Zwanzig Jahre Hildesheim – Das große Fest ist vorbei

Das Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft an der Universität Hildesheim feierte gestern und vorgestern sein großes Fest: Zwanzig Jahre Studiengang Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus (siehe auch meinen Eintrag in diesem Blog vom 3.6.2019). Unüberschaubar viele Ehemalige waren gekommen, diskutierten auf Gesprächs- und Lesebühnen über ihre Bücher, erneuerten alte Freundschaften und tauchten wieder ein in jene Innenprozesse einer „zweiten Erwachsenenwerdung“, die man am Hildesheimer Institut einmal durchlebt hatte. Es war ein sehr entspanntes, gelöstes und intensives Fest, mitten im alten Parkgelände der mittelalterlichen Domäne Marienburg, dem schönsten Universitätscampus deutscher Universitäten.

In einem Gespräch mit Claudia Christophersen von NDR Kultur habe ich noch einmal auf einige jener Fragen geantwortet, die im Blick auf die Arbeit am Hildesheimer Institut oft gestellt werden:

https://www.ndr.de/kultur/Hanns-Josef-Ortheil-ueber-das-literarische-Schreiben,journal1820.html

 

Zwanzig Jahre Hildesheim – Interview (Ausschnitt)

Tja, Herr Ortheil, warum Hildesheim? Warum Studiengänge des Kreativen und Literarischen Schreibens gerade dort? In einer mittelgroßen Stadt mit ihren schmalen Gässchen und Häuschen? Warum nicht Berlin oder Hamburg oder München? Warum nicht Städte mit einer gewissen Weite? Mit großzügigen räumlichen Perspektiven?

O: Ah, Sie kennen Hildesheim? Sie kennen es gut?

Das nicht, nein, nicht direkt …, aber man hat ja eine Ahnung …, die hat man …

O: Was Sie nicht sagen …

 

Skizzieren – entwerfen – planen

K hat jahrelang an seiner Dissertation gearbeitet. Sie beschäftigt sich mit der Ästhetik des Romanentwurfs – und daher mit jenen Skizzen, Zeichnungen und Plänen, mit denen manche Romanautorinnen und Romanautoren ihre Arbeit an einem Buch begleiten.

Solche Entwürfe haben zunächst die Aufgabe, Klarheit über bestimmte Räume zu gewinnen, die in einem Roman eine Rolle spielen. Wohnungen mit ihren verschieden eingerichteten Zimmern, Hausbauten, Umgebungen von Häusern, Straßen, Stadtviertel – die Skizzen gehen oft bis ins kleinste Detail, auch wenn dann später nicht alle dieser Details im Roman erscheinen. Sie heizen das Fantasieren an und locken Figuren herbei, sie initiieren Handlungsmomente und Stimmungen.

Zweitens besteht der Gewinn solcher Entwürfe aber auch darin, die Übersicht zu behalten. Romanarbeit dauert oft Jahre, da vergisst man als Autorin oder Autor nicht selten, wie man bestimmte Räume oder Szenen mit Hilfe bestimmter Utensilien komponiert hat.

Drittens sind Romanentwürfe aber auch häufig ästhetische Gebilde eigener Art. Dann sind sie mehr als bloße Hilfsmittel und tendieren zum autarken Bild: zur Zeichnung oder gar zum Gemälde.

K wird heute, am 13. Juni 2019, sein Rigorosum (die mündliche Prüfung zur Erlangung des Doktorgrades) ablegen. Seine Dissertation ist glänzend benotet worden, sie ist so etwas wie ein Meilenstein in der Erforschung von Romanentwürfen.

Bis sie erscheint, kann man sich hier schon einmal informieren – Architektur wie sie im Buche steht. Hrsg. von Winfried Nerdinger. Verlag Anton Pustet 2006 – Vor allem: S. 146-159 und S. 340-409

Lustvolles Schrumpfen

(Heute auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S.4)

Seit die Grünen laut Politbarometer-Umfragen die stärkste Partei sind, geht durch weite Kreise meiner Freunde und Bekannten jener Ruck, den vor langer Zeit einmal Bundespräsident Roman Herzog eingefordert hat. Damals konnte er noch nicht genau sagen, was man sich darunter vorstellen sollte, jetzt aber hat der Ruck alles, was er zum Durchrucken braucht: Theorien und jede Menge Praxis.

Beides zusammen liefern gegenwärtig die Kinder und Jugendlichen der Familien um mich herum, die ihre Eltern unterrichten und einweisen. Die üblichen Sommerferien inklusive Billigflug nach Marokko oder auf die Kanarischen Inseln sind gestrichen – in diesem Jahr geht es mit der Bahn und Superspartarifen in Gegenden, in denen der Tourismus noch nicht dominiert. Die deutschen Mittelgebirge und entlegene Flusslandschaften sind angesagt, man durchfährt sie auf Fahrrädern und kalkuliert abends Kalorienverbrauch und Energieleistungen. Während der munteren Familienfahrten sammelt man den Plastikmüll am Wegrand ein, das nennt man seit neustem „Plogging“ – so ein neuer, chicer Begriff motiviert bereits immens.

