Die Zeit zwischen den Jahren 2

Paul (71) lebt im Garten, egal, ob das Wetter sich dafür eignet oder nicht. Statt spazieren zu gehen, widmet er sich täglich den Bäumen und Pflanzen, und immer hat er die passenden Gartengeräte dabei. Zwischen den Jahren ist die Zeit, sie instand zu setzen oder zu reparieren, auch die großen Regale in der Garage werden jetzt aufgeräumt. Die Kübelpflanzen hat er rechtzeitig vor Winterbeginn mit Winterschutzmatten aus Jutefilz eingekleidet, sie stehen jetzt – dickbäuchig und umknotet – wie verwöhnte Patienten herum. Der Weihnachtsbaum, den Paul im Topf gehalten hat, kommt in diesen Tagen bereits ins Freie, wird in den Garten gesetzt und erhält ein Vliesgewebe, das die Spitze vor der Kälte schützt. An etwas wärmeren Tagen streut Paul feinen Kompost auf seine Beete und betrachtet sie lange. Zur Hälfte herrscht noch der Winter, die Gedanken ans Frühjahr sind jedoch schon lebendig. Wenn Paul träumt, sieht er kleine Narzissen und Krokusse in vertraut erscheinenden Inselgruppen. Auf der Bank neben der Haustür sitzt er am liebsten, und wenn es nicht gerade regnet, raucht er ein Zigarillo der Marke Davidoff (Exquisitos). Komme ich bei ihm vorbei, nickt er und ruft mich danach beim Namen. Wer bin ich? Sein Neffe? Der Gartengehilfe? Oder doch nicht eher der Herumwanderer, der zu allen Zeiten des kommenden Jahres mit ihm durch den Garten gehen wird, eingedeckt von Pauls Erzählungen und Kommentaren, in denen die Bäume und Pflanzen so leben, als wären sie „das Mass aller Dinge“ und auch „das Mass des (bedürftigen) Menschen“.

Die Zeit zwischen den Jahren 1

Das Grosse Fest, auf das wir einen Monat lang hingelebt haben, ist vorbei, die Chöre, Trompeten und Posaunen haben drei Tage lang musiziert und selbst die ältesten Werke (wie etwa die geheimnisvolle Missa Puer natus est des Thomas Tallis (1505-1585)) wieder ins Bewusstsein gerückt. Jetzt sollten wir aus dieser Hochfeier-Stimmung wieder herunterkommen – und in einem kurzen Anlauf auf Silvester zu andere Tempi (und damit auch Melodien) einschlagen. Die Zeit zwischen den Jahren ist in dieser Hinsicht (Entspannung nach dem Fest, Etüdenstimmung, Vagabundieren in den unterschiedlichsten Kulturen) eine der schönsten des Jahres. Wir sind also viel unterwegs, schauen uns um und verzeihen Benny Andersson, der sich auf seiner Piano-CD am Ende schon in die Zielbereiche des Happy New Year vorwagt, alles: Einfach mal hin- und weghören, einfach mal dies und das mitsummen und in den Pausen der Stunden unterbringen, einfach mal auf schmalen Pfaden, freundlich begleitet, „das Herz ausschütten“.

Das kleine Feuer (Haiku)

Meine Ganzjahreslektüre des Japanischen Taschenkalenders 2017 kommt langsam ans Ende. In den Tagen vom 18. – 24. Dezember 2017 verweist er auf eine Haiku-Dichtung des japanischen Haiku-Meisters Ôshima Ryôta (1718-1787): Zur Lampe schauend/ merke ich, dass Wind aufkam;/ Schnee in der Nacht (übersetzt von Ekkehard May). Berühren, frage ich mich, diese alten Verse nicht meine eigenen, gegenwärtigen Zeilen vom „kleinen Feuer“, die ich gestern notiert habe? Ryôta spricht von einem einsam, allein dasitzenden Menschen, der zur brennenden Lampe schaut. Ein Windzug weht (von draußen?) herein ins schlichte Haus – und lenkt diesen Blick unvermutet in die weitere Umgebung, wo der Einsame den Schnee der Nacht vermutet.

