Mais

In den frühen Kindertagen wurde an den hohen Maisstauden Maß genommen: Um wie viel war ich gewachsen? Die grünen Stauden haben bis heute ihre geheimnisvolle Materialität behalten. Sie bilden eine eigene, unglaublich dicht bewachsene Zone. Nicht zu durchdringen, nicht zu übersehen. Geht man an ihnen entlang, wirken sie asiatisch fremd. Welche Texte haben sie jemals zum Leben erweckt?!

 

Träumereien

„Die Meistersinger von Nürnberg“ sind als Oper das, was die Mondfische für das Meer sind. Und als wollten beide mir genau das bestätigen, träume ich von ihnen. Und höre, wie jemand flüstert: „Herr Ortheil, Sie sind in erheblichem Maße und in bestem Sinn ein Mondfisch!“ – Worauf ich mitten im Traum mit dem (romantischen) Wagnergesang beginne: „Ha, welch ein Mut! Begeisterungsglut!“ – Während die Flüsterstimme leise kommentiert: „Mondfische sind Romantiker im allerbesten Sinn, aber in leicht überheblichem Maße!“

Fermers Wanderungen 6

In den Wäldern begegnete er merkwürdigen Zeichen von nahen oder auch fremden Stämmen . Wohin führten diese Spuren? Der Starkregen der letzten Zeit hatte das Pilzwachstum beschleunigt. So früh im Jahr hatte er noch selten derart große Pilzkulturen entdeckt. Sie verliehen dem frühen August bereits etwas tief Herbstliches.

Hochwasser in Hildesheim

Der Kulturcampus der Domäne Marienburg in Hildesheim, wo ich seit vierzehn Jahren unterrichte, wurde vom Hochwasser der Innerste überflutet. Die Landschaft ringsum erscheint wie eine Seenplatte, in der sich die Dämonen von Wilhelm Raabes Erzählung („Die Innerste“) herumtreiben. Das Wasser verwandelt diese Gegend in eine Urlandschaft, in der Menschen ein paar untergehende Behausungen errichtet haben. Man hat das Gefühl: Mit den nächsten Unwettern treibt alles davon und wandert weiter, aufs Meer zu, wo diesen Gewalten ein Ende gemacht wird.

Die Meistersinger von Nürnberg

3sat sendet die Bayreuther Neuinszenierung der Meistersinger von Nürnberg. Im Alter von Mitte Zwanzig war ich geradezu vernarrt in diese Oper. Und noch heute kenne ich meine damaligen, ausgesprochen komischen Lieblingsmomente („Der Sänger sitzt.“ – „Fanget an!“) auswendig. Ich habe das Stück aber lange nicht mehr ganz gesehen und gehört. Und fasse es heute Abend nicht: wie langsam diese Geschichten vorankommen! Und was für ein unverdauliches Wagner-Deutsch sie mit sich schleppen! Und das stundenlang! Als Zuschauer möchte man irgendwann auf die Bühne springen und jeder Figur einen Schubs versetzen: Herrgott, nun aber los! Die Festwiese liegt gleich da drüben! Und der Chor wartet schon seit zwanzig Uhr! Dass da komme der Abgesang, nicht zu kurz und nicht zu lang. Nicht zu lang – haben Sie das jetzt verstanden, meine Herren?

Die Meistersinger von Nürnberg

3sat sendet die Bayreuther Neuinszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“. Im Alter von Mitte Zwanzig war ich geradezu vernarrt in diese Oper. Und noch heute kenne ich meine damaligen, ausgesprochen komischen Lieblingsmomente („Der Sänger sitzt.“ – „Fanget an!“) auswendig. Ich habe das Stück aber lange nicht mehr ganz gesehen und gehört. Und fasse es heute Abend nicht: wie langsam diese Geschichten vorankommen! Und was für ein unverdauliches Wagner-Deutsch sie mit sich schleppen! Und das stundenlang! Als Zuschauer möchte man irgendwann auf die Bühne springen und jeder Figur einen Schubs versetzen: Herrgott, nun aber los! Die Festwiese liegt gleich da drüben! Und der Chor wartet schon seit zwanzig Uhr! Dass da komme der Abgesang, nicht zu kurz und nicht zu lang. Nicht zu lang – haben Sie das jetzt verstanden, meine Herren?

Mondfische

Eine Fernreisende schickt mir aus einem Lissaboner Riesenaquarium (ich liebe Aquarien) das Foto eines großen Mondfischs. Er sieht mit seinen zwei dreieckigen Flossen (eine oben, eine unten) und seinem schweren, tonnenartigen Rumpf wie ein perfektes Unterwasserfahrzeug aus. Geht er auf die Jagd? Keineswegs. Die Jagd interessiert ihn nicht, er frisst, was ihm gerade in die Quere gerät, lauter Kleinzeug, Plankton, Krebse, Larven. Und was macht er den ganzen Tag? Er lässt sich treiben und beobachtet die Tiefsee. Manchmal kommt er nach oben, legt sich schräg und sonnt sich. Er existiert so, als wäre er der Hausherr der Meere. Der hier und da nach dem Rechten schaut, aber nicht eingreift und nichts ausrichtet. Niemand kümmert sich um ihn, sogar die Fischer ignorieren das gewaltige Tier, dessen Fleisch nicht schmeckt. Fast hat es den Anschein, als wären Aquarien sein eigentliches Zuhause.

Mondfische

Eine Fernreisende schickt mir aus einem Lissaboner Riesenaquarium (ich liebe Aquarien) das Foto eines großen Mondfischs. Er sieht mit seinen zwei dreieckigen Flossen (eine oben, eine unten) und seinem schweren, tonnenartigen Rumpf wie ein perfektes Unterwasserfahrzeug aus. Geht er auf die Jagd? Keineswegs. Die Jagd interessiert ihn nicht, er frisst, was ihm gerade in die Quere gerät, lauter Kleinzeug, Plankton, Krebse, Larven. Und was macht er den ganzen Tag? Er lässt sich treiben und beobachtet die Tiefsee. Manchmal kommt er nach oben, legt sich schräg und sonnt sich. Er existiert so, als wäre er der Hausherr der Meere. Der hier und da nach dem Rechten schaut, aber nicht eingreift und nichts ausrichtet. Niemand kümmert sich um ihn, sogar die Fischer ignorieren das gewaltige Tier, dessen Fleisch nicht schmeckt. Fast hat es den Anschein, als wären Aquarien sein eigentliches Zuhause.