Moving

So, dann wollen wir mal mit viel Energie ins Neue Jahr einsteigen. Was wird denn so los sein? Was wird sich ergeben?

Bevor wir diese Fragen beantworten, bringt uns ein musikalisches Moving schon einmal etwas voran. Change flüstert Bugge Wesseltoft – und dann folgen Nummern mit weiteren zum Jahresbeginn passenden Titeln wie Lone oder Heim. Wesseltoft federt unser stillgelegtes Jahresanfangsempfinden leicht ab, versetzt es in Bewegung, lässt uns aufhorchen und kleine Wege mitgehen. Haben wir gerade den Gare Du Nord (zumindest in unseren Träumen) passiert? Leuchtet ein Gelb unverhofft zwischen den Rhythmen des Klaviers?

Sehr gut, wir sind unterwegs, es kann losgehen, wir melden uns bald mit den ersten Nachrichten über die Projekte des Neuen Jahres 2019.

Singen Summen Flüstern

Eine Leserin dieses Blogs antwortete mir gestern, dass sie zwar nicht jeden Tag Klavier spiele, wohl aber singe. Sie beginne damit schon gleich nach dem Aufstehen, im Bad, unbewusst, einfach nur so. Oft wisse sie hinterher gar nicht mehr, was sie da gesungen habe, bekomme es aber später meist doch noch heraus.

Auch beim Frühstückmachen singe sie, natürlich nicht laut, sondern verhalten, ruhig vor sich hin. Auf dem Weg zur Arbeit jedoch singe sie nicht, sondern summe – und zwar oft Lieder, die sie gerade noch im Radio gehört habe.

Überhaupt singe sie nichts Altes, von weither Erinnertes, sondern Frisches, Stücke des Tages, aktuelle Sachen, die sie von überallher aufgable.

Sie singe und summe alles durcheinander. Volkslieder, Chansons, Schlager. Und alles solo. Manchmal flüstere sie auch nur. Wie im Selbstgespräch.

Singen, Summen und Flüstern sei eine Entdeckung von Stimmen tief in einem drin. Es sei fantastisch. Sie fühle sich oft wie ein multipler Sender, der Lieder aufnimmt, wiedergibt und umschreibt.

Die Leserin empfiehlt, dass ich es zumindest probeweise auch mal versuche: Den ganzen Tag im KlangStrom, mit laufend anderer, neuer Musik!

Dann gesteht sie, dass ich sie auf den Gedanken gebracht habe, täglich Aufzeichnungen über die gesungenen, gesummten oder geflüsterten Gesänge zu machen. Knapp, in Notatform. Das Ganze werde sie als ihr ganz persönliches Tagebuch betrachten, experimentell, aktuell und eben „anders“ – denn mit den üblichen Tagebüchern „habe sie es nicht so“.

Bald werde ich eine Textprobe erhalten, unter der Voraussetzung, dass ich ebenfalls eine Textprobe meines eigenen Singens, Summens und Flüsterns schicke.

Ich bin einverstanden. Okay, liebe Leserin, ich mache mit.

Weihnachtszeiten

Guten Tag, da bin ich wieder. Das neue Jahr hat begonnen, aber viele meiner Freunde stecken noch tief im alten. Kurz vor Weihnachten sind sie mit höchster Beschleunigung gefahren und haben eine letzte Erledigung nach der anderen geschultert. Heilig Abend, 18 Uhr, wurden die Bremsen gezogen. Und dann geriet alles ins Trudeln.

Die Zeit zwischen den Jahren schlurfte für die meisten nur so dahin, das neue Jahr sollte eine Wende bringen, führte aber nur zu weiteren Lähmungserscheinungen. Manche begannen aus Verlegenheit einfach wieder mit der harten Arbeit, genau und dasselbe wie früher. Andere warteten noch bis zum Dreikönigstag. Nur die ganze freien (wie etwa italienische Hotel- und Restaurantbesitzer im Süden Europas) leisten sich richtige Ferien und schließen ihre Häuser mindestens bis zum Fest Mariä Lichtmess (02. Februar).

Mit anderen Worten: Viele meiner Freunde leben in einem unangenehmen Zeitstau, wie es ihn auf so peinliche Weise nur einmal im Jahr gibt. Das Alte ist noch nicht richtig vorüber, das Neue hat noch nicht richtig begonnen. Immer noch wird „ein gutes Neues!“ gewünscht, und Neujahrsfeiern ziehen sich in den Betrieben noch bis zu den Karnevalstagen hin, wenn endlich wieder richtig was los ist.