Das kleine Feuer

Der Blick auf das kleine Feuer der schmucklosen Kerze erinnert ihn an die Winterfeuer auf den verschneiten Feldern in seiner Kindheit. Die Flamme zieht den Blick an und hält ihn, er kann nicht mehr wegschauen. Sehr leise, im Dunkel des Hintergrunds, spielt Bugge Wesseltoft It´s Snowing on My Piano. Die Szene ist die eines Wartens und der baldigen, schönen Erwartung: In wenigen Tagen wird er die Stimmen und den Gesang hören, die Chöre, Trompeten und auch die Posaunen.

Es weihnachtet sehr 6

Im sechsten (und letzten) Teil seiner Fotoserie Es weihnachtet sehr porträtiert der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil eine Diskursentfaltung asiatisch anmutender Schriftzeichen, deren ockergelbe Tönung durch eine feine Streuung von Zuckerkristallen betont und bereichert wurde. Das so entstandene textuelle Gewebe arbeitet mit einer gewellt-weißen, leuchtenden Hintergrundfolie zusammen, die den Textzeichen eine irritierende Plastizität in Reihenformationen kurz vor dem allmählichen Zerfall und Verzehr (jeweils einzeln, nach einer Badephase im Mund) verleiht.

Es weihnachtet sehr 5

Im fünften Teil seiner Fotoserie Es weihnachtet sehr porträtiert der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil die skulpturalen Ritz- und Schnitztechniken an durch Überhitzung matt gewordenen Kleindärmen, deren Faltungen durch das aufgerissene Löwenmäulchen des Brötchenbehälters gedehnt und gehalten werden. Deutlich sichtbar sind Ortheils Anleihen bei den Skulpturen von Claes Oldenburg, unterstrichen durch die kunstvoll gesetzte Linie des gelben, auffangbereiten Bettlakens.

Das Weihnachtsgeschenk 2017

Meinen Freundinnen und Freunden schenke ich in diesem Jahr eine Kombination von DVD und Buch. Die DVD bringt den schönsten Film, den ich in diesem Jahr mehrmals gesehen habe, ins Haus. Paterson heißt er, und Jim Jarmusch ist sein Regisseur. Paterson ist auch der Titel eines Zyklus von Gedichten, den einer der größten amerikanischen Lyriker (William Carlos Williams) früher einmal über die gleichnamige Stadt geschrieben hat. Und genau diese Stadt in New Jersey bildet die Kulisse für die täglichen Fahrten eines Busfahrers durch ihre Straßen. Vor diesen Touren und in den Pausen schreibt er kurze Notizen oder erste Zeilen von Gedichten, die er zu Hause ausarbeitet. Der Film begleitet ihn eine Woche, in der nichts Spektakuläres passiert. Man erlebt einen unauffälligen Menschen, dessen nur verhalten gezeigte große Leidenschaft die Poesie ist. Das alles ist von enormer Einfachheit und auf minimalistische Weise „schön“. Die Bilder strahlen eine Gelassenheit aus, die einen Betrachter sofort erreicht. Man wird immer ruhiger und konzentrierter und beobachtet einen empfindlichen, hoch aufmerksamen (und absolut uneitlen) Menschen beim Schreiben. Bald hört und sieht man sogar die Zeilen, die er schreibt – und fängt an, insgeheim selber derart alltäglich und doch „lyrisch-genau“ zu dichten. Jim Jarmusch hat seinen Dichter-Freund Ron Padgett gebeten, die Gedichte für seinen Film beizusteuern. Und genau diese Gedichte (und noch viele weitere aus dem Gesamtwerk von Ron Padgett, übersetzt von Jan Volker Röhnert) hat die Dieterisch´sche Verlagsbuchhandlung (Mainz) gerade unter dem Titel Die schönsten Streichhölzer der Welt veröffentlicht. Die DVD von Paterson – und beigefügt : Die Gedichte von Ron Padgett – das ist mein Weihnachtsgeschenk im Jahr 2017.