge durch Frankreich (Aus dem Französischen von Andreas Riehle. Matthes & Seitz 2017).

Bailly geht es um die Erforschung dessen, was ‚Frankreich’ noch ist und für seine Bewohner bedeutet. Und so fährt und wandert er durch seine Regionen, jede genau abgesteckt und jede nach allen Regeln der äußersten Aufmerksamkeitsspannweiten erkundet: geographisch, gastrosophisch, atmosphärisch, literarisch (im Blick auf die Vorläufer seiner ‚Grand Tour’). Ein so klangvoll (und durch und durch ‚französisch’) geschriebenes Buch über die Liebe zu der Welt, in die man hinein geboren wurde, gibt es kaum ein zweites Mal. Selbst wenn man es im deutschen Zuhause liest, versinkt man in diesen Beschwörungen von Landschaften, Dörfern und intimen Räumen und glaubt, sich rasch aufs Fahrrad (nun ja, versuchen wir es zumindest) schwingen zu müssen, um unsere eigene, von Jean-Christophe Bailly geführte Tour de France zu erleben.