Im Garten 3

Schneeglöckchen brauchen nicht ausgesät oder gelüftet zu werden, sie sind jedes Jahr einfach da. Fantastisch, wie sie in Horden lagern, dicht gedrängt, Seite an Seite, in engster Berührung. Frühmorgens öffnen sie ihre Blüten und singen Sopran, halblaute Madrigale der Frührenaissance. Und am Mittag sind sie sonnenbesoffen und lassen die Blütenköpfe schwer hängen. Kommt Wind, zittern sie ein wenig und stehen steif bis in den frühen Abend auf einem Fuß. Sie sind Schnee und Kälte gewohnt, und ein wenig sehnen sie sich noch im schönsten Vorfrühling danach zurück. Rückwärtsgewandt sind sie, beharrlich, utopiefern. Wenn die Sonne im Frühling Ernst macht, klappen sie in sich zusammen und geben sich auf. Spätestens dann sind im TV Übertragungen von Wintersportarten verboten. So bestimmt es das Schneeglöckchendiktum.

Im Garten 2

Heute ist der erste wirkliche Vorfrühlingstag. Die Sonne sticht schon sehr früh durch die Lamellen der Läden, wenig später hält sie alles besetzt. Überflutung, Durchtränkung, es gibt kein Versteck. Unmöglich, jetzt noch in einem Zimmer zu sitzen. Bewegung ist gefordert, aber kein blödes Gehen und Schreiten. Ich rufe P. herbei, der mir beim Umgraben des großen Beetes hilft. Das ist genau die richtige Arbeit, die meine Gartenhauszeitschrift („Eisenbahnerlandwirt, 100. Jahrgang, Heft 3, März 2017) für den Monat März verlangt. Sie nennt das „Bodenbearbeitung“ und empfiehlt den Einsatz eines Sauzahns. Ein Sauzahn ist eine „sichelförmig gebogene Ziehhacke mit einem Gänsefußschar“. Er gräbt den Boden nicht um, und er wendet ihn nicht, er lockert und lüftet ihn vielmehr. Später soll ich eine dünne Schicht Kompost und Gesteinsmehle einarbeiten (wie mache ich das?). Und noch später werde ich die Erde glatt harken und mit den ersten Aussaaten (von was?) beginnen. Vorfrühling ist große Zukunft, ohne wenn und aber. Verlangt wird: die Zustimmung zum Leben.

Klangmomente 1

Sie schlendert aus einem Wäldchen auf eine Lichtung, sie sagt (auf Englisch): Mein Name ist Katja Buniatishvili, ich wurde in Georgien geboren…Sie schlendert ein wenig weiter, und man beobachtet sie dabei und hört nicht mehr auf das, was sie sagt (würde sie doch bloß nichts mehr sagen!). Dann sieht man das kleine Podium, auf dem sie gleich hinter dem schwarzen Steinway Platz nehmen wird. Wir befinden uns weiter in einem Waldstück, es handelt sich um ein Waldkonzert, und ich bilde mir ein, es finde im Vorfrühling statt. Leider gibt es Publikum und Zuhörer, und sie sitzen da wie Konzertbesucher, wobei es sich eindeutig um einen Fehler des Regisseurs handelt. Wie schön wäre dieses Konzert (einer Anregung von Annette Pehnt folgend): ohne Publikum und stattdessen: Tiere und Pflanzen als Zuhörer, Märchenwaldstimmung, Entrücktheit, die Prinzessin, die aus dem Walddunkel tritt und die Lichtung erhellt…Sie trägt ein schwarzes Top und einen Glocken- oder Faltenrock, Kenner halten das für ein Modell von Yves Saint Laurent, mag sein, ich bin leider kein Kenner. Jedenfalls, sagte sie einmal, zeige sie während eines Konzerts gerne  viel Haut, Haut zu zeigen und eine gewisse Nacktheit zu spüren, das sei ihr wichtig. In Ordnung, man sieht jetzt die Nacktheit, dann aber schlägt sie den ersten Akkord an, und alles um Yves Saint Laurent, den Glockenrock und den Top, der die Nacktheit erlaubt, ist sofort verschwunden. Und man hört die Klavierfassung einer Aria aus Bachs Kantate BWV 208, und man lächelt noch über den Vorfrühlingstitel: „Schafe müssen sicher weiden“. Danach erstirbt aber das Lächeln, und man sitzt draußen im stiller werdenden Wald, und es ist so, als wäre man in den Vorräumen eines kleinen Himmels zu Gast: Katja spielt, und Bach schleicht langsam und beglückt durchs Gehölz, lauschend, selig – und weiter und weiter davon…, und schließlich, mit den letzten Klängen, wieder zurück in seine eigenen Sphären…

