Kleine Breviere

Eine Leserin hat mich vor einiger Zeit auf den Gedanken gebracht, aus meinen Büchern kleine, handliche Breviere zusammenzustellen, die sich jeweils auf ein einziges Thema konzentrieren. Begonnen habe ich mit dem Thema „Glück“ (Glücksmomente. München 2015). Danach habe ich mich dem Thema „Glauben“ gewidmet (Glaubensmomente. München 2016). In diesem Jahr ist das Thema „Musik“ dran (Musikmomente. München 2017). Wie gehe ich dabei vor, welche Konzeption/Idee steckt dahinter? Ich wähle Passagen mit eindeutig autobiografischem Hintergrund aus meinen Romanen, Erzählungen und Essays aus und kommentiere sie. Dadurch wird sichtbar, wie sich „das reale Leben“ (mit seinen „realen Bezügen“) in Erzählung („das erzählte Leben“ mit seinen „erzählten Bezügen“) verwandelt. Die Leserin oder der Leser können diese Verwandlung studieren und ihre Schlüsse daraus ziehen. Angeordnet sind die Breviere chronologisch, so dass jeder Band zugleich auch die Biografie des jeweiligen Themas erzählt: Mein Glaube/Mein Umgang mit Musik etc. So entwickelt sich ein ganz eigenes Erzählgeflecht: Durch die chronologische Mixtur aus autobiografischem Text und Kommentar entsteht die doppelbödige Erzählung einer bestimmten Passion: die ihrer Wurzeln, ihres Wachstums und ihrer Ausprägungen.

Fischen

Ich fische des Nachts mit den Fischern der Stadt, die seit einem Jahrhundert ununterbrochen fischen. Ich schaue zu, packe mit an und erhalte am frühen Morgen, nach der Rückkehr in den rettenden Hafen, meine kleine Tagesration cozze e vongole. Ich bade sie in Weißwein, lasse sie aufspringen und beobachte, wie sie es sich in der Schalung bequem gemacht haben. Dann schlozze ich sie nacheinander in meinen Mund, lasse sie dort einen Moment ruhen und schicke sie in meinen Magen, wo sie für einen Moment glauben, das ewige Meer wiedergefunden zu haben.

Chief Design Officer

Als neuer Chief Design Officer des Luchterhand-Literaturverlages (München) habe ich für die Taschenbuchausgabe von Terezia Moras Die Liebe unter Aliens ein superpassendes Wahnsinnsmotiv entdeckt, das viel über meine neue Linie verrät: Streng und skurril, mit zartweichen Untertönen.

Von wegen

Neinnein, tut mir leid, ich bleibe als Juror für den regionalen Miss Italia-Wettbewerb unbestechlich… Höchstens auf einen Sprizz lasse ich mich mit Ihnen ein. Am frühen Abend? Oder doch eher in später Nacht?!

Stabile Dialektik

Angesichts der Weite des Meeres wirkt die stabile Dialektik von lettini und sede dauerhaft und verlässlich. Während der ombrellone im Flattern des Winds als Schiedsrichter fungiert und die Schatten gerecht verteilt.

Unsere kleine Stadt 2

In der kleinen Stadt, die wir von Heinrich Mann geerbt haben, fallen an den Abenden die Schauspieler ein. Sie spielen stundenlang, und die Bewohner des Ortes lachen dazu, was das Zeug hält. Das Lachen bereitet sie auf die Nacht vor, in der die Schauspieler die Herrschaft über den Ort übernehmen. Es geht drunter und drüber, die Bewohner werden zu Laienschauspielern, und die Schauspieler geben sich als Bewohner aus. Frühmorgens begreift niemand mehr, wohin er gehört. Dann vertreiben die lauten Glockenschläge der zentralen Kirche den Spuk – und ich rezitiere auf dem Kirchplatz einige Kapitel Heinrich Mann: Die kleine Stadt.

