Hanna liest ein Gedicht

Gestern habe ich der elfjährigen Hanna, der Tochter eines mit mir befreundeten Paares, noch das Laubgedicht Stefan Georges vorgelesen: Sprich nicht immer/ Von dem Laub · / Windes raub ·/ Vom Zerschellen/ reifer quitten ·/ Von den tritten/ Der vernichter/ Spät im jahr./ Von dem zittern/ Der libellen/ In gewittern/ Und der lichter/ Deren Flammen/ Wandelbar. Hanna hat versucht, das Gedicht zu verstehen: Der Dichter meint, dass man nicht immer soviel über das Laub reden soll, das herumliegt. Irgendwann ist das Laub nämlich weg, der Wind bläst es fort. Auch über die reifen Quitten, die jetzt von den Bäumen auf die Erde fallen, soll man nicht viel reden. Sie gehen kaputt und verfaulen, weil niemand sie essen mag. Manchmal werden sie aber von bösen Leuten zertreten, die besonders jetzt, im Herbst, unterwegs sind. Das sind die Vernichter. Die machen sogar den Libellen Angst, die wegen der Vernichter zu zittern beginnen. Wenn die Vernichter kommen, ist alles unheimlich und gefährlich, und am Himmel entstehen schwere Gewitter und Blitze und Donner und viele Lichter und Flammen, von denen keiner weiß, wen sie verbrennen. Deshalb soll man am besten ganz still sein und nicht von dem Laub sprechen. Spricht man nämlich davon, entsteht eine ganz böse Kettenreaktion.

Hanna kehrt Laub

Hanna ist die elfjährige Tochter eines Paares, mit dem ich seit langem gut befreundet bin. Am letzten Wochenende verreisten ihre Eltern in die Schweiz, um dort einige familiäre Dinge zu regeln. Hanna aber blieb bei mir, aus freien Stücken, sie fand das „spannend“. Nach der Abreise der Eltern frühstückten wir zusammen und legten danach eine kleine Liste mit all den Sachen an, die wir später für unsere Verpflegung einkaufen würden. An erster Stelle die Süßigkeiten (Hanuta, Duplo und Ritter Sport-Schokolade), außerdem Obst (Apfelsinen zum Auspressen, Äpfel und Mandarinen), schließlich Pasta (Fusilli) sowie frische Tomaten für die Sauce. Nach unseren Einkäufen auf dem Markt aßen wir mittags die Süßigkeiten (seit endlosen Jahren hatte ich so etwas nicht als richtige Mahlzeit betrachtet) und tranken dazu Apfelsinensaft. Als Nachtisch gab es klein geschnittene Äpfel und Mandarinen. Wir schauten einen Comic im Fernsehen, dann aber sollte es nach draußen gehen, denn das Haus steckte in einem Meer von wild herumliegendem Laub, das in den letzten Wochen reichlich gefallen war. Hanna kratzte es mit einem Laubbesen zu kleinen Haufen zusammen, und ich füllte die Haufen in einen Laubsack. Dann überlegten wir, wohin wir das Sackinnere jeweils bringen wollten. Wir bildeten einen großen Laubwall im Umkreis einer Sitzecke, wir errichteten Laubtürme mitten im Wald, und wir krönten unser Werk mit einem großen Laubkreis auf einer Rasenfläche. Am Abend gab es Fusilli mit Tomatensauce. Was soll ich sagen? Es war grandios. Niemals hätte ich mir sonst so viele Süßigkeiten erlaubt, niemals hätte ich klein geschnittene Äpfel in solchen Mengen gegessen und niemals mit Hilfe von Hannas energischem Handeln aus herumliegendem Laub kleine Kunstwerke entstehen lassen. Vor allem aber hätte ich niemals jene Pasta (Fusilli) mit Appetit gegessen, die ich nach einmaligem Genuss vor Jahrzehnten zur grässlichsten, ungenießbaren Pastasorte erklärt und seither nie mehr angerührt hatte. Jetzt aber schmeckten diese Fusilli, als wären sie aus diesem Tag gemacht: eine abendliche Kinderspeise, kurios gedreht und gerollt wie die zuvor noch armselig herumliegenden Blätter, die wir erlöst und einer schönen Bestimmung zugeführt hatten.