Was kann da helfen? Schreiben, notieren, die Zeit anhalten – wie immer die beste Lösung. Und was? Die kleinen Vorhaben fürs neue Jahr! Nix Gewaltiges, keine „Ich will mein Leben ändern“-Sprüche, sondern überschaubare, zu bewältigende Projekte, die einfach nur Freude machen und nicht auf Selbstkasteiung hinauslaufen.

Habe ich auch welche? Na klar. Zum Beispiel?! Zum Beispiel ab heute wieder jeden Tag eine geschlagene Stunde Klavier spielen. In langsamem, verfolgbarem Tempo. Einfachste Stücke. Möglichst fehlerfrei. Hellwach, mit offenen Ohren. Am besten morgens, sehr früh. Oder auch tief in der Nacht. Will ich das ernsthaft verfolgen, muss ich es protokollieren, in einem Übungsheft, Tag für Tag. Macht auch Freude, man muss es nur tun. Ein schönes Heft kaufen, gute Stifte, jeden Tag einen Eintrag. Sich an so etwas zu halten ist ein Festhalten, darauf läuft es hinaus – und auf nix anderes.

Danach könnte ich etwas Erfrischendes trinken. Wie zum Beispiel ein gut gekühltes und gefülltes Glas Bellini (siehe Foto). Ausgepresste weiße Weinbergpfirsiche mit Prosecco (am besten von Cipriani). Trinkt Cecilia Bartoli mehrmals täglich. Meist mit guten Freunden, die den Zeitstau bereits überwunden haben.

 

Krippenschau

Die Zeit zwischen den Jahren war früher die der Krippenwege. Drei oder vier Krippen in verschiedenen Kirchen nacheinander zu sehen, war für Kinder ein besonderes Ereignis. Vor dem digitalen Zeitalter wirkten Krippenlandschaften wie frühe virtuelle Entwürfe von filmischen Panoramen, in die Kinder ihre eigenen Drehbücher hineinprojizierten.

Im Zentrum stand die Krippe, von Maria, Josef und einigen Tieren begleitet. Im weiteren Raum aber näherten sich nicht nur Engel, Hirten oder die Heiligen drei Könige, sondern Menschen des vertrauten Alltags. Ein Dorf, eine Stadt, die Bewohner, bei ihren Tätigkeiten beobachtet – das setzte Fantasien frei. Gerade auf diese Durchmischung der aus dem Neuen Testament bekannten Szenen mit denen freier Erfindung kam es an. Das staunende Kind konnte sich vorstellen, im Raum solcher Szenen ebenfalls dabei zu sein. Wo war sein Platz? Mit wem hätte es gerne gesprochen oder gar Freundschaft geschlossen?

Ausgedehnte Krippengelände mit den unterschiedlichsten städtischen und ländlichen Milieus integrierten die biblischen Szenen in den weltlichen Lauf der Dinge. Oft hatten die eifrigen Handwerker irgendwo auf einem Gerüst oder die auf einem freien Feld beschäftigten Bauern gar keinen Blick für das nahe Heilsgeschehen. Gerade diese Parallelität der Ereignisse wirkte entlastend. Sie deutete an, dass das Leben der Heiligen Familie sich bald ebenfalls im irdischen Kosmos abspielen und Engel sowie Weise aus dem Morgenland nur ein einzelnes festliches Ereignis mit inszenierten, keineswegs aber zum Dauerinventar des folgenden, viel härteren Lebens gehörten.

Je ferner vom Biblischen die Krippen ihre Kulissen entwarfen, umso mehr Interesse beanspruchten sie. Im Kölner Hauptbahnhof findet man eine Ruinenkrippe, die das Geschehen in das nach dem Zweiten Weltkrieg völlig zerstörte Köln verlagert. Die Szenen spielen inmitten von Trümmern und lassen das Kind erschrecken, das die scheinbar bekannte Welt ringsum plötzlich in ganz anderem Licht sieht. In solchen Ruinen waren einmal Menschen zu Haus? Ja, dort haben die älteren Verwandten einmal Weihnachten gefeiert, kurz vor den Glitzerzeiten von heute.

