Studiotermine

Guten Tag, es ist früher Nachmittag, Sie sitzen im Studio eines Senders. Im Aufnahmeraum sind Sie allein, durch die Trennscheibe erkennen Sie die Aufnahmeleiterin im Raum gegenüber, die alles im Blick behält. Auch Sie selbst, den Schriftsteller, der gleich über sein Buch Musikmomente sprechen soll, das am kommenden Montag im Handel erscheinen wird. Konzentrieren Sie sich jetzt nur auf das Mikrofon direkt vor Ihnen, sitzen Sie bitte entspannt, versuchen Sie, glasklar, ohne Hänger und ohne Weitschweifigkeiten, zu formulieren. Sprechen Sie lebendig, aber nicht überbetont, seien Sie ganz „bei sich“, ohne an anderes zu denken. Der Moderator der Sendung ist Ihnen in wenigen Sekunden zugeschaltet. Sie werden seine Stimme über Kopfhörer hören. Antworten Sie ruhig und gelassen auf seine Fragen. Die Zuhörerinnen und Zuhörer können Ihre Antworten später jederzeit über die Webseiten der jeweiligen Sender abrufen. Was Sie sagen, erhält uns das Netz. Toi toi toi! (WDR 3 Tonart, Sendung am 05. 12. 2017/ BR-Klassik,  Meine Musik, Sendung am 09.12.2017, 11.05 Uhr bis 11.55 Uhr).

Das winterliche Leuchten

Liegt genug Schnee, werden die Waldwege zu winterlich leuchtenden Spuren. Die Fußabdrücke bilden schmale Pfade, gereiht wie ein Schlingern. Rückblickend erkennt man, wem man ausgewichen ist: dem Astwippen eines verschneiten Baums, einer vereisten Senke, einem schwerem Holz, das ein Hund quer auf dem Weg hinterlegt hat. Je länger man geht, um so besser gewöhnen sich die Augen daran, vom Leuchten des Bodens und den rückstrahlenden Himmeln geleitet zu werden. Solche Gänge führen in ein befriedetes Schweigen, das sich seine Musik wie von selbst sucht. Heute mischt sie sich in das späte Gehen, windet sich zwischen die Baumreihen, tritt unbemerkt wieder hervor, summt dem Gang hinterher. Alexandre Tharaud spielt Couperin: Les Barricades Mystérieuses.

Erster Advent – tempus clausum

Mit dem ersten Advent beginnt die „geschlossene Zeit“  („tempus clausum“). Sie schließt das laute Feiern aus und zielt auf das allmähliche Stillerwerden bis hin zum Heiligen Abend. Ich hörte Cecilia Bartoli, begleitet vom Sistine Chapel Choir. Sie sang einen Hymnus des Magister Perotinus aus dem zwölften Jahrhundert („Beata viscera Mariae Virginis“). Im Schneefall des Vesperabends leuchtete die Stimme in der Walddunkelheit und hielt sich dort minutenlang über dem raunenden Abgrund des Chors. Ich setzte mich auf eine beschneite Bank und wartete darauf, eingeschneit zu werden.

Samstag vor dem ersten Advent

Kurz vor dem ersten Advent stelle ich neben anderen Lebensformen auch die Ernährung weitreichend um. Essen und Trinken werden schlichter, haben dafür aber durchaus etwas Rares: lange nicht mehr so etwas gekostet! Schmal und an den Rändern dunkel und knusprig müssen schwäbische Deie sein, weshalb ich gleich noch die ganze Geschmackspalette zum Hinschauen serviere: Die besten Deie liegen ganz rechts und ähneln jenen Schiffen, die jetzt „geladen kommen“: und zwar mit klein geschnittenem Schwarzwälder Schinken, sehr wenig Schmand und reichlich Schnittlauch.

Vor Advent

Jetzt, am frühen Abend, ist es um mich geschehen: Die Dunkelheit eines Schlosshofes, ein Chor, dessen Mitglieder geduldig in die dunklen Gefilde lächeln, ein Chorleiter, der so leise und fürsorglich spricht, als führte er seine Lieben gleich noch durch die Nacht in tausend geheimnisvolle Wälder – und das Hineinwirken der alten Lieder, aus Kindertagen, als fast jedes Wort noch ein Rätsel war. Übermorgen beginnt die Adventszeit, und ich werde sehen, was mir die vielen weiter bestehenden Rätsel in diesem Jahr so alles bedeuten.

Winterszenen

Während der langen Zugfahrt erscheinen stille Winterszenen, deren Schönheit in ihrem fast japanischen Gusto besteht. Die großen Flächen sind weiß grundiert, lassen aber noch viele Spuren erkennen. Der Weg ist eine breite, dunkle Linie, kahl geräumt, und die Bäume heben sich von der weißen Fläche in kleinen Reihen, aber auch als einzelne Wesen ab. Die Hütten wiederum erscheinen geduckt, zurück genommen, und der Wald ist ein Saum oder ein Riegel, der sich den gewellten Schwüngen der Wiese anpasst. Solche Szenen sind profiliert und beredt, eine Schwarz-Weiß-Meisterschaft der vielen Details, die zusammen ein Panorama der vielfältigsten Eindrücke ergeben.

 

Graupel

Graupel ist eine eisige Saat, die aus den Himmeln stürzt. Die Wolken ziehen zu, die Welt wird immer dunkler für diesen Guss, der sich auf der Erde versprüht und rasch – wie hingefeuert – zerplatzt. Man bleibt stehen und wartet ab, bis die tollen Signale sich ausgetobt haben. Schließlich befallen sie auch die Haare, nisten sich ein, tropfen ab und laufen in schmalen Strähnen am Hals herab. Bis sie enden in der lauen Wärme des Kragens, den die flüssig gewordene Saat aufweicht und bricht.

 

Der erste Schnee

Der erste Schnee erscheint in kleinen Inseln, die einige Stunden bestehen und dann langsam verblassen. Sie zeigen sich in den kältesten Zonen des Gartens, gut geschützt, unangetastet. Dort, wo sonst kaum jemand hinschaut, erscheint mit einem Mal ein Dekor, der sich gegen die größeren Flächen behauptet. Er verfärbt sich nicht, sondern gräbt sich langsam in Erde und Laub. So präpariert er eine bestimmte Zone für den stärkeren Schneefall in baldiger Zeit.