In den heimischen Wäldern

In den heimischen Wäldern schießen die tief stehenden beißenden Sonnen in das noch vorhandene Grün und präparieren es für den bunten Herbst. Noch ist davon kaum etwas zu sehen, nicht einmal eine Andeutung. Das Grün schleppt sich hin, erträgt den dann und wann aufbrausenden, lästigen Regen, tropft sich aus und schwingt sich mit einem letzten Aufbäumen empor. Es ist ein einziges Warten auf einen starken Vollherbst, nachdem der kostbare Spätsommer sinnlos verspielt wurde.

Tankstellen des Südens

Auf den Landstraßen des tiefen Südens begegnet man in regelmäßigen Abständen kleinen Tankstellen, an denen man den jungen Wein in mitgebrachte Behälter oder Gefäße zapfen kann. Er wird vor allem abends zur cena getrunken und steht dann in Karaffen auf dem Tisch.

Pranzo im Herbst

Am Sonntagmittag treffen sich die Fischer und Jäger zum festlichen pranzo in einem abgelegenen Landhaus. Die Speisen illuminieren den Herbst. So die goldgelben girasole, die mit zerhackten, frisch geernteten Nüssen gefüllt sind und in Butter mit Salbei gebadet wurden. Während der stundenlangen Mahlzeit wird auf Latein aus Vergils Landleben rezitiert, und alle tun so, als verstünden sie jedes Wort.

Lektüreliste Spätsommer

Lektürelisten aktueller Titel kartographieren einen beträchtlichen Raum des Nachdenkens in einer bestimmten Zeitphase… (Roman, Erzählung, Poetik, Essay, Philosophie, Wissenschaft): Interessant ist die Mischung, das Kompositum – und wie jeder einzelne Titel sich ausnimmt als Teil einer großen Mahlzeit… – und damit eines Menus mit vielen Gängen.

Agamben, Giorgio: Die Erzählung und das Feuer. Frankfurt/Main 2017

Bourdieu, Pierre: Sprache. Aus dem Französischen von Hella Beister. Berlin 2017

Davis, Lydia: Reise über die stille Seite. Stories. Aus dem Amerikanischen und mit einem Nachwort von Klaus Hoffer. Frankfurt/Main 2016

Kennedy, A.L.: Schreiben. Blogs & Essays. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. München 2016

Krastev, Ivan: Europadämmerung. Ein Essay. Aus dem Englischen von Michael Bischoff. Berlin 2017

Leky, Mariana: Was man von hier aus sehen kann. Roman. Köln 2017

Lepenies, Wolf: Die Macht am Mittelmeer. Französische Träume von einem anderen Europa. München 2016

Mora, Terezia: Die Liebe unter Aliens. Erzählungen. München 2016

Schreiber, Daniel: Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen. München 2017

Scott, A.O.: Kritik üben. Die Kunst des feinen Urteils. Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer. München 2017

Smith, Ali: Wem erzähle ich das? Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. München 2017

Sulzer, Alain Claude: Die Jugend ist ein fremdes Land. Köln 2017

Das Parisbuch

Nun ist auch mein Parisbuch (Paris, links der Seine) erschienen. Ein Redakteur hat dazu mit mir ein Interview geführt, das in der nächsten Nummer des Frankreich Magazins (Nr. 4/2017) erscheinen wird. Hier schon einmal zwei Fragen und die Antworten: 1) Wie kamen Sie auf die Idee zu Ihrem neuen Buch? – Mein Buch ist eine Grand Tour durch das sechste und fünfte Arrondissement von Paris, also durch Saint-Germain-des-Prés und das Quartier Latin. Hier kenne ich fast jedes Haus und viele Bewohner seit Jahrzehnten. Ich wollte das alte Herz von Paris möglichst detailreich porträtieren, es ist eine Liebeserklärung an einen Raum, in dem ich mich zu Hause fühle. 2) Und welche Rolle spielt die Stadt bzw. die französische Literatur in ihrem literarischen Schaffen? – Meine Familie hat französische Wurzeln, so dass meine Eltern noch oft zusammen Französisch gesprochen haben. Ich selbst habe die französische Literatur früh kennengelernt und immer besonders geliebt. Insgeheim glaube ich manchmal, dass ich auf Deutsch so schreibe, als handelte es sich um einen französischen Text in deutscher Übersetzung. Wenigstens halbwegs empfinde ich mich als französischen Schriftsteller.

Fermers Wanderungen – Traumbild

In seinen Träumen erscheinen jetzt herbstliche Bilder des Südens wie dieses, das in ihm sofort die Sehnsucht weckt, den Linien darauf zu folgen und sich von den Netzen der Landschaft einfangen zu lassen. Dazu die dumpfen Schüsse der Jäger, die auf Kaninchenjagd gehen, das ängstliche Schrillen sehr kleiner Vögel und das heisere Bellen der Hunde.

Die Erzähler

Die italienische Literatur ist in erster Linie eine der Erzählung. Seit den Zeiten Boccaccios hat sie die europäische genau damit bereichert: Menschen sitzen in kleinen oder großen Runden und erzählen sich eine Geschichte nach der anderen. Das ist noch heute so, man erlebt es an jedem Tag, zu jeder Stunde, an allen nur erdenklichen Orten. Sergio betritt ein Café, gibt eine Bestellung auf und erzählt sofort (ungefragt und in beträchtlicher Lautstärke), warum er heute nicht mit der Vespa, sondern zu Fuß gekommen ist. Chiara kauft beim Bäcker ein und vergisst die Bestellung, denn zuvor muss sie dringend davon erzählen, wo und wann sich ihre Mutter am frühen Morgen beinahe den Hals gebrochen hätte. Ganz zu schweigen von Caterina, die allein am Strand mindestens zehn Zuhörerinnen mit der Erzählung vom gestrigen Gewitterregen unterhält: Wie die dunklen Wolken von den Bergen her ins flache Land strömten, wie es plötzlich so still wurde, wie die Geister der Berge den Wolken hinterherliefen und sich in ein Theater der Wassermassen verwandelten, dass die kleinen Autos auf den Straßen im Kreisverkehr langsam absoffen und untergingen…

Auf Jagd

Vom Meer aus geht es im Herbst auch immer wieder hinauf in die Berge. Seit einigen Jahren treiben sich dort Bären herum, deren fettes Fleisch wir nach dem Erlegen eines Tiers kurz grillen. Wir reißen es wie wilde Jäger in kleine Stücke und kauen es schmatzend. Das Fett tropft aus den Mundwinkeln, während das blutige Fleisch einen Rauch- und Erdgeschmack entfaltet, wie wir ihn intensiver lange nicht erlebt haben.

 

Auf hoher See

Bin ich mit den Fischern der Stadt tagelang auf dem Meer unterwegs, ernähren wir uns von rohem Fisch (Foto 1). Oder wir werfen Teile des Fangs in eine große Pfanne, fügen Olivenöl, Weißwein, etwas Essig und Tomaten hinzu und lassen alles eine Weile köcheln (Foto 2). Wir sehen, wie unser Fang langsam Wasser ausdünstet und einbricht, bis wir die Gräten erkennen, die uns beweisen, dass die Substanz des Fangs sich vollends aufgelöst und eine starke Suppe ergeben hat. Diese Flüssigkeit löffeln wir, alles andere verschwindet gleich wieder im Meer.