Mein Weihnachtslied

Die Christmette war zu Ende, die Kirchenbesucher standen auf, leicht übermüdet und erschöpft. Dann aber holte die Orgel noch einmal aus, und die Trompeten stimmten das Weihnachtslied an, das ich so liebe: Adeste fideles, laeti triumphantes, venite, venite in Bethlehem!

Herbei, o ihr Gläubigen – oder auch: Nun freut Euch, Ihr Christen… lauten die ersten Zeilen in der deutschen Übersetzung. Das aber ist nicht dasselbe, denn im lateinischen Text ist das Vokabular kräftiger, frischer, ja, eine geradezu mitreißende Aufforderung! Und wozu? Dazu, das Lamentieren, Reflektieren und Sinnieren wenigstens für einen einzigen starken Moment aufzugeben und sich einem nicht zu leugnenden Glücksgefühl gemeinschaftlicher Freude hinzugeben.

Gleichgültig, ob man so etwas als Gläubiger oder Nichtgläubiger erlebt, es fällt schwer, beim Mitsingen dieses Liedes gefasst zu bleiben. Ich erinnere mich an eine Aufnahme mit Luciano Pavarotti aus der Basilika Notre-Dame in Montreal (jetzt auch auf Youtube), als der große Tenor das „Adeste fideles“ mit einem Schwung und einer Strahlkraft anstimmte, dass ihn der Überschwang selbst davontrug. Nach etwa zwei Minuten solo begleiteten ihn mehrere Chöre, da gab er für Sekunden auf und kämpfte mit den eigenen Emotionen.

Sie rühren daher, dass es sich um ein Glückslied ohne Wenn und Aber handelt und damit um einen Gesang, der keine verhaltenen Empfindungen mehr duldet, sondern die schlummernden bündelt und herausschreit: Hier bin ich, es hat mich gepackt, jetzt mache ich mich auf den Weg, kommt bitte mit! Das spezielle Übermaß dieses plötzlichen, unbedingten Aufbruchs ist wohl auch der Grund dafür, dass es von so vielen Sängerinnen und Sängern interpretiert wurde (ich nenne Bob Dylan, Mahalia Jackson, Elvis Presley).

Es gibt Weichspüler-Fassungen, sentimental bis zur Kante, das aber verfälscht den Gestus des Jubels, der ihm so elementar innewohnt und den wir sonst kaum noch kennen. Mir erscheint Pavarottis Version daher am Stärksten: Er singt, als höbe er gleich ab, hinauf zu den knapp unter dem Kirchendach vermuteten, begeistert herumflatternden Engeln. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

Aufbruch in die Ferne

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs, ich bin im Aufbruch, in wenigen Stunden reise ich in eine weihnachtliche Klausur in der Ferne, wo ich nur selten Zugang zu elektronischen Medien habe. Ab und zu werde ich mich melden, wenn es sich einrichten lässt, am 7. Januar 2019 bin ich wieder zurück.

Sollten Sie meine Texte in der Zwischenzeit vermissen, so stellen Sie sich doch ihren eigenen „Jahresrückblick 2018“ zusammen, indem Sie die Texte dieses Blogs in kleinen Portionen rückwärts lesen und sich auf diese Weise an ihre eigenen Lebensszenen des letzten Jahres erinnern.

„Augenblicke 2018“ – so könnte man Ihre und meine kurzen Vergegenwärtigungen dann nennen. Der Titel erinnert an einen der schönsten Dokumentarfilme, der in diesem Jahr in deutschen Kinos gelaufen ist („Augenblicke. Gesichter einer Reise“. Regie: Agnès Varda und JR). Ihn zu sehen – das ist meine letzte Empfehlung 2018.

Ich wünsche Ihnen ein frohes Fest und ein gutes Neues Jahr. Außerdem danke ich Ihnen sehr für die viele Aufmerksamkeit, die Sie meinen Texten geschenkt haben. Es war die reine Freude! Leben Sie wohl – bis zum Wiederlesen und Wiederschreiben!!

Weihnachtsgeschenke – Letzte Empfehlungen 2

So – und hier nun meine letzten Buch-Empfehlungen für dieses Jahr!

