Am Piano 1

Eine Freundin hat mir empfohlen, My Piano Dolce Vita der Pianistin Olivia Belli zu hören (im Netz leicht abrufbar). Das sind zweiundzwanzig Klavierbearbeitungen von Filmmusiken bekannter italienischer oder italo-amerikanischer Komponisten.

„Ich würde es am frühen Abend versuchen“, schrieb meine Freundin, und als ich genau das tat, wurde mir klar, warum. My Piano Dolce Vita passt zum frühen Abend, weil man glaubt, mit Olivia Belli in einer Bar zu sitzen. Es ist eine weite, offene Bar, der Flügel hat einen Platz am Rand, die ersten Barbesucher treffen gerade ein – und Olivia Belli spielt, als träumte und improvisierte sie diese Stücke wie Erinnerungen, die langsam aus dunklen Tiefen des Gedächtnisses aufsteigen.

Gute Barmusik spielt mit solchen Reminiszenzen an starke, emotionale Augenblicke, betont sie aber nicht, sondern lässt sie im Hintergrund aufschimmern und sofort wieder verblühen. Sie ist ein ganz eigenes, noch viel zu wenig gewürdigtes Genre, an dem ich immer meine besondere Freude hatte.

Eine Zeitlang habe ich (als junger Mann) mein Auskommen mit solcher Musik gesichert, namenlos, ohne dauerhafte Präsenz an einem einzigen Ort, mal hier, mal dort. Einige Barpianisten kenne ich auch selbst – und das seit langem. Tagsüber bleiben sie anonym, meiden starkes Sonnenlicht und sind so voller Musik, dass sie wochenlang Nacht für Nacht spielten könnten, ohne sich ein einziges Mal zu wiederholen.

Vorbereitung auf die WM 2018

Achtung, Warnung eines Vielreisenden an die geschätzten Leserinnen und Leser dieses Blogs (die den Blogeintrag vom 01. Juni 2018 hoffentlich nicht vergessen haben):

Als Vorbereitung auf die bevorstehende Fußball-WM 2018 (Beginn 14. Juni) bietet die Deutsche Bahn in ihren Bordrestaurants ein Spezial-WM-Angebot an. Ein aufgeweichtes Weizenbaguette wird mit einer Bratwurst, Krautsalat und Senf zum Bersten vollgestopft. Als Begleitung gibt es dazu Kartoffelchips – und als Dessert Schokoriegel. Eine Flasche Bitburger Premium Pils wartet auf die armen Teufel, die eine solche Mischung herunterspülen möchten. Wohl bekomm‘ s!

Die Sammlungen des Lebens 1

Was ich sammle: Abbildungen von schreibenden Schriftstellerinnen und Schriftstellern in ihren „Werkstätten“ (Schreibstuben/Schreibzimmern/Schreibhäusern). Das wäre die stille Seite des großen Themas „Schrift“.

Die öffentliche, lautere, klangvolle wäre die der Lesung. Und genau deshalb sammle ich auch Abbildungen von Vortragenden, die einen ihrer eigenen Texte „zu Gehör bringen“. (Manchmal überschätze ich mich und denke dabei an eine Art „Ahnengalerie“ – mein Freund Matteo (aus dem Roman Der Typ ist da) hat mir diese Sicht nahegebracht …)

Der letzte Gast

Was für ein Genuss und was für ein Glück! – Nach einer über zweistündigen, stark verspäteten Zugfahrt (in einer Regionalbahn mit Umsteigen) und einer über zweistündigen, verspäteten Rückfahrt von einer Lesung kurz vor Mitternacht als letzter Gast allein in einem großen Kölner Brauhaus zu sitzen – und das verständnisvolle Reden eines Köbes zu hören: „Lass Dir Zeit, mein Junge, für Dich mache ich Überstunden bis morgen früh!“

Die Lebensgefährtin/Der Lebensgefährte

Seit einiger Zeit wimmelt es in meinem Bekanntenkreis von Lebensgefährtinnen oder Lebensgefährten, ich komme gar nicht mehr hinterher. War X eben noch die Freundin von Y, so ist sie plötzlich die Lebensgefährtin, obwohl die beiden gar nicht zusammenwohnen. Frage: Muss man zusammenwohnen, damit man als Lebensgefährtin oder Lebensgefährte gilt? Oder wird man so etwas erst nach einiger Zeit des Zusammenwohnens?