Alles kreist letztlich um den ökologischen Fußabdruck, der sämtliche Bereiche des Lebens erfasst und den die junge Avantgarde laufend messerscharf berechnet. Wer hat heute zum Frühstück mal wieder ein Scheibchen Wurst verzehrt? Wer hat die Bio-Lebensmittel im Supermarkt sträflich übersehen?  Und wer bewohnt viel zu große Flächen, anstatt sich auf die Hits der aktuellen Wohnkultur zu besinnen: Hütten und Tiny-Houses?

Der bullige Van, in dem die Eltern früher durch kaum noch eine automatische Parkplatzschranke kamen, wird natürlich verkauft. Alles, was breit, hoch und dominant aussieht, sollte abgestoßen werden, denn die Zeiten, in denen man mit den Anderen um Fülle und Hülle konkurrierte, sollten endgültig vorbei sein. Die „grünen Zeiten“ werden stattdessen eine Ära lustvollen Schrumpfens einleiten, an deren Ende auch das Top-Ziel erreichbar scheint: Die Nutzung der nervenden Smartphones mitsamt ihren Quassel- und Nachrichtenangeboten einzuschränken! Natürlich war es niemand anderes als eine Lyrikerin, die das Wegweisendste überhaupt zu diesem Thema gesagt hat: Seit sie nicht mehr bei Facebook zu Hause sei, sei sie einfach viel glücklicher. Dem muss aber auch kein einziges Silbchen mehr hinzugefügt werden.

Lebenswege

Radio klassik Stephansdom (Wien) sendet heute und übermorgen
Freitag, 7. Juni 2019, 17.30-17.55 Uhr
Sonntag, 9. Juni 2019, 17.30-17.55 Uhr

ein Gespräch, dass die Redakteurin Stefanie Jeller mit mir geführt hat:

www.radioklassik.at/hanns-josef-ortheil/

Danach ist das Ganze auch im Netz abrufbar.

 

Glücklich oder unglücklich?

War es eine glückliche oder unglückliche Kindheit, die Hanns-Josef Ortheil als klavierspielender junger Pianist früher erlebte? – fragt die Moderatorin von rbb den Rezensenten meines Buches, den Literaturkritiker Jörg Magenau. Und der antwortet subtil, schwungvoll und mit hörbarem Enthusiasmus, noch angesteckt von den freudigen Leseerfahrungen zweier Tage … Die im hellen Tonfall seiner Antworten nachklingen …

Nachhören kann man das Gespräch hier:

https://www.rbb-online.de/rbbkultur/radio/programm/schema/sendungen/rbbkultur_am_morgen/archiv/20190527_0605/lesestoff_0830.html

 

Mohn

Der grüne, raue Stängel balanciert die schwebendrote Blütenkomposition. Mehrere schwere Gewänder öffnen sich verschwenderisch wie zur Preisgabe eines dunklen, erotischen Geheimnisses. Die Heerschar der Staubblätter umkreist eine Kapsel, die im Laufe der Tage fester werden und schließlich die gelagerten und gereiften Samen ausscheiden wird. Zuvor erscheint das alles aber noch so, als öffnete sich eine leicht parfümierte Hand mit mehreren roten Fingern und biete wie ein kleiner Teller starke, schwarze Narkotika mit feinsten Weißschaumakzenten an. (Die Musik dazu ist übrigens spanisch …)

Einladung nach Hildesheim

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs, das Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft der Universität Hildesheim (dessen Gründungsdirektor ich bin) lädt am Freitag, den 14. Juni 2019 (abends), und Samstag, den 15. Juni 2019 (nachmittags und abends), zur Feier des zwanzigjährigen Jubiläums des Studiengangs Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus auf den schönsten Universitätscampus Deutschlands, die mittelalterliche Domäne Marienburg (siehe Foto unten).

Sollten Sie teilnehmen wollen, erleben Sie Lesungen und Gespräche mit dem in den letzten Jahren ausgebildeten literarischen Nachwuchs, der bereits mit eigenen Veröffentlichungen in überregionalen Verlagen breite Bekanntheit erlangt hat. Alle Informationen zum Großen Fest finden Sie unter:

https://www.uni-hildesheim.de/neuigkeiten/am-puls-der-zeit-zwanzig-jahre-kreatives-schreiben/

Kommen Sie im Laufe des Freitags, erleben Sie abends die Eröffnungsveranstaltung in der Literaturkirche St. Jacobi im Herzen Hildesheims und bleiben zwei Nächte. Kommen Sie samstags, erleben Sie ab ca. 14 Uhr ein Fest, wie es noch kein vergleichbares gegeben hat, und bleiben dann über Nacht. Dazwischen und daneben erkunden Sie das mittelalterliche Hildesheim, mit seinem Dom, der romanischen Kirche St. Michaelis und dem Museum altägyptischer Kunst. All das lohnt sich sehr, als Anregung und Stärkung für lange Zeit!