Einmal ganz genau hinschauen und begreifen

Johann Hinrich Claussen: Gottes Häuser oder Die Kunst, Kirchen zu bauen und zu verstehen. Vom frühen Christentum bis heute. C.H.Beck 2012

Das KölnHerz schlägt höher

Walter Filz: Es ist noch Kängurusuppe da. Die Wahrheit über den Kölner Karneval anhand der Beweismittel meines Vaters. Greven 2018 

Vom Alltag mit Kindern

Hanns-Josef Ortheil: Lo und Lu. Roman eines Vaters. btb

Bilder der Leselust

Lektüre. Bilder vom Lesen. Vom Lesen der Bilder. Hrsg. von Cathrin Klingsöhr-Leroy. Schirmer Mosel 2018

Nach Italien reisen

Arnold Esch: Historische Landschaften Italiens. Wanderungen zwischen Venedig und Syrakus. C.H.Beck 2018

Michel Butor: Beschreibung von San Marco. DVB 2018

Gastrosophie

Alessandra de Respinis: Cicchettario. Die legendären Rezepte des „Al Bottegon“ in Venedig. DVB 2017

Stevan Paul (Hrsg.): Die Philosophie des Kochens. mairischverlag 2018

Lyrische Glanzlichter der Gegenwart

Spitzen. Gedichte. Fanbook. Hall of Fame. Hrsg. und mit einem Vorwort versehen von Steffen Popp. Suhrkamp 2018

Christian Metz: Poetisch denken. Die Lyrik der Gegenwart. S.Fischer 2018

Den Zeiten im nächsten Jahr folgen

Japanischer Taschenkalender für das Jahr 2019. Mit 53 Haiku von Matsuo Bashô und seinen Meisterschülern. DVB 2018

Meisterhafte Essayistik

Péter Nádas: Leni weint. Rowohlt 2018

Zwei Menschen suchen ein Bild

Isaku Yanaihara: Mit Alberto Giacometti. Ein Tagebuch. Piet Meyer Verlag 2018

 Ein Buch, das mich besonders beschäftigt hat

Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens. Suhrkamp 2018 

Roman einer Studentin aus gemeinsamen Hildesheimer Tagen (Mentorat Ortheil)

Karoline Menge: Warten auf Schnee. Frankfurter Verlagsanstalt 2018

Weihnachtsgeschenke – Letzte Empfehlungen 1

Die letzte Woche vor Heilig Abend bricht an. Höchste Zeit, noch einmal Empfehlungen für Weihnachtsgeschenke als kleine Liste zu fixieren. Ich habe ausschließlich vor kurzem erschienene Bücher ausgewählt, die ich selbst mit viel Freude und Vergnügen gelesen habe. Und ich habe sie Themen und Motiven zugeordnet, die mich beschäftigen und von denen ich in diesem ablaufenden Jahr immer wieder in diesem Blog erzählte. Es sind meine Lieblingsthemen, deren Spuren und Geschichten ich seit ewigen Zeiten verfolge. (Eine zweite und allerletzte Liste folgt morgen.)

Starkes Erzählen

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste. Suhrkamp 2018

Elisabeth Strout: Alles ist möglich. Luchterhand 2018

Eine große Liebe

Hanne Trautwein/Hermann Lenz: Der Briefwechsel 1937-1946. Suhrkamp 2018

Geschichten der Religionen

Neil McGregor: Leben mit den Göttern. C.H.Beck 2018

Irene Tobben: Als die Künstler Götter waren. Bildende Künste in der antiken Mythologie. Das Arsenal 2017

In der Bibel lesen

Johann Hinrich Claussen: Das Buch der Flucht. Die Bibel in 40 Stationen. C.H.Beck 2018

73 Ouvertüren. Hrsg. von Egbert Ballhorn und Georg Steins. Gütersloher Verlagshaus 2018

Von Tieren erzählen

Rosamund Young: Das geheime Leben der Kühe. btb 2018

Vom Sport erzählen

Dominik Fehrmann: Die stille Saison eines Helden. Die besten amerikanischen Sportgeschichten. Steidl 2017

Das Abenteuer suchen

Hanns-Josef Ortheil. Die Mittelmeereise. Roman eines Heranwachsenden. Luchterhand 2018

Spazieren gehen/Flanieren

Niklas Maak/Leanne Shapton: Durch Manhattan. Hanser 2017

Der Flaneur. Vom Impressionismus bis zur Gegenwart. Katalog zur Ausstellung im Kunstmuseum Bonn 2018

Im Garten bleiben

Allan Jenkins: Wurzeln schlagen. Rowohlt 2018

Asiatisches Schreiben

Der 1000 Zeichen Klassiker. Aus dem Chinesischen übersetzt und kommentiert von Eva Lüdi Kong. Reclam 2018

