Mondfische

Eine Fernreisende schickt mir aus einem Lissaboner Riesenaquarium (ich liebe Aquarien) das Foto eines großen Mondfischs. Er sieht mit seinen zwei dreieckigen Flossen (eine oben, eine unten) und seinem schweren, tonnenartigen Rumpf wie ein perfektes Unterwasserfahrzeug aus. Geht er auf die Jagd? Keineswegs. Die Jagd interessiert ihn nicht, er frisst, was ihm gerade in die Quere gerät, lauter Kleinzeug, Plankton, Krebse, Larven. Und was macht er den ganzen Tag? Er lässt sich treiben und beobachtet die Tiefsee. Manchmal kommt er nach oben, legt sich schräg und sonnt sich. Er existiert so, als wäre er der Hausherr der Meere. Der hier und da nach dem Rechten schaut, aber nicht eingreift und nichts ausrichtet. Niemand kümmert sich um ihn, sogar die Fischer ignorieren das gewaltige Tier, dessen Fleisch nicht schmeckt. Fast hat es den Anschein, als wären Aquarien sein eigentliches Zuhause.

100 Bücher nach 2001

Hendrikje Schauer und Marcel Lepper haben ein schmales Buch mit dem Titel „Theorie. 100 Bücher nach 2001“ (Works&Nights) geschrieben und herausgegeben. In ihnen gehen sie den Strömungen und Umwegen starker Theoriefindung seit den sechziger und siebziger Jahren nach. Nach Jahrzehnten der Theorieversandung entdecken sie die Impulse, die in gegenwärtiger Theorie (seit 2001) an die älteren Texte anknüpfen. Sie werden aufgegriffen, erweitert und vielfach neu formuliert. Auf die Leselust machende Einleitung folgt prompt eine Leseliste mit 100 Büchern, die von 2001 bis in die Gegenwart reicht. Was für ein anregendes, hilfreiches Projekt! (Das ich am liebsten sofort aufgreifen würde, um meine eigenen Listen für die Jahre seit 2001 zu erstellen: Eine Romanliste, eine Lyrikliste, eine Filmliste, eine Musikliste, abseits von den Feuilleton-Empfehlungen …) Und was für ein symptomatisches Zeichen dafür, wie sehr das Verlangen nach Theorie wieder erstarkt ist!

Das Dasein als Romantiker

Bin ich wirklich ein Romantiker?! Ich fange mal ganz einfach an. Ein Urmoment des Romantikerdaseins könnte in der Nähe zur Musik bestehen. Musik zu hören und zu spielen – das waren für mich seit der Kindheit die stärksten Erlebnisse. Und welche Musik? Klaviermusik, am liebsten solistisch (ein Orchester war meistens schon zuviel). Und welche Klaviermusik? Die Robert Schumanns, ganz klar. Die Kinderszenen, die große C-Dur-Fantasie. Mit den Kinderszenen verband ich ein Höchstmaß an Intimität, mit der großen C-Dur-Fantasie ein Höchstmaß an Begeisterung (also an dem, was die Griechen „Enthusiasmus“ nannten). Intimität und Begeisterung waren die Ausdrucksimpulse jener Welten, mit denen ich überhaupt Kontakt aufnehmen konnte. Alles andere blieb lange ausgesperrt, „draußen“, „fremd“.

Fermers Wanderungen 5

Er blickte hinauf zu dem alten Weinberghäuschen, in dem er schon einige Nächte verbracht hatte. Es lag auf einer Anhöhe, versteckt, so, wie er es mochte. Der Blick von dort streifte das nahe Tal und die Hügel gegenüber. Am frühen Abend öffnete er die Fenster und schaute lange hinaus, bis er auch die Bewegungen der Ferne besser verstand.

Das Gegenüber

Beim Verlassen des Kölner Bahnhofs richtet sich der Blick (nach rechts) auf das Gebäude, in dem der Verlag „Kiepenheuer & Witsch“ untergebracht ist. Und (nach links) auf den Dom – auf  seine Pfeiler und seine  Unendlichkeit. Der Doppelblick bewahrt auf, was geschehen ist: Die Domszenen meines neuen Romans („Der Typ ist da“)  sind – über eine schmale Straße hinweg – eingezogen in das Gebäude genau gegenüber. Zur Verbreitung – und um weitere Straßen zu überspringen.