Der Dorfwächter

Der Dorfwächter ist ein kleiner, aufmerksamer Mann mit relativ großem Kopf. Gegen acht Uhr in der Früh verlässt er sein Haus und durchstreift den Ort. Er scheucht die Tauben vom Kirchplatz und geht geduckt durch die schmalen Gassen, um nach dem Rechten zu sehen. Zehn Minuten später umrundet er die mittelalterliche Burg, beseitigt den Unrat vom Kinderspielplatz und flucht vor sich hin. Dann steigt er eine lange Treppe zur Durchfahrtstraße hinab und kehrt in einem der drei Cafés ein. Er durchblättert die Morgenzeitungen im Stehen und ruft buon giorno!! buon giorno!!, so laut, dass es die junge Frau hinter der Theke graust. Warum bestellt er nichts, warum nicht einmal einen winzigen schwarzen Caffè, mit einer Haube aufgeschäumter Milch? Nichts da, er übertreibt die Kontaktaufnahme nicht, er rüttelt hier und da an den Fensterstäben und Gittern und flucht weiter. Dann kauft er in der Bäckerei zwei Brötchen und trägt sie wie einen Schatz zurück in sein Haus, wo er sie gegen neun Uhr mit krachendem Zubiss verzehrt. Dazu ein Glas Wasser – bevor der zweite, radikalere Rundgang beginnt, der den Ort endgültig aufschrecken lässt.

Unsere kleine Stadt

Die Ländereien unserer kleinen Stadt haben wir von Heinrich Mann geerbt und übernommen. Sie ist nicht besonders schön, eher wohltuend schlicht. Es gibt eine zentrale Kirche mit Kirchplatz, einige schmale Gassen und eine mittelalterliche Burg als Ausguck. Die meisten Bewohner treffen sich tagsüber auf der niedriger gelegenen Durchfahrtstraße. Dort locken drei verschiedene Cafés und ein ländliches Restaurant. Es handelt sich um eine typische italienische Kleinstadt auf einer Hügelkuppe, besiedelt schon seit der Bronzezeit. Man kann sie nicht mehr großartig verändern, im Grunde ist sie auch nie verändert worden. Über alles, was sie braucht, verfügt sie seit endlosen Zeiten. Sie gibt sich den Sonnen hin, wartet geduldig auf den Abend und leidet in Maßen darunter, dass ihren Bewohnern zu ihr nichts Rechtes mehr einfallen will.

Fermers Wanderungen 7

Als er aus den Wäldern auf die Lichtung trat und hinab auf die Stadt (war es denn eine Stadt?) blickte, war der Anfang des großen Gedichts wieder da, das der einzige Sänger dieses weiten Raums erträumt hatte. Und er hörte und sah es summen:

Wieder ein Glück ist erlebt. Die gefährliche Dürre geneset,
Und die Schärfe des Lichts senget die Blüte nicht mehr.
Offen steht jetzt wieder ein Saal, und gesund ist der Garten,
Und von Regen erfrischt rauschet das glänzende Tal,
Hoch von Gewächsen, es schwellen die Bäch und alle gebundnen
Fittige wagen sich wieder ins Reich des Gesangs.
Voll ist die Luft von Fröhlichen jetzt und die Stadt und der Hain ist
Rings von zufriedenen Kindern des Himmels erfüllt.
Gerne begegnen sie sich, und irren untereinander,
Sorgenlos, und es scheint keines zu wenig, zu viel.

Die Biografie eines Buches 5

In der Wartezeit bei meinem lebenslustigen und eloquenten Friseur erhalte ich einen Stapel Zeitschriften für ein rasches Durchblättern. Darunter ist (wie immer) auch die Vogue. Für dieses Durchblättern brauche ich einige Zeit, denn mein junger Friseur macht sich einen Spaß daraus, sich später mit mir über die Fotos in dieser Zeitschrift zu unterhalten. Ich blättere und blättere, ich präge mir einige Fotos ein und erreiche die Seite 178. Und da ist es, ich sehe es sofort, auf den ersten Blick: das Cover meines neuen Romans! Und dann der dazu gehörende Text: „Von Trugbildern handelt auch Hanns-Josef Ortheils hinreißender Roman Der Typ ist da. Denn als der junge Venezianer Matteo, dem sie während eines Venedig-Aufenthalts begegnete, eines Tages vor der Tür der Kölner Studentin Mia steht, gerät nicht nur ihr Leben gehörig durcheinander, sondern auch das ihrer Mitbewohnerinnen Lisa und Xenia. Zauberisch versteht es Matteo, die Gedanken und Gefühle der drei zu manipulieren. So entbrennt ein höchst unterhaltsamer Konkurrenzkampf um die Gunst des wie vom Himmel gefallenen venezianischen Cherubs – gestaltet als Traumspiel über himmlische Gefühle in irdischen Sphären.“ Geschrieben hat das der Schriftsteller Peter Henning – und er hat eine wunderbare Kette von Signalen gefunden: Hinreißend, zauberisch, der Cherub, das Traumspiel – der Roman als romantisierendes Märchen.