Rückkehr ins normale Leben

„Welchen Eindruck hatten Sie denn von mir in den letzten Wochen?“ fragte ich beim Abschied die Sporttherapeutin. – „Och“, antwortete sie, „Sie waren motiviert, aufgeschlossen und fast immer gut gelaunt.“ – „Vielen Dank“, antwortete ich, „Sie wiederum waren geduldig, ideenreich und ebenfalls fast immer gut gelaunt.“ – „Wir sollten einmal in Ruhe einen Kaffee miteinander trinken“, sagte sie. – „Sehr gern“, antwortete ich, „aber bitte nicht heute, am Tag meiner Rückkehr ins normale Leben.“ – „Aber wann denn?“ – „Ich schlage mal vor: in einem Jahr, genau am heutigen Tag, gegen 17 Uhr. Wenn ich hoffentlich endgültig wieder ganz da bin.“ – „Okay, dann notiere ich mir den heutigen Tag, 17 Uhr.“ – „Einverstanden, behalten wir diesen Tag im Blick. Auf Wiedersehen und – großen Dank!“ – „Auf Wiedersehen – und machen Sie bloß weiter mit dem Schreiben!“ – „Keine Sorge, ich habe mich inzwischen selbst überzeugt …“

Neues aus dem Pianistenhimmel

Daniil Trifonow hat nun auch das erste und dritte Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow eingespielt, nachdem er im vorigen Jahr das zweite und vierte vorgelegt hat. Damit hat er sich allen vier Klavierkonzerten von Rachmaninow gewidmet.

In einem ausführlichen Interview in der FAZ (vom 14. Oktober 2019) hat er davon erzählt, dass er das zweite oft unter Wasser, im Swimmingpool, geübt habe. Unter Wasser treffen die Hände auf einen gewissen Widerstand, und die Neigung, aufs Ganze, Laute oder Extreme zu gehen, wird blockiert. Das Spiel lässt sich dadurch feiner nuancieren, was dem Hang Rachmaninows, seine Melodien über lange Distanzen zu führen, entgegenkommt.

Das zweite und dritte Klavierkonzert sind rare Schöpfungen, weil das Klavier in allen Sätzen dieser Konzerte dominant ist. Es gibt die Melodien vor, es führt sie weiter, es lässt das Orchester hinterher- oder nebenherlaufen. Die anderen Instrumente dürfen höchstens hier und da aufseufzen, wehklagen oder mitschwimmen im Strom eines wunderbaren Gesangs, der seine Wurzeln in der altrussischen Musik hat.

Rachmaninows Musik macht süchtig. Wenn ich diese Einspielungen mehrmals höre, bekomme ich sie nicht mehr aus dem Kopf. Sie singen in mir weiter und verdrängen jede andere Musik.

Trifonow hat sich für eine Gesamteinspielung der Konzerte entschieden. Das ist die traditionelle Variante eines Umgangs mit den großen Werken der Meister. Von Igor Levit hört man, dass er gerade die 32 Klaviersonaten Beethovens eingespielt hat, während Martha Argerich in einem Gespräch erläuterte, dass sie von den fünf Klavierkonzerten Beethovens nur wenige spielt, das bekannte fünfte zum Beispiel überhaupt nicht. So macht sie darauf aufmerksam, dass selbst die anerkanntesten und berühmtesten Werke Klavierstücke sind, die sich einem Interpreten entgegenstellen können. Er/Sie findet keinen Zugang zu ihnen, sie wirken auf ihn versperrt, wollen nicht klingen, passen nicht zum inneren Kosmos der Klangerwartungen.