Hanns Dieter Hüsch

In der schönen Hamburger Buchhandlung Felix Jud entdecke ich die ersten Bände einer auf acht Bände angelegten Ausgabe des literarischen Werks von Hanns Dieter Hüsch (erschienen in der edition diá). Das überrascht mich so, dass ich mich hinsetze und mir Zeit zum Lesen nehme. Hüsch habe ich gut gekannt, seine Tochter Anne war in meiner Schulklasse. Als ich ihn live erlebte, nannte man ihn noch einen Kabarettisten, zum Glück war er jedoch keiner. Was war er denn? Ich sehe ihn im Mainzer Unterhaus. Wie er rasch die Bühne betritt und sich hinter seine kleine Heimorgel setzt. Wie er ein paar Akkorde anstimmt, zu summen beginnt, wie er vor sich hin singt, wie er ins Murmeln ausweicht und die Akkorde verebben lässt, wie er nachdenklich wird und schärfer, wie er sich entrüstet, sich entsetzt, wie er lauter und lauter wird  – und erneut ein paar Akkorde anstimmt und wie er hinüber findet in so etwas wie ein niederrheinisches Chanson. Was für ein wunderbarer Mensch! Immer unterwegs. Den Blick auf den Boden gerichtet. Die eigenen schmalen Pfade im Kopf. Oft allein. Ich freue mich auf diese acht Bände, ein großes Stück meiner Jugend werde ich wieder erleben. Indem ich lese und lese – und ihn singen, murmeln und sich entrüsten höre.

Lektürelisten

Was ich u.a. gerade lese und was mich beschäftigt:

Louis Aragon: Der Pariser Bauer. Aus dem Französischen von Lydia Babilas. Frankfurt am Main 1996

Walter Benjamin: Über Städte und Architekturen. Hrsg. von Detlev Schöttker. Dom publishers. Berlin 2017

John von Düffel: KL. Gespräch über die Unsterblichkeit. Dumont Buchverlag. Köln 2015

John  Fante: Little Italy. Stories. Deutsch von Kurt Pohl und Rainer Wehlen. MaroVerlag. Augsburg 2016

Friedrich Kittler: Baggersee. Frühe Schriften aus dem Nachlass. Wilhelm Fink. Paderborn 2015

Franco Moretti: Distant Reading. Aus dem Englischen übersetzt von Christine Pries. Konstanz University Press. Konstanz 2016

Elliot Paul: Das letzte Mal in Paris. Übersetzt von Ludovica Hainisch-Marchet. MaroVerlag. Augsburg 2016

Blanka Stolz (Hrsg.): Die Philosophie des Gärtnerns. Mairisch verlag. 2017

Das Schreibwarenbuch

Ich entdeckte das Buch Schreibwaren aus dem Prestel Verlag, dessen Untertitel (Die Rückkehr von Stift und Papier) mir wie eine Ergänzung zu meinem Roman Der Stift und das Papier erscheinen musste. Was kehrt denn zurück? Die Spitzer, die Notizbücher, die Radierer, die Klebemittel, die Bleistifte und Füller – und das alles in den schönsten Ausführungen. Über zweihundert großformatige Seiten lang geht die Wanderung durch das Reich jener Produkte, die das handschriftliche Arbeiten und Schreiben auf gutem Papier gestalten. Roland Barthes hat einmal davon erzählt, dass er eine manische Verbindung zu Schreibwerkzeugen habe. Er wechsle sie oft, rein zum Vergnügen. Er probiere laufend neue aus. Und er habe so viele Füller, dass er nicht wisse, was er mit ihnen machen solle. Immer wenn er neue sehe, bekomme er Lust darauf und könne nicht umhin, sie zu kaufen. Genau das kenne ich auch, ich bin in Schreibwaren vernarrt. Manchmal reise ich mit einem kleinen Sack, in dem sich die Stifte, Spitzer, Klebstifte, Scheren und Radierer tummeln. Ich greife hinein und ziehe einige an Land und auf den Tisch. Dann geht das Schreiben los, immer mit einer neuen Mannschaft, in einmaliger Besetzung.

Die ideale Lesung

Lesungen beschäftigen mich mehr als ich zugebe, sie machen schließlich einen großen Teil meiner Zeit aus. In diesem Jahr werde ich (geschätzt) vierzig oder fünfzig Mal öffentlich lesen, und jede Lesung wird anders verlaufen. Die Anfahrt, der Rückzug in ein Hotelzimmer, der Auftritt, das Signieren, das „Danach“ mit den Veranstaltern – das sind Momente der Lesung, von denen jeder einzelne für sich steht. Wie sähe eine „ideale Lesung“ aus? Heute habe ich (zusammen mit meinem Lektor Klaus Siblewski) einige Autorinnen und Autoren per Mail eingeladen, sich so eine Lesung vorzustellen. Die Ergebnisse werden wir in einer Anthologie (mit dem Titel Die ideale Lesung) veröffentlichen. Erscheinen soll sie im Herbst, in der Dieterich’ schen Verlagsbuchhandlung (DVB) in Mainz. Das könnte zur Klärung der Frage, wie Autorinnen und Autoren Lesungen erleben und was sie von Lesungen erwarten, etwas beitragen.

Eine Lesung vorbereiten

Heute Abend ist Lesung in Ravensburg. Und wie bereite ich mich auf so etwas vor? Indem ich mittags spät esse und dann den ganzen weiteren Tag nichts. Kurz vor einer Lesung zu essen, würde müde und lustlos machen. Danach zu essen, würde mich in tiefer Nacht nicht einschlafen lassen. Die Kunst besteht darin, tagsüber überhaupt nicht an die Lesung zu denken. Selbst im Zug nach Ravensburg sollte ich noch etwas ganz anderes im Kopf haben. Niemand soll mich dort abholen, denn das würde mich unnötig früh an die Lesung erinnern. Ich werde allein zum Hotel schleichen, mich in mein Zimmer zurückziehen und etwas lesen, das nichts mit mir und der Lesung zu tun hat. Erst eine halbe Stunde vor Beginn werde ich eine kleine Liste von Lesepassagen anlegen, als hätte ich in den letzten Stunden genau darüber nachgedacht. Dann gehe ich zur Lesung und stehe wenig später in einem überfüllten Saal vor vierhundert Zuhörern, die mich so neugierig anschauen, als fragten sie sich wirklich: Na, was wird er denn lesen?

Buchfreunde und Buchnachbarn

Stark lebt mein Buch in mir weiter, wenn ich Buchfreunde und Buchnachbarn entdecke. Das sind Autoren und Texte, die an einem ähnlichen Projekt gearbeitet haben und arbeiten wie ich selbst. So zum Beispiel Juri Andruchowytsch in Kleines Lexikon intimer Städte (Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr. Berlin 2016), in dem er von Aarau bis Zug von jenen Städten erzählt, die ihm aus den verschiedensten Gründen etwas bedeuten: Schutz, Frieden, Schönheit, Leben.

Korrekturen des Titels

Ich sollte festhalten: Mein letztes Buch hat den Titel Was ich liebe und was nicht. Es heißt also keineswegs: Was ich gerne mag und auch nicht Was ich esse und trinke und erst recht nicht Was ich häufig genieße und auf gar keinen Fall Was ich will und was nicht. All diese Versionen habe ich in den letzten Wochen zu hören bekommen – und das keineswegs nur von eiligen oder zerstreuten Menschen, sondern von Frauen und Männern, die um ein Interview nachfragen und eigentlich genaue Leserinnen und Leser sein sollten. Was hilft dagegen? Die kleine Rache in Form einer Korrektur, die nun wiederum den Namen des Interviewers unkenntlich macht: Ich danke Ihnen für Ihre Anfrage, Herr Sonnenbrod (wo es doch heißen müßte: Ich danke Ihnen für Ihre Anfrage, Herr Sommerschot)!