Wie aber ist es um die Lebensgefährtin bestellt, wenn sie nicht bei einem wohnt, sondern ganz woanders? Ist sie dann eine „Lebensgefährtin mit getrenntem Wohnsitz“ (LmgW)?

Weiter: Kann man mehrere Lebensgefährtinnen/Lebensgefährten haben? Eine bevorzugte, mehrere nicht ganz so bevorzugte? Könnte es also Lebensgefährtinnen/Lebensgefährten mit bestimmten Zuordnungen geben, etwa der Art: „Ich verreise nach Casablanca nur mit Wolfgang, nicht aber mit Wotan.“

Und was ist mit der/dem Geliebten? Warum gibt es diesen altmodischen Begriff kaum noch, ja, warum sagt niemand: „Das ist Elsa, meine Geliebte“ – worauf Elsa hinzufügt: „Das ist Karldietrich, mein Geliebter“? Ich vermute, Geliebte leben nicht dauernd zusammen, sondern erleben die Liebe in sogenannten Liebesfreiräumen (der Begriff ist von mir und nicht von der gesetzlichen Krankenversicherung …). „Geliebte/Geliebter“ haben als Begriffe etwas vom Abenteuer des Eros, während „die Lebensgefährtin“/“der Lebensgefährte“ begrifflich eher für etwas Anhaltendes, Gediegenes stehen. Richtig?

Neulich geriet ich vollends durcheinander. Mein Freund Norbert stellte mir eine Frau seines Alters vor und sagte: „Das ist Wilma, meine Ex. Sie ist jetzt die Lebensgefährtin von Paul, der sich gerade von Nora getrennt hat. Nora ist jetzt übrigens meine Freundin, wir verstehen uns prächtig, wollen es aber dabei belassen …“

Für Aufklärung wäre ich dankbar. Wie immer unter: ortheil.hannsjosef@gmail.com

Sommeranfang

Mein ganz persönlicher Sommeranfang wird in jedem Jahr durch das Grand Slam-Turnier der French Open in Roland Garros eingeleitet. Er fällt also auf den frühen Juni und jene Tage, an denen die letzten zweiunddreißig Spielerinnen und Spieler im Damen- und Herreneinzel zu ihren Matches antreten.

Jetzt ist es wieder soweit (Live-Übertragungen auf Eurosport)! Der im starken Sonnenlicht hellrot strahlende Sand, die fast spürbare Hitze, die weißen Hüte der Zuschauer auf den steilen Tribünen, das Raunen des Publikums bei besonders exzentrischen Schlägen … – dieses Turnier ist in meinen Augen ein sinnlicher Genuss auch für den Fernsehzuschauer. Stundenlang begleitet man jede Regung der Spieler, jedes Umschalten, jede momentane Verzweiflung – und stärkt sich zwischendurch mit eiskaltem Wasser, das mit Elektrolyten aufgebessert wurde.

Gestern war der Tag des Alexander Zverev, der sein Fünf-Satz-Match gegen Karen Chatschanow gewonnen hat. Zum starken Erleben eines solchen Sieges trägt natürlich auch der trockene Kommentar von Boris Becker bei, der das ganze Spiel so begleitet, wie es sich gehört: in Trance, immer wieder dieselben Formeln murmelnd, von der Hitze und der Länge des Spiels gezeichnet. „Es geht halt um den Einzug ins Viertelfinale eines Grand Slam“, murmelt er, „das ist schon was. Sowohl das Viertelfinale als auch ein Grand Slam. Alexander stand noch nie im Viertelfinale eines Grand Slam, das ist ein ganz anderes Kaliber, denn so ein Viertelfinale steckt man nicht einfach so weg, besonders dann nicht, wenn es ja noch bevorsteht und man es zum Greifen nah vor dem Schläger hat …“

Heute spielt Angelique Kerber gegen Caroline Garcia ab ca. 14.20 Uhr um den Einzug ins Viertelfinale …, und morgen steht Alexander Zverev (gegen Dominic Thiem) wahrhaftig mitten in seinem ersten Viertelfinale eines Grand Slam …

 

 

 

 

 

Das Wohnen des Lebens 2

Die Frage nach dem Wohnen (und damit nach Zimmern, Wohnungen, Häusern und ihren Umgebungen) ist auch eine, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller zum Beispiel während der Arbeit an Romanen intensiv beschäftigt. Viele haben sehr präzise Vorstellungen davon, welche Räumlichkeiten sie ihren Figuren bauen und zimmern. Und viele tun das sogar ganz konkret, indem sie Zeichnungen und Skizzen anlegen, die das Wohnen der Figuren verdeutlichen und festhalten.

