Die Innenwelt der Außenwelt der Drinnenwelt

Julia Klöckner, CDU-Chefin in Rheinland-Pfalz, hat mal wieder mit Formulierungen überrascht, die uns Literatinnen und Literaten freuen. Ein interessanter Satz zu den bevorstehenden Koalitionsverhandlungen hat uns sofort aufhorchen lassen: „Das Haus steht sozusagen“, hat Julia Klöckner gesagt – und weiter: „die Koalitionsgespräche werden die Innenarchitektur sein, aber es werden keine Wände mehr verrückt, das gefährdet sonst die Statik.“ Gerne würden wir uns mit Julia Klöckner über ihre Ideen zum Thema „Innenarchitektur“ länger unterhalten. Ist, würden wir fragen, „Innenarchitektur“ etwas, das man mal so nebenbei erledigt, wenn das Haus steht? Oder steht das Haus nicht erst, wenn die Innenarchitektur virtuos geplant ist? Und zwar so, dass jederzeit (und genau das ist hausbautechnisch gerade angesagt) Wände verrückt und verschoben werden können? Zwischen Haus, Innenarchitektur und Wänden kann man nach unserer Meinung längst nicht mehr trennen. Früher hat man das so gemacht, aber in den früheren Zeiten standen die Wände dort, wo sie nun mal zu stehen hatten. Das Haus jedoch veränderte und belebte sich ein Leben lang nicht, weil Oma und Opa sich nicht um die Innenarchitektur gekümmert hatten, sondern Innenarchitektur für etwas hielten, das mit einem Bild über dem Sofa abgetan war. Wir empfehlen Julia Klöckner intensive Lektüren der für all diese Themen zuständigen Zeitschrift Domus – und warten gespannt auf den Platz, den sie im neuen Kabinett Merkel einnehmen wird. Landwirtschaftsministerin (wie manche munkeln)? Bitte nicht! In den großen Ställen unserer Agrarregionen ist „Innenarchitektur“ gegenwärtig so ziemlich das Wichtigste, während die Wände überhaupt keine Rolle mehr spielen.

Caro Signore

Caro Signore, vor nun genau fünf Jahren haben Sie Ihr Buch Die Insel der Dolci, in dem Sie (zusammen mit Ihrer Tochter in der Rolle einer Fotografin) die Süßspeisen unserer sizilianischen Heimat untersucht und gekostet haben, veröffentlicht. Aus diesem Anlass schicken wir Ihnen einen kleinen Gruß (Pistazienbaisers, Aprikosenkonfitüre, Schokolade aus Modica sowie den berühmten Brut 700 der Brüder Cusumano), verbunden mit der Einladung, uns in diesem Jahr wieder einmal zu besuchen. Wir freuen uns auf Sie! Ganz herzlich – Ihre sizilianischen Freundinnen und Freunde!

Ich löse meine Bibliothek auf

Alle drei bis vier Jahre löse ich meine Bibliothek auf. Ich gehe (rutsche, krieche auf den Knien) an den vielen Regalen entlang, lese jeden (aber auch jeden!) Buchrücken und nehme manche Bücher wieder in die Hand. Jedes einzelne von ihnen hat eine Geschichte (die seines Erwerbs, seiner Lektüre, seiner Nicht-Lektüre, seines Dösens und Wartens …). Ich erinnere diese Geschichte kurz und wäge in Sekundenbruchteilen ab, wie es mit ihm weitergeht: Soll es noch mehr Zeit mit mir verbringen, wäre es anderswo besser aufgehoben oder ordne ich es an anderer Stelle ein (wo es mehr Chancen hat, bald genauer gelesen zu werden)? Meine Bibliothek hat viele unterschiedliche Zonen: Bücher, mit denen ich ununterbrochen Kontakt halte, Bücher nahe dem Garten (sie werden oft draußen im Freien gelesen), Bücher, die eine Tendenz zum Musikalischen oder zur Musik haben, oder Bücher, die ich aus einer bloßen Laune heraus nachts lese (als könnte ich mich tagsüber nicht mit ihnen sehen lassen … – oder als legten sie es darauf an, mich unbedingt nachts zu fesseln …). Die Bibliothek aufzulösen, meint also: Ich ordne sie neu, sondiere manche (zum Verschenken) aus und mache dadurch den anderen Platz, damit möglichst bald neue Exemplare (die im Jahr 2018 gekauften oder sonstwie erworbenen) einziehen können. Ich besitze lange Listen, die das Erscheinen und Verschwinden der Bücher genau vermerken. Die Auflösung meiner Bibliothek zu Jahresbeginn nimmt also viel Zeit in Anspruch. Sie ist erst beendet, wenn ich ein ausführliches Gespräch mit all meinen Büchern geführt habe. Wie ernsthaft die meisten mich begleiten! Wie steif und gesetzt sie herumstehen und ihr Satzfutter oft jahrelang wiederkäuen! Und wie munter die eher abwegigen sich die Zeit vertreiben! Ganz zu schweigen von den elementaren, die eine Welt tragen und kein Verschieben oder Umordnen hinnehmen, sondern sich in einem solchen Fall rächen. Ich sollte eine Geschichte der unterschiedlichen Büchercharaktere schreiben: Welche „Beziehung“ ich zu ihnen unterhalte oder aufbaue, wie ich sie füttere, wie ich sie (in Krisenfällen) zu therapieren versuche, wie ich mit manchen von ihnen „täglichen Umgang pflege“ …

