Beethoven 6

Vor einigen Jahren habe ich ein Mozart-Jubiläumsjahr dazu genutzt, all seine Kompositionen zu hören. Von den vielen Eindrücken und Hörerfahrungen habe ich in einem Buch erzählt (Das Glück der Musik. Vom Vergnügen, Mozart zu hören).

Im Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 habe ich dasselbe mit Beethovens Musik gemacht. Nach und nach habe ich all seine Kompositionen gehört, kunterbunt, nur ein Stück pro Tag, dann aber oft mehrmals.

Schaut man sich die umfangreiche Liste seiner Werke bei „Wikipedia“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Werke_Beethovens) an, findet man einhundertfünfunddreißig Opuszahlen, die er ihnen selbst gegeben und sie damit in den Kernbestand seiner Kompositionen aufgenommen hat.

Außerdem entdeckt man aber auch über zweihundert Werke ohne Opuszahl (WoO), selten oder nie gespielt, sie bilden gleichsam das experimentelle Labor seines Komponierens. Viele haben mich beim Hören nicht nur überrascht, sondern regelrecht begeistert.

So etwa eine kleine Klavierkomposition aus den Jahren 1798-1802, die er selbst „Lustig – Traurig“ (WoO 54) genannt hat. Hört man sie mehrmals, wird sie immer geheimnisvoller und geht einem nicht mehr aus dem Kopf…

 

Traumsphären (in Coronazeiten) 2 – Aufschreiben

Elena Witzeck hat in einem Artikel in der FAZ ein hoch interessantes Gegenwartsthema beleuchtet: Wie träumen wir momentan? Es gibt bereits ausführliche Studien darüber, wie unsere Träume das Erlebte und vor allem das Nicht-Erlebte behandeln.

Viele blenden die erfahrene Leere und Absonderung aus und entwerfen positive Bilder der Entfernung oder gar Flucht. Andere vertiefen sich in Angstszenarien der Bedrohung oder Überwachung.

Halten sich Personen lange zu Hause auf und sind von ihrem normalen Berufsalltag getrennt, wird genau dieser Alltag in besonders lebhaften Bilderfolgen erinnert.

Frauen träumen übrigens gegenwärtig anscheinend heftiger und intensiver als Männer. Und in den Morgenstunden wird generell erheblich länger geträumt als früher, so dass viele Träume noch lebendig sind, wenn man aufwacht.

Unbedingt aufschreiben und festhalten! ist eine Empfehlung der Traumforscherinnen. Das sei „fast immer bereichernd“ und führe zu einer produktiven Auseinandersetzung mit den Trauminhalten.

Ich habe verstanden…

Fasten

Heute beginnen wir, wie gestern bereits geplant, mit unserer vorweihnachtlichen Fastenzeit: Kein Fleisch, keine Wurst, kein Schinken, Käse begrenzt, wenig Brot, wenig Wein, viel Gemüse, vor allem aber Äpfel, Birnen, Quitten und Nüsse aus meinen Gärten und Wäldern. Dann und wann etwas Fisch. Grüne und schwarze Oliven. So in der Art…

Bis Weihnachten sind es noch etwa sechs Wochen.

Begleitet werden wir von festlichen Lektüren, die uns zum Fasten inspirieren und greifen dabei u.a. auf die Hymnen des Kirchenvaters Ambrosius von Mailand aus dem vierten Jahrhundert zurück, der uns aus gewissen Gründen besonders nahe ist.

Ihm folgen wir auch in der Musikauswahl und hören den Ambrosianischen Lobgesang, den das Blasorchester des Musikvereins Scheuerfeld aus unserer westerwäldischen Heimat spielt.

 

Die Martinsgans

Einen Tag vor Beginn der vorweihnachtlichen Fastenzeit am 12. November genießen wir Stücke einer Martinsgans, mit Semmelknödel, Rotkraut und einem kräftigen Rotwein von der Ahr. Der kleinen Mahlzeit haben wir einen Herbstkranz geflochten, aus Herbstlaub und Lampionblüten aus unseren Gärten.

Wir hören Density 21.5 von Edgar Varèse – es bringt die Verdichtungen des Tages ins Schwingen und lässt uns darüber nachdenken, mit welcher Nachspeise wir den Imbiss beschließen.

Mein Hemingway-Roman als Taschenbuch

Ich habe mehrere historische Romane veröffentlicht. Ihr thematisches Zentrum ist jedes Mal die Entstehung eines bedeutenden Werkes von Literatur, Kunst oder Musik. In Faustinas Küsse habe ich die Entstehung von Goethes Römischen Elegien, in Im Licht der Lagune die von William Turners Venedig-Bildern, in Die Nacht des Don Juan die von Mozarts Don Giovanni zu ergründen versucht.

Daher sind diese Romane vor allem Studien im Erforschen von Kreativität, Erzählungen einer Psychologie des Entwerfens, Planens, Gestaltens und Machens. Im Hintergrund des Blicks auf die psychischen Verästelungen dessen, woraus das kreative Handeln besteht und was es anregt, existierten in jedem dieser Roman aber auch kaum erkennbare autobiografische Elemente, die mein Schreiben vorantrieben und inspirierten.

