Das Dasein als Romantiker

Bin ich wirklich ein Romantiker?! Ich fange mal ganz einfach an. Ein Urmoment des Romantikerdaseins könnte in der Nähe zur Musik bestehen. Musik zu hören und zu spielen – das waren für mich seit der Kindheit die stärksten Erlebnisse. Und welche Musik? Klaviermusik, am liebsten solistisch (ein Orchester war meistens schon zuviel). Und welche Klaviermusik? Die Robert Schumanns, ganz klar. Die Kinderszenen, die große C-Dur-Fantasie. Mit den Kinderszenen verband ich ein Höchstmaß an Intimität, mit der großen C-Dur-Fantasie ein Höchstmaß an Begeisterung (also an dem, was die Griechen „Enthusiasmus“ nannten). Intimität und Begeisterung waren die Ausdrucksimpulse jener Welten, mit denen ich überhaupt Kontakt aufnehmen konnte. Alles andere blieb lange ausgesperrt, „draußen“, „fremd“.

Fermers Wanderungen 5

Er blickte hinauf zu dem alten Weinberghäuschen, in dem er schon einige Nächte verbracht hatte. Es lag auf einer Anhöhe, versteckt, so, wie er es mochte. Der Blick von dort streifte das nahe Tal und die Hügel gegenüber. Am frühen Abend öffnete er die Fenster und schaute lange hinaus, bis er auch die Bewegungen der Ferne besser verstand.

Das Gegenüber

Beim Verlassen des Kölner Bahnhofs richtet sich der Blick (nach rechts) auf das Gebäude, in dem der Verlag „Kiepenheuer & Witsch“ untergebracht ist. Und (nach links) auf den Dom – auf  seine Pfeiler und seine  Unendlichkeit. Der Doppelblick bewahrt auf, was geschehen ist: Die Domszenen meines neuen Romans („Der Typ ist da“)  sind – über eine schmale Straße hinweg – eingezogen in das Gebäude genau gegenüber. Zur Verbreitung – und um weitere Straßen zu überspringen.

Der neue Roman

Im Verlagshaus von Kiepenheuer & Witsch wird an diesem Abend mein neuer Roman Der Typ ist da Buchhändlerinnen, Buchhändlern und Medienleuten aus der Kölner Region vorgestellt. Ich spreche darüber, wie der Roman entstanden ist, ich lese eine kurze Passage, der Verleger Helge Malchow moderiert. Und plötzlich ist da der Moment, der mich die nächsten Tage beschäftigen wird. Es ist der Moment, in dem Helge Malchow sich zu mir hindreht und sagt: „Sie sind in erheblichem Maße und in bestem Sinn ein Romantiker!“ Ich?! Ein Romantiker?! Ich möchte die Feststellung sofort bejahen, obwohl mir gar nicht klar ist, was genau ich da bejahen würde. Es ist diese Diskrepanz, die mich zum Nachdenken bringt. Inwiefern bin ich ein Romantiker? Und was ist ein Romantiker? „Das muss ich klären“, denke ich laufend, und am nächsten Morgen geht es weiter und weiter: „Das will ich genauer wissen, ganz genau…“

Potsdamer Literaturfestival

Auf den „writer in residence“ des Potsdamer Literaturfestivals 2017 wartet ein stattliches Privatschiff, das ihn durch Seen und Kanäle rund um Potsdam fährt. Am Ende darf er das Steuer selbst halten und sich die besten Anlegeplätze aussuchen. Aus den Villen am Ufer erhält er einladende Zeichen, denn fast alle Villenbesitzer wünschen sich, dass er zumindest für einen Abend oder sogar eine Nacht ihr Hausdichter werde. Er entscheidet sich für ein Ufer, in dessen Nähe Schriftsteller der früheren DDR kampierten und fabulierten. Die Eltern von Christa Wolf sollen in dieser exklusiven Lage sogar die Herbergseltern gewesen sein. Und schon bewegt sich der „writer in residence“ tranceartig inmitten eines großen Romans der letzten Jahrzehnte, und es fehlen nur noch ein paar Schritte durch einige Villengelände, bis er mit seiner Niederschrift beginnen könnte.

Literaturfestival Potsdam

Im Brandenburgischen Literaturbüro halte ich einen Vortrag über das Thema Wie ich arbeite. Ich zeige Fotos, Manuskripte, Notizhefte, Alben und Skizzenbücher. All die gezeigten Texte sind nicht veröffentlicht und mit der Hand geschrieben. Seit fast sechzig Jahren arbeite ich so, ununterbrochen, und was dabei entsteht, ist ein „Archiv der Zeit“. Darin ist alles Bedeutsame enthalten, das mir begegnet und durch den Kopf gegangen ist: von den chronikalischen Fixierungen der „Tagesverläufe“ über Kommentare zu Zeitungsartikeln bis hin zu den Fotostrecken, die besonders leuchtende (und meist „positiv erlebte“) Momente abbilden. Ich arbeite daran, von dieser persönlichen Werkstatt zu abstrahieren und einige ihrer Elemente auch anderen Schreiberinnen und Schreibern zum Probieren und Testen zu empfehlen. Das Buch, das diese Übungen enthält, soll „Mit dem Schreiben anfangen“ heißen. Es wird im Herbst 2017 erscheinen.