Das schönste Buch des Jahres 2018

Saigyô: Gedichte aus der Bergklause. Sankashû. DVB 2018

 

Begegnung mit Roger Willemsen

Roger Willemsen habe ich kennengelernt, als er noch nicht sehr bekannt war, das war im Herbst 1987. Damals stellte er in den Büroräumen des Münchener Piper Verlags ein Buch mit dem Titel Figuren der Willkür vor. Ich saß neben ihm und präsentierte ebenfalls ein neues Buch, meinen Roman Schwerenöter. Wir kamen rasch ins Gespräch und saßen später noch lange zusammen, als sich die Zuhörer und die Mitarbeiter des Verlages schon längst verlaufen oder zurückgezogen hatten.

Später habe ich ihn immer wieder durch Zufall getroffen. Oft in Köln, in Restaurants, die uns beiden gefielen, einmal auch im Bordrestaurant eines Zuges, wo wir einander plötzlich gegenübersaßen. Während einer Fahrt in den Norden unterhielten wir uns wieder, fast ausschließlich über Musik. Mein Terrain war die Klassik (vor allem Klaviermusik), er aber sprach über Jazz, wo er sich viel besser auskannte als ich.

Ich habe diese Fahrt gut in Erinnerung: die Begeisterung, mit der er auf mich einredete, seine Vehemenz, das Sprudeln der aus dem Stegreif entstehenden überraschenden Einfälle, seine Freundlichkeit. Als ich aussteigen musste, verabschiedeten wir uns fast wie zwei Musiker, die gerade ein Duo gespielt hatten, er ton- und melodienangebend, ich eher begleitend und lauschend. Auf dem Bahnsteig blieb ich noch eine Weile stehen, nachdem er mir zum Abschied durch das Zugfenster lachend zugewinkt hatte.

Bei S. Fischer hat Insa Wilke jetzt viele seiner Texte über Musik (Musik! Über ein Lebensgefühl) herausgegeben. Die meisten sind brillante Aufforderungen zum Hören ganz bestimmter Stücke, in deren Klangcharakter er einführt und die er in einer Sprache auslegt, die nie bildungsbeflissen oder theoretisierend wirkt. Roger Willemsen ließ sich von bestimmten Kompositionen mitreißen und fesseln, und wenn er über solche Trips schrieb, dann so, dass man dieses Miterleben hautnah mitbekam.

Musik! ist ein ideales Buch für das Erweitern eigenen Hörens. Eine lange Reise kann man Roger Willemsen durch seine musikalischen Kontinente folgen, lesen, wie er seine Jazz-Favoriten vorstellt, Klassik mit Jazz konfrontiert oder Szenen außereuropäischer Musik porträtiert. Und da alle Stücke leicht im Netz abrufbar sind, kann man alle paar Tage eine Willemsen-Session einlegen und der Vorstellung erliegen, man lauschte weiter und weiter auf ihn und hörte seine eindringliche, nicht nachlassende Stimme.

Muschelessen

Es ist Muschelzeit, jetzt, kurz vor Weihnachten esse ich sie am liebsten. Es gibt unzählige Varianten, sie zuzubereiten, ich mag nur die sehr puristische: Olivenöl, klein gehackte Knoblauchzehen, Chili und Petersilie, dazu etwas trockenen Weißwein – fertig. Bloß keine Butter, keine Zwiebeln, kein Gemüse, nix von alldem!

Wenn sie serviert werden, sollten sie unter sich sein, ein kleiner Berg, der nicht im Sud schwimmt, sondern ihn überragt. Am besten schmecken die orangenen, kräftigen, leuchtenden (und eben nicht die hellen oder beigen). Kurz nach dem Öffnen der Schalen ist das Muschelfleisch lauwarm und schmeckt sehr intensiv.

Ist der Berg abgegraben, bleibt das eigentliche Vergnügen: der ausschließlich nach Muscheln schmeckende Weißweinsud, zu dem man getoastete Weißbrotscheiben isst. Dazu kühlen, trockenen, französischen Weißwein!

Extreme Schlichtheit! Ein Gericht, das in fünf Minuten fertig vor einem steht! Das Meer in nuce, wie ein Schriftsteller es in einem Roman über das Meer einmal genannt hat.