Kreative Verortung 1

Wie nähert man sich den enormen kreativen Potenzen von Karl Lagerfeld? Berichtet man über sie? Lässt man andere davon erzählen? Der französische Regisseur Loïc Prigent hatte eine fabelhafte Idee: Er besuchte Lagerfeld in seinem Studio und drehte ausschließlich an seinem Schreibtisch. Nirgendwo hält sich der Meister lieber auf, und nirgendwo kann man ihn besser dabei beobachten, wie er Ideen entwickelt.

Und wie macht man das? Ganz einfach, man lässt ihn nach einem Zeichenblock (Hochformat) greifen. Und dann gibt man kurze Stichworte vor – und bittet ihn, gleichzeitig zeichnend und erzählend zu antworten: Wie sehen Sie aus, wenn Sie frühmorgens aufstehen? … – und schon geht es los. Der Stift fliegt über das Papier, zeichnet die Haare, die Frisur, die Kleidung, während der lockere, elegante Ton des Sprechens und Redens jedem gezeichneten Detail zu Hilfe eilt.

Diese Konstellation ist eine klassische, gelungene „kreative Verortung“: Man redet und salbadert nicht „über“ Kreativität, sondern zeigt sie in den Momenten ihres Entstehens. Sie sind eng verbunden mit dem „kreativen Raum“, auf den sie angewiesen sind und an dem sie ausschließlich hervorgebracht werden. Im Falle Lagerfelds ist es der mit Zeichenmaterial und Stiften aller Art überfüllte Tisch und ein Zeichenblock im Hochformat, der eine Skizze nach der andern hervorlockt.

Während die eilige, sichere Hand Blatt für Blatt entwirft, fixiert das fortlaufende Erzählen die Bewusstwerdung der Details im Kopf des Zeichners: Die Geste des Zeichnens wird ornamentiert durch die Gesten des Sprechens.

Loïc Prigent arbeitet in seiner Dokumentation Lebens-Skizzen (jetzt über Youtube abrufbar) ausschließlich mit diesem Ausschnitt: Dem Schreibtisch, den Materialien, der impulsiven Gestik. Keine Fotos, keine ablenkenden Interviews mit „Zeitgenossen“ – und vor allem: Keinerlei Kommentar! Die Sache selbst – verortete Kreativität – wird gezeigt – und genau diese Methode macht den Film von Prigent selbst wieder genial.

Anders hören 2

Am 21.03.2019 habe ich in meinem Blogbeitrag das Projekt Anders hören von Marina Abramović in der Alten Oper Frankfurt vorgestellt. Wer an ihm teilnehmen wollte, musste sich zunächst in zwei Sitzungen mit der Abramović-Methode vertraut machen. Sie bestand aus einem mehrstündigen Konzentrationstraining, das auf das Hören eines Konzerts (am vergangenen Sonntag) vorbereiten sollte.

Inzwischen hat dieses Konzert stattgefunden. Viele Zeitungen haben darüber berichtet, auch im Fernsehen waren mehrere Kurzbeiträge zu sehen. Den intensivsten Eindruck von dem Geschehen (an dem ich leider nicht teilnehmen konnte) erhielt ich selbst aber durch sehr ausführliche Berichte von Leserinnen dieses Blogs, die mir ihre subjektiven Erfahrungen mit dem Projekt detailliert mitteilten (großen Dank!).

Beide empfanden die Trainingsübungen als nützlich, interessant und damit als eine gute Vorbereitung auf das Konzert. Beide waren mit dem Konzertverlauf aber weniger zufrieden: Zu viele Menschen, zu viel Bewegung und Unruhe während der Auftritte der Musiker, zu geringe Partizipation an der Musik, die letztlich „verrauschte“.

Nun aber gibt es Wege, mit deren Hilfe nicht anwesende Personen auch im Nachhinein noch direkter einen Eindruck von dem Geschehen erhalten können. Das ist am besten über den TV-Sender Arte und seine Mediatheken möglich.

Dort werden zur Zeit Videos angeboten (einfach „Anders hören“ oder „Abramović“ eingeben), die Elemente des Trainingsprogramms der Abramović-Methode vorführen: Das Betrachten von Farben/ Das Zählen von Reis und Linsen/ Den gegenseitigen Blick (einem Fremden einige Zeit in die Augen schauen).

Ab dem 30. März 2019 ist dann auch das Frankfurter Konzert über Arte Concert abrufbar.

Ich widme mich nun den Übungen – und werde bald genauer darüber berichten, was ich erlebte.