Ein bisschen Kranksein

„Ein bisschen Kranksein ist manchmal ganz gesund …“, lese ich in dieser Woche im SZ Magazin. Das ist ein kluger Satz des Mediziners Rudolf Virchow – und als sollte sich seine Klugheit und Richtigkeit an mir beweisen, kündigt sich mittags das Kranksein an. Ich bemerke es zunächst an einer gewissen Müdigkeit und Erschöpfung, dann aber auch an der Unlust, noch irgendetwas Essbares zu mir zu nehmen. Bewegen möchte ich mich auch nicht mehr. Was will ich denn?! Nichts mehr, gar nichts mehr. Ich lege mich hin, selbst das Lesen fällt schwer, ich lasse es sein. Ich starre zur Decke, ich ziehe mich von Stunde zu Stunde mehr aus der Welt zurück. Das Interesse an allen Menschen und Dingen um mich herum nimmt immer rapider ab, schließlich ist es überhaupt nicht mehr vorhanden. Ich sage nichts mehr, ich trinke nur noch Wasser (dann und wann), das letzte Lebensinteresse gilt meinem seltsamen Körper, dessen kaum begreifliche Regungen ich verfolge. Genau das ist: ein bisschen Kranksein. Mit seiner Hilfe verlasse ich die unermüdlich weiterlaufenden Weltprozesse. Was ich von ihnen noch mitbekomme (im Radio, im Fernsehen, sonstwo) erscheint lächerlich, viel zuviel Theater und Anstrengung, unnötiger Zeitvertreib. Es genügt doch, sich diesem schwerer werdenden Körper zu widmen. Er sendet herrschaftliche Signale, er befiehlt, was ich zu tun habe. Und so unternehme ich eine Reise in ein weit entferntes Land, es hat seine eigenen Regeln – und später komme ich aus ihm wahrhaftig in dem Glauben zurück, der Aufenthalt dort sei „ganz gesund“ gewesen.

Australian Open – Momentbild

Wir schalten uns (sehr früh am Morgen, zu „nachtschlafender Zeit“, wie es sich zu diesen besonderen Sportanlässen gehört) in das Geschehen der Australian Open in Melbourne ein. Am späten Nachmittag Ortszeit sind es dort auf dem Centre Court mehr als vierzig Grad. Novak Djokovic spielt gegen Gael Monfils – es sind zwei ganz hervorragende Spieler, denen man ein großes Match zutraut. Boris Becker ist auch da und zeigt einen in der Sonne entflammten rosaroten Teint, der zu seinen wie immer hochgradig fachmännischen Experten-Kommentaren gut passt. Auch Andre Agassi sitzt unter den Zuschauern (wieso? Was machen Frau und Kinder? Wir sind zurückhaltend und fragen nicht nach …). Noch nie haben wir ein Spiel gesehen, in dem beide Spieler zu unterschiedlichen Phasen der Partie jeweils nahe am Aufgeben sind. Mitten im zweiten Satz kann sich Gael Monfils kaum noch bewegen und gibt einen Ball nach dem andern verloren. Kurz darauf lässt Novak Djokovic erkennbar nach und bewegt sich mit Stolperschritten über den Platz. Abbruch, Unterbrechung – das wäre das Richtige. So etwas lässt der Schiedsrichter aber nicht zu, er schwebt auf seinem (elektrisch höhenverstellbaren) Schattenstuhl und nuckelt am gekühlten Wasser aus dem Fläschchen. Und so erleben wir ein Hitzedrama der Extreme, das Novak Djokovic am Ende nach vier Sätzen gewinnt. Später wird er sagen, es seien die härtesten Bedingungen gewesen, unter denen er je gespielt habe.

