Graupel

Graupel ist eine eisige Saat, die aus den Himmeln stürzt. Die Wolken ziehen zu, die Welt wird immer dunkler für diesen Guss, der sich auf der Erde versprüht und rasch – wie hingefeuert – zerplatzt. Man bleibt stehen und wartet ab, bis die tollen Signale sich ausgetobt haben. Schließlich befallen sie auch die Haare, nisten sich ein, tropfen ab und laufen in schmalen Strähnen am Hals herab. Bis sie enden in der lauen Wärme des Kragens, den die flüssig gewordene Saat aufweicht und bricht.

 

Der erste Schnee

Der erste Schnee erscheint in kleinen Inseln, die einige Stunden bestehen und dann langsam verblassen. Sie zeigen sich in den kältesten Zonen des Gartens, gut geschützt, unangetastet. Dort, wo sonst kaum jemand hinschaut, erscheint mit einem Mal ein Dekor, der sich gegen die größeren Flächen behauptet. Er verfärbt sich nicht, sondern gräbt sich langsam in Erde und Laub. So präpariert er eine bestimmte Zone für den stärkeren Schneefall in baldiger Zeit.

Auch so

Eigentlich war ich gut drauf, als ich mit meinem Wagen zur Tankstelle fuhr. Ich tankte, bezahlte und verabschiedete mich von der Tankwartin mit einem schwungvollen: „Ihnen noch einen schönen Tag und einen noch schöneren Feierabend!“ Ich wartete kurz auf eine ebenso schwungvolle Antwort und bekam ein „Auch so!“ zu hören. Ich ging hinaus und blieb draußen stehen. „Auch so?“ – das war alles? So knapp? Ich ging noch einmal zurück, fischte mir eine Tageszeitung aus dem Zeitungsstand, zahlte und sagte: „Jetzt hätte ich fast die Zeitung vergessen! Auf Wiedersehen – und nochmal: Einen schönen Tag!“ Die Tankwartin antwortete nicht, selbst ein „Auch so“ brachte sie nicht mehr heraus. Draußen geriet ich in leichte Wut. Also ging ich erneut zurück, kaufte eine Schachtel  Ricola und sagte: „Mensch, das hätte ich beinahe auch vergessen! Etwas gegen den rauen Hals! Adieu – und weiterhin einen schönen Tag!“  Die Tankwartin sagte wieder nichts, aber als ich draußen war, sah ich, dass sie eine Schachtel Ricola in die Hand nahm und den Aufdruck zu lesen begann. Ich blieb stehen und schaute ihr zu. Plötzlich blickte sie (etwas erschrocken) auf und sah mich durch die Scheibe an. Ich lächelte und hob die Schachtel hoch. Da lachte die schweigsame Person zurück, völlig unerwartet, aber ehrlich und wie befreit – als hätte sie endlich einen Zugang zu dem ihr vielleicht seltsam erscheinenden Kunden und zugleich ein Mittel gegen ihre Schweigsamkeit gefunden.

Hanna liest ein Gedicht

Gestern habe ich der elfjährigen Hanna, der Tochter eines mit mir befreundeten Paares, noch das Laubgedicht Stefan Georges vorgelesen: Sprich nicht immer/ Von dem Laub · / Windes raub ·/ Vom Zerschellen/ reifer quitten ·/ Von den tritten/ Der vernichter/ Spät im jahr./ Von dem zittern/ Der libellen/ In gewittern/ Und der lichter/ Deren Flammen/ Wandelbar. Hanna hat versucht, das Gedicht zu verstehen: Der Dichter meint, dass man nicht immer soviel über das Laub reden soll, das herumliegt. Irgendwann ist das Laub nämlich weg, der Wind bläst es fort. Auch über die reifen Quitten, die jetzt von den Bäumen auf die Erde fallen, soll man nicht viel reden. Sie gehen kaputt und verfaulen, weil niemand sie essen mag. Manchmal werden sie aber von bösen Leuten zertreten, die besonders jetzt, im Herbst, unterwegs sind. Das sind die Vernichter. Die machen sogar den Libellen Angst, die wegen der Vernichter zu zittern beginnen. Wenn die Vernichter kommen, ist alles unheimlich und gefährlich, und am Himmel entstehen schwere Gewitter und Blitze und Donner und viele Lichter und Flammen, von denen keiner weiß, wen sie verbrennen. Deshalb soll man am besten ganz still sein und nicht von dem Laub sprechen. Spricht man nämlich davon, entsteht eine ganz böse Kettenreaktion.