Historische Romane in klassischem Sinne (Erzählungen über vergangene Welten, nostalgisches oder auch gegenwartsbezogenes Abtauchen in nicht selbst erlebte Geschichten) habe ich nie geschrieben.

Auch mein Hemingway-Roman Der von den Löwen träumte ist auf den ersten Blick ein historischer Roman. Auf den zweiten, tieferen Blick erzählt er von der Entstehung zweier Prosatexte: der von Hemingways Roman Über den Fluss und in die Wälder und (noch bedeutsamer) der von seiner Erzählung Der alte Mann und das Meer. In diesen beiden Büchern verarbeitete er seine traumatischen Erfahrungen als Kriegsteilnehmer im Zweiten Weltkrieg und die damit verbundenen psychischen Störungen und Depressionen.

In meinen letzten beiden Lesungen habe ich darüber hinaus von den autobiografischen Wurzeln meines Hemingway-Romans ausführlich erzählt und diesen Aspekt einmal in den Mittelpunkt gerückt. Im Grunde ist auch das eine eigene Geschichte, ja, sogar ein Roman, den zu erzählen sich ebenfalls lohnen würde.

Seit gestern liegt Der von den Löwen träumte nun auch als Taschenbuch (bei btb) vor. Es ist eine ideale Novemberlektüre und ein starkes Buch der Hoffnung, gerade auch in diesen Zeiten…

Traumsphären (in Coronazeiten) 1 – Der Abflug

In den Traumsphären erscheint in diesen Zeiten laufend die starke Sehnsucht nach dem Abflug: Der langsamen Entfernung vom Boden, dem Abheben, dem sich erweiternden Blick auf die sich entfernenden Dinge, der Begleitung durch das nahe Gebüsch, die Sträucher, den Wald, der Beiläufigkeit der stummen Hilfskräfte, dem freieren Atmen, dem Armeausbreiten, dem Dehnen und Strecken des Körpers – bis hin zum Halt auf den Wolken, wo man endlich unerreichbar erscheint…

Der Laubfall – in meinen Gärten und Wäldern

In diesen Tagen schreibt der Laubfall seine Geschichten. Die Äste und Zweige der mächtigeren Bäume treten prägnant und mit leicht metallischem Glänzen hervor.

Sie entwerfen die dunkle, stabile Struktur einer Plastik, die den Wuchs des zurückliegenden Jahres bewahrt und fragen lässt, wie man ihm weiter begegnet: Zurückschneiden? Hier und da kürzen? Kleine Eingriffe in den Gesamtbau, um eine harmonischere Form zu erzielen?

Die trockenen Blätter weiten sich ein letztes Mal und betonen die feinen Adern. Dann lösen sie sich leicht und hinterlassen eine minimale Wunde, die sich schon bald wieder schließt. Auf dem Boden sammeln sie sich schichtweise, lagern sich breit, rollen sich mehr und mehr zusammen und bilden allmählich den Winter hindurch eine feine Streu, die sich zu Erde zersetzt.

Die dunkle Plastik jedoch setzt sich den kälteren Wettern aus, unterzieht sich der Kühlung, bündelt Energien und wartet, bis die Böden sich wieder öffnen und feuchtes Venengeäder anbieten.

(Das Buch In meinen Gärten und Wäldern ist gerade erschienen, dieser Text aber ist neu und wird irgendwann in einer erweiterten zweiten Auflage auftauchen.)

Ich danke

Den überwältigend vielen Leserinnen und Lesern dieses Blogs, die mir gestern zum Geburtstag gratuliert haben, danke ich ganz herzlich! Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich die sehr zahlreichen Mails nicht einzeln beantworten kann.

Ich habe bei idealem Herbstwetter einen sehr schönen, ruhigen Tag erlebt, jetzt gehe ich wieder an die Romanarbeit…

Margaret Atwoods Gedichte

Es ist Zeit für langsame, assoziierende Lektüren und Entdeckungen… – wie etwa für die Gedichte von Margaret Atwood:

  • Margaret Atwood: Die Füchsin. Gedichte 1965-1995. Übertragen von Ann Cotten, Ulrike Draesner, Christian Filips, Dagmara Krauss, Kerstin Preiwuß, Elisabeth Plessen, Monika Rinck, Jan Wagner und Alissa Walser. Berlin Verlag

Die kanadische Schriftstellerin ist nicht nur eine der großen Erzählerinnen der Gegenwart, sondern eben auch eine bedeutende Lyrikerin, die seit ihren Anfängen als Autorin mehr als zwanzig Gedichtbände veröffentlicht hat. Die Füchsin enthält eine chronologisch geordnete Auswahl aus diesen Bänden, die (und das ist besonders selten und packend) ein ganzes Leben als einen einzigen, anregend mäandernden Gesang erscheinen lässt.

Die Gedichte liegen im Original und in freien Übersetzungsversionen von neun unserer besten und bekanntesten deutschen Lyrikerinnen und Lyriker vor.

Ein Buch voller metaphernreicher und verspielter Reflexionen über gut nachvollziehbare Szenarien des Lebens!

Zur Vertiefung eignet sich das Porträt von Margaret Atwood, das Arte momentan noch in seiner Mediathek anbietet: Aus Worten entsteht Macht…