Die Wiese

Die Wiese beginnt am Morgen zu gären. Eine grüne, dichte, wild verzahnte und pelzartige Maische überzieht den flachen Boden, die gelben Löwenzahnkerzen verteilen sich nach eigenen Launen, und die weißen, hoch eleganten Mini-Strahler der Gänseblümchen blinken in der Sonne. Die gesamte Palette dehnt sich, tief atmend, dem Mittag entgegen, lodert und blitzt am Nachmittag in schmalen Corsi auf und versinkt am frühen Abend, nach Durchlaufen aller Erregungszustände, im Ermüdungstaumel nach intensiver Sonnenbetäubung.

 

Vorhang auf!

Vorhang auf, ladies and gentlemen!

Heute erleben Sie in unserer Artistenshow gleich zwei pianistische Zwillinge, wie Sie lange keine mehr erlebt haben! Als erstes Zwillingspaar präsentieren wir Ihnen Lucas & Arthur Jussen. Im realen Leben sind sie keine echten Zwillinge, sondern Brüder, die aber nicht wie Brüder oder Zwillinge, sondern – erstaunen und erschauern Sie! – sogar als siamesische Zwillinge musizieren! Dieses Wunder ihrer Klavierkunst haben sie selbst der Welt verkündet – es war Arthur, der diesen mutigen Schritt gewagt hat: „Das Geheimnis unseres Duospiels besteht darin, nicht zu zweit zu spielen, sondern wie einer.“ Genau so ist es, ladies and gentlemen, hören Sie selbst und erstarren Sie auf Ihren Plätzen, wenn Sie der Dämonie eines Spiels gewahr werden, das aus zwei Menschen ein einziges Wesen macht, das aus zwanzig Fingern besteht! (Lucas & Arthur Jussen: Jeux)

Als zweites pianistisches Zwillingspaar präsentieren wir Ihnen die argentinische Klaviervirtuosin Martha Argerich und den armenischen Klavierzauberer Sergei Babayan. Im realen Leben sind sie keine echten Zwillinge, kennen sich aber seit dreißig Jahren und halten sich manchmal schon für Schwester und Bruder. Sergei sagt, mit Martha zu spielen, sei „wie ein Gespräch mit einem göttlichen Wesen“, und Martha ergänzt in ihrer bekannt lakonischen Art, Sergeis Spiel gefalle ihr einfach. Wie ein Furienpaar stürzen sich Schwester und Bruder dann auf zwei Klaviere, deren Klangkörper unter ihren fiebrigen Händen zu einem einzigen verschmelzen. Erleben Sie das Wunder eines siamesischen Klavierzwillings, dem Martha, die Kirke, und Sergej, der Arrangeur, einen Prokofiev for Two entlocken, wie ihn selbst Großväterchen Sergei nicht furienhafter hätte träumen können! (Martha Argerich & Sergej Babayan: Prokofiev for Two)

Kochkunst

Vor kurzem wurde ich zu einem mittäglichen Menü ins Essigbrätlein in Nürnberg eingeladen.  Meine Begleitung und ich waren die einzigen Gäste, so konnten wir uns den Tisch aussuchen, von dem aus wir die holzgetäfelte, stille Stube überblickten. Ich liebe holzgetäfelte, stille Stuben, und ich mag es, wenn die Menükarte nicht nur übersichtlich ist, sondern mit zwei, maximal drei Menüvorschlägen auskommt.

Am Mittag unseres Besuchs gab es Saibling mit Karotte/ Lauch/ Taube mit Mais/ Meerretticheis mit Apfel – und dazu das jeweils passende, von einer klugen Beraterin vorgeschlagene Glas Wein. Die beiden unsichtbar bleibenden Meisterköche (Andree Köthe & Yves Ollech) waren in Hochform – so dass die mehrstündige Mahlzeit zu einem nicht alltäglichen, sondern sich für lange Zeiten einbrennenden Ereignis wurde. Ich liebe nicht alltägliche, sich für lange Zeiten einbrennende Kochereignisse, und ich liebe sie noch mehr, wenn ich zu ihnen eingeladen werde.