Abschied vom Biathlon

Beim letzten Weltcuprennen der Saison auf dem legendären Holmenkollen sind wir noch einmal dabei. Zur Winterabschlussfeier gibt es Schwarzwälder Kartoffelsuppe mit Biathloneinlage (Pumpernickel) und dazu frisch hergestellte Biathlonlimonade (Granatapfelsirup mit Mineralwasser).

Für unsere deutschen Athletinnen geht es zwar nur noch um gute Plätze, das macht aber nichts, denn jede gibt hier ihr Bestes, so dass wir mit jeder fiebern, anstatt – wie etwa bei den öden Jogi-Löw-Dresscoatspielen – interesselos abzuwinken.

Den Massenstart über 12,5 km (mit zweimal liegend- und zweimal stehendschießen) gewinnt eine Schwedin, und die große Weltcupkugel holt sich die Doro (Wierer) aus Südtirol, während ihre langjährige Freundin, die Lisa (Vittozzi) aus Venetien, den zweiten Platz schafft.

Wir aber gratulieren Denise (Herrmann), die heuer vierte wurde und in dieser Saison lauter fabelhafte Rennen (mit sogar einem Weltmeister-Titel) hingelegt hat.

So, das wollten wir rasch noch festhalten, denn in zwei Wochen hat der Frühling uns solche Meldungen längst aus dem Hirn gepustet, und wir bekommen, verflixt aber auch, eine so extreme Nachrichtendichte nicht mehr zusammen – – bis es am 1. Dezember 2019 wieder von vorne losgeht, und wir uns fragen werden: Doro?! Lisa?! Denise?! – Und wie heißt, bittschön, diese Schwedin mit Vor- und Nachnamen, die …?

Frühlingsmonolog

6.15 Uhr.

Ich werde den ganzen Tag im Freien verbringen, die Gärten aber nicht verlassen.

Ich werde unter dem großen Schirm sitzen und lesen.

Ich werde die blühenden Weißdornsträucher und die trunkene Mirabellenblüte im Blick haben und den Vormittag über reichlich Zitronensoda trinken.

Ich werde nicht telefonieren, wohl aber Nachrichten aus Venedig beantworten.

Ich werde mich in diesen Frühling verwandeln und bis in die Nacht den Geistern ein stilles Quartier bieten.

Aber Herr Ortheil …,

was ist denn das? So viele Bücher? Und alle in Postkisten?

Es sind Neuerscheinungen, die ich bestellt habe und die in letzter Zeit per Post gekommen sind. Zunächst lagere ich sie in gelben Postkisten, weil ich noch nicht weiß, wie ich mit jedem einzelnen Buch verfahren soll.

Und wie verfahren Sie dann?

Ich nehme sie mir vor, blättere, lese, mache mir Notizen – und entscheide, wohin das Buch kommt.

Wohin könnte es denn kommen?

Die einfachste Lösung: Ein Buch bekommt in einem Regal einen Platz und darf „überleben“ und „bleiben“ (für wie lange entscheide ich in regelmäßigen Abständen). Eine andere: Ich schenke es einer bestimmten Person, von der ich annehme, dass es sie interessiert. Die dritte: Ich leite es an eine Bibliothek weiter, die es in ihre Bestände aufnimmt. Auf jeden Fall beschäftige ich mich mit jedem Exemplar ausführlich, weil ich es ja gezielt bestellt habe. Viele der Bücher sind Material für diesen Blog, ich schreibe über sie oder denke über isolierte Passagen nach.

Diese Bestellungen wirken wie ein nicht abreißender Strom …

Ja, keine Flut, kein Bächlein, sondern ein geleitetes Strömen und Fließen, Tag und Nacht …

Anders hören

Eigentlich sollte ich jetzt in Frankfurt sein. Dann hätte ich eine Karte für das Projekt, das Marina Abramović gegenwärtig in der Alten Oper inszeniert. Alles läuft auf ein Konzert zu, das Ihre Gäste am kommenden Sonntag besuchen dürfen. Es wird fünfeinhalb Stunden dauern, und niemand ahnt, wie genau es verlaufen wird.

Mehrere Solisten und Ensembles werden erscheinen, und man wird ganz unterschiedliche Musik zu hören bekommen. Die Musikerinnen und Musiker werden sich frei bewegen und auf keinem Podium sitzen. Und die Zuhörerinnen und Zuhörer werden ebenfalls unterwegs sein und – je nach Impuls – in die verschiedensten Klangräume eintauchen.

Es geht also nicht um eines der üblichen Konzerte, in die ein Publikum von zu Hause aufbricht, um mal rasch etwas Musik zu tanken. Marina Abramović verlangt von ihren Gästen viel mehr. Sie sollen vor dem Sonntagskonzert zweimal zu einem jeweils dreieinhalbstündigen Training erscheinen. Mobiltelefone und Uhren sollen vor Beginn dieser Trainingseinheiten ebenso abgegeben werden wie vor dem sonntäglichen Konzert.

