Im siebzigsten Jahr 2

1990, im Jahr der Wiedervereinigung, habe ich an der Universität Hildesheim mit Forschung und Lehre in den Fächern Kreatives Schreiben, Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus begonnen. Dabei habe ich versucht, diesen Fächern eine neue Richtung zu geben und sie auf literaturwissenschaftliche Forschungen zu beziehen.

Fast dreißig Jahre lang bin ich Woche für Woche tausend Kilometer mit dem Zug gefahren, aus dem Süden Deutschlands in den Norden und wieder zurück. Jedes Jahr habe ich während meiner Hildesheim-Fahrten die Erde einmal umrundet.

Weit über eine Million Kilometer habe ich so zurückgelegt, während an der Universität Hildesheim eigene Studiengänge für Kreatives und Literarisches Schreiben und später sogar ein eigenes Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft entstanden.

Die Hildesheimer Jahrzehnte waren ein wunderbares, einzigartiges, nie so vorgekommenes Experiment. Irgendwann werde ich von diesem gewaltigen Lebenswerk einmal detailliert erzählen: Von den vielen Überlegungen und Wegen hin zu einem Institut, das es so in ganz Deutschland nicht gab – und von all den jungen Autorinnen und Autoren, die ich bis zu ihren ersten Veröffentlichungen in Verlagen begleitet habe.

Die Coronazeiten haben meine Hildesheim-Präsenz jäh unterbrochen, seit anderthalb Jahren war ich nicht dort. Manchmal kommen mir Bilder, Szenen und Menschen in den Sinn, die mir sehr fehlen.

So auch gestern. Ganz zufällig stieß ich auf Fantasien für Violine solo von Georg Philipp Telemann. Und sofort erinnerte ich mich, dass mir während meiner jahrzehntelangen Suche nach Schriftstellern, Künstlern und Musikern, die in Hildesheim gelebt oder die Stadt besucht haben, auch Telemann begegnet war.

Gestern  begleitete ich ihn während eines imaginativen Spaziergangs auf dem Hildesheimer Domplatz. Einer seiner Freunde ging uns voraus und spielte seine Violin-Fantasien. Und Georg Philipp Telemann erzählte von seinen Hildesheimer Jahren (1697-1701), als er in Hildesheim das Gymnasium Andreanum besucht und bereits als junger Schüler seine ersten Kompositionen geschrieben hatte.

Nachtwandern

Chris Yates (geb. 1948) ist ein britischer Schriftsteller, der in seinem Heimatland vor allem durch seine Bücher über Fischen und Angeln bekannt wurde. Jahrelang hat er für den Rundfunk auch Dokumentationen über diese Themen gemacht und sie auf andere Naturthemen ausgedehnt.

Ein Ergebnis ist das Buch Nachtwandern. Eine Reise in die Natur (Aus dem Englischen von Frank Sievers. Insel Verlag). Es skizziert in kurzen, dichten Kapiteln nächtliche Gänge vor allem durch Wälder. Chris Yates beginnt mit seinen Wegen in den Regionen rund um sein Wohnhaus und gerät sehr allmählich von einem Landterrain ins nächste.

Erstaunlich ist, wie die Nachtbeobachtungen von Tieren, Bäumen oder Pflanzen dabei sehr eigene, unterschiedlich strukturierte Räume der belebten Stille entwerfen, die mit Raumformationen des hellen Tages kaum noch etwas gemein haben.

Die nächtlichen Erfahrungen sind vielmehr intensiver und setzen sich meist erst aus einzelnen fragmentarischen Vermutungen zusammen. Sie verdanken sich einer Spurensuche nach Atmosphären, die mehr über die Umgebung preisgeben und mitteilen, als es am Tag möglich wäre.