Max Frisch

Ich las einige Interviews und Gespräche mit Max Frisch (Max Frisch: „Wie Sie mir auf den Leib rücken!“ Interviews und Gespräche. Ausgewählt und herausgegeben von Thomas Strässle. Berlin 2017). Und ich dachte, dass dieser Schriftsteller als einer der ersten überhaupt die Selbstbefragung zu seinem zentralen Thema und seiner ureigensten Methode gemacht hat. Sich selbst befragen, von anderen befragt werden, das gesamte Fühlen und Denken der Befragung unterwerfen. Morgens aufstehen und beim ersten Blick in den Spiegel schon eine Frage mitdenken. Die Seife in der Hand als etwas betrachten, das den Körper befragt. Das Frühstück minimieren, weil Brötchen, Marmelade und Joghurt unangenehme Morgenfragen stellen. Pfeife rauchen, unablässig, weil man beim Pfeife rauchen den Mund weitgehend geschlossen hält und höchstens vorsichtig oder verkniffen fragt. Aber: Warum das alles? Wer ist hinter ihm her? Was treibt und verfolgt ihn? Es muss eine seltsame, noch kaum erforschte Spielart des schlechten Gewissens gewesen sein, nichts Religiöses, nichts Philosophisches, sondern etwas ganz Schlichtes. Die Empfindung, immerzu am falschen Ort zu sein, nicht da, wo man hingehört – und das außerdem noch mit den falschen Menschen, also nicht mit denen, zu denen man gehört. So dass er sich vorgehalten haben könnte, eigentlich woanders leben und sich rasch dorthin verändern zu müssen – das schlechte Gewissen als Form einer unstillbaren Sehnsucht, die fortwährend an ihm nagte und immer wieder diese starken Wellen der Selbstbefragung auslöste.

 

Böttingers Bücher 2

Ich bin gespannt. Böttingers Bücher, das neue Sendeformat des WDR, läuft am Montag, 3. Juli 2017, zum ersten Mal (22.40-23.10 Uhr). Bettina Böttinger hat sich mit Frank Schätzing und mir getroffen und an verschiedenen Orten unterhalten. Ich habe den exzessiven Dreh noch sehr gut in Erinnerung (siehe meinen Text vom 3. April 2017), kenne den Film aber noch nicht. Gespannt bin ich darauf, ob man dem filmischen Endergebnis den Dreh ansieht. Tauche ich fertig und kaputt aus den Tiefen der Erde unter dem Dach des Kölner Doms auf? Und wie wurde mein rasendes Beobachten und Schreiben auf dem Kölner Wallrafplatz (Studium der Passanten) in Szene gesetzt?

Rukurukuku

Frühmorgens: Wie viele Vögel in der grünen Wildnis ringsum zu hören sind!! Singen oder schreien, rufen oder schlagen sie – oder wie soll ich ihre Laute sonst nennen? Peter Krauss hat ein „Handwörterbuch der Vogellaute“ geschrieben und ist darin den „Lautäußerungen“ der Vögel nachgegangen, so wie sie in alten Enzyklopädien, Lexika oder Vogelbüchern festgehalten wurden. Die Goldammer (emberiza schoeniclus) zirpt oder ruft (zipzizi zizizizi). Die Amsel (turdus merula) pfeift und flötet, kann aber auch schnirpen, schackern und zetern. Der Bussard (buteo buteo) bust, hiäht oder miaut, während die Elstern (pica pica) eindeutig zetschen oder schättern. Mit Hilfe einer App, die mir diese Vogelstimmen präsentiert, kann ich das Lautorchester aus dem Grünen noch weiter durchdringen. Nach und nach erkenne ich wahrhaftig einzelne Stimmen und kann noch genauer entscheiden, ob etwa der Buchfink gerade an diesem heutigen Morgen pinkt, binkt oder finkt oder (vor zu erwartendem Regen oder Sturm) doch eher schirkt oder schilkt. Ich verstehe die Kompositionen besser und weiß sie sogar ein wenig zu deuten. Einige handeln vom Wetter, andere von Zuneigung, und manche sind auf Parodie und Nachahmung anderer Stimmen aus. Und nun sag: Welche sind Dir am liebsten?

Fermers Wanderungen 4

In den Traumbildern kehrte das helle Maigrün zurück. Er verließ die schmale Landstraße und bog ab auf die Felder und Wiesen. Sie streckten sich bis zum Horizont, und der blaue Himmelsquerstrich erschien wie ein Meer in sehr weiter Ferne. Er stand still und schaute…