(Ich erinnere mich gut, welchen Umweg ich früher um die Klaviersonaten Franz Schuberts machte. Ich hörte sie sehr gern, aber ich mochte sie einfach nicht spielen. Interessanter Fall, etwas für die „Analyse“ …)

Heute erscheint „Der von den Löwen träumte“

Heute erscheint mein neuer Roman Der von den Löwen träumte (Luchterhand Literaturverlag) – ich habe ihn bereits kurz in diesem Blog vorgestellt. Geschrieben habe ich große Teile dieses Buches in dem einsam gelegenen Lagunenort Torcello, in dem auch Hemingway im Winter 1948/1949 einige Zeit verbrachte, um dort aus einer großen Schreibkrise heraus und wieder zum Schreiben zurück zu finden. Nach mehreren Rücksprachen mit dem Besitzer der Locanda Cipriani, in der sich Hemingway zwei Zimmer gemietet hatte, konnte ich in diese Zimmer einziehen und (nach langer Zeit der Vorbereitung) mit dem Schreiben meines Romans beginnen. Während dieser Tage entstand ein kleines Video, das zumindest eine ungefähre Vorstellung von dem weiten Raum gibt, in dem ich schreiben und nachdenken durfte.

Dieses Video findet man auf der Amazon-Seite, die den Roman vorstellt – nach den üblichen Text-Informationen, unter dem Stichwort „Verwandte Medien“ (über Handy/Smartphone eventuell nicht möglich). Es ist etwa sechs Minuten lang.

 

Was ist die SALA und was nicht

Die SALA Ortheil, die ich vor wenigen Tagen in Wissen/Sieg eröffnet habe (Mittelstraße 16), ist kein Museum und auch kein Ausstellungsraum. Vergegenwärtigt man sich ihre Vergangenheit, so ist sie ein normaler Verkaufsladen im Zentrum von Wissen. Ich habe ihn entkernen und renovieren lassen, er strahlt heute an den Wänden in schlichtem Weiß und hat einen ochsenblutroten, glatten Boden. Keine Pfeiler und Pfosten, keinerlei Unterteilungen, sondern ein Raumganzes von etwa achtzig Quadratmetern.

An den Wänden befinden sich etwa fünfzig Fotografien aus der fotografischen Sammlung meiner Eltern, Fotos ihrer Geburts- und früheren Wohnhäuser (in Wissen), ältere Fotos von der Stadt, genealogische Fotos von den beiden elterlichen Familien, denen ich entstamme, Fotos von dem Kind, das ich einmal war. Es sind „Herzensbilder“, die ich ausgewählt habe, weil jedes von ihnen eine Anregung für mein Schreiben bedeutete und in einem meiner Bücher eine inspirierende Rolle spielt.

Daneben gibt es einige ältere Möbel aus dem Möbellager der Familie, so die Wohnzimmereinrichtung meiner Eltern aus dem Berlin von 1939/1940, ein Sofa, zwei Sessel, ein Tisch, ein Küchenbüffet, eine Uhr, ein Radio. Sie markieren eine Vergangenheit, der ich mich zum Beispiel in meinen Büchern Hecke, Blauer Weg, Die Berlinreise besonders ausführlich gewidmet habe.

Außerdem noch zwei Glasvitrinen: eine mit meinen Schreibmaschinen (seit den fünfziger Jahren) und eine mit Kinderspielzeug.

Schließlich noch zwei Regale: Eins mit Büchern der elterlichen Bibliothek, eins mit jenen meiner Bücher, die sich auf meine westerwäldische Herkunft beziehen.

Ein kleiner Schreibtisch steht zwischen ihnen, er ist das Zitat der vielen Arbeit, die all diese Materialien miteinander verbindet. Darüber hinaus ist er aber auch ein Möbelstück, das in die Zukunft verweist. An diesem Schreibtisch werde ich dann und wann sitzen und schreiben und den Raum dadurch in ein Arbeitszimmer verwandeln, dessen unterschiedliche imaginative Welten mich inspirieren.

Im Italienischen gibt es für all das ein schönes Wort: Studiolo …- was soviel meint wie „Studio“ oder „Imaginarium“ (hätte Roland Barthes gesagt). In einem Studiolo arbeitet ein Schriftsteller, umgeben von Bildern und Gegenständen, die er liebt, an seinen Werken. Dahin zieht er sich oft zurück, so dass der Raum den Charakter einer Klause erhält und sein dort stattfindendes Leben in eine Klausur verwandelt.

