Ausklingen lassen

Gestern Nacht ließ ich das Mirabellenblütenfest ausklingen. Ich las, betrachtete und hörte:

Eliot Weinberger: Vogelgeister. Aus dem Englischen von Beatrice Fassbender. Berenberg Verlag 2017

Matsuo Bashô: Haibun. Hrsg. und übersetzt von Ekkehard May. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung Mainz 2016

Midori Takada: Through The Looking Glass (Youtube)

Abseits der Mirabellenblüten

Am zweiten Tag des (altjapanisch inspirierten) Mirabellenblütenfestes lagert man nicht mehr unter den blühenden Mirabellenbäumen, sondern entfernt sich zunächst ein paar Schritte, um sich dort aufzuhalten, wohin die Mirabellenblütenblätter geflogen sind und sich in Scharen (auch als Linien oder auf Kreuzungen) niedergelassen haben. So geht man auf Distanz zum großen Blühen und erlebt es in der absterbenden Phase (und damit in jener, in der sich die Blütenblätter von den Bäumen befreien und eigene Pfade und Wege suchen). Nach einigem Lagern und dem Genuss von reichlich Tee und Mirabellenlikör (am zweiten Tag übernimmt der Mirabellenlikör die Rolle des Mirabellenbrands vom ersten Tag) entfernt man sich am späten Mittag zur kleinen Bashô-Wanderung in die Ferne. Traditionell werden Ausschnitte aus den Reisetagebüchern des altjapanischen Wanderdichters (Bashô: Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland) gelesen und damit das Leben unterwegs vergegenwärtigt. Als Pendant zu diesem altjapanischen Text werden später während einer längeren Rast Ausschnitte aus einem Text der jungen japanischen Literatur vorgetragen. Meine Freunde hatten den Roman Die Ladenhüterin der Schriftstellerin Sayaka Murata als Geschenk mitgebracht, der in Japan gerade in aller Munde ist. „Wann findet man schon einmal einen japanischen Roman einer jungen Schriftstellerin, der in einem Convenience Store spielt, dessen Ich-Erzählerin eine Convenience Store-Verkäuferin ist und dessen Autorin lange selbst als Convenience Store-Verkäuferin gearbeitet und Erfahrungen im Umgang mit einem solchen Store und seinen Kunden gesammelt hat?“ Ich war sofort begeistert und freute mich auf meine eigene Lektüre, die mir einen Convenience  Store näher bringen und das japanische Leben bestimmt um einiges erhellen würde. Während unserer nachmittäglichen Wanderung führten wir Bento-Boxen mit uns. Sie haben kleine Trennwände und Kammern, in denen man die Wegzehrung (fein getrennt voneinander, auf mehreren Etagen) unterbringt: Tomaten, Gurken, Birnen, rohes Gemüse aller Art, also frische Kost, die eine längere Wanderung auf ideale Weise begleitet. Kehrt man am frühen Abend zum Ausgangspunkt zurück, neigt sich das Mirabellenblütenfest seinem Ende entgegen. Zum Abschied trinken alle ein Glas (oder mehrere Gläser) eiskaltes Bier, man umarmt, verbeugt und trennt sich und nimmt im ersten Dunkeln die matt leuchtenden Spuren der gefeierten Blütenstreu in Gedanken und Bildern mit nach Hause. Der Gastgeber (in diesem Fall also ich) begibt sich darauf in eine Ruhestellung und lässt die beiden herrlichen Tage ausklingen, indem er Texte liest, Bilder betrachtet oder Musik hört, die einen Anklang an Japan bewahren und bis in die tiefe Nacht noch weiter intensivieren.