Fermers Wanderungen 12

Damals, in den späten siebziger Jahren, war dieses Kino (aus den fünfziger Jahren) der Inbegriff einer romantisierenden Avantgarde gewesen. Wim Wenders hatte solche Kinos geliebt und sie Im Lauf der Zeit (1976) eine wichtige Rolle spielen lassen. Fermer erinnerte sich genau: wie häufig er in Kinos dieser Art gesessen hatte, einen Nachmittag oder Abend lang, mehrere Filme hintereinander schauend, niemals ermüdend, vielmehr geborgen in einem Raum, dessen Charakter mit seiner Kindheit viel zu tun hatte. Und was gab es heute zu sehen? Einen Film über die Rivalität zwischen Björn Borg und John McEnroe – und, ja, das passte genau in diesen erneuerten Lauf der Zeit. 

Meditationskabine

In der Ausstellung Partizipation (zu sehen Im TAL/ Hasselbach/Ww.) stellt der Künstler Erwin Wortelkamp einige seiner Arbeiten aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren vor. Darunter befindet sich auch eine Meditationskabine (aus dem Jahr 1970). In Außenräumen (auf Plätzen und Straßen) postiert, war dieses Objekt ein Angebot für Passanten. Indem sie es betraten, orteten sie sich selbst in einem vorgegebenen Raum und diesen begrenzten Raum wiederum in einem Bezug zu seiner weiteren Umgebung. Raumbegehung, Raumbestimmung, aber auch Raumabenteuer waren im Verlauf solcher Aktionen leicht möglich. Das schöne Objekt atmet den guten Geist dieser Jahre: Experiment, Neugier, Offenheit, Lust auf freie Selbstbestimmung im Spiel mit einem vorgegebenen Rahmen. Schließlich auch (in expressivem Sinn): Aufruf zu allem, was „möglich sein“ könnte!

 

 

 

Alleen im Herbst

Die herbstliche Großstadtmelancholie ist die Melancholie der großen Alleen, in denen der Winter in jeder Farbe und jedem Geruch bereits lauert. Bald wird uns die einbrechende Kälte von alldem trennen, und genau vor diesem Verlust graut es uns ingeheim bereits jetzt. Dieses Grauen ist die eigentliche Wurzel der großstädtischen Herbstmelancholie, denn wir ahnen: dem Barbarismus des Winters werden wir niemals entkommen.

 

Die Prachtinitiale

Die Urgestalt der Schrift ist besetzt von Farbe, Kontur, lebendem Raum und erahnbarem Klang. Als gemaltes Zeichen und Graphik bewahrt die Handschrift all diese Existenzen. In Gutenbergs gedruckter Bibel aus dem fünfzehnten Jahrhundert blieben die Räume für diese Hand- und Körperzeichen frei. Der zukünftige Leser hatte dafür zu sorgen, dass die Prachtinitialen (als Referenzen gegenüber der verloren gegangenen mittelalterlichen Handschrift) erhalten blieben. Der leuchtende Buchstabe führte den Reigen des Gedruckten an. In seinem Raum atmet die Schrift, nirgends sonst.

Kleine Magie

Und jetzt schau mal: Was ist das? Ein Trio in Begleitung? Eine Meditation in Flussnähe? Ein Filmmoment meines Projekts Fermers Wanderungen? Mag alles sein – die Magie entsteht jedoch durch den Mövenflug, als wäre die Bewegung des hellen Vogels am Fluss das Signal, das Menschen und Atmosphären dieses schönen Augenblicks berührt und zusammenhält.

Herbstlaub

Immer, wenn ich in diesen Tagen größere Haufen von Herbstlaub herumliegen sehe, fällt mir ein Gedicht Stefan Georges ein, dessen 150. Geburtstag im nächsten Jahr ansteht. Ich schaue aufs Laub, und das Gedicht breitet sich in mir aus, ich höre Zeile für Zeile – und es ist noch immer das alte Wunder eines vollkommen gelungenen, leichten Stefan George-Gedichts: Sprich nicht immer/ Von dem Laub · / Windes raub ·/ Vom Zerschellen/ reifer quitten ·/ Von den tritten/ Der vernichter/ Spät im jahr./ Von dem zittern/ Der libellen/ In gewittern/ Und der lichter/ Deren Flammen/ Wandelbar.

 

Herbstspeise

Die Jagd hat längst begonnen. Daher, mein lieber O, servieren wir heute frischen Wildschweinpfeffer „im Blut gebunden“, mit einer extra-Schrotkugel, die Du hoffentlich rechtzeitig ausmachst und keineswegs schluckst.