Nachtwandern hat etwas Verlockendes, als wollte Chris Yates einem ein Reich zeigen, das man noch nie so zur Kenntnis genommen hat und das sich doch in der nächsten Umgebung verbergen könnte. In Coronazeiten und in Zeiten eines drohenden noch anstrengenderen Lockdowns könnte diese Verlockung zunehmen…

 

Nachts schreiben

Gestern habe ich ein Buch mit Nachtgedanken von Ivo Andrić vorgestellt – heute finde ich im Netz eine Sendung von Ute Rüenauver, die im Deutschlandfunk das Schreiben in der Nacht anhand von vielen Beispielen untersucht und erläutert hat:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/nocturnes-die-schlaflosen-naechte-der-schriftsteller.974.de.html?dram:article_id=490501

Wann geschrieben wird, das ist, wie ich aus Erfahrung weiß, ein häufiges Thema bei Gesprächen mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern. So erinnere ich mich gut an Unterhaltungen mit Wolfgang Hilbig, in denen er mir von seinen nächtlichen Schreibriten erzählte: Er könne nur nachts schreiben, beginne damit nach Mitternacht und setze es bis in die Morgenstunden fort. Den Vormittag über schlafe er – bis zum Mittag.

Noch weiter führt die Frage danach, was denn nachts geschrieben wird. Arbeitet man kontinuierlich an einem Werktext? Oder an Notizen? Schreibt man Mails, Briefe oder Tagebuch? Gibt es also spezifische Schreibformate der Nacht?

Besondere Formate der Nachtmusik gibt es auf jeden Fall. Seit der Romantik sind es solistische Stücke (wie etwa Nocturnes), die das nächtliche monologische Denken und Kreisen in Klänge verwandeln. Seit langer Zeit gehört es zu meinen „Riten“, nachts, vor dem Einschlafen, eine solche Musik zu hören. Keine Orchester, selten Gesang, eher Stücke für ein einzelnes Instrument, mit einer Gestik des Gehens und Schlenderns. (Beispiele habe ich in diesem Blog bereits genannt.)

Nachtgedanken

Tage- und Notizbücher gehören zu meinen favorisierten Lektüren. Weil sie den Lebensprozess strukturierend begleiten, kommentieren und von Details der Lebensführung handeln. So gesehen, sind sie Teile einer autobiografischen Literatur, die oft ein Fundament bietet für das weiterführende Berichten oder Erzählen.

Der bosnische Schriftsteller und Nobelpreisträger Ivo Andrić (1882-1975) ist ein Sonderfall. Er hat in seinen Romanen und Erzählungen nicht gerne sein eigenes Leben thematisiert. Vielmehr hat er eher im Geheimen Erlebnismomente und Überlegungen in einem während schlafloser Nächte geführten Notizbuch festgehalten.

Sie lassen sich wie ein Protokoll all dessen lesen, was tagsüber verborgen bleibt und zurückgehalten wird, aber dennoch Bahnen in das dunkle Unterbewusstsein gräbt.

Nachts beleben sich diese Motive und verlangen nach Erwiderungen und Antworten…, um die sich der große Erzähler Andrić auf ebenso ehrliche wie brillante Weise bemüht. Ein Buch der Nachtgedanken, das eigene Nachtgedanken begleiten und strukturieren könnte.

Ivo Andrić: Insomnia. Nachtgedanken. Hrsg., aus dem Serbischen übersetzt und mit einem Nachwort von Michael Martens. Paul Zsolnay Verlag 2020

Nachtrag Klavierspielen mit links

Gestern haben mich Recherchen zum Klavierspielen mit links zu weiteren Aufnahmen und CDs (oder auch Streamingangeboten) von Maxime Zecchini geführt – und ich habe fast den ganzen Tag lang immer erstaunter gehört, was Zecchini alles nur mit links eingespielt hat: Transkriptionen von Liszt, Kompositionen von Schumann, Chopin, Ravel, Bach, Prokofiev, aber auch Filmmusik – zu Star Wars, Jurassic Park oder Jenseits von Afrika

Klavierspielen mit links

Klavierspielen gelernt zu haben, bedeutet nicht nur, ein Instrument zu beherrschen, sondern viel mehr. Im idealen Fall lernt man, es als ein „Lebewesen“ zu verstehen.