Ein solcher Raum wird dann und wann aber auch für Freunde, Gäste oder Gesprächspartner geöffnet. Dann lässt der Schriftsteller sie an seinen Arbeitsprozessen teilhaben. Genau darin bestehen die Aufgaben der SALA: ein privates Studio mit imaginativem Charakter zu sein, aber auch ein öffentlicher Salon, in dem ich Menschen empfange, die sich für meine Arbeit interessieren.

 

Eröffnung der SALA Ortheil

Gestern wurde die SALA Ortheil in Wissen an der Sieg (Mittelstraße 16) eröffnet. Anschließend las ich im KulturWERK der Stadt aus meinem neuen Buch „Im Westerwald“.

Hier ein kurzer Bericht der Redakteurin Leonie Berger, der heute im SWR gesendet wurde:

https://www.swr.de/swr2/literatur/Ausstellung-Sala-Ortheil-in-Wissen-an-der-Sieg-Der-Schriftsteller-als-Einzelhaendler,sala-ortheil-in-wissen-an-der-sieg-20191014-journal-am-mittag-100.html

Kurze Nachrichten

So, da bin ich wieder. Noch nicht ganz gesund, aber doch „auf dem Weg der Besserung“. Einige kurze Nachrichten möchte ich mitteilen:

Zunächst danke ich all den vielen Leserinnen und Lesern, die mir Genesungswünsche oder andere aufmunternde Sätze geschickt haben. Das hat mich sehr gefreut und mit Sicherheit auch zur Genesung beigetragen.

Daneben möchte ich auf einige Termine aufmerksam machen: 1) In den kommenden beiden Wochen erscheinen gleich zwei neue Bücher: a) Das Buch „Im Westerwald“ (Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung), mit den gesammelten Texten zu meiner Kindheitslandschaft, der ich bis heute treu geblieben bin – und b) der Roman „Der von den Löwen träumte“ (Luchterhand Literaturverlag).

Die Premierenlesung von „Im Westerwald“ findet am kommenden Sonntag, 13. Oktober, 18 Uhr, im KulturWERK der Stadt Wissen/Sieg (also mitten in meinem Heimatort, direkt am Bahnhof gelegen) statt. Vorher führe ich ab 16.30 Uhr durch die SALA Ortheil (Mittelstraße 16, 57537 Wissen/Sieg), in der sich viele Fotografien und Archivstücke zu meinen Westerwaldtexten befinden.

Die Premierenlesung von „Der von den Löwen träumte“ findet am Donnerstag, den 17. Oktober 2019, 18 Uhr, im WDR Funkhaus in Köln (Wallrafplatz 5) statt.

Fast dreißig Lesungen aus meinen neuen Büchern waren für Herbst und Winter 2019 in den verschiedensten Regionen Deutschlands fest vereinbart. Leider werde ich fast all diese Lesungen nicht bestreiten können, da meine Gesundheit solche Anstrengungen noch nicht zulässt. Ich bitte um Verständnis.

Ich hoffe sehr, schon bald wieder neue und (hoffentlich) interessante Texte in diesen viel gelesenen Blog stellen zu können. Auf Wiedersehen!

Verlängerte Auszeit

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs, leider bin ich nicht so gesund, wie ich gern sein würde – von „Herbstpower tanken“ kann erst gar keine Rede sein. Deshalb wird der nächste Blogeintrag noch ein wenig auf sich warten lassen. Ich bitte um Verständnis und Geduld.

Mein literarischer Herbst 1

Liebe Leserinnen und Leser, mein Literarischer Herbst 2019 startet mit einer Besonderheit: Am Sonntag, den 13. Oktober 2019, 16.30 Uhr, eröffne ich in meinem westerwäldischen Heimatort Wissen/Sieg (Mittelstraße 16) die „Sala Ortheil“, einen Ausstellungsraum mit Dokumenten aus einem großen Archiv.

Anschließend (18 Uhr) lese ich im „Kulturwerk Wissen“ (direkt am Bahnhof gelegen) aus meinem aus diesem Anlass erscheinenden neuen Buch „Im Westerwald“ (Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung Mainz).

