Kleine Vergnügungen

Dan Kieran und Tom Hodgkinson haben ein Buch der hundert Vergnügungen (Aus dem Englischen von Michael Hein. Insel Verlag 2015) geschrieben. Dabei geht es um kleine, sich im Alltag wiederholende Freuden, deren Intensität wir meist kaum bemerken. Insgeheim erleben wir diese unscheinbaren Momente oder Episoden aber durchaus als etwas Besonderes, weil wir jedes Mal, wenn sie passieren, ein wenig innehalten und uns wohler fühlen als während des sonstigen Alltags. Wir sollten zugeben, dass wir uns auf sie freuen, und nicht länger so tun, als wären sie nebensächlich und nicht der Rede wert.

Genau das sind sie aber. Gleichzeitig sind sie sehr individuell. Manche der gleich hundert, die Kieran und Hodgkinson auflisten und kurz beschreiben, bedeuten mir nicht so viel wie den beiden britischen Autoren, so dass ich stattdessen gerne andere benennen würde. Einige sind aber auch mir sehr vertraut: Das Feuer schüren/ Warten, dass der Tee zieht/ Den Neuheitenkatalog durchblättern/ Mit dem Postboten plaudern/ Wolken beobachten/ Sich nass regnen lassen …

Mich interessiert, welche kleinen Vergnügungen Sie, liebe Leserinnen und Leser, nennen würden. Ich warte gespannt auf Ihre Rückmeldungen: ortheil.hannsjosef@gmail.com

Allerseelen

Von den hohen Bäumen der Zypressenallee wehte der Regen in feinen Schleiern schräg über den Friedhof. Ich hielt einen kleinen Strauß Blumen in der rechten Hand und trug ihn an das Grab. Sie wurden in eine dunkelgrüne Vase gesteckt, dann wurde das Grablicht im Glasgehäuse angezündet. Es regnete heftiger weiter, und uns fehlte (wie immer) ein Schirm.

Anders als sonst suchten wir nicht nur ein einziges Grab, sondern die Gräber aller nahen Verwandten auf. Es wurde ein langer Rundgang. Niemand sprach, und das Schweigen hielt noch an, als wir den Heimweg antraten.

Im Radio lief später das Deutsche Requiem von Johannes Brahms. Vor dem gewaltigen Stück mit seinen donnernden Chören und seinen flehenden Soli hatte ich Angst wie vor kaum einem anderen Stück. Ich rührte mich nicht – und fuhr zusammen, als die Woge sich plötzlich brach: Denn alles Fleisch, es ist wie Gras/ und alle Herrlichkeit des Menschen/ wie des Grases Blumen …

Allerheiligen

Allerheiligen ist ein stilles Fest, vielleicht auch deshalb, weil diejenigen, die dieses Fest feiern, keinen konkreten Anlass und noch nicht einmal einen einzelnen, konkreten Heiligen vor Augen haben. Die Komponisten der letzten Jahrhunderte hat das in Verlegenheit gebracht, ihnen fehlten die Motive und Themen, auf die sie sich mit ihren Stücken hätten beziehen können. Werke der großen uns bekannten Tonkünstler sind denn auch nicht überliefert, weshalb wir weit zurückgehen müssen, um an Allerheiligen eine Musik zu hören, die sich auch wirklich auf diesen Tag (und das seltsame Fest, bei dem aller Heiligen auf einmal gedacht wird) bezieht.

Ich schlage vor, die Vesper für Allerheiligen des spanischen Renaissance-Komponisten Francisco Guerrero (1528-1599) zu hören. So lernt man auch die Gebete und Texte näher kennen, die sich die kirchlichen Liturgie-Kommissionen für diesen Tag ausgedacht haben.

