Dial-a-poem

An diesem regnerischen Nachmittag in der Stadt unterwegs. Eine Regenpause genutzt und mich einen Moment in den großen Park gesetzt, warm genug ist es ja schließlich. Dann: die Nummer 00 1 641-793-8122 gewählt. Gewartet, bis das Freizeichen zu hören ist und ich mit „dial-a-poem“ begrüßt werde, worauf ich die Stimme einer amerikanischen Lyrikerin oder eines Lyrikers zu hören bekomme, der eines seiner eigenen Gedichte vorträgt. Gary Snyder, Frank O’Hara, Ron Padgett – für einige Minuten könnte ich meinen, ich wäre mit diesen Stimmen direkt verbunden. Genau zuhören. Das Telefonat beenden. Eine gute Weile dem nachhorchen, was ich gerade gehört habe. Aufstehen, den einsetzenden Regen auf der Kopfhaut spüren. Sich die Haare massieren – und weiter durch den Nachmittag.

Was gleicht wohl auf Erden …

Dann und wann, nachdem ich mit guten Freunden in Wald und Auen auf Jagd war, kehre ich bei einbrechender Dämmerung in die Carl-Maria-von-Weber-Stuben ein, entledige mich der Almwalker Winter Boots, schlüpfe in meine Gastschuhe aus Nubukleder und eröffne den traulichen Abend mit einem Schluck Quittengeist. Wenig später serviert Jungfer Agathe zusammen mit ihren Freundinnen gebratene Rehleber und geschmorte Apfelspalten, gefolgt von Rehmedaillons und Apfel-Dörrzwetschgen-Gratin, gekrönt von einem Spätburgunder aus der Pfalz. Es singt Peter Schreier, begleitet von der Staatskapelle Dresden unter Carlos Kleiber (Das Wild in Fluren und Triften …).

Introitus 2018

Am frühen Nachmittag erscheinen die Mönche zur Vesper in der Abteikirche. Während der darauf folgenden Gesänge und Wechselgesänge werden sie sich im Chorgestühl aufhalten, jeder Mönch für sich, auf seinem Platz – und doch in einer Reihe mit seinen Nachbarn. Zwei Gruppen werden sich zu einem mönchischen Privatissimum gegenüber stehen, ohne einander zu fixieren. Die in weiße Gewänder gehüllten Beter nehmen auch keinen Kontakt auf zum weiteren Kirchenraum und erst recht nicht zu den Gläubigen, die ihnen zuhören, sich aber an ihrem Gesang nicht beteiligen dürfen. Die Intensität der mehrmals am Tag stattfindenden Stundengebete soll sich in einem geschlossenen, intim bleibenden Raum ergeben. Kein Gottesdienst, keine Messe, sondern ein halblautes Singen und Flüstern: ein Fragen, Bitten, Danken, Preisen, grundiert von der Not der Hilflosen, fern von den Gebeten des starken Glaubens, der ganz anderen Riten folgt und andere Sprachen wählt.

Die Zeit zwischen den Jahren 5

Stillstand – und der Blick in die Wolken. Wie sie das Bild zum Horizont hin verdichten und sich dem breiten Pinselstrich unterwerfen. Wie sie in nächster Nähe in Bewegung geraten und sich langsam öffnen. Wie sie erste Durchblicke gewähren – und die Freude am ungeminderten Hellblau. Wie sie von Sekunde zu Sekunde schwelgen, zerfasern und neue Verbindungen in Clustern eingehen. Wie sie das vergehende Jahr fortschwebend zitieren und in all dieser Flüchtigkeit bereits das Neue Jahr anklingen lassen. Und danach, was dann?! Zum Jahresausklang liest Du in dem schönen Buch von Klaus Reichert (Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen. S. Fischer-Verlag 2016) …

Die Zeit zwischen den Jahren 4

Stille Gänge?! Was soll das heißen? Wir gehen nicht, wir stehen – und das stundenlang. Stilles Stehen ist cool, Du spielst Backgammon oder Blackjack im Kopf, das sind genau die richtigen Spiele vor der großen Silvestersause. Du solltest vorbereitet sein, Baccara spielen ist was für den Einstieg, damit kannst Du mal anfangen. Du solltest lernen, das Neue Jahr in Partien zu denken. Also los, Du Langweiler: Iiro Rantala & Ulf Wakenius spielen Good Stuff.