Das Training besteht aus Übungen, die der Abramović-Methode folgen. Sie dienen gesteigerter Konzentration, innerer Teilhabe am „Hier und Jetzt“, Versenkung in Stille und Wahrnehmung kleinster visueller oder akustischer Reize (in stark verlangsamter Form). „Um wirklich Musik zu hören“, sagt Marina Abramović, „muss man mit allen seinen Sinnen dabei sein. Aber unser Leben ist schwierig und hektisch, und wenn wir in ein Konzert gehen, nehmen wir all diese Last mit. Deswegen dachte ich mir, dass es wichtig ist, eine Methode zu entwickeln, mit der man sich auf das Hören vorbereitet.“ (Weitere Informationen im Programm der Alten Oper Frankfurt)

Ich sollte unbedingt in Frankfurt sein. Mein halbes Leben habe ich darüber nachgedacht, wie man „Konzerte“ anders inszenieren könnte als in der klassischen Form. Und fast zwei Jahrzehnte habe ich die Performances und Auftritte von Marina Abramović bis in die kleinsten Details studiert (der Roman Liebesnähe übersetzt ihre „Methode“ in die Erfahrungsbahnen einer sich entwickelnden Liebesbeziehung …).

Sollte eine Leserin oder ein Leser dieses Blogs an dem Projekt Anders hören teilnehmen, wäre ich für eine Rückmeldung mit Erfahrungsbericht sehr dankbar.

Literarischer Frühling 3

Heute ab 18.45 Uhr bin ich im WDR Fernsehen in der Aktuellen Stunde (und später jederzeit in der Mediathek) zu sehen! Das Filmteam hat mich in mein früheres Elternhaus im Kölner Norden begleitet – in den alten Hinterhof und die noch älteren großen Keller des Miethauses, in dem ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe.

Im Keller war ich zum ersten Mal seit über fünfzig Jahren. Er ist kaum wiederzuerkennen, denn heute wirkt er hell und freundlich und dient als großes Atelier für zwei Fotografen. Und dennoch: Ich hatte die alten, nur scheinbar vergangenen Szenen sofort wieder vor Augen: Wie ich als junger Mann in diesen Kellerräumen unzählige Stunden Klavier geübt habe (um die Nachbarn nicht zu stören), wie ich dort einem guten Freund den Solopart von Schumanns Klavierkonzert vorgespielt habe, wie ich … –

und plötzlich war die Idee da: Sollte ich nicht in diesen großen Kellern einmal eine Lesung veranstalten? Geht das? Kann ich das? Im Herbst könnte es dazu kommen. Vorerst aber lese ich in Köln erstmal am 29. März im Rahmen der Lit.Cologne (moderiert von Denis Scheck) aus Die Mittelmeerreise.

Literarischer Frühling 2

Ich beginne mit meinen Frühlingslisten – und zwar (wie gestern angekündigt) so, dass ich einige erste Titel nenne, die ich auf jeden Fall lesen oder zumindest anlesen werde. Dabei werde ich begründen, warum ich ausgerechnet diese Titel ausgewählt habe. Erkennbar werden sollte die „schriftstellerische Auswahlperspektive“: sie verbindet die Neuerscheinung mit eigenen Interessen und Themen.

  1. Über kein Buch wird in meinem Freundeskreis gegenwärtig so viel gesprochen wie über Kenah Cusanits Roman Babel (Carl Hanser Verlag). Erzählt wird die Geschichte des deutschen Ärchäologen Robert Koldewey, der sich noch vor dem Ersten Weltkrieg an die Arbeit macht, das alte Babylon auszugraben. Babel ist also ein historischer Roman, der die Figur des kauzigen Ausgräbers in den Mittelpunkt stellt.

Ich habe eine Schwäche für historische Romane (und selbst bereits drei geschrieben). An Kenah Cusanits Buch interessiert mich, wie sie mit den Mitteln der Gattung umgeht. Erzählt sie von heute aus, oder bleibt sie in der Vergangenheit, dicht an der Figur? Und wie implantiert sie das reiche historische Wissen (über Babylon, Archäologie oder Zeitgeschichte), das sie sich vor dem Schreiben angeeignet hat?