Im Essigbrätlein hat man es für einige Stunden mit dem zu tun, was man „Kochkunst“ nennt. In meinem Verständnis besteht „Kochkunst“ aus vielen jener Elemente, aus denen „Kunst“ ganz grundsätzlich besteht. „Kunst“ ist die Passion und die Sache von Künstlern, die ihr Handwerk verstehen und die handwerkliche Arbeit klug benennen. Im Falle der „Kochkunst“ bilden die exakten Rezepte so etwas wie das Making of (oder die Poetik) des Handwerks. In den Rezepttexten (die zu den frühesten Making of-Texten der Kulturgeschichte überhaupt gehören) sind die Bestandteile der Mahlzeit, deren Zusammensetzung und Zubereitung fixiert. Die Speisen bilden (zusammen mit den Getränken) „das Werk“, auf dessen verschiedene Aromen und Formate das Geschmackserlebnis des Gastes (und damit des Rezipienten) reagiert. Bilden die Rezepte (und die Kommentare der Köche zu ihrem Handwerk) die Grundlagen der „Kunstproduktion“, so antworten darauf die Texte der Restaurantkritiker, die das Geschmackserlebnis im besten Fall so nuanciert wie ein Kunsterlebnis interpretieren.

Schade, dass es kaum Bücher gibt, in denen diese Dreiheit von Produktion (das Kochen und seine Poetik), Werkkomposition (Beschreibung und Analyse der Speisen) und Rezeption (der Genuss und seine Elemente) einmal als ganzes erscheint. So gesehen, sind die Debatten über „Kochkunst“ noch längst nicht auf einem möglichst hohen Niveau: Dann nämlich sprächen Köche und Kritiker an einem Tisch über das gerade komponierte und genossene Werk. Nichts ist öder als der einsame Abschied des Gastes von der holzgetäfelten, stillen Stube, ohne dass es zum Gespräch mit jenen Künstlern gekommen ist, die sich stundenlang scheu in der Küche verschanzt haben.

Im Fall des Essigbrätlein kann man immerhin auf Dokumente zurückgreifen. In der Bibliothek der Köche (SZ-Edition) ist 2008 ein Band über die Kochkunst von Andree Köthe & Yves Ollech erschienen (der darunter leidet, dass die Köche ihre „Kochgeschichte“ nicht selbst mitteilen, zu viele Seiten der schönen Stadt Nürnberg gewidmet und die hoch interessanten Rezepte nicht von den Köchen und Kritikern gleichzeitig interpretiert werden). Und 2012 sowie 2015 sind zwei Bände (Gemüse und Gemüse2) im Tre Torri-Verlag erschienen, die jene Geniestreiche der Gemüse-Kochkunst enthalten, von denen ich einsam zurückbleibender Gast mit Begleitung einmal im Essigbrätlein kosten durfte (ohne leider danach die Gelegenheit zu haben, mit den Meisterköchen über meine Geschmackserlebnisse zu sprechen).

 

Die Nägel der schrägen Vernunft (frei nach Theodor Wiesengrund-Adorno)

Manchmal gerät man ins Stocken und denkt: „Das darf doch nicht wahr sein!“ Häufig ist während eines solchen Erstaunens gleich noch eine zweite Stimme am Werk (die das erste Erstaunen erweitert und ausbaut). Sie gehört einem anderen Menschen, den man in einem solchen Moment als Vertrauten und Zeugen zugleich empfindet: „Das darf doch nicht wahr sein!“ Und, zweitens: „Was hätte Onkel Gisbert wohl dazu gesagt?!“ Onkel Gisbert ist längst nicht mehr am Leben, wir erinnern uns aber urplötzlich an ihn, weil er zu dem, was wir gerade erstaunt betrachten, einen zünftigen, passenden Kommentar abgegeben hätte. Deswegen haben wir Onkel Gisbert ja so geliebt (und deswegen lieben wir ihn noch immer): wegen seiner scharfen, auf den Punkt gebrachten Kommentare zu den überflüssigen Neuerscheinungen der Welt.

