Unsere kleine Stadt 2

In der kleinen Stadt, die wir von Heinrich Mann geerbt haben, fallen an den Abenden die Schauspieler ein. Sie spielen stundenlang, und die Bewohner des Ortes lachen dazu, was das Zeug hält. Das Lachen bereitet sie auf die Nacht vor, in der die Schauspieler die Herrschaft über den Ort übernehmen. Es geht drunter und drüber, die Bewohner werden zu Laienschauspielern, und die Schauspieler geben sich als Bewohner aus. Frühmorgens begreift niemand mehr, wohin er gehört. Dann vertreiben die lauten Glockenschläge der zentralen Kirche den Spuk – und ich rezitiere auf dem Kirchplatz einige Kapitel Heinrich Mann: Die kleine Stadt.

Der Dorfwächter

Der Dorfwächter ist ein kleiner, aufmerksamer Mann mit relativ großem Kopf. Gegen acht Uhr in der Früh verlässt er sein Haus und durchstreift den Ort. Er scheucht die Tauben vom Kirchplatz und geht geduckt durch die schmalen Gassen, um nach dem Rechten zu sehen. Zehn Minuten später umrundet er die mittelalterliche Burg, beseitigt den Unrat vom Kinderspielplatz und flucht vor sich hin. Dann steigt er eine lange Treppe zur Durchfahrtstraße hinab und kehrt in einem der drei Cafés ein. Er durchblättert die Morgenzeitungen im Stehen und ruft buon giorno!! buon giorno!!, so laut, dass es die junge Frau hinter der Theke graust. Warum bestellt er nichts, warum nicht einmal einen winzigen schwarzen Caffè, mit einer Haube aufgeschäumter Milch? Nichts da, er übertreibt die Kontaktaufnahme nicht, er rüttelt hier und da an den Fensterstäben und Gittern und flucht weiter. Dann kauft er in der Bäckerei zwei Brötchen und trägt sie wie einen Schatz zurück in sein Haus, wo er sie gegen neun Uhr mit krachendem Zubiss verzehrt. Dazu ein Glas Wasser – bevor der zweite, radikalere Rundgang beginnt, der den Ort endgültig aufschrecken lässt.

Unsere kleine Stadt

Die Ländereien unserer kleinen Stadt haben wir von Heinrich Mann geerbt und übernommen. Sie ist nicht besonders schön, eher wohltuend schlicht. Es gibt eine zentrale Kirche mit Kirchplatz, einige schmale Gassen und eine mittelalterliche Burg als Ausguck. Die meisten Bewohner treffen sich tagsüber auf der niedriger gelegenen Durchfahrtstraße. Dort locken drei verschiedene Cafés und ein ländliches Restaurant. Es handelt sich um eine typische italienische Kleinstadt auf einer Hügelkuppe, besiedelt schon seit der Bronzezeit. Man kann sie nicht mehr großartig verändern, im Grunde ist sie auch nie verändert worden. Über alles, was sie braucht, verfügt sie seit endlosen Zeiten. Sie gibt sich den Sonnen hin, wartet geduldig auf den Abend und leidet in Maßen darunter, dass ihren Bewohnern zu ihr nichts Rechtes mehr einfallen will.

Fermers Wanderungen 7

Als er aus den Wäldern auf die Lichtung trat und hinab auf die Stadt (war es denn eine Stadt?) blickte, war der Anfang des großen Gedichts wieder da, das der einzige Sänger dieses weiten Raums erträumt hatte. Und er hörte und sah es summen:

Wieder ein Glück ist erlebt. Die gefährliche Dürre geneset,
Und die Schärfe des Lichts senget die Blüte nicht mehr.
Offen steht jetzt wieder ein Saal, und gesund ist der Garten,
Und von Regen erfrischt rauschet das glänzende Tal,
Hoch von Gewächsen, es schwellen die Bäch und alle gebundnen
Fittige wagen sich wieder ins Reich des Gesangs.
Voll ist die Luft von Fröhlichen jetzt und die Stadt und der Hain ist
Rings von zufriedenen Kindern des Himmels erfüllt.
Gerne begegnen sie sich, und irren untereinander,
Sorgenlos, und es scheint keines zu wenig, zu viel.