Unter Mirabellenblüten

Ich habe nur wenig (und dann auch nur angelesene) Erfahrung damit, wie Japaner die Kirschblüte erleben. Deshalb habe ich meinen japanischen Freunden (die ja gerade bei mir zu Besuch sind und bei mir übernachten) die Gestaltung der Tage, an denen wir das Mirabellenblütenfest feiern, überlassen. Wir haben heute Morgen mit viel Tee, japanischem und chinesischem, begonnen und nichts Essbares zu uns genommen. Es ist angenehm unkompliziert, nur Tee zu trinken und an nichts sonst zu denken, man trinkt viel mehr Tee als sonst, man trinkt richtig reichlich. Dann unterbricht man den Teegenuss, indem man (aus sehr kleinen Gläsern) etwas standfest Alkoholisches andächtig zu sich nimmt. In unserem Fall war es ein Mirabellenbrand aus der Steiermark, man trinkt aus sehr kleinen Gläsern, damit man das Trinken unter Kontrolle behält und zu jedem Zeitpunkt Auskunft darüber gegen kann, wie viele Gläser man getrunken hat. „Erst 2 dreiviertel Gläschen“, sagt man (und ist glücklich, sich so gut zu erinnern). Man trinkt natürlich nicht an einem Tisch oder in der Nähe eines anderen Möbels, nein, man trinkt, indem man unter den Mirabellenblüten lagert. Alle paar Momente macht einer ein Foto, natürlich nun doch mit einem Smartphone, von tief unten, man vertieft sich in jede einzelne Blüte, dann auch mal in ein Duo oder eine Gruppe von Blüten, man schaut sie so intensiv an, als hätten sie Namen und wollten begrüßt werden. Danach gibt man ihnen in der Tat (spielerisch, alles sehr spielerisch) Namen und stellt fest, dass man die Session durch eine Lektüre beleben sollte. Während jemand etwas vorliest und den anderen zu Gehör bringt, wird kein Alkohol getrunken, das ist das Gute am Vorlesen, es stoppt die Alkoholzufuhr, so dass nun wiederum etwas Tee getrunken werden kann. Dazu werden Mirabellen (in Gin eingelegt, vom Vorjahr) gereicht, sie gelten nicht als alkoholisch, weil die Mirabellen über den Gin dominieren und der Alkohol daher nichts zu sagen oder zu melden hat. Als Gastgeber hatte ich das Vorlesen zu übernehmen. Was lese ich meinen japanischen Freunden denn vor? Neuere deutsche Literatur sollte es sein und um Himmels willen kein Goethe, nichts Klassisches und auf keinen Fall … – ich kürze die Debatte hier ab. In diesem Moment hatte ich sofort die richtige, passende Idee, und so las ich meinen japanischen Freunden (und mir selbst) Ausschnitte aus Mariana Lekys Roman Was man von hier aus sehen kann vor. Ich habe diesen Roman (seit seinem Erscheinen im letzten Sommer) mindestens viermal ganz und x-mal in Fragmenten gelesen, im Grunde kenne ich ihn so gut (und genau), als hätte ich ihn selbst geschrieben. Das Seltsame (ich kann es hier jetzt nicht ausführlich erklären, denn es geht ja gerade eigentlich um ein anderes Thema) ist, dass seine Lektüre einen (jedenfalls mich) auf unerklärliche Weise abgrundtief glücklich macht (ich stehe zu dieser Formel: „abgrundtief“ und „glücklich“, beides und beides zugleich). Ich weiß wirklich (noch nicht), warum das so ist, natürlich habe ich gewisse Vermutungen, aber die haben hier gerade nichts zu suchen. Ich las das erste Kapitel (Weide, Weide) vor, und meine japanischen Freunde waren nicht nur sehr angetan, sondern auch ähnlich begeistert wie ich. „Endlich mal ein deutscher Roman einer jungen Schriftstellerin, in dem ein Okapi, eine Großmutter, ein Dorf und der Westerwald vorkommen“, sagten sie, und ich konnte nur sagen: „Nicht wahr?“. Dann aber sagte eine meiner japanischen Freundinnen, dieser Roman habe außerdem noch etwas eigenartig Altjapanisches, ja, wirklich. Ich wollte über diese Äußerung hinweglächeln, als mir plötzlich, wie sagt man denn?, „siedend heiß wurde“. Der zweite Teil von Mariana Lekys Roman spielt nämlich zwar noch immer in einem Dorf des Westerwaldes, doch die zweite Hauptfigur (neben der Erzählerin) ist nun ein junger buddhistischer Mönch, der in Japan lebt. Hui! – ich erinnerte mich, sagte aber nichts weiter, sondern dankte für die (abgründige) Bemerkung meiner japanischen Freundin (der ich nichts weiter über den Fortgang des Romans verriet), um das Gespräch wieder zu einigen Gläschen Mirabellenbrand aus der Steiermark zurück zu führen. Unter dem großen Sonnensegel ging es dann angeregt weiter mit munteren Gesprächen … Fortsetzung folgt.

