Samstag vor dem ersten Advent

Kurz vor dem ersten Advent stelle ich neben anderen Lebensformen auch die Ernährung weitreichend um. Essen und Trinken werden schlichter, haben dafür aber durchaus etwas Rares: lange nicht mehr so etwas gekostet! Schmal und an den Rändern dunkel und knusprig müssen schwäbische Deie sein, weshalb ich gleich noch die ganze Geschmackspalette zum Hinschauen serviere: Die besten Deie liegen ganz rechts und ähneln jenen Schiffen, die jetzt „geladen kommen“: und zwar mit klein geschnittenem Schwarzwälder Schinken, sehr wenig Schmand und reichlich Schnittlauch.

Vor Advent

Jetzt, am frühen Abend, ist es um mich geschehen: Die Dunkelheit eines Schlosshofes, ein Chor, dessen Mitglieder geduldig in die dunklen Gefilde lächeln, ein Chorleiter, der so leise und fürsorglich spricht, als führte er seine Lieben gleich noch durch die Nacht in tausend geheimnisvolle Wälder – und das Hineinwirken der alten Lieder, aus Kindertagen, als fast jedes Wort noch ein Rätsel war. Übermorgen beginnt die Adventszeit, und ich werde sehen, was mir die vielen weiter bestehenden Rätsel in diesem Jahr so alles bedeuten.

Winterszenen

Während der langen Zugfahrt erscheinen stille Winterszenen, deren Schönheit in ihrem fast japanischen Gusto besteht. Die großen Flächen sind weiß grundiert, lassen aber noch viele Spuren erkennen. Der Weg ist eine breite, dunkle Linie, kahl geräumt, und die Bäume heben sich von der weißen Fläche in kleinen Reihen, aber auch als einzelne Wesen ab. Die Hütten wiederum erscheinen geduckt, zurück genommen, und der Wald ist ein Saum oder ein Riegel, der sich den gewellten Schwüngen der Wiese anpasst. Solche Szenen sind profiliert und beredt, eine Schwarz-Weiß-Meisterschaft der vielen Details, die zusammen ein Panorama der vielfältigsten Eindrücke ergeben.

 

Graupel

Graupel ist eine eisige Saat, die aus den Himmeln stürzt. Die Wolken ziehen zu, die Welt wird immer dunkler für diesen Guss, der sich auf der Erde versprüht und rasch – wie hingefeuert – zerplatzt. Man bleibt stehen und wartet ab, bis die tollen Signale sich ausgetobt haben. Schließlich befallen sie auch die Haare, nisten sich ein, tropfen ab und laufen in schmalen Strähnen am Hals herab. Bis sie enden in der lauen Wärme des Kragens, den die flüssig gewordene Saat aufweicht und bricht.

 

Der erste Schnee

Der erste Schnee erscheint in kleinen Inseln, die einige Stunden bestehen und dann langsam verblassen. Sie zeigen sich in den kältesten Zonen des Gartens, gut geschützt, unangetastet. Dort, wo sonst kaum jemand hinschaut, erscheint mit einem Mal ein Dekor, der sich gegen die größeren Flächen behauptet. Er verfärbt sich nicht, sondern gräbt sich langsam in Erde und Laub. So präpariert er eine bestimmte Zone für den stärkeren Schneefall in baldiger Zeit.

Auch so

Eigentlich war ich gut drauf, als ich mit meinem Wagen zur Tankstelle fuhr. Ich tankte, bezahlte und verabschiedete mich von der Tankwartin mit einem schwungvollen: „Ihnen noch einen schönen Tag und einen noch schöneren Feierabend!“ Ich wartete kurz auf eine ebenso schwungvolle Antwort und bekam ein „Auch so!“ zu hören. Ich ging hinaus und blieb draußen stehen. „Auch so?“ – das war alles? So knapp? Ich ging noch einmal zurück, fischte mir eine Tageszeitung aus dem Zeitungsstand, zahlte und sagte: „Jetzt hätte ich fast die Zeitung vergessen! Auf Wiedersehen – und nochmal: Einen schönen Tag!“ Die Tankwartin antwortete nicht, selbst ein „Auch so“ brachte sie nicht mehr heraus. Draußen geriet ich in leichte Wut. Also ging ich erneut zurück, kaufte eine Schachtel  Ricola und sagte: „Mensch, das hätte ich beinahe auch vergessen! Etwas gegen den rauen Hals! Adieu – und weiterhin einen schönen Tag!“  Die Tankwartin sagte wieder nichts, aber als ich draußen war, sah ich, dass sie eine Schachtel Ricola in die Hand nahm und den Aufdruck zu lesen begann. Ich blieb stehen und schaute ihr zu. Plötzlich blickte sie (etwas erschrocken) auf und sah mich durch die Scheibe an. Ich lächelte und hob die Schachtel hoch. Da lachte die schweigsame Person zurück, völlig unerwartet, aber ehrlich und wie befreit – als hätte sie endlich einen Zugang zu dem ihr vielleicht seltsam erscheinenden Kunden und zugleich ein Mittel gegen ihre Schweigsamkeit gefunden.

