Die Skisaison

Im Neuen Jahr steigen auch wir jetzt endlich in die Skisaison ein, schließlich wartet Olympia auf uns. Wir begeben uns ins slowenische Kranjska Gora, wo uns die begnadete Ex-Skiläuferin, Expertin und Kommentatorin Maria Höfl-Riesch begrüßt. Worauf kommt es beim Slalom an, liebe Maria? Wir sollten auf Zug fahren und möglichst ohne nervösen Oberkörper, denn ein unruhiger Oberkörper setzt sich nach unten hin fort. Mental sollte bei uns alles in Ordnung sein, damit wir dem immensen Druck auch standhalten. In dieser Saison fährt Mikaela Shiffrin alles und alle in Grund und Boden, da haben wir keine Chance auf einen ersten Platz, aber ein zweiter oder dritter ist auch was schönes, selbst wenn uns der unfassbare Sekundenabstand zur Erstplazierten jedes Mal die Tränen in die Augen treibt. Bloß den Kopf nicht hängen lassen und daran denken, dass Mikaela Shiffrin ein Jahrhunderttalent ist und wir selbst (wenn’s hoch kommt) höchstens eine passable Olympiasaison-Nummer abgeben. Was können wir noch von den Trainern lernen, um Mikaela Paroli zu bieten? Nix, einfach nix, wir sollten uns um unseren eigenen Rennstall kümmern, anstatt nach den Sternen zu greifen.

Heilige Drei Könige

Rainald von Dassel (ca. 1120-1167), in den letzten Jahren seines Lebens Erzbischof von Köln, ist eine Begleitfigur meines Lebens. Er war verantwortlich dafür, dass die Gebeine der Heiligen Drei Könige von Mailand aus nach Köln gebracht wurden und die Stadt sich zu einem der größten Pilgerzentren Europas entwickelte. Der vergoldete Dreikönigenschrein, in dem die Reliquien aufbewahrt wurden, steht heute im Chor des Kölner Doms. Als Kind ging ich mit einer Prozession am Tag der Heiligen Drei Könige, dem heutigen 6. Januar, um den Schrein herum, so dass ich ihn auch von hinten in Ruhe betrachten konnte. Und genau dort, an der Hinterseite des Schreins, entdeckten wir Kinder die Figur des Rainald von Dassel, mit Mitra, im Bischofsgewand. Sie besaß aber weder Arme noch Hände, deshalb nannten einige von uns Schülern diese Figur „den Kriegsheimkehrer“. Wir waren Kinder der fünfziger Jahre und hatten noch viele „Kriegsheimkehrer“ vor Augen, denen Arme, Hände oder auch Beine fehlten. Daher kam die Bezeichnung, die wir uns für Rainald van Dassel ausgedacht hatten. Er ist mir ein Leben lang im Gedächtnis geblieben und immer wieder begegnet: in Italien oder (völlig unvermutet) in Hildesheim, wo eine kleine Statue in der Nähe der ältesten steinernen Brücke der Stadt daran erinnert, dass Rainald von Dassel auch für den Bau dieser Brücke verantwortlich war. In meinem Roman Der Typ ist da spielt er eine bedeutende Rolle, deshalb  schmückt eine Skizze der Figur des Dreikönigenschreins auch das Cover dieses fast märchenhaften Romans.

Im Museum

Mit Alan Bennett in ein Museum zu gehen, ist eine Freude. Meist weiß er gar nicht so recht, was er dort anstellen soll. Bilder betrachten? Vielleicht, aber wie lange? Die seltsamen Bräuche und Kleidungen der Besucher studieren? Schon eher, denn auf diese Weise ist man den unterschiedlichen Reaktionen auf Kunst näher, als wenn man die ganze Museumszeit nur ein puristischer Kunstbetrachter bliebe. Sich mit den Museumswärtern unterhalten? Jederzeit, denn so erfährt man allerhand Kurioses über so etwas Seltsames wie ein Museum und den Gebrauch, den Menschen von einem solchen Gebäude machen. Bennetts „Bilder gucken gehen“ erweist sich also gerade nicht als das sonst übliche Studium von Bildern (eins nach dem andern, ein Saal nach dem nächsten, immer müder und verdrossener werdend), sondern als ein Gang, der an den Bildern vorbei verläuft. Oft schaut er nur flüchtig hin und entdeckt gerade deshalb das eine Detail, das ihn dann weiter beschäftigt (und meist zum Lachen bringt). Er glaube an die „Fähigkeiten des Augenwinkels“, schreibt er und zitiert ein Credo von E.M.Forster: „Nur was man nebenbei sieht, sinkt tief ein.“ Alan Bennett wirklich durch ein Museum zu begleiten, käme mir nicht in den Sinn, er will dort allein sein und seine geheimen Entdeckungen machen. Nach einem solchen Museumsbesuch mit ihm in London irgendwo essen zu gehen, wäre dagegen bestimmt ein großes Vergnügen. Könnten wir uns doch erzählen, was wir in den letzten Stunden so alles gesehen hätten. Etwa Michelangelos Zeichnungen? Oder doch nicht eher die Hand Gottes, wie Michelangelo sie zu zeichnen versucht hat? (Alan Bennett: Geht ins Museum. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2017)