Ein Stern am Pianistenhimmel

Traf in der Musikhochschule auf Peter M., der sein  Konzertexamen vorbereitet. Er sprach enthusiastisch über einen jungen, gerade mal zweiundzwanzigjährigen Pianisten (Jan Lisiecki), von dem er „ganz fantastische Chopin-Aufnahmen“ gehört habe. Lisiecki sei eindeutig ein neuer „Stern am Pianistenhimmel“. Ich notierte mir den Namen, wir verabschiedeten uns, und ich recherchierte auf dem Weg zum Bahnhof die Stücke, die der „neue Stern“ bisher eingespielt hat. Chopins Etüden op. 10 und op. 25, beide Zyklen! Und beide für die Deutsche Grammophon! Und danach weiter Chopin: Werke für Klavier und Orchester – aber eben nicht die Klavierkonzerte, sondern eher die selten gespielten Sachen! Zwei starke Signale: Die sauschweren Etüden und die eher unbekannten Orchester-Stücke! Im Bahnhof traf ich Laura F. (ebenfalls eine junge Pianistin) und erzählte ihr gleich von Lisiecki. Sie kannte nicht nur den Namen, sondern hatte ihn am letzten Wochenende sogar selbst in Düsseldorf gehört. Unglaublich, phänomenal! Ich wollte in die S-Bahn steigen, tat das dann aber doch nicht, sondern setzte mich in ein Café und hörte über Kopfhörer Lisiecki, wie er Chopins Etüden zelebrierte. Schon die erste in C-Dur (op.10) habe ich noch nie so gehört: geatmet, nicht zu schnell, den Bass nicht schwer, sondern stimmführend! Eine richtige Entdeckung war danach die nur etwas über zwei Minuten lange Introduktion zum Rondo Á La Krakowiak (op. 14). Lisiecki macht bei der Einspielung der Orchesterstücke Chopins das einzig Richtige: Das Klavier führt das Orchester, nicht umgekehrt (je weniger „Orchester“, um so besser, je zurückhaltender, um so feiner, elastischer etc.)! In der S-Bahn recherchierte ich weiter: Wo trat Lisiecki als nächstes auf? In welchen Städten und Konzertsälen? Ich hatte es schnell heraus. Sollte ich sofort buchen, sofort?! Ja, natürlich, so war es doch früher, in meinen Jugendtagen immer gewesen: Wir junge Pianisten entdeckten einen „Stern am Pianistenhimmel“ – und dann gab es nur noch eins: Hören, hören, hören! Sämtliche Einspielungen – und natürlich auch live! Sofort, ohne Umwege! Also los, sagte ich mir, bleib Deiner Jugend weiter treu!

Ein winterlicher Traum

Kein Schnee. Kein richtiger Winter. Manchmal schaue ich auf die Webcam-Bilder des Alpenpanoramas (auf 3sat, morgens von 7.30 Uhr – 9.00 Uhr), um wenigstens eine jahreszeitliche Ahnung von weißen Landschaften zu erhalten. Meine Lieblingsbilder sind die von Ellmau-Going, genauer gesagt: die Live-Bilder vom Panorama-Restaurant Bergkaiser, zu dem ich von der Talstation der Hartkaiserbahn Ellmau aus in einer Gondel aufbrechen könnte. Schon am frühen Morgen würde ich in der KaiserLounge sitzen, auf die Sonnenseite des Gebirgsmassivs Wilder Kaiser schauen und die vielen Skifahrer beobachten, die sich (anders als ich – ich lasse die Berge in Ruhe) die Pistenhänge hinabschlängeln. Ich könnte zunächst einen Bergkaiser Spritz wählen und später einen Wiener Teller (das Beste vom Kalb und Huhn mit warmem Kartoffel-Gurkensalat) bestellen.  Dazu würde ich einen Grünen Veltliner vom Weingut Stift Göttweig und eine kleine Flasche Montes Mineralwasser trinken. Ich hätte einen Band mit Erzählungen von Carson McCullers dabei und würde die Erzählung vom Wunderkind lesen, das dem Klavierunterricht entflieht und eigene Wege geht. Sehr viel später gäbe es dann ein Warmes Schoko-Soufflé, einen Verlängerten und zum Abschied einen Edelbrand (Schlehdorn). Am frühen Nachmittag würde ich wieder in die Bergbahn steigen und zurück ins Tal schweben, zum Aprés-Ski in der Kaiser Station.