In dem von Winfried Nerdinger herausgegebenen Buch Architektur wie sie im Buche steht. Fiktive Bauten und Städte in der Literatur findet man (ab Seite 340) ein eigenes Kapitel zu diesem Thema: Die Zeichnung des Dichters. Gustave Flaubert hat einen Lageplan der Straßen und Häuser jenes kleinen Ortes angefertigt, in dem sein Roman Madame Bovary spielt. Thomas Mann hat das erste Obergeschoss des Hauses, in dem die Familie der Buddenbrooks einmal gelebt hat, als Gedächtnisstütze skizziert. William Faulkner hat das fiktive Yoknapatawpha County, in das er viele seiner Geschichten verlegte, auf einer minutiös gezeichneten Landkarte mit sämtlichen Ausfallstraßen und Nachbardörfern gezeichnet. Und Umberto Eco hat die große, labyrinthische Bibliothek, die in Der Name der Rose eine zentrale Rolle spielt, bis in jeden kleinen Winkel studiert und beschriftet.

Auch als Leser könnte man ähnlich vorgehen. Vladimir Nabokov hat sich auf seine Vorlesungen über Die Kunst des Romans vorbereitet, indem er zum Beispiel das Haus Leopold Blooms im Ulysses von James Joyce liebevoll aus mehreren Perspektiven zeichnete und diese Zeichnungen dann mit vielen Notizen zu Details des Baus dekorierte.

Skizzen, Zeichnungen, Lage- und Stadtpläne bedeuten einerseits Festlegungen, setzen andererseits aber auch immer neue imaginative Felder und Zeichen in Bewegung. In diesem Sinn sind sie enorme kreative Impulse, die sich umtun, bestimmte Figuren anheuern, andere verabschieden und von sich aus Geschichten inszenieren, die nur in gerade diesen Räumlichkeiten möglich sind.

Liebe Leserin, lieber Leser: Wäre es nicht das Experiment wert, einmal den Raum/die Räume einer bestimmten, bereits vorliegenden Geschichte einer bekannten Autorin oder eines bekannten Autors zu zeichnen? Wenn ja, bin ich neugierig und erwarte den Versuch unter ortheil.hannsjosef@gmail.com …

Das Wohnen des Lebens 1

Die Architekturbiennale 2018 in Venedig hat in diesen Tagen begonnen (und dauert noch bis zum 25. November). Das Thema ist Freespace – womit unser Umgang mit privatem und öffentlichem Raum gemeint ist.

Genau das ist eine weitreichende und hoch interessante Fragestellung, die natürlich auch in die Literatur abstrahlt. So könnte ich mir vorstellen, eine Biografie meines eigenen Wohnens (seit den Kindertagen) zu skizzieren. Um heraus zu bekommen, welche Räume ich als private Wohnräume und Lebensräume meiner unmittelbaren Umgebung bevorzuge und nutze.

Mein Leben lang habe ich sowohl in einer Großstadt als auch (gleichzeitig) auf dem Land gelebt – ein wenig also „wie die alten Römer“, die im heißen Sommer Rom verließen und für einige Monate aufs Land zogen. Die heißen Sommer verbringe auch ich „auf dem Land“ – erst im Frühherbst fahre ich dann weiter weg, dorthin, wo es kurz zuvor noch unerträglich heiß war.

Mit den Eltern habe ich viele Jahre lang in Miethäusern (mit vielen Parteien) gewohnt, das aber ist längst vorbei. Ich glaube nicht, dass ich in solchen Miethäusern (obwohl das gemeinsame Leben in ihnen turbulent und facettenreich sein kann) noch leben könnte. Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein. Momentan jedenfalls lebe ich in kleinen, sehr übersichtlichen Häusern, die inmitten größerer Gärten liegen. Allein, fast isoliert, stehen diese Häuschen da, vom Charakter her sind es weniger Wohn- als Gartenhäuschen. Die Vorzüge solchen Wohnens sind der ununterbrochene Kontakt mit Licht, Luft und Natur, die Stille ringsum, und die Begleitung des Wohnens durch Pflanzen, Tiere sowie einzigartige Gerüche und eine vom Naturraum komponierte „Musik“. Die Nachteile sind eine vielleicht übertriebene Konzentration auf das eigene Denken und Arbeiten, eine starke Überempfindlichkeit und ein Hang zum Fantasieren und Imaginieren, bedenklich nahe an einer Selbsthypnose …

Wie meine Leserinnen und Leser wohnen, interessiert mich. Antworten gerne an: ortheil.hannsjosef@gmail.com

Als Lektüren empfehle ich die klugen Bücher von Vittorio Magno Lampugnani. Zuletzt (u.a.): 1) Als Hrsg.: Atlas zum Städtebau (2 Bände, Hirmer 2018), 2) Radikal normal. Positionen zur Architektur der Stadt (Hatje Cantz 2015).