Als Kölner lausche ich aber noch einem ganz anderen Klang. Fast zwei Jahre war der „Dicke Pitter“, die mächtigste und älteste Glocke des Kölner Domgeläuts, in Reparatur. Heute läutet sie wieder. Wer das Pech hat, diesen Tag nicht in meiner Geburtsstadt zu verbringen, kann den ganz besonderen Klang dieser vierundzwanzig Tonnen schweren Glocke im Netz hören. Es handelt sich um eine echte Lauschaufgabe: Die Abklingdauer des Untertons beträgt einhundertsiebzig Sekunden …

Als Wanderpoet unterwegs

Heute bin ich in den herbstlichen Wäldern mit dem japanischen Dichter und Wanderpoeten Saigyô (1118-1190) unterwegs. Gerade sind seine berühmten Gedichte aus der Bergklause (ausgewählt und übersetzt mit Kommentar und Annotationen von Ekkehard May. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung 2018) erschienen. Mit zweiundzwanzig Jahren hat er sich aus dem Hofdienst verabschiedet und ein Leben als Einsiedler und Eremit begonnen. Mehrmals ist er zu langen Wanderungen durch Japan aufgebrochen, später hat er zusammen mit anderen Mönchen in einem Kloster gelebt.

Gedichtet hat er zum großen Teil 31-silbige Gedichte, sogenannte waka, von denen er später viele zu einer großen Sammlung (Sankashû) zusammengestellt hat. Sie ist nach den (in Japan stark rituell begangenen) Jahreszeiten gegliedert.

Eines der Gedichte kam mir auf meinen Pfaden heute besonders nah: Keinen Weg gibt’s mehr./Das Haus im gefallenen Laub/fast ganz versunken;/frühzeitig lässt es mich nun/>wintervergraben< schon sein!

Nach mehrmaligem, langsamem Lesen (das Lesen solcher Gedichte ist wie Meditation) folgte ich den (unbedingt notwendigen und hilfreichen) Erläuterungen, die der Japanologe Ekkehard May seinen Übersetzungen beigegeben hat. So erfuhr ich, warum dieses in unseren Augen eindeutige Herbstgedicht für die Japaner ein Wintergedicht ist. Das im Laub versunkene Haus erinnert nämlich bereits an die kalte Jahreszeit, in der das Haus im Schnee versinken könnte. „Wintervergraben“ werden dann all jene leben, die sich in ihre Häuser zurückziehen und sich (wie manche Tiere im Winter) dem Winterschlaf hingeben …

So war ich mit diesem wundervollen (und besonders sorgfältig ausgestatteten) Buch lange auf altjapanische Weise unterwegs. Kurz vor dem Heimkommen murmelte ich noch vor mich hin: Als Andenken an/den Herbst, der nun zu Ende geht,/für eine Weile noch/möcht ich die bunten Blätter sehn -/zerstreu sie nicht, du rauer Wind!

Das Mentorat 1

Das Wintersemester 2018/2019 hat begonnen. Auch diesmal betreue ich wieder einige Masterstudentinnen des Studiengangs „Literarisches Schreiben und Lektorieren“ an der Universität Hildesheim. Was genau mache ich da?

Jede dieser Studentinnen arbeitet an einem umfangreichen Romanprojekt. Im ersten Schritt lerne ich seine Konzeption kennen: Anlage der Handlung, Erzählerstimme, Figurenkonstellation, Räume und Zeiten, Stil und Ton. Um all das möglichst exakt zu erfahren, lasse ich jede Studentin ein ausführliches Exposé schreiben, in dem jeder der genannten Punkte behandelt wird. Weiterhin bitte ich um eine Liste der Figuren und deren genaue Charakterisierung. Drittens lasse ich mir einen Textausschnitt (wie zum Beispiel die ersten dreißig, vierzig Seiten) geben, den ich dann möglichst Satz für Satz auf seine stilistischen Besonderheiten und seine erstrebenswerte Homogenität hin untersuche.

Das alles sind vorbereitende Aktionen für das daraufhin einsetzende Mentorat. Es besteht aus einem regelmäßig stattfindenden, ca. einstündigen Gespräch über den entstehenden Text: Seine Eigenart, mögliche Varianten, den Eindruck, den er hinterlässt etc. Ich empfinde mich als Berater, meine Hinweise sind Empfehlungen, auf keinen Fall aber eine Verpflichtung, es anders zu machen. So gesehen, bin ich eine Art Lektor, der die Textentstehung begleitet, sie aber niemals grundsätzlich in Frage stellt. Mentorieren meint also: Der Romanarbeit Schwung verleihen, mögliche Krisen beseitigen, mit guten Einfällen behilflich sein.