Die Biografie eines Buches 5

In der Wartezeit bei meinem lebenslustigen und eloquenten Friseur erhalte ich einen Stapel Zeitschriften für ein rasches Durchblättern. Darunter ist (wie immer) auch die Vogue. Für dieses Durchblättern brauche ich einige Zeit, denn mein junger Friseur macht sich einen Spaß daraus, sich später mit mir über die Fotos in dieser Zeitschrift zu unterhalten. Ich blättere und blättere, ich präge mir einige Fotos ein und erreiche die Seite 178. Und da ist es, ich sehe es sofort, auf den ersten Blick: das Cover meines neuen Romans! Und dann der dazu gehörende Text: „Von Trugbildern handelt auch Hanns-Josef Ortheils hinreißender Roman Der Typ ist da. Denn als der junge Venezianer Matteo, dem sie während eines Venedig-Aufenthalts begegnete, eines Tages vor der Tür der Kölner Studentin Mia steht, gerät nicht nur ihr Leben gehörig durcheinander, sondern auch das ihrer Mitbewohnerinnen Lisa und Xenia. Zauberisch versteht es Matteo, die Gedanken und Gefühle der drei zu manipulieren. So entbrennt ein höchst unterhaltsamer Konkurrenzkampf um die Gunst des wie vom Himmel gefallenen venezianischen Cherubs – gestaltet als Traumspiel über himmlische Gefühle in irdischen Sphären.“ Geschrieben hat das der Schriftsteller Peter Henning – und er hat eine wunderbare Kette von Signalen gefunden: Hinreißend, zauberisch, der Cherub, das Traumspiel – der Roman als romantisierendes Märchen.

Der Fan auf Distanz

Natürlich bin ich ein Fan der 05er. Aber ich bin ein Fan auf Distanz. Gibt es so etwas? Aber ja: ein Fan, der mit Ungeduld schaut, beobachtet und (ob des mäßigen Spiels) seufzt, sich aber nach der Niederlage keine Kugel durch den Kopf jagt. Ein hellwacher Fan also, einer, der die scharfe Beobachtung über das Mitleiden stellt. Der Schritt zum Vollfan ist kein großer. Kann noch werden, würde ich sagen. Beobachten wir mal diese Saison.

Kölner Brauhaus Schwemme

Der schönste Raum in einem Kölner Brauhaus ist die Schwemme ganz vorne am Eingang. Die frische Luft von draußen durchströmt diesen Durchgangskanal zum eigentlichen Lokal, und nur wenige Meter, zum Greifen nahe, steht das schwere Fass, aus dem das frisch gezapfte Kölsch unablässig fließt. Hat man sein Glas geleert, fliegt ein gefülltes sofort heran, man wartet keine Sekunde, sondern wird von einer Mutterbrust unablässig versorgt. Man trinkt, saugt und bekommt den Blick nicht weg von dem sich immer schräger neigenden Fass, von seiner Rundheit und Massivität, aus dem der hellblonde Quell pausenlos in ein Glas nach dem andern schießt. In der Schwemme bin ich mit diesem Mutterstrom direkt verbunden, deshalb bin ich dort auch gerne allein, weil man ein so intimes Dasein mit der Mutter nicht gerne mit anderen teilt. Begleitet mich ein guter Freund, verhalten wir uns nicht zufällig wie zwei flapsige Brüder. Begleitet mich eine Freundin, gibt es meist leichte Spannungen, weil Freundinnen mit nahen Müttern nicht gut auskommen. Am liebsten trinke ich hier also ohne Begleitung, es gibt kaum einen Ort auf der Welt, an dem sich die Lebensverhältnisse wie von selbst, nur durch den regelmäßigen Zustrom der heimischen Muttermilch, wieder klären. (Aus: Was ich liebe und was nicht)

 

Pilze

Die ersten frischen Pilze in diesem Jahr! Nicht gegrillt, sondern in einer Weißweinsauce gedämpft und langsam geschmort. Die Flüssigkeit zieht in die porösen kleinen Leiber ein, besetzt sie und macht sie konstant.

Die Biografie eines Buches 4

Heute erscheint der neue Roman. Bald werde ich die ersten Rezensionen zu lesen bekommen. Für einen Autor können solche Texte sehr unergiebig sein. Zum Beispiel, wenn sie sich auf ausgetrampelten Pfaden an das Buch heranmachen (was hat der Autor früher so alles geschrieben? Wie finde ich etwas vom Früheren im Neuen?). Oder wenn sie den Inhalt zu lange referieren und nicht zu einem begründeten Eindruck vom Leseerlebnis kommen. Was sollte man stattdessen in einer Rezension finden? Der Leser sollte erfahren, was mit einem Rezensenten während der Lektüre passiert ist. Und die Rezension sollte ihn ahnen lassen, was für ein Buch ihn genau erwartet. Das erfordert viel Sensibilität und die Bereitschaft, nicht gleich mit raschen Urteilen aufzutrumpfen. (Michel Foucault hat einmal ironisch von dem Kritiker berichtet, der nachts aufwachte und schrie: „Ich will urteilen.“) Und schließlich: Was erwarte ich selbst von einer Rezension? Dass ich etwas zu lesen bekomme, das mir selbst nicht eingefallen wäre, irgendetwas, das nicht aus flüchtig Gehörtem, Gelesenem oder Aufgegabeltem hergeleitet wurde, sondern im Verlauf einer hingebungsvollen Lektüre für den Rezensenten sichtbar geworden ist.