Der neue Roman

Im Verlagshaus von Kiepenheuer & Witsch wird an diesem Abend mein neuer Roman Der Typ ist da Buchhändlerinnen, Buchhändlern und Medienleuten aus der Kölner Region vorgestellt. Ich spreche darüber, wie der Roman entstanden ist, ich lese eine kurze Passage, der Verleger Helge Malchow moderiert. Und plötzlich ist da der Moment, der mich die nächsten Tage beschäftigen wird. Es ist der Moment, in dem Helge Malchow sich zu mir hindreht und sagt: „Sie sind in erheblichem Maße und in bestem Sinn ein Romantiker!“ Ich?! Ein Romantiker?! Ich möchte die Feststellung sofort bejahen, obwohl mir gar nicht klar ist, was genau ich da bejahen würde. Es ist diese Diskrepanz, die mich zum Nachdenken bringt. Inwiefern bin ich ein Romantiker? Und was ist ein Romantiker? „Das muss ich klären“, denke ich laufend, und am nächsten Morgen geht es weiter und weiter: „Das will ich genauer wissen, ganz genau…“

Potsdamer Literaturfestival

Auf den „writer in residence“ des Potsdamer Literaturfestivals 2017 wartet ein stattliches Privatschiff, das ihn durch Seen und Kanäle rund um Potsdam fährt. Am Ende darf er das Steuer selbst halten und sich die besten Anlegeplätze aussuchen. Aus den Villen am Ufer erhält er einladende Zeichen, denn fast alle Villenbesitzer wünschen sich, dass er zumindest für einen Abend oder sogar eine Nacht ihr Hausdichter werde. Er entscheidet sich für ein Ufer, in dessen Nähe Schriftsteller der früheren DDR kampierten und fabulierten. Die Eltern von Christa Wolf sollen in dieser exklusiven Lage sogar die Herbergseltern gewesen sein. Und schon bewegt sich der „writer in residence“ tranceartig inmitten eines großen Romans der letzten Jahrzehnte, und es fehlen nur noch ein paar Schritte durch einige Villengelände, bis er mit seiner Niederschrift beginnen könnte.

Literaturfestival Potsdam

Im Brandenburgischen Literaturbüro halte ich einen Vortrag über das Thema Wie ich arbeite. Ich zeige Fotos, Manuskripte, Notizhefte, Alben und Skizzenbücher. All die gezeigten Texte sind nicht veröffentlicht und mit der Hand geschrieben. Seit fast sechzig Jahren arbeite ich so, ununterbrochen, und was dabei entsteht, ist ein „Archiv der Zeit“. Darin ist alles Bedeutsame enthalten, das mir begegnet und durch den Kopf gegangen ist: von den chronikalischen Fixierungen der „Tagesverläufe“ über Kommentare zu Zeitungsartikeln bis hin zu den Fotostrecken, die besonders leuchtende (und meist „positiv erlebte“) Momente abbilden. Ich arbeite daran, von dieser persönlichen Werkstatt zu abstrahieren und einige ihrer Elemente auch anderen Schreiberinnen und Schreibern zum Probieren und Testen zu empfehlen. Das Buch, das diese Übungen enthält, soll „Mit dem Schreiben anfangen“ heißen. Es wird im Herbst 2017 erscheinen.

Max Frisch

Ich las einige Interviews und Gespräche mit Max Frisch (Max Frisch: „Wie Sie mir auf den Leib rücken!“ Interviews und Gespräche. Ausgewählt und herausgegeben von Thomas Strässle. Berlin 2017). Und ich dachte, dass dieser Schriftsteller als einer der ersten überhaupt die Selbstbefragung zu seinem zentralen Thema und seiner ureigensten Methode gemacht hat. Sich selbst befragen, von anderen befragt werden, das gesamte Fühlen und Denken der Befragung unterwerfen. Morgens aufstehen und beim ersten Blick in den Spiegel schon eine Frage mitdenken. Die Seife in der Hand als etwas betrachten, das den Körper befragt. Das Frühstück minimieren, weil Brötchen, Marmelade und Joghurt unangenehme Morgenfragen stellen. Pfeife rauchen, unablässig, weil man beim Pfeife rauchen den Mund weitgehend geschlossen hält und höchstens vorsichtig oder verkniffen fragt. Aber: Warum das alles? Wer ist hinter ihm her? Was treibt und verfolgt ihn? Es muss eine seltsame, noch kaum erforschte Spielart des schlechten Gewissens gewesen sein, nichts Religiöses, nichts Philosophisches, sondern etwas ganz Schlichtes. Die Empfindung, immerzu am falschen Ort zu sein, nicht da, wo man hingehört – und das außerdem noch mit den falschen Menschen, also nicht mit denen, zu denen man gehört. So dass er sich vorgehalten haben könnte, eigentlich woanders leben und sich rasch dorthin verändern zu müssen – das schlechte Gewissen als Form einer unstillbaren Sehnsucht, die fortwährend an ihm nagte und immer wieder diese starken Wellen der Selbstbefragung auslöste.