Vor kurzem war ich in einem kleinen Ort in einer ländlichen Gegend unterwegs. Die beiden Bäckereien, die es vor einem Jahr noch gab, waren verschwunden, dafür gab es in dieser Tausendseelengemeinde aber urplötzlich zwei Nagelstudios. Ich dachte sofort: „Das darf doch nicht wahr sein!“ Und – zweitens: „Was hätte Theodor Wiesengrund-Adorno wohl dazu gesagt?!“ Während meiner Schul- und Studententage habe ich diesen Philosophen noch erlebt, seine eleganten, bissigen und unverwechselbaren Kommentare zum Überflüssigen auf unserem Planeten habe ich bis heute im Ohr. Ich blickte staunend auf die beiden Nagelstudios – und hörte Theodor Wiesengrund-Adorno, wie er mir (im Stil seiner Minima Moralia) zur Seite sprang und flüsterte:

„Das Überhandnehmen der Nagelstudios in unseren Innenstädten und Shoppingzonen reagiert auf den allgegenwärtigen Schrecken, der sich als Empfindung selbst unter Haut und Nägeln breitmacht. Sich von ihm zu befreien, ist der verquere Impuls jenes Bemühens, für das Kant in der Kritik der Urteilskraft den Begriff des „gefallenen Erhabenen“ bemühte. Wo es früher Herrscherinnen zustand, sich den Luxus des glänzenden Nagels zu bewahren, erscheint dieser in Tagen der Fetischumschuldung als dreiste Anmaßung. Sie wickelt den alltäglichen Schrecken ins Bonbon des Zitats, das die Herrscherinnen endgültig ins Jenseits zu verabschieden sucht. Derart mythische Umschuldung bleibt freilich nicht ungesühnt, denn die dialektisch zuschlagende Aufklärung verleiht jedem einzelnen falschen Nagel banalen Glanz und drückt ihm jenen Stempel misslungener Befriedigung auf, den bereits der mit solchen Phänomenen der Dekadenzausbeutung bestens vertraute Tschaikowsky in seinen kleinen Stücken für Klavier zu vier Händen mit unvergleichlichem Sinn für erstorbenes Pathos in das Reich matten Behagens verwies.“

 

Stehenbleiben

Wie kann man an einem solchen Bild vorübergehen? Alles ist Frische, Dichte, Konzentration – voller strahlender Details, voller Leuchten und Atmen – eine überbordende Neuerscheinung der lebenswertesten Atmosphären. In diesen Tagen ziehen einen solche  komprimierten Bilder vom Wegrand her an, verscheuchen alles, was man sonst noch im Kopf hat, und bestärken einen in dem geradezu wahnwitzig anmutenden Glauben, die (lange Zeit extrem verhaltenen) Tiefenmelodien der Erde bestünden aus reinem Jubel.

 

Ausklingen lassen

Gestern Nacht ließ ich das Mirabellenblütenfest ausklingen. Ich las, betrachtete und hörte:

Eliot Weinberger: Vogelgeister. Aus dem Englischen von Beatrice Fassbender. Berenberg Verlag 2017

Matsuo Bashô: Haibun. Hrsg. und übersetzt von Ekkehard May. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung Mainz 2016

Midori Takada: Through The Looking Glass (Youtube)