Das beginnt mit dem Blick darauf, wie es gebaut wird, wie ein bestimmtes Klavier „funktioniert“, welche Unterschiede zwischen den verschiedenen Klavierbaufirmen bestehen und welches Klavier für welche Stücke besonders geeignet ist.

Von Kindheit an (am besten etwa ab dem fünften/sechsten Jahr) wächst man allmählich in den Klavierkosmos hinein, begreift, wie Komponisten für Kinder und Jugendliche komponiert haben, studiert ihre Zyklen und erforscht Stück für Stück die Klavierliteratur, ihre Möglichkeiten und Wirkungen.

Das alles ist ein elementarer, jede Klavierschülerin und jeden Klavierschüler psychisch und physisch verändernder Prozess. Nach einigen Jahren lebt man mit dem Klavier, geht in viele Konzerte, schaut und hört sich um. Ist man dann noch immer „bei der Sache“ und hat das Spielen und Üben nicht aufgegeben, wartet ein unendlicher Reichtum von Musik, der einen das ganze Leben lang begleitet.

Diesen erweiterten, wunderbaren Lernprozess durchsichtiger zu machen, war eine der Zielsetzungen meines Buches Wie ich Klavierspielen lernte (Insel Verlag). Es erzählt auf ungewöhnliche, biografische Weise, wie das Klavierspielen und ein Instrument in ein Leben eindringen, es immer mehr prägen und starke Folgen zeitigen. Daher ist es eine Art Psychobiografie des jugendlichen Klavierspielens.

Die starken Folgen erkenne ich zum Beispiel daran, dass ich mich fast täglich nach Neuigkeiten zum Thema umschaue. Ich verfolge die Geschichten bestimmter Interpretinnen und Interpreten, ich lese Musikbücher, und ich setze mich ans Klavier, um am Tag zumindest etwa eine Stunde zu spielen (momentan sehr eingeschränkt, da die beiden Hände nach einer Krankheitsphase noch nicht wieder aufeinander abgestimmt sind).

Um so mehr hat mich heute morgen ein Artikel von Michael Stallknecht in der Neuen Zürcher Zeitung elektrisiert, in dem er von dem französischen Pianisten Maxime Zecchini erzählt.

https://www.nzz.ch/feuilleton/das-spielt-er-glatt-mit-links-der-pianist-maxime-zecchini-ld.1595496

Zecchini studiert seit langem die Klavierliteratur für die linke Hand, spielt viele der Stücke ein und zeigt, dass sich fast alle Stücke auch nur mit einer Hand spielen lassen.

Hier ein erstaunliches Programm, vorgestellt von Zecchini:

Fermers Wanderungen 22

Am Mittag lag der über Nacht eingetrudelte Schneefall auf den weiten Feldern, allmählich schwächer geworden, geduckt, zusammengesunken. Noch immer wirkte er wie eine dichte Hülle, belebt von den dunklen Graphismenreihen der Maisstrünke, die ihre Notenlinien ins Weiß zogen und eine Schrift aus Ton und Wort suggerierten. Er blieb stehen und blickte am Geschlängel der Linien entlang, als wollte er auf ein Summen ringsum lauschen. Das Schneeweiß ließ den Raum wachsen, betonte die Distanzen, verstärkte die Plastik des Eindrucks – und kam ihm dadurch entgegen. Er spürte, wie die Kopfkälte nachließ und im Hirn eine fiebrige Lust entstand: weiter zu gehen, sehr weit. Dazu wünschte er sich einen knorrigen Stock, etwas zur Begleitung der Tiere, die hinter ihm herzogen. Die Krähen waren längst in den Wipfeln der Bäume untergetaucht und stiegen schwarmartig ins Helle, wenn er in die Hände klatschte, rhythmisch, um die Herde hinter sich zusammenzuhalten.

(Kurze Erläuterung: Fermer ist die männliche Hauptfigur in meinem Debütroman Fermer aus dem Jahr 1979. In Fermers Wanderungen schreibe ich diesen Roman in der Gegenwart segmentartig weiter – in der Form von kurzen Natur- und Landschaftsbeobachtungen.)