Das Genre des Mentorats beginnt übrigens schon in der Antike. Damals hat der römische Dichter Horaz jungen Dichterfreunden einige Ratschläge gegeben. Er hat das in Briefform getan, um locker, abwechslungsreich und assoziativ sprechen zu können. So wechselt er lässig plaudernd die Themen, mahnt an, sich nicht mit allzu schweren poetischen Aufgaben zu übernehmen, nur über das zu schreiben, was man gut kennt, und sich nicht wie ein Junggenie aufzuführen, das sich Nägel und Bart nicht schneidet, aus Angst, für allzu vernünftig gehalten zu werden.

Horazens De arte poetica hat Schule gemacht, denn seither haben sich Dichter und Schriftsteller in ihren späten Jahren oft in Berater verwandelt, die dem Nachwuchs Wissenswertes und Hilfreiches mit auf den Weg geben wollten. Die Zahl solcher belehrenden Briefe (eine der Urformen des Creative writing) ist noch zur Zeit der deutschen Aufklärung kaum übersehbar, dann nimmt die Fernbetreuung durch ältere Mentoren etwas ab, bis Rainer Maria Rilke zehn Briefe an einen jungen Dichter schreibt und darin das Programm der Beratung völlig neu definiert. (Darüber nächstens mehr …)

Horaz: Sämtliche Werke. Lateinisch/Deutsch. Hrsg. von Bernhard Kytzler. Reclam Verlag 2006

Merkel tritt ab

Im Wald. Werde über das Smartphone angerufen. Mein Freund K, Journalist in Berlin.

K: Hallo?! O: Ja, hallo! K: Hallo?!! O: Ich verstehe Dich gut, Du brauchst nicht so laut zu schreien. K: Ich muss aber Dampf ablassen. O: Also gut, dann tu das. K: Merkel tritt ab. O: Was ist los? K: Merkel kandidiert nicht wieder für den Parteivorsitz! O: Das war zu erwarten. K: Und Annemarie Knarrenberger …, verdammt, ich kann mir den Namen einfach nicht merken … – also Du weißt, wen ich meine: Sie kandidiert. O: Das konnte man sich denken. K: Aber Jens Spahn kandidiert auch. O: Wieso denn der? K: Und Friedrich Merz kandidiert auch noch. O: Du machst Witze … K: Nein, alles gerade ganz frisch auf Merkels Pressekonferenz erfahren. O: War’s das? K: Merkel bleibt Kanzlerin bis 2021, dann tritt sie ab. O: Aha, das war auch erwartbar. K: War es nicht. O: Doch, doch, war es längst. K: Gott, wie kann man bei solchen Meldungen nur so gelassen bleiben? O: Soll ich deswegen vielleicht wilde Tänze aufführen? K: Gerade wird Weltgeschichte geschrieben – und Du … O: Weltgeschichte?! Ich bitte Dich … K: Sag mal, wo steckst Du überhaupt? Arbeitest Du? O: Nein, ich bin im Wald unterwegs. K: Im Wald?!! O: Richtig. K: Im Wald – wo jetzt gerade Weltgeschichte geschrieben wird?! O: Ich sammle Eicheln, Bucheckern und Pilze, zusammen mit meinem Patenkind. K: Ich fasse es nicht. O: Mach’s gut – und melde Dich wieder, wenn sich der vierte Kandidat für den Parteivorsitz meldet. K: Der vierte?! Wen meinst Du?! O: Das bleibt vorerst ein Geheimnis des Waldes …

Hilary Hahn übt Bach

Gerade ist eine neue CD von Hilary Hahn mit zwei Violinsonaten und einer Partita von Johann Sebastian Bach erschienen (Hilary Hahn plays Bach). Im kommenden Frühjahr 2019 konzertiert sie damit auch in Berlin (Philharmonie) und München (Prinzregententheater).

Bach hat in seinen Solostücken für Violine oder Cello ein äußerstes Maß an Versenkung und monologischer Dichte angestrebt. Daher haben diese Kompositionen etwas von einsamem Gehen und Schreiten – und damit eine Nachdenklichkeit, die einen sofort für sich einnimmt. (In geschlossenen Räumen ist diese Dichte fast ein Übermaß, man sollte sich mit ihnen langsam bewegen, in „freier Natur“ …)

Geht man auf die Instagram-Seite von Hilary Hahn, entdeckt man kurze Videos (Hilary Hahn’s Violincase), die sie fast täglich gemacht hat. Sie geben einen guten Einblick in die Werkstätten des Übens. Auf den Ort oder Raum kommt es erstaunlicherweise dabei nicht an. In einem alltäglichen Nirgendwo greift sie nach ihrem Instrument und übt eine Passage Bach.