Abseits der Mirabellenblüten

Am zweiten Tag des (altjapanisch inspirierten) Mirabellenblütenfestes lagert man nicht mehr unter den blühenden Mirabellenbäumen, sondern entfernt sich zunächst ein paar Schritte, um sich dort aufzuhalten, wohin die Mirabellenblütenblätter geflogen sind und sich in Scharen (auch als Linien oder auf Kreuzungen) niedergelassen haben. So geht man auf Distanz zum großen Blühen und erlebt es in der absterbenden Phase (und damit in jener, in der sich die Blütenblätter von den Bäumen befreien und eigene Pfade und Wege suchen). Nach einigem Lagern und dem Genuss von reichlich Tee und Mirabellenlikör (am zweiten Tag übernimmt der Mirabellenlikör die Rolle des Mirabellenbrands vom ersten Tag) entfernt man sich am späten Mittag zur kleinen Bashô-Wanderung in die Ferne. Traditionell werden Ausschnitte aus den Reisetagebüchern des altjapanischen Wanderdichters (Bashô: Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland) gelesen und damit das Leben unterwegs vergegenwärtigt. Als Pendant zu diesem altjapanischen Text werden später während einer längeren Rast Ausschnitte aus einem Text der jungen japanischen Literatur vorgetragen. Meine Freunde hatten den Roman Die Ladenhüterin der Schriftstellerin Sayaka Murata als Geschenk mitgebracht, der in Japan gerade in aller Munde ist. „Wann findet man schon einmal einen japanischen Roman einer jungen Schriftstellerin, der in einem Convenience Store spielt, dessen Ich-Erzählerin eine Convenience Store-Verkäuferin ist und dessen Autorin lange selbst als Convenience Store-Verkäuferin gearbeitet und Erfahrungen im Umgang mit einem solchen Store und seinen Kunden gesammelt hat?“ Ich war sofort begeistert und freute mich auf meine eigene Lektüre, die mir einen Convenience  Store näher bringen und das japanische Leben bestimmt um einiges erhellen würde. Während unserer nachmittäglichen Wanderung führten wir Bento-Boxen mit uns. Sie haben kleine Trennwände und Kammern, in denen man die Wegzehrung (fein getrennt voneinander, auf mehreren Etagen) unterbringt: Tomaten, Gurken, Birnen, rohes Gemüse aller Art, also frische Kost, die eine längere Wanderung auf ideale Weise begleitet. Kehrt man am frühen Abend zum Ausgangspunkt zurück, neigt sich das Mirabellenblütenfest seinem Ende entgegen. Zum Abschied trinken alle ein Glas (oder mehrere Gläser) eiskaltes Bier, man umarmt, verbeugt und trennt sich und nimmt im ersten Dunkeln die matt leuchtenden Spuren der gefeierten Blütenstreu in Gedanken und Bildern mit nach Hause. Der Gastgeber (in diesem Fall also ich) begibt sich darauf in eine Ruhestellung und lässt die beiden herrlichen Tage ausklingen, indem er Texte liest, Bilder betrachtet oder Musik hört, die einen Anklang an Japan bewahren und bis in die tiefe Nacht noch weiter intensivieren.

Unter Mirabellenblüten

Ich habe nur wenig (und dann auch nur angelesene) Erfahrung damit, wie Japaner die Kirschblüte erleben. Deshalb habe ich meinen japanischen Freunden (die ja gerade bei mir zu Besuch sind und bei mir übernachten) die Gestaltung der Tage, an denen wir das Mirabellenblütenfest feiern, überlassen. Wir haben heute Morgen mit viel Tee, japanischem und chinesischem, begonnen und nichts Essbares zu uns genommen. Es ist angenehm unkompliziert, nur Tee zu trinken und an nichts sonst zu denken, man trinkt viel mehr Tee als sonst, man trinkt richtig reichlich. Dann unterbricht man den Teegenuss, indem man (aus sehr kleinen Gläsern) etwas standfest Alkoholisches andächtig zu sich nimmt. In unserem Fall war es ein Mirabellenbrand aus der Steiermark, man trinkt aus sehr kleinen Gläsern, damit man das Trinken unter Kontrolle behält und zu jedem Zeitpunkt Auskunft darüber gegen kann, wie viele Gläser man getrunken hat. „Erst 2 dreiviertel Gläschen“, sagt man (und ist glücklich, sich so gut zu erinnern). Man trinkt natürlich nicht an einem Tisch oder in der Nähe eines anderen Möbels, nein, man trinkt, indem man unter den Mirabellenblüten lagert. Alle paar Momente macht einer ein Foto, natürlich nun doch mit einem Smartphone, von tief unten, man vertieft sich in jede einzelne Blüte, dann auch mal in ein Duo oder eine Gruppe von Blüten, man schaut sie so intensiv an, als hätten sie Namen und wollten begrüßt werden. Danach gibt man ihnen in der Tat (spielerisch, alles sehr spielerisch) Namen und stellt fest, dass man die Session durch eine Lektüre beleben sollte. Während jemand etwas vorliest und den anderen zu Gehör bringt, wird kein Alkohol getrunken, das ist das Gute am Vorlesen, es stoppt die Alkoholzufuhr, so dass nun wiederum etwas Tee getrunken werden kann. Dazu werden Mirabellen (in Gin eingelegt, vom Vorjahr) gereicht, sie gelten nicht als alkoholisch, weil die Mirabellen über den Gin dominieren und der Alkohol daher nichts zu sagen oder zu melden hat. Als Gastgeber hatte ich das Vorlesen zu übernehmen. Was lese ich meinen japanischen Freunden denn vor? Neuere deutsche Literatur sollte es sein und um Himmels willen kein Goethe, nichts Klassisches und auf keinen Fall … – ich kürze die Debatte hier ab. In diesem Moment hatte ich sofort die richtige, passende Idee, und so las ich meinen japanischen Freunden (und mir selbst) Ausschnitte aus Mariana Lekys Roman Was man von hier aus sehen kann vor. Ich habe diesen Roman (seit seinem Erscheinen im letzten Sommer) mindestens viermal ganz und x-mal in Fragmenten gelesen, im Grunde kenne ich ihn so gut (und genau), als hätte ich ihn selbst geschrieben. Das Seltsame (ich kann es hier jetzt nicht ausführlich erklären, denn es geht ja gerade eigentlich um ein anderes Thema) ist, dass seine Lektüre einen (jedenfalls mich) auf unerklärliche Weise abgrundtief glücklich macht (ich stehe zu dieser Formel: „abgrundtief“ und „glücklich“, beides und beides zugleich). Ich weiß wirklich (noch nicht), warum das so ist, natürlich habe ich gewisse Vermutungen, aber die haben hier gerade nichts zu suchen. Ich las das erste Kapitel (Weide, Weide) vor, und meine japanischen Freunde waren nicht nur sehr angetan, sondern auch ähnlich begeistert wie ich. „Endlich mal ein deutscher Roman einer jungen Schriftstellerin, in dem ein Okapi, eine Großmutter, ein Dorf und der Westerwald vorkommen“, sagten sie, und ich konnte nur sagen: „Nicht wahr?“. Dann aber sagte eine meiner japanischen Freundinnen, dieser Roman habe außerdem noch etwas eigenartig Altjapanisches, ja, wirklich. Ich wollte über diese Äußerung hinweglächeln, als mir plötzlich, wie sagt man denn?, „siedend heiß wurde“. Der zweite Teil von Mariana Lekys Roman spielt nämlich zwar noch immer in einem Dorf des Westerwaldes, doch die zweite Hauptfigur (neben der Erzählerin) ist nun ein junger buddhistischer Mönch, der in Japan lebt. Hui! – ich erinnerte mich, sagte aber nichts weiter, sondern dankte für die (abgründige) Bemerkung meiner japanischen Freundin (der ich nichts weiter über den Fortgang des Romans verriet), um das Gespräch wieder zu einigen Gläschen Mirabellenbrand aus der Steiermark zurück zu führen. Unter dem großen Sonnensegel ging es dann angeregt weiter mit munteren Gesprächen … Fortsetzung folgt.