Hanna liest ein Gedicht

Gestern habe ich der elfjährigen Hanna, der Tochter eines mit mir befreundeten Paares, noch das Laubgedicht Stefan Georges vorgelesen: Sprich nicht immer/ Von dem Laub · / Windes raub ·/ Vom Zerschellen/ reifer quitten ·/ Von den tritten/ Der vernichter/ Spät im jahr./ Von dem zittern/ Der libellen/ In gewittern/ Und der lichter/ Deren Flammen/ Wandelbar. Hanna hat versucht, das Gedicht zu verstehen: Der Dichter meint, dass man nicht immer soviel über das Laub reden soll, das herumliegt. Irgendwann ist das Laub nämlich weg, der Wind bläst es fort. Auch über die reifen Quitten, die jetzt von den Bäumen auf die Erde fallen, soll man nicht viel reden. Sie gehen kaputt und verfaulen, weil niemand sie essen mag. Manchmal werden sie aber von bösen Leuten zertreten, die besonders jetzt, im Herbst, unterwegs sind. Das sind die Vernichter. Die machen sogar den Libellen Angst, die wegen der Vernichter zu zittern beginnen. Wenn die Vernichter kommen, ist alles unheimlich und gefährlich, und am Himmel entstehen schwere Gewitter und Blitze und Donner und viele Lichter und Flammen, von denen keiner weiß, wen sie verbrennen. Deshalb soll man am besten ganz still sein und nicht von dem Laub sprechen. Spricht man nämlich davon, entsteht eine ganz böse Kettenreaktion.

Hanna kehrt Laub

Hanna ist die elfjährige Tochter eines Paares, mit dem ich seit langem gut befreundet bin. Am letzten Wochenende verreisten ihre Eltern in die Schweiz, um dort einige familiäre Dinge zu regeln. Hanna aber blieb bei mir, aus freien Stücken, sie fand das „spannend“. Nach der Abreise der Eltern frühstückten wir zusammen und legten danach eine kleine Liste mit all den Sachen an, die wir später für unsere Verpflegung einkaufen würden. An erster Stelle die Süßigkeiten (Hanuta, Duplo und Ritter Sport-Schokolade), außerdem Obst (Apfelsinen zum Auspressen, Äpfel und Mandarinen), schließlich Pasta (Fusilli) sowie frische Tomaten für die Sauce. Nach unseren Einkäufen auf dem Markt aßen wir mittags die Süßigkeiten (seit endlosen Jahren hatte ich so etwas nicht als richtige Mahlzeit betrachtet) und tranken dazu Apfelsinensaft. Als Nachtisch gab es klein geschnittene Äpfel und Mandarinen. Wir schauten einen Comic im Fernsehen, dann aber sollte es nach draußen gehen, denn das Haus steckte in einem Meer von wild herumliegendem Laub, das in den letzten Wochen reichlich gefallen war. Hanna kratzte es mit einem Laubbesen zu kleinen Haufen zusammen, und ich füllte die Haufen in einen Laubsack. Dann überlegten wir, wohin wir das Sackinnere jeweils bringen wollten. Wir bildeten einen großen Laubwall im Umkreis einer Sitzecke, wir errichteten Laubtürme mitten im Wald, und wir krönten unser Werk mit einem großen Laubkreis auf einer Rasenfläche. Am Abend gab es Fusilli mit Tomatensauce. Was soll ich sagen? Es war grandios. Niemals hätte ich mir sonst so viele Süßigkeiten erlaubt, niemals hätte ich klein geschnittene Äpfel in solchen Mengen gegessen und niemals mit Hilfe von Hannas energischem Handeln aus herumliegendem Laub kleine Kunstwerke entstehen lassen. Vor allem aber hätte ich niemals jene Pasta (Fusilli) mit Appetit gegessen, die ich nach einmaligem Genuss vor Jahrzehnten zur grässlichsten, ungenießbaren Pastasorte erklärt und seither nie mehr angerührt hatte. Jetzt aber schmeckten diese Fusilli, als wären sie aus diesem Tag gemacht: eine abendliche Kinderspeise, kurios gedreht und gerollt wie die zuvor noch armselig herumliegenden Blätter, die wir erlöst und einer schönen Bestimmung zugeführt hatten.