Die Speisen des Lebens 2

Manchmal fragt man sich, warum in fast allen deutschen Großbahnhöfen derselbe Proviant angeboten wird. Besonders irritierend sind aufgeschnittene Brötchen, die mit paniertem Fleisch und allerhand weiteren Zusätzen belegt sind. Wer soll so etwas essen? Aus der Form geratene, dicke Fleischscheiben – und das in einem welken Brötchen aus der industriellen Massenproduktion?

Walter Mayer hat ein Buch über Brot (Brot. Auf der Suche nach dem Duft des Lebens. Insel Verlag 2017) geschrieben, das auch all jenen wieder Freude am Brot macht, die es sonst nur als Unterlage für Wurst und Käse oder als Aufklapptragemodell für diffusen Belag verstehen. Als Einstiegsübung für einen veränderten Umgang mit Brot empfiehlt Mayer den überlegten Einkauf bei einem handwerklichen Bäcker, der noch ein Brot mit Kruste herstellt, das vielleicht sogar in einem Holzkohleofen gebacken wurde. Auf Aromen und Frische kommt es an, dann schmeckt eine Scheibe Brot bereits mit guter Butter und etwas Salz oder mit Olivenöl und Schnittlauch.

Auf der Suche nach dem besten Brot reist Mayer durch Deutschland und Europa, informiert über Brotsorten, spricht mit soliden Bäckern und Brotenthusiasten und lässt einen wieder von der schlichten „Stulle“ träumen, die man als Kind mit in die Schule nahm. So macht die Lektüre schon bald aufmerksam auf die bisher vielleicht noch übersehenen fantastischen Brotstuben und Boulangerien auf den Wegen durch die Stadt.

Köln, Breite Straße 29, Grand épi Boulangerie Pâtisserie! Hier gibt es französisches Baguette und ein fantastisches Brotangebot, das man Sorte für Sorte kosten und mitnehmen möchte. Stuttgart, Lautenschlagerstraße 16, Manufactum Brot&Butter! Nur wenige Meter vom Hauptbahnhof entfernt gibt es die „Stullenschmiede“, wo man Sauerteigbrot mit bester Butter oder Käse oder Ahler Wurscht oder Kaiserstühler Schinken oder … – erhalten kann.

Mit Walter Mayers Brotkompendium beginnt eine neue Ära der Geschmackskultur. Weg von den unverschämten Bahnhofsangeboten, hin zu Brot vom handwerklich intelligent und gewissenhaft arbeitenden Bäcker!

Fronleichnam

Einige kirchliche Feste sind seit der frühsten Kindheit mit ganz bestimmten Texten, Liedern oder Gesängen verbunden. In meinem Fall ist das (anlässlich des heutigen Fests Fronleichnam) der Text des Tantum ergo sacramentum von Thomas von Aquin. In Erinnerung habe ich ihn in einer Begleitung durch gregorianischen Gesang, also in einer einstimmigen, sehr schlichten Fassung, die den Text gut hör- und nachvollziehbar deklamiert.

An den leicht mystisch wirkenden Worten haben sich aber auch große Komponisten (wie Haydn, Mozart, Schubert oder Bruckner) versucht. Das Seltsame ist nur: keine dieser Vertonungen erreicht (in meinen Ohren) die Eindringlichkeit des gregorianischen „Originals“. Das Tantum ergo ist ein Andachtstext, der zu seiner Entfaltung einen Innenraum benötigt. Er soll weder in die Höhe noch in irgendeine andere Richtung „strahlen“, sondern im Sprecher/Sänger verbleiben. Übertreibt man als Komponist den Zauber, ertränkt die Betriebsamkeit von Chor und Instrumenten den Text.

Deshalb: lieber zurück zu den Anfängen des dreizehnten Jahrhunderts, lauschen, murmeln … – das ist schon alles und vollkommen „genug“ …