Dial-a-poem

An diesem regnerischen Nachmittag in der Stadt unterwegs. Eine Regenpause genutzt und mich einen Moment in den großen Park gesetzt, warm genug ist es ja schließlich. Dann: die Nummer 00 1 641-793-8122 gewählt. Gewartet, bis das Freizeichen zu hören ist und ich mit „dial-a-poem“ begrüßt werde, worauf ich die Stimme einer amerikanischen Lyrikerin oder eines Lyrikers zu hören bekomme, der eines seiner eigenen Gedichte vorträgt. Gary Snyder, Frank O’Hara, Ron Padgett – für einige Minuten könnte ich meinen, ich wäre mit diesen Stimmen direkt verbunden. Genau zuhören. Das Telefonat beenden. Eine gute Weile dem nachhorchen, was ich gerade gehört habe. Aufstehen, den einsetzenden Regen auf der Kopfhaut spüren. Sich die Haare massieren – und weiter durch den Nachmittag.

Was gleicht wohl auf Erden …

Dann und wann, nachdem ich mit guten Freunden in Wald und Auen auf Jagd war, kehre ich bei einbrechender Dämmerung in die Carl-Maria-von-Weber-Stuben ein, entledige mich der Almwalker Winter Boots, schlüpfe in meine Gastschuhe aus Nubukleder und eröffne den traulichen Abend mit einem Schluck Quittengeist. Wenig später serviert Jungfer Agathe zusammen mit ihren Freundinnen gebratene Rehleber und geschmorte Apfelspalten, gefolgt von Rehmedaillons und Apfel-Dörrzwetschgen-Gratin, gekrönt von einem Spätburgunder aus der Pfalz. Es singt Peter Schreier, begleitet von der Staatskapelle Dresden unter Carlos Kleiber (Das Wild in Fluren und Triften …).

Introitus 2018

Am frühen Nachmittag erscheinen die Mönche zur Vesper in der Abteikirche. Während der darauf folgenden Gesänge und Wechselgesänge werden sie sich im Chorgestühl aufhalten, jeder Mönch für sich, auf seinem Platz – und doch in einer Reihe mit seinen Nachbarn. Zwei Gruppen werden sich zu einem mönchischen Privatissimum gegenüber stehen, ohne einander zu fixieren. Die in weiße Gewänder gehüllten Beter nehmen auch keinen Kontakt auf zum weiteren Kirchenraum und erst recht nicht zu den Gläubigen, die ihnen zuhören, sich aber an ihrem Gesang nicht beteiligen dürfen. Die Intensität der mehrmals am Tag stattfindenden Stundengebete soll sich in einem geschlossenen, intim bleibenden Raum ergeben. Kein Gottesdienst, keine Messe, sondern ein halblautes Singen und Flüstern: ein Fragen, Bitten, Danken, Preisen, grundiert von der Not der Hilflosen, fern von den Gebeten des starken Glaubens, der ganz anderen Riten folgt und andere Sprachen wählt.

Die Zeit zwischen den Jahren 5

Stillstand – und der Blick in die Wolken. Wie sie das Bild zum Horizont hin verdichten und sich dem breiten Pinselstrich unterwerfen. Wie sie in nächster Nähe in Bewegung geraten und sich langsam öffnen. Wie sie erste Durchblicke gewähren – und die Freude am ungeminderten Hellblau. Wie sie von Sekunde zu Sekunde schwelgen, zerfasern und neue Verbindungen in Clustern eingehen. Wie sie das vergehende Jahr fortschwebend zitieren und in all dieser Flüchtigkeit bereits das Neue Jahr anklingen lassen. Und danach, was dann?! Zum Jahresausklang liest Du in dem schönen Buch von Klaus Reichert (Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen. S. Fischer-Verlag 2016) …

Die Zeit zwischen den Jahren 4

Stille Gänge?! Was soll das heißen? Wir gehen nicht, wir stehen – und das stundenlang. Stilles Stehen ist cool, Du spielst Backgammon oder Blackjack im Kopf, das sind genau die richtigen Spiele vor der großen Silvestersause. Du solltest vorbereitet sein, Baccara spielen ist was für den Einstieg, damit kannst Du mal anfangen. Du solltest lernen, das Neue Jahr in Partien zu denken. Also los, Du Langweiler: Iiro Rantala & Ulf Wakenius spielen Good Stuff.

Die Zeit zwischen den Jahren 3

Stille Gänge. Die abgebrochenen Experimente des noch laufenden Jahres am Wegrand. Was hast Du vor? Was wirst Du so alles tun? Welche Ideen wirst Du weiter verfolgen und welche Projekte? Wohin wirst Du reisen? Worüber wirst Du schreiben? Jeroen van Veen spielt Arvo Pärt: Für Anna Maria. Immer kürzere, langsamere Schritte. Immer stiller. In den feuchten Erdschwaden: Abdrücke Deiner Sohlen. Bis zum frühen Abend werden sie leuchten.