Obwohl wir treue Konzertbesucher sind, wissen wir doch zu wenig über die Hintergründe des virtuosen Spielens von Instrumenten. Manche Musiker sprechen darüber in Andeutungen. Das reicht aber nicht. Wir sollten das Üben auch sehen, um die Bühnenauftritte noch umfassender zu verstehen. Jeder dieser Auftritte bündelt die Probengeschichte von vielen Monaten und bringt sie „auf den Punkt“.

Ginkgo biloba

(Heute auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, Seite 4)

Die schönsten Blätter des Herbstes sind die des Ginkgo-Baums. Sie fallen nicht zu Boden, sondern segeln langsam und unauffällig auf die Erde, wo sie einen dichten Teppich bilden. Anders als andere Herbstblätter kräuseln sie sich nicht, sondern bleiben überwiegend plan, glatt und wie poliert. Nach einem dunklen Grün im Sommer haben sie hell- und schließlich abendsonnengelbe Fächer gebildet, bis ein verhaltenes Braun ihr Verwesen ankündet. Jeder, der sie zufällig betrachtet, merkt auf: Woher kommen sie? Wo sind sie zu Hause? Sie kommen von weither, aus China und Japan, wo sie noch heute (wie sofort zu ahnen) als Tempelbäume verehrt werden.

Ihre eigenartige Form hat die Dichter und Denker schon immer beschäftigt. Jedes Blatt erscheint geteilt, in der Mitte eingeritzt, als bestünde es aus zwei einzelnen Blättern, die aus mysteriösen Gründen zusammengefunden haben. Yin und Yang? Als auch Goethe auf diesen Baum aufmerksam wurde, ließ ihn der Anblick seiner Blätter nicht mehr los. 1815 soll er während eines Frankfurt-Aufenthaltes zumindest einen Ginkgo gesehen und studiert haben. Der Eindruck, den der Baum auf ihn machte, war so stark, dass er noch in demselben Jahr auch in Weimar einen pflanzen ließ.

„Dieses Baums Blatt, der von Osten/Meinem Garten anvertraut,/Giebt geheimen Sinn zu kosten,/Wie’s den Wissenden erbaut.“ – so die erste Strophe seines Gedichtes Gingo biloba, das er noch in Frankfurt schrieb und einer erheblich jüngeren Freundin (Marianne von Willemer) widmete. Der wissende Goethe legte sich das Rätsel des Ginkgo-Blattes als Anspielung auf eine Paaridee aus. Als „Eins und doppelt“ erschien es ihm – und damit als Symbol einer Freundschaft, die sich (wie es stattliche Ginkgo-Bäume tun) vertiefen und alt werden könnte. Manche Ginkgos erreichen sogar ein Alter von tausend Jahren. Goethes Gedicht hat es nun immerhin auf über zweihundert gebracht.

 

Gespräch über Charlotte Rampling

Zwei Freunde – im Gespräch:

