Der Fan auf Distanz

Natürlich bin ich ein Fan der 05er. Aber ich bin ein Fan auf Distanz. Gibt es so etwas? Aber ja: ein Fan, der mit Ungeduld schaut, beobachtet und (ob des mäßigen Spiels) seufzt, sich aber nach der Niederlage keine Kugel durch den Kopf jagt. Ein hellwacher Fan also, einer, der die scharfe Beobachtung über das Mitleiden stellt. Der Schritt zum Vollfan ist kein großer. Kann noch werden, würde ich sagen. Beobachten wir mal diese Saison.

Kölner Brauhaus Schwemme

Der schönste Raum in einem Kölner Brauhaus ist die Schwemme ganz vorne am Eingang. Die frische Luft von draußen durchströmt diesen Durchgangskanal zum eigentlichen Lokal, und nur wenige Meter, zum Greifen nahe, steht das schwere Fass, aus dem das frisch gezapfte Kölsch unablässig fließt. Hat man sein Glas geleert, fliegt ein gefülltes sofort heran, man wartet keine Sekunde, sondern wird von einer Mutterbrust unablässig versorgt. Man trinkt, saugt und bekommt den Blick nicht weg von dem sich immer schräger neigenden Fass, von seiner Rundheit und Massivität, aus dem der hellblonde Quell pausenlos in ein Glas nach dem andern schießt. In der Schwemme bin ich mit diesem Mutterstrom direkt verbunden, deshalb bin ich dort auch gerne allein, weil man ein so intimes Dasein mit der Mutter nicht gerne mit anderen teilt. Begleitet mich ein guter Freund, verhalten wir uns nicht zufällig wie zwei flapsige Brüder. Begleitet mich eine Freundin, gibt es meist leichte Spannungen, weil Freundinnen mit nahen Müttern nicht gut auskommen. Am liebsten trinke ich hier also ohne Begleitung, es gibt kaum einen Ort auf der Welt, an dem sich die Lebensverhältnisse wie von selbst, nur durch den regelmäßigen Zustrom der heimischen Muttermilch, wieder klären. (Aus: Was ich liebe und was nicht)

 

Pilze

Die ersten frischen Pilze in diesem Jahr! Nicht gegrillt, sondern in einer Weißweinsauce gedämpft und langsam geschmort. Die Flüssigkeit zieht in die porösen kleinen Leiber ein, besetzt sie und macht sie konstant.

Die Biografie eines Buches 4

Heute erscheint der neue Roman. Bald werde ich die ersten Rezensionen zu lesen bekommen. Für einen Autor können solche Texte sehr unergiebig sein. Zum Beispiel, wenn sie sich auf ausgetrampelten Pfaden an das Buch heranmachen (was hat der Autor früher so alles geschrieben? Wie finde ich etwas vom Früheren im Neuen?). Oder wenn sie den Inhalt zu lange referieren und nicht zu einem begründeten Eindruck vom Leseerlebnis kommen. Was sollte man stattdessen in einer Rezension finden? Der Leser sollte erfahren, was mit einem Rezensenten während der Lektüre passiert ist. Und die Rezension sollte ihn ahnen lassen, was für ein Buch ihn genau erwartet. Das erfordert viel Sensibilität und die Bereitschaft, nicht gleich mit raschen Urteilen aufzutrumpfen. (Michel Foucault hat einmal ironisch von dem Kritiker berichtet, der nachts aufwachte und schrie: „Ich will urteilen.“) Und schließlich: Was erwarte ich selbst von einer Rezension? Dass ich etwas zu lesen bekomme, das mir selbst nicht eingefallen wäre, irgendetwas, das nicht aus flüchtig Gehörtem, Gelesenem oder Aufgegabeltem hergeleitet wurde, sondern im Verlauf einer hingebungsvollen Lektüre für den Rezensenten sichtbar geworden ist.

Kölner Geistesblitze

Für mich hat Köln ein Fluidum, das auf der ganzen Welt einzigartig ist. Nirgends habe ich so viele Ideen wie in Köln. Und nirgends denke ich schneller. Meine Erklärung: Alles hier ist mir so vertraut, dass die Aufmerksamkeit durch nichts abgelenkt wird. Durch Köln gehe ich quasi schlafwandelnd, was in anderen Städten nicht so ist. In Berlin bin ich dauernd beschäftigt mit dem Beobachten. Der Kopf ist absorbiert, das Denken wie gelähmt. Hier in Köln muss ich mich überhaupt nicht orientieren, und das einzige Schlimme, was mir passieren kann, ist, dass ich versehentlich eine Station zu lang in der KVB sitzen bleibe. (Aus einem Gespräch mit Joachim Frank im Kölner Stadtanzeiger, 17. August 2017)

Die Biografie eines Buches 3

Kurz vor Erscheinen des neuen Romans bin ich mit einem Kölner Journalisten in meiner Geburtsstadt unterwegs. Wir schauen uns zusammen einige der Orte und Räume an, an denen der Roman spielt. Die Gegend um den Dom, die Antoniterkirche in der Schildergasse, die Umgebung der Neusser Straße in Nippes. Ich kann Details erläutern und etwas über die Verbindung sagen, die ich selbst (aufgrund meiner eigenen Geschichte) zu diesen Räumen habe. Im Roman eröffnen sie den Prozess einer „Vertiefung“. Was meint das? Die Hauptfigur (Matteo) „vertieft“ sich in Kölner Szenen. Er betrachtet sie nicht flüchtig, sondern „nimmt sich ihrer an“, indem er sie auf sein Innenleben und seine eigene Geschichte bezieht. Dadurch „vertieft“ er sich gleichsam auch in sich selbst – und gibt anderen Menschen Anstöße, sich ebenfalls in Details der Umgebung (und damit in sich selbst) zu „vertiefen“.

Die Biografie eines Buches 2

Viele Vorabexemplare meines neuen Romans (Der Typ ist da) wurden inzwischen an Freunde, Bekannte oder Rezensenten verschickt. Was bekomme ich davon zu hören? Meist nur kurze Reaktionen wie „Danke, ich lese es auf jeden Fall in den Ferien“ oder „Das Cover ist schon mal sehr gut“ oder „Die ersten Seiten sind prima, ich habe sofort hineingefunden“. Warum macht mich das so gereizt? Weil ich eigentlich hören will, dass all diese Leserinnen und Leser sich „mit Haut und Haaren“ in das Buch gestürzt und es in einem Zug gelesen haben. Mit höchstens einer einzigen nächtlichen Pause. Sonst aber am Stück. Der Typ ist da hat Karussell-Charakter, das sollte man nach den ersten Seiten gemerkt und sofort darauf reagiert haben: Aufspringen – und Runde für Runde drehen, immer schneller, bis zum retardierenden Schlusskapitel, in dem diese Runden ausklingen.

Mais

In den frühen Kindertagen wurde an den hohen Maisstauden Maß genommen: Um wie viel war ich gewachsen? Die grünen Stauden haben bis heute ihre geheimnisvolle Materialität behalten. Sie bilden eine eigene, unglaublich dicht bewachsene Zone. Nicht zu durchdringen, nicht zu übersehen. Geht man an ihnen entlang, wirken sie asiatisch fremd. Welche Texte haben sie jemals zum Leben erweckt?!