Worüber ich mit Mariana Leky und Arnold Stadler gesprochen habe

Im Rahmen der 18. Westerwälder Literaturtage habe ich (wie an den letzten Tagen gemeldet) mit Mariana Leky und Arnold Stadler über das Thema Heimat/en gesprochen. Welche Unterscheidungen haben wir dabei getroffen?

Begonnen haben wir mit der „ersten Heimat“ – mit dem Dorf oder dem Viertel einer Stadt, in dem wir groß geworden sind. (Literarisch betrachtet, handelt es sich um „Dorfgeschichten“). Die „erste Heimat“ ist der prägende Raum der frühsten Begegnungen, in deren Verlauf die für unser ganzes Leben zentral und bestimmend werdenden Menschen und Dinge ins Spiel kommen. Wir lernen, den uns umgebenden Raum nicht nur zu benennen, sondern auch zu empfinden. Seine Gerüche, Farben, Wärmegrade und Klänge, seine Speisen und Getränke begleiten uns ein Leben lang.

(Im Alter kann es daher passieren, dass wir uns nach dieser „ersten Heimat“ zurücksehnen. Wir spüren „Heimweh“, die „erste Heimat“ ist dann unsere „alte Heimat“, die wir im Extremfall sogar wieder aufsuchen oder in der wir uns endgültig niederlassen.)

Irgendwann, meist in der späten Pubertät, zieht es uns in die „zweite Heimat“. (Literarisch betrachtet, handelt es sich um eine Aufbruchsgeschichte.) Sie ist uns nicht gegeben (wie die „erste“) – wir müssen sie vielmehr erst herstellen. Dazu gehört, dass wir die Besonderheiten eines „anderen Lebens“ (in einiger Entfernung von der „ersten Heimat“) verstehen und auf sie reagieren. Sich „zu beheimaten“ ist ein kultureller Akt, der von uns verlangt, die erste Heimat der frühsten Zeit mit einer „anderen Heimat“ neuer Zeitrechnung zu verbinden.

Treibt es uns noch weiter hinaus, reisen wir in die „ferne Heimat“. (Literarisch betrachtet, handelt es sich um die Geschichte der „Weltreise“). Sie liegt nicht mehr nebenan, sondern in einem Jenseits oder Irgendwo, zu dem wir vorher noch nie eine Verbindung spürten. Wir überqueren Flüsse und Meere, wir streben in andere Kontinente, die „erste Heimat“ gerät beinahe ganz aus dem Blick.

Ignorieren wir die „ferne Heimat“, könnte stattdessen auch der europäische Raum für uns zu einem größeren Ganzen werden. (Literarisch betrachtet, handelt es sich um die Geschichte der „nahen, benachbarten Fremde“). Mit der Empfindung von „Europa als Heimat“ treffen wir auf das historische Neben- und Miteinander der unterschiedlichen europäischen Kulturen, die seit Jahrtausenden eng miteinander verbunden sind. Vielleicht pendeln wir zwischen unserem Heimatland und den Nachbarländern hin und her, oder wir machen Urlaub im Norden oder im Süden – in fast allen Fällen erleben wir die anderen Welten eng bezogen auf unsere eigenen: im Vergleich von Nähe und Ferne oder in der bewusst empfundenen Andersartigkeit.

Von hier aus wächst das Verständnis für all die, die nun wiederum von anderen Ländern zu uns kommen. (Literarisch betrachtet, handelt es sich um Geschichten der Flucht oder des Exils). Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es die Vertriebenen, dann die sogenannten „Gastarbeiter“, jetzt sind es Flüchtlinge und Hilfesuchende. Indem wir ihnen begegnen und auf sie zugehen, bewährt sich unser in der weiten Fremde geschulter Sinn: Jetzt sehen wir „die anderen“ bei uns „ankommen“, um eine „neue Heimat“ zu finden und sie mit unserer Hilfe zu gestalten.

Schließlich der „globale Raum“. (Literarisch betrachtet, handelt es sich um Geschichten des kosmonautischen Blicks.) Von ihm haben wir zuerst etwas in den Tagen der ersten Mondlandung (1969) mehr erfahren. Da sahen wir unseren Globus durch das Fenster einer Rakete, sein verlorenes Treiben im dunklen All, seine Schönheit und Ungeschütztheit. Plötzlich war das Ganze unserer Raumfluchten erkennbar: Eine blaue Seifenblase im Universum, dem „umfassend Ganzen“. Es war kein Zufall, dass sich damals der Club of Rome zum ersten Mal meldete und uns daran erinnerte, was wir der Schönheit und Unversehrtheit der Erde schuldeten: Unseren aktiven Einsatz, die Ausdehnung unseres entwickelten Heimatbewusstseins auf den ganzen Planeten.