Zu beiden Veranstaltungen lade ich Sie herzlich ein. Bis zum 15. September nehme ich nun noch eine kleine Auszeit (ohne Internet), um Herbstpower zu tanken. Danach geht es weiter mit diesem Blog …

Frischer Schwung im frühen Herbst

(Heute auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S.4)

Jeder Herbst bringt die zeittypischen Moden und Trends eines Jahres auf den Punkt. Was sich in seinem Verlauf ankündigte und abzeichnete, wird auf Fashionweeks, Festivals, Messen und Ausstellungen geerntet, bestimmt und sortiert.

Unsere Freundinnen mit Sinn für die neuste Mode tragen zum Beispiel jetzt schwarze Schnürstiefel, und unsere Jazz-Freunde hören Martin Tingvalls herbstliches Klavieralbum The Rocket (mit Nummern wie Floating und Dark Matter). Das Herbst-Buch für alle Generationen wiederum besteht aus langen Dialogen zwischen älteren und jüngeren Paaren (Sally Rooney: Gespräche mit Freunden), und das eindringlichste Buch des Herbstes ist ein sowohl literarisches als auch philosophisches und heißt Du bist die Aufgabe.

Es ist von Franz Kafka und enthält lauter Ideen und Aphorismen aus den Herbst- und Wintermonaten 1917/18, in denen er sich zu seiner Schwester aufs Land ins böhmische Zürau zurückgezogen hatte. Reiner Stach hat diese oft altasiatisch anmutenden Gedankengänge („Wie ein Weg im Herbst: kaum ist er rein gekehrt, bedeckt er sich wieder mit trockenen Blättern.“) kommentiert, und wir lesen plötzlich einen Kafka von heute, als lebte dieser asketische Weise noch und säße bei uns, unter herbstlichen Kastanienbäumen, leise murmelnd und gedankenschwer.

Viele unserer Freunde können sich von ihren Urlaubserinnerungen schlecht trennen, was zu einem gewissen Alkoholkonsum führt. Aus fernen Ländern haben einige den Autumn Reviver mitgebracht, einen Drink, der vor allem aus Gin, Zitronensaft, Ingwer Sirup und Orangenlikör besteht. Man nippt kurz vor dem Abendessen daran, viele trendbewusste Esser lassen darauf vegetarische Mahlzeiten folgen. Alle nur möglichen Pilzsorten (Pfifferlinge, Steinpilze) stehen an erster Stelle, und es gibt Zwiebelkuchen im knusprigen Pizza-Modus, aus Vollkornmehl und Rapsöl, mit Thymian bestreut.

Eine herbstliche Ausstellung par excellence startet im Bonner Kunstmuseum (und vielen weiteren Museen) und bringt unter dem Stichwort Jetzt! junge Malerei in Deutschland. Die dort ausgestellten 53 Künstlerinnen und Künstler sind alle nach 1970 geboren, und ihre Werke ergeben ein aussagekräftiges Panorama bildnerischer Ästhetik der Gegenwart.

Junger Herbst – das bedeutet: frischen Schwung, kosten, probieren, erkunden, den neuen Impulsen folgen und lustvoll festhalten, wie und woran der Zeitgeist arbeitet und denkt.

Früher Herbst 2 – Stuttgarter Geißhirtle

Die kleinen, festen, tropfenförmigen Birnen des Frühherbstes, die im Raum um Stuttgart zuerst um 1750 angeblich von Ziegenhirten gefunden wurden, sind eine wahre Delikatesse. Sie schmecken wie süße Fruchtkonzentrate mit saftigem Zimtnachgeschmack. Das verleiht ihnen einen starken Purismus, der jede Begleitung durch andere Speisen oder Getränke ausschließt. Die Geißhirtle sind vielmehr Raritäten, die höchstens junge Trauben neben sich dulden. Wohl dem, der beides in seinen Gärten vorfindet, der frühe Herbst hat in diesen raren Angeboten seine ganz und gar passenden Speisen gefunden!