  1. Der Roman La place von Annie Ernaux ist bereits 1984 in Frankreich erschienen. Jetzt hat Suhrkamp die deutsche Übersetzung veröffentlicht. Ernaux erzählt in ihm die Geschichte ihres Vaters, der lange Zeit Landwirt und später ein Lebensmittelhändler in der Normandie war. Einerseits wird die Lebensgeschichte dieses Mannes bis zu seinem Todesjahr (1967) skizziert, andererseits aber auch mit einem Blick von außen untersucht: Was „bedeutet“ es für die Tochter, an der Seite dieses Vaters aufzuwachsen? Wie entwickelt sich ihre Beziehung, als sie selbst auf eine höhere Schule geht und den gesellschaftlichen Aufstieg sucht?

Mein Vater war auch für mich eine zentrale Gestalt meines Lebens. Gleich mehrfach habe ich von ihm erzählt. Auch er kam aus einer Bauernfamilie und studierte als einziges von elf Kindern an einer deutschen Universität. Habe ich mir diesen Sprung je bewusstgemacht? Warum habe ich ausführlich von ihm erzählt, ihn aber nie als „soziale Figur“ gesehen und porträtiert? Ich werde das schmale Buch von Annie Ernaux lesen, um diese Fragen (auf dem Umweg über die Lektüre, für mich) zu beantworten.

  1. Michel Serres ist einer meiner französischen Lieblingsautoren. Seine großen Studien über den Parasiten oder die Geschichte der fünf Sinne habe ich mit Begeisterung gelesen. Bald wird er neunzig Jahre alt und hat ein Buch geschrieben, das auf den ersten Blick in das Genre der „Weisheitslehren“ gehört. In Form solcher Lehren haben sich (seit frühster Zeit, seit den Tagen des Alten Ägypten) Männer in hohem Alter an ihre viel jüngeren Nachkommen gewandt, um ihnen die grundlegenden Einsichten ihres Lebens zu vermitteln. Auch Serres spricht zur Jugend, aber er tut es nicht aus der Distanz oder von oben herab. In Was genau war früher besser? (Edition Suhrkamp) will er in Form eines „optimistischen Wutanfalls“ alten Vorurteilen begegnen. War früher wirklich alles besser? Und welchen Fantasien sitzt man auf, wenn man so etwas behauptet?

Ich mag wütende Männer in hohem Alter – schon deshalb, weil ich wahrscheinlich nie einer sein werde, in späteren Jahren aber vielleicht gerne einer sein würde. Wut, Zorn, Rage – bisher habe ich das nicht drauf. Da könnte die Serres-Lektüre helfen, die Emotionen zumindest einmal kurzfristig zum Kochen zu bringen. Mal sehen, ob sie mich ansteckt …

Literarischer Frühling

Am Wochenende hat mit dem Erscheinen vieler Literaturbeilagen der „Literarische Frühling“ begonnen. Von Tag zu Tag wird es sonniger und wärmer werden, so dass sich Bücher endlich auch wieder im Freien lesen lassen. Dienstag/Mittwoch wird in Köln das größte deutsche Lesefestival (Lit.Cologne) beginnen – und am Donnerstag in Leipzig die Frühjahrsbuchmesse. Etwa zwei Wochen lang wird auf allen Kanälen von neuen Büchern gesprochen werden.

Ich werde meine Frühlingsleselisten zusammenstellen und schon bald die ersten Empfehlungen in diesem Blog veröffentlichen. Vorsicht aber: Schriftsteller lesen anders als Literaturkritiker! Sie suchen nach den geheimen Verbindungen zwischen Neuerscheinungen und Themen, die sie selbst beschäftigen. Und sie lesen Bücher selten ganz – und auch nicht immer von vorne nach hinten. Blätternd, stöbernd schlachten sie ein Buch aus, entnehmen ihm etwas Honig oder auch festere Nahrung und machen sich dazu die seltsamsten, meist sehr privaten Gedanken (ich werde Beispiele bringen).

Und sonst noch?! Narzissen, Forsythien, Mirabellenblüten – ins braune Grau werden zu Beginn des „Literarischen Frühlings“ die ersten starken Farben eingezogen. Joseph Haydn hat solche Farbvorgänge (meist in drei Sätzen) komponiert. Und Ivo Pogorelich hat sie gespielt (Joseph Haydn: Piano Sonatas 19 & 46).

Erster Frühling – ein Entwurf

Erster Frühling

So, jetzt wandern Stühle und Liegen mit blauen Polstern nach draußen –

und der Sonnenschirm dehnt sich wieder dem Himmel entgegen.

Die Forsythiensträucher blitzen grell an den Zäunen,

und im Wiesengrün erstehen bunte Gelage von Primeln.

Sonnig ist es und windstill,

die Böen und Orkane flohen hinter die Berge.

Stefan George schleicht durch das Gras

und bittet mit einer kaum merklichen Geste

aus der Ferne hinauf zu den japanischen Gärten und Meistern.