Die Zeit zwischen den Jahren 3

Stille Gänge. Die abgebrochenen Experimente des noch laufenden Jahres am Wegrand. Was hast Du vor? Was wirst Du so alles tun? Welche Ideen wirst Du weiter verfolgen und welche Projekte? Wohin wirst Du reisen? Worüber wirst Du schreiben? Jeroen van Veen spielt Arvo Pärt: Für Anna Maria. Immer kürzere, langsamere Schritte. Immer stiller. In den feuchten Erdschwaden: Abdrücke Deiner Sohlen. Bis zum frühen Abend werden sie leuchten.

Die Zeit zwischen den Jahren 2

Paul (71) lebt im Garten, egal, ob das Wetter sich dafür eignet oder nicht. Statt spazieren zu gehen, widmet er sich täglich den Bäumen und Pflanzen, und immer hat er die passenden Gartengeräte dabei. Zwischen den Jahren ist die Zeit, sie instand zu setzen oder zu reparieren, auch die großen Regale in der Garage werden jetzt aufgeräumt. Die Kübelpflanzen hat er rechtzeitig vor Winterbeginn mit Winterschutzmatten aus Jutefilz eingekleidet, sie stehen jetzt – dickbäuchig und umknotet – wie verwöhnte Patienten herum. Der Weihnachtsbaum, den Paul im Topf gehalten hat, kommt in diesen Tagen bereits ins Freie, wird in den Garten gesetzt und erhält ein Vliesgewebe, das die Spitze vor der Kälte schützt. An etwas wärmeren Tagen streut Paul feinen Kompost auf seine Beete und betrachtet sie lange. Zur Hälfte herrscht noch der Winter, die Gedanken ans Frühjahr sind jedoch schon lebendig. Wenn Paul träumt, sieht er kleine Narzissen und Krokusse in vertraut erscheinenden Inselgruppen. Auf der Bank neben der Haustür sitzt er am liebsten, und wenn es nicht gerade regnet, raucht er ein Zigarillo der Marke Davidoff (Exquisitos). Komme ich bei ihm vorbei, nickt er und ruft mich danach beim Namen. Wer bin ich? Sein Neffe? Der Gartengehilfe? Oder doch nicht eher der Herumwanderer, der zu allen Zeiten des kommenden Jahres mit ihm durch den Garten gehen wird, eingedeckt von Pauls Erzählungen und Kommentaren, in denen die Bäume und Pflanzen so leben, als wären sie „das Mass aller Dinge“ und auch „das Mass des (bedürftigen) Menschen“.

Die Zeit zwischen den Jahren 1

Das Grosse Fest, auf das wir einen Monat lang hingelebt haben, ist vorbei, die Chöre, Trompeten und Posaunen haben drei Tage lang musiziert und selbst die ältesten Werke (wie etwa die geheimnisvolle Missa Puer natus est des Thomas Tallis (1505-1585)) wieder ins Bewusstsein gerückt. Jetzt sollten wir aus dieser Hochfeier-Stimmung wieder herunterkommen – und in einem kurzen Anlauf auf Silvester zu andere Tempi (und damit auch Melodien) einschlagen. Die Zeit zwischen den Jahren ist in dieser Hinsicht (Entspannung nach dem Fest, Etüdenstimmung, Vagabundieren in den unterschiedlichsten Kulturen) eine der schönsten des Jahres. Wir sind also viel unterwegs, schauen uns um und verzeihen Benny Andersson, der sich auf seiner Piano-CD am Ende schon in die Zielbereiche des Happy New Year vorwagt, alles: Einfach mal hin- und weghören, einfach mal dies und das mitsummen und in den Pausen der Stunden unterbringen, einfach mal auf schmalen Pfaden, freundlich begleitet, „das Herz ausschütten“.