Das Leuchten der Mauer

Das Leuchten der alten Trockenmauer an einem der ersten starken Sonnentage des Neuen Jahres! Wie die vielen unterschiedlichen Farbnuancen deutlich hervortreten! Wie die ersten helleren Grünakzente sich vortasten! Wie die Wunden der Steine sichtbarer werden! Wie die schmalen Schatten der dunklen Spalten zwischen den Steinen eine Textur erzeugen! Wie die einzelnen Steine sich als Individuen behaupten und Charakterzüge annehmen, so dass man ihnen (beinahe sogar) Eigenschaften zusprechen möchte!  Wie die Gesetztheit und dennoch lockere Schwere dieses fortlaufenden Ensembles etwas Tröstliches bewahrt! Und wie beruhigend das alles bei längerer Betrachtung wirkt … – man möchte sich davor hinsetzen und den Blick nicht mehr abwenden, bis der Frühling diese Montur packt und umstülpt!

Der schönste Universitätscampus Deutschlands

Die mittelalterliche Domäne Marienburg (etwas außerhalb von Hildesheim) ist der schönste Universitätscampus Deutschlands. Früher fuhr ich in den Morgenstunden an dem kleinen Flüsschen Innerste durch die Felder entlang hinaus vor die Stadt und war gegen sieben Uhr als erster auf dem Gelände. Ich besaß einen Generalschlüssel und konnte (in der Rolle eines Hausmeisters) die alten Gebäude aufschließen. Ich öffnete die Fenster im Erdgeschoss, ließ frische Luft in die Seminarräume und beschallte die noch leeren Räume mit lauter Musik. Das gesamte Domänenensemble kam so zum Klingen, und ich ging von Haus zu Haus, schaute mich um, räumte hier und da etwas auf und geriet von Minute zu Minute mehr in Schwung. Gegen neun Uhr kamen die ersten Studentinnen und Studenten, und ich ließ meine morgendliche  Emphase langsam abklingen. Den ganzen Tag über fanden Vorlesungen, Seminare, Übungen auf dem Gelände statt – aber abends (jetzt im Winter gegen neunzehn Uhr) leeren sich die Zimmer wieder, und ich trete erneut einen kleinen Rundgang an. In einer Institutsbibliothek sitzen noch zwei Studentinnen, über ihre Laptops und Bücher gebeugt. In einem Vorlesungssaal stehen noch ausführliche Texte, mit Kreide notiert, an einer Tafel. Und in einem Überaum der Musik spielt noch ein einsamer Saxophonist Stücke von Bach auf einem Instrument, für das diese Kompositionen gar nicht geschrieben wurden. Auch die Abendstimmungen haben eine große Schönheit – dieses Verklingen, Nachsummen, Zur-Ruhe-Kommen. Ich stelle mir vor, dass am Abend aus all den Klängen und Texten des Tages ein Sud entsteht: chorisch, polyphon, Finnegans Wake. Viele dieser Stimmen habe ich in den letzten Jahrzehnten heimlich notiert und aufgenommen. Irgendwann werde ich sie zum Konzert bitten.

Hildesheimer Mentorate

In diesem Wintersemester betreue ich sechs Masterstudierende des