Hanna kehrt Laub

Hanna ist die elfjährige Tochter eines Paares, mit dem ich seit langem gut befreundet bin. Am letzten Wochenende verreisten ihre Eltern in die Schweiz, um dort einige familiäre Dinge zu regeln. Hanna aber blieb bei mir, aus freien Stücken, sie fand das „spannend“. Nach der Abreise der Eltern frühstückten wir zusammen und legten danach eine kleine Liste mit all den Sachen an, die wir später für unsere Verpflegung einkaufen würden. An erster Stelle die Süßigkeiten (Hanuta, Duplo und Ritter Sport-Schokolade), außerdem Obst (Apfelsinen zum Auspressen, Äpfel und Mandarinen), schließlich Pasta (Fusilli) sowie frische Tomaten für die Sauce. Nach unseren Einkäufen auf dem Markt aßen wir mittags die Süßigkeiten (seit endlosen Jahren hatte ich so etwas nicht als richtige Mahlzeit betrachtet) und tranken dazu Apfelsinensaft. Als Nachtisch gab es klein geschnittene Äpfel und Mandarinen. Wir schauten einen Comic im Fernsehen, dann aber sollte es nach draußen gehen, denn das Haus steckte in einem Meer von wild herumliegendem Laub, das in den letzten Wochen reichlich gefallen war. Hanna kratzte es mit einem Laubbesen zu kleinen Haufen zusammen, und ich füllte die Haufen in einen Laubsack. Dann überlegten wir, wohin wir das Sackinnere jeweils bringen wollten. Wir bildeten einen großen Laubwall im Umkreis einer Sitzecke, wir errichteten Laubtürme mitten im Wald, und wir krönten unser Werk mit einem großen Laubkreis auf einer Rasenfläche. Am Abend gab es Fusilli mit Tomatensauce. Was soll ich sagen? Es war grandios. Niemals hätte ich mir sonst so viele Süßigkeiten erlaubt, niemals hätte ich klein geschnittene Äpfel in solchen Mengen gegessen und niemals mit Hilfe von Hannas energischem Handeln aus herumliegendem Laub kleine Kunstwerke entstehen lassen. Vor allem aber hätte ich niemals jene Pasta (Fusilli) mit Appetit gegessen, die ich nach einmaligem Genuss vor Jahrzehnten zur grässlichsten, ungenießbaren Pastasorte erklärt und seither nie mehr angerührt hatte. Jetzt aber schmeckten diese Fusilli, als wären sie aus diesem Tag gemacht: eine abendliche Kinderspeise, kurios gedreht und gerollt wie die zuvor noch armselig herumliegenden Blätter, die wir erlöst und einer schönen Bestimmung zugeführt hatten.

Fermers Wanderungen 12

Damals, in den späten siebziger Jahren, war dieses Kino (aus den fünfziger Jahren) der Inbegriff einer romantisierenden Avantgarde gewesen. Wim Wenders hatte solche Kinos geliebt und sie Im Lauf der Zeit (1976) eine wichtige Rolle spielen lassen. Fermer erinnerte sich genau: wie häufig er in Kinos dieser Art gesessen hatte, einen Nachmittag oder Abend lang, mehrere Filme hintereinander schauend, niemals ermüdend, vielmehr geborgen in einem Raum, dessen Charakter mit seiner Kindheit viel zu tun hatte. Und was gab es heute zu sehen? Einen Film über die Rivalität zwischen Björn Borg und John McEnroe – und, ja, das passte genau in diesen erneuerten Lauf der Zeit. 

Meditationskabine

In der Ausstellung Partizipation (zu sehen Im TAL/ Hasselbach/Ww.) stellt der Künstler Erwin Wortelkamp einige seiner Arbeiten aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren vor. Darunter befindet sich auch eine Meditationskabine (aus dem Jahr 1970). In Außenräumen (auf Plätzen und Straßen) postiert, war dieses Objekt ein Angebot für Passanten. Indem sie es betraten, orteten sie sich selbst in einem vorgegebenen Raum und diesen begrenzten Raum wiederum in einem Bezug zu seiner weiteren Umgebung. Raumbegehung, Raumbestimmung, aber auch Raumabenteuer waren im Verlauf solcher Aktionen leicht möglich. Das schöne Objekt atmet den guten Geist dieser Jahre: Experiment, Neugier, Offenheit, Lust auf freie Selbstbestimmung im Spiel mit einem vorgegebenen Rahmen. Schließlich auch (in expressivem Sinn): Aufruf zu allem, was „möglich sein“ könnte!

 

 

 

Alleen im Herbst

Die herbstliche Großstadtmelancholie ist die Melancholie der großen Alleen, in denen der Winter in jeder Farbe und jedem Geruch bereits lauert. Bald wird uns die einbrechende Kälte von alldem trennen, und genau vor diesem Verlust graut es uns ingeheim bereits jetzt. Dieses Grauen ist die eigentliche Wurzel der großstädtischen Herbstmelancholie, denn wir ahnen: dem Barbarismus des Winters werden wir niemals entkommen.

 

Die Prachtinitiale

Die Urgestalt der Schrift ist besetzt von Farbe, Kontur, lebendem Raum und erahnbarem Klang. Als gemaltes Zeichen und Graphik bewahrt die Handschrift all diese Existenzen. In Gutenbergs gedruckter Bibel aus dem fünfzehnten Jahrhundert blieben die Räume für diese Hand- und Körperzeichen frei. Der zukünftige Leser hatte dafür zu sorgen, dass die Prachtinitialen (als Referenzen gegenüber der verloren gegangenen mittelalterlichen Handschrift) erhalten blieben. Der leuchtende Buchstabe führte den Reigen des Gedruckten an. In seinem Raum atmet die Schrift, nirgends sonst.

Kleine Magie

Und jetzt schau mal: Was ist das? Ein Trio in Begleitung? Eine Meditation in Flussnähe? Ein Filmmoment meines Projekts Fermers Wanderungen? Mag alles sein – die Magie entsteht jedoch durch den Mövenflug, als wäre die Bewegung des hellen Vogels am Fluss das Signal, das Menschen und Atmosphären dieses schönen Augenblicks berührt und zusammenhält.