Ich reise nicht mehr – Henri Michaux

In meinen pubertären Jahren habe ich vor allem (und manchmal fast nur) französische Literatur gelesen. Es war die Literatur meiner Vorfahren.

Noch nie habe ich darüber geschrieben, wie mich diese Literatur  begleitet hat. Sie hatte einen besonderen goût, etwas Herbes, Frisches, Belebendes, etwas von Bohème-Atmosphären und etwas sehr Individuelles, als bestünde sie aus lauter Autodidakten, die sich ein eigenes Leben entworfen hatten.

Damals habe ich auch Werke von Henri Michaux (1899-1984) gelesen, seine Essays, seine Studien über Malerei (er war selbst auch ein bedeutender Maler), Notate von seinen Reisen in ferne Kontinente.

Heiner Goebbels (geb. 1952) hat kurze, reflektierende (französische und deutsche!) Textpassagen von Michaux mit Musik konfrontiert. Daraus ist ein Hörspiel entstanden, das auf die gegenwärtigen Zustände unserer Psychen reagiert. Der SWR hat dieses Hörspiel produziert und gesendet:

https://www.swr.de/swr2/hoerspiel/gegenwaertig-lebe-ich-allein-swr2-hoerspiel-studio-2021-01-07-100.html

 

Die Passion der Farbe

In einem längeren Artikel für die FAZ (4. Januar 2021) hat Marc Zitzmann von einem Besuch bei dem französischen Kulturwissenschaftler Michel Pastoureau erzählt. Dessen großes Thema ist die Geschichte der Farben: welche Bedeutung und Geltung sie in den verschiedensten Epochen der Geschichte hatten und wie diese Zuweisungen sich veränderten.

Die Farbe Blau zum Beispiel hatte erstaunlicherweise in der Antike keine herausragende Bedeutung, erst im frühen christlichen Mittelalter wurde sie stark konnotiert (Farbe des Marienmantels, hoher Rang in den Kleiderordnungen etc.). Heute ist sie in Europa sogar die Lieblingsfarbe seiner Bewohner.

Nachlesen kann man diese aufschlussreiche Geschichte in Pastoureaus Buch Bleu – Histoire d’une couleur, die im Wagenbach-Verlag auch in deutscher Übersetzung durch Antoinette Gittinger erschienen ist (Blau – Geschichte einer Farbe).

Erweitern und anwenden ließe sich diese kulturgeschichte Perspektive aber auch so, dass man nach den subjektiven Farbpassionen eines jeden Menschen fragt: Welche Farben haben mich in meinem Leben besonders begleitet/animiert/verfolgt? Und in welchen Zusammenhängen (Ereignisse/Kleidung/Räume/Dinge etc.) haben sich solche Passionen entwickelt?

Ginge man diesen hoch interessanten Fragen nach, schriebe man seine eigene Geschichte des Farbenspektrums,  bezogen auf eine private Vita. Auch so ließe sich eine Biografie also erzählen, entlang eines selbst gewählten Leitfadens…

Michel Pastoureau hat das gereizt, und er hat es getan – in seinem mit einem hohen französischen Literaturpreis ausgezeichneten Essay-Buch Les Couleurs de nos souvenirs (englische Version: The Colours of Our Memories)…

Ortheil liest 3

Meine nächste Online-Lesung organisiert das Literaturhaus Stuttgart. Dort lese ich am Mittwoch, 20. Januar 2021, 19.30 Uhr (!), aus meinen Büchern „In meinen Gärten und Wäldern“ und „Was ich liebe und was nicht“.

Eintritt (Euro): Livestreamticket: 5,- (sagenhaft preiswert!!)

Das Livestreamticket kann bis 60 Minuten vor Veranstaltungsbeginn gebucht werden und steht Ihnen dann 72 Stunden zur Verfügung.
Sie müssen nur noch Ihren persönlichen Zugangscode eingeben, den Sie mit Kauf des Tickets erhalten.
Hier entlang zum Livestream: https://stream.reservix.io/1642267