Mirabellenblüte

An diesem Wochenende sind unsere japanischen Freunde bei uns zu Gast. Sie haben die Trauer darüber, in diesem Jahr nicht zur Zeit der Kirschblüte in der Heimat gewesen zu sein, noch nicht ganz überwunden. Wer das japanische Kirschblütenfest im Frühjahr wirklich genießen (und nicht nur ein paar flüchtig bleibende Eindrücke erhalten will), sollte sich dafür einen ganzen Monat Zeit nehmen. So rät es uns auch der „kompakte und fundierte Reiseratgeber mit Profi-Tipps“ von Axel Schwab (Japan spielend in 60 Schritten. München 2018). In den vier Wochen von Mitte März bis Mitte April könnten wir dann „den kompletten Zyklus erleben: von der Öffnung der Blüte zur vollen Blüte bis zum Abfallen der Blüte“.

Im Süden Japans ist diese schöne Zeit schon vorbei, in unseren Breiten stehen die großen Blütenfeste jedoch noch bevor. Morgen und übermorgen (und damit an jenen Tagen, an denen in diesem Jahr bei uns der eigentliche Frühling mit Temperaturen um 20 Grad beginnt) feiern wir mit unseren Freunden das Frühfest der Mirabellenblüte. Statt Sake wird es Mirabellenbrand aus Österreich geben und dazu in Gin eingelegte Mirabellen (vom Vorjahr). Zweieinhalb Tage werden wir im Schatten der Mirabellenbäume im Gras liegen  und nichts anderes tun als (nach altjapanischem Vorbild): „Blüten betrachten“. Einige Ergebnisse verewigen wir natürlich nicht mit Hilfe eines Smartphones, sondern auf Polaroid (Fuji), ganz wie in den jugendlichen Tagen im Schatten Andy Warhols, als wir (ohne es zu wissen) längst kindliche Altjapaner waren.