Der Ball ist rund – Sepp Herberger

Am Wochenende wurde die Bundesliga-Fußballsaison nach der langen Winterpause fortgesetzt – und der FC hat prompt („in letzter Sekunde“) 2:1 gegen Borussia Mönchengladbach gewonnen. Mein Kölner Freund Paul hat das Heimspiel zusammen mit vielen Freunden in einem Nippeser Lokal live verfolgt und mir später lauter Glücksemphasen gesendet. Paul besitzt eine der größten Bibliotheken mit Literatur zu den Themen Fußball/ Trainer/ Methoden des Trainings/ Spieler. Ihm verdanke ich, dass ich laufend über die neusten, interessantesten Titel informiert werde.  Vor kurzem war ein solcher Titel das überraschende Buch über den früheren Bundestrainer Sepp Herberger: Herbergers Welt der Bücher (Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2017)In ihm hat der Autor Manuel Neukircher erstaunliche Funde in der aus über 1500 Büchern bestehenden Bibliothek des großen Weltmeistertrainers gemacht. Etwa, dass Herberger mit eigenen Notizen auf seine Lektüren reagierte. Darunter waren Anmerkungen zu Spieltheorien, aber auch zu Kampfstrategien ( Mao Tse-Tungs Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan gehörte etwa dazu), ganz zu schweigen von den vielen Titeln mit psychologischen und pädagogischen Themen. Eine Mannschaft zu inspirieren, aufzustellen und lange Zeit zu begleiten – das war für Herberger eine Aufgabe, auf die er sich durch all diese Lektüren minuziös vorbereitete. Seine berühmt gewordenen kurzen Aphorismen wurden schließlich zur typischen, individuellen Komprimierung des Gelesenen und Notierten: Der Sieg hat viele Väter, die Niederlage nur einen! Oder: Das Tempo macht der Ball, nicht die schnellen Leute! Oder: Ein Spiel dauert neunzig Minuten! Sepp Herberger – ein Aphoristiker im Stil der französischen Moralisten des achtzehnten Jahrhunderts! Wer hätte das gedacht?!

Meine Chronikblätter

Eine Leserin hat gefragt, wie meine täglichen Aufzeichnungen/ Notate etc. eigentlich aussehen. Es gibt viele solcher Aufzeichnungsmethoden mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Eine seit Jahrzehnten durchgeführte Dokumentation von Nachrichten, Berichten, Artikeln, Bildern oder Fotografien besteht aus Chronikblättern. Sie haben das Format DIN A3 und werden auf Blättern eines Fabriano-Skizzenblocks zusammengestellt.  Auf den hier abgebildeten Seiten habe ich Materialien vom 8. Januar 2018 platziert. Jeweils ganz links und rechts auf einem Blatt befinden sich Fotografien, die ich während dieses Tages (mit einem Smartphone) gemacht habe. Gesammelt und ausgeschnitten habe ich daneben Artikel aus FAZ, SZ, DIE WELT, VOGUE und MOBIL. Es sind Funde, die mich anspringen und interessieren – sie werden knapp kommentiert/ eingeordnet  etc. (es geht u.a. um neue DVDs, Ausstellungen, einen Döner-Laden von Lukas Podolski in Köln, eine Kurzfilm-Serie von Wim Wenders zur neuen Frühjahrskollektion von Jil Sander – und vieles andere …). Mit Hilfe der Chronikblätter dokumentiere ich meine ganz eigenen und persönlichen Themen oder Motive der verlaufenden Zeit. Eine Chronik der Ereignisse (etwa denen meines privaten Lebens oder gar der Politik) sind sie ausdrücklich nicht.