A: Vor ein paar Tagen habe ich einen Film (45 Years) mit Charlotte Rampling gesehen … B: Ja, und? A: Am Anfang verlässt sie mit dem Hund früh am Morgen das Haus und geht über die nahen Felder spazieren … B: Ja, und? A: Dann kommt sie zurück und macht das Frühstück … B: Sensationell. A: Tja, was soll ich sagen? Es hatte was … B: Was hatte es? A: Ich wäre gern mit ihr spazieren gegangen, und danach hätten wir zusammen das Frühstück gemacht. B: Noch was? A: Wir hätten uns gut unterhalten, und danach wären wir an unsere Arbeit gegangen. B: An welche Arbeit? A: In Swimming Pool hat Charlotte Rampling eine Schriftstellerin gespielt. Das fand ich passend, vom Typ her ist sie eine nachdenkliche, kluge Schriftstellerin. B: Aha. Und das bedeutet? A: Dass wir uns nach dem Frühstück an unsere Schreibarbeit gemacht hätten. B: Verstehe. Es wird ja immer spannender. A: Eben nicht, es wird immer ruhiger, schöner, konzentrierter, so, wie ich mir Charlotte Rampling eben vorstelle. B: Du stellst sie Dir aber erstaunlich genau vor. A: Wir würden zusammen zu Mittag essen, außerhalb des Hauses, irgendwo auf dem Land. Wir wären zwei, drei Stunden mit unseren Fahrrädern unterwegs. B: Was Du nicht sagst! Du bist jahrelang nicht mehr Fahrrad gefahren! A: Am Nachmittag würden wir dann durch die Stadt streifen, das aber getrennt, und später würden wir uns irgendwo wiedersehen. B: Um was zu tun? A: Um zusammen ein Glas Wein zu trinken … B: Ich weiß nicht … – was ist mit Dir los? A: Ich weiß auch nicht … – als nächstes werde ich mir The Look anschauen. B: Wieder ein Rampling-Film? A: Eine Dokumentation über ihr Leben, angeblich sehr gut gemacht, ein Meisterwerk von Doku, ein geniales Porträt … B: Puuh, reden wir mal über was Anderes, ja?

Das Istanbul von Ara Güler und Orhan Pamuk

Gestern Nacht habe ich in 3sat eine Dokumentation über den Istanbuler Fotografen Ara Güler geschaut, der vor einer Woche im Alter von neunzig Jahren in seiner Geburts- und Heimatstadt gestorben ist (abrufbar in der 3sat-Mediathek).

Ich erinnere mich gut, dass ich Fotografien von Güler zum ersten Mal während meines Istanbul-Aufenthaltes im Jahr 1967 gesehen habe (davon erzähle ich im letzten Kapitel meines neuen Romans Die Mittelmeerreise). Es waren scharf gestochene, elektrisierend wirkende Schwarz-weiß-Fotografien, mit einer Leica gemacht. Sie zeigten vor allem Straßenszenen des Alltags, die einen sonst nie so gesehenen Moment (der Freude, des Erschreckens, des Streits, der Melancholie) ausstellten. Daneben waren es aber auch immer Porträts von Menschen, Studien ihrer Gesichter, ihrer Kleidung, ihrer Gestik. Fotografierte Güler Panoramen, leuchteten die fast immer überfüllt erscheinenden Straßenzüge, Brücken und Moscheenlandschaften in einem seltsamen Licht, als würden sie vom Himmel aus in Szene gesetzt und angestrahlt.

In dem gerade erschienenen hinreißenden Istanbul-Buch von Orhan Pamuk (Istanbul. Erinnerungen und Bilder aus einer Stadt. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Carl Hanser Verlag 2018) sind viele von Gülers Stadtfotografien enthalten. Sie sind die ideale Ergänzung zu den autobiografischen Erzählungen Pamuks aus seinen Kinder- und Jugendjahren, die viel mehr sind als bloße „Autobiografie“. Wie Güler porträtiert auch er im Blick auf sein Leben letztlich die große Stadt, ihre Wunder und Atmosphären, ihre Geschichte.

Nach Istanbul kann man süchtig werden. Schon 1967 ist es mir so ergangen. Ich hörte auf, selbst zu fotografieren und kaufte mir Fotografien türkischer Fotografen, die ich zu Hause in einer Mappe aufbewahrte. Heute träume ich davon, einige Zeit dort zu verbringen und immer wieder in das kleine Museum zu gehen, das Orhan Pamuk seinen Romanfiguren gewidmet hat (Die Unschuld der Dinge. Das Museum der Unschuld in Istanbul. Übersetzt von Gerhard Meier. Carl Hanser Verlag 2012).

Es ist das schönste Literaturmuseum, das ich kenne: Ein Schriftsteller hat die Dinge und Zeugnisse seines Lebens und seiner Zeit gesammelt, vom Kamm über den Wecker und sonstige Alltagsgegenstände bis hin zu den Fotografien. Pamuks Projekt habe ich mir inzwischen zum Vorbild genommen. Auch ich plane nun ein „Museum der Dinge“ (und der mit ihnen verbundenen Romanfiguren) in meiner westerwäldischen Heimat. Vielleicht finde ich Leserinnen und Leser, die mir dabei helfen. Es wäre die Verwirklichung eines Traums, der mich fast täglich in Gedanken beschäftigt …