Mirabellenblüte

An diesem Wochenende sind unsere japanischen Freunde bei uns zu Gast. Sie haben die Trauer darüber, in diesem Jahr nicht zur Zeit der Kirschblüte in der Heimat gewesen zu sein, noch nicht ganz überwunden. Wer das japanische Kirschblütenfest im Frühjahr wirklich genießen (und nicht nur ein paar flüchtig bleibende Eindrücke erhalten will), sollte sich dafür einen ganzen Monat Zeit nehmen. So rät es uns auch der „kompakte und fundierte Reiseratgeber mit Profi-Tipps“ von Axel Schwab (Japan spielend in 60 Schritten. München 2018). In den vier Wochen von Mitte März bis Mitte April könnten wir dann „den kompletten Zyklus erleben: von der Öffnung der Blüte zur vollen Blüte bis zum Abfallen der Blüte“.

Im Süden Japans ist diese schöne Zeit schon vorbei, in unseren Breiten stehen die großen Blütenfeste jedoch noch bevor. Morgen und übermorgen (und damit an jenen Tagen, an denen in diesem Jahr bei uns der eigentliche Frühling mit Temperaturen um 20 Grad beginnt) feiern wir mit unseren Freunden das Frühfest der Mirabellenblüte. Statt Sake wird es Mirabellenbrand aus Österreich geben und dazu in Gin eingelegte Mirabellen (vom Vorjahr). Zweieinhalb Tage werden wir im Schatten der Mirabellenbäume im Gras liegen  und nichts anderes tun als (nach altjapanischem Vorbild): „Blüten betrachten“. Einige Ergebnisse verewigen wir natürlich nicht mit Hilfe eines Smartphones, sondern auf Polaroid (Fuji), ganz wie in den jugendlichen Tagen im Schatten Andy Warhols, als wir (ohne es zu wissen) längst kindliche Altjapaner waren.

Die Fragen des Gartens

Als offizieller Eisenbahnlandwirt, der einige größere und kleinere Gärten zu belandwirten hat, führe ich im nun beginnenden Frühjahr einen unermüdlichen Dialog mit meiner Fachzeitschrift (Eisenbahnlandwirt, März und April 2018). Hast Du Tomaten auf der Fensterbank ausgesät? Denkst Du ans schnell wachsende Frühgemüse (Kresse, Kerbel, Rübstiel etc.)? Die Primeln, mein Lieber, sind schon fast hinüber – aber die Forsythien sollten bereits blühen, wie sehen sie aus? Laubabwerfende Ziersträucher kannst Du jetzt pflanzen, auch Rosen! Schaffe Ordnung auf den Rabatten, säe Ringelblume und Schlafmützchen! Pfefferminze liebt einen feuchten und tiefgründigen Boden. Ernte fleißig den Löwenzahn und verabscheue ihn nicht, aus ihm kannst Du Löwenzahnkaffee und sogar Löwenzahnwein gewinnen! Löwenzahn-Speckküchlein und Löwenzahnpuffer bringen jeden Frühgärtner um den Verstand, ganz zu schweigen vom Löwenzahnauflauf oder einem Löwenzahnhonig! Obacht! – denn die Haselmaus (Muscardinus avellanarius) könnte längst unterwegs sein, und die Mönchsgrasmücke überrascht Dich mit frühem Gesang! Als leidenschaftlicher Senfesser solltest Du Senfsamenschrot aufquellen lassen und ätherisches Senföl gewinnen – und wenn Du mit alldem fertig bist, solltest Du jetzt, Anfang April, noch schnell einen Apfelbaum pflanzen. Wir empfehlen den Roten Boskoop, eine uralte Sorte aus dem gleichnamigen holländischen Städtchen. Im Herbst wird er Dich mit hochprozentigen Obstwässerchen beglücken – und das ist doch mal eine Aussicht über das Frühjahr hinaus!

Vögel beobachten

Heute widmen wir uns mit Johanna Romberg der Vögelbeobachtung. Jetzt, Anfang April, ist dafür eine günstige Zeit, weil viele Vögel gerade von ihren Aufenthalten in der Ferne zu uns zurückkehren.

Johanna Romberg beginnt mit ihren Beobachtungen bereits frühmorgens. Sie geht (mit einer Tasse Tee und einem Fernglas) auf ihren Balkon, setzt sich und wartet eine Weile. Schon bald melden sich die ersten Vogelstimmen. Johanna Romberg insgeheim begleitend, versuchen wir, die Stimmen zu unterscheiden und widmen uns dann dem Studium jedes einzelnen, noch so merkwürdigen Gesangs. Was hören wir? Zum Beispiel „zwei zarte Pfeiftönchen“, wie von einer Fistelstimme. Es erstaunt uns einigermaßen, dass diese kaum hörbare Stimme von einem Dompfaff stammt, der seine weibliche Begleitung auch gleich mitgebracht hat. Das Paar trennt sich nicht gern und hält zumindest „Verbindung zueinander“.

Johanna Romberg schreibt, dass das Vögelbeobachten eine langfristige Nebenwirkung habe: „Je länger und genauer man hinhört und –sieht, desto mehr nimmt man wahr, desto schärfer werden die Sinne.“ Exakt darum geht es uns (neben der Freude am Gewahrwerden von Lauten und Bildern, die wir sonst übersehen). Und so folgen wir im (endlich) anbrechenden Frühling Johanna Romberg mit Kolmsen und Blomsen in ihre Sehschule, spüren Spechte im Wald auf oder begrüßen den Tropfenvogel und den Prinzengirlitz. Was für ein schönes und nützliches Buch! Es wird unser Vogelstudium bis in den Herbst begleiten! (Johanna Romberg: Federnlesen. Vom Glück, Vögel zu beobachten. Bastei Lübbe 2018)

 

Die Osterzeit

Ist Ostern mit dem gestrigen Ostersonntag und dem heutigen Ostermontag vorüber? Keineswegs. Die beiden großen Feiertage sind vielmehr der Beginn der Osterzeit, die bis Pfingsten (= fünfzig Tage lang) dauert. In den Evangelien ist dieser Zeitraum die Periode der Erscheinungen Jesu nach seiner Auferstehung. Die meisten Erzählungen folgen einer bestimmten Dramaturgie: Jesus erscheint einigen oder mehreren seiner Jünger, die ihn anfänglich aber nicht erkennen. Er begleitet die „Nichtsahnenden“ eine Weile und macht sie schrittweise mit dem Ereignis vertraut. Schließlich fordert er sie auf, sich in Jerusalem bereit zu halten. Seine letzten Botschaften werden von der neuen Kirche und davon handeln, welche Rolle den Jüngern bei deren Entstehung und Gründung zukommt. Das Fest Christi Himmelfahrt (10. Mai 2018) markiert den letzten Tag von Jesu Erdendasein, das Pfingstfest (20./21. Mai 2018) den Beginn der Mission, der seine (danach ganz auf sich selbst gestellten) Jünger in den gesamten Mittelmeerraum ausschwärmen lassen wird.

(Weiterführende Literatur:  Karl-Heinrich Bieritz: Das Kirchenjahr. Feste, Gedenk- und Feiertage in Geschichte und Gegenwart. Neu bearbeitet von Christian Albrecht. C.H. Beck 2014)

Karwoche – Die Klausur

Johann Sebastian Bach: Matthäus Passion. Berliner Philharmoniker. Sir Simon Rattle. Ritualisierung Peter Sellars. 2 DVD (Berlin Phil Media GmbH BPH 120011-2)

Zeit für Stille. Regie: Patrick Shen. DVD (ASIN B077RL8T68)

Die große Stille. Regie: Philip Gröning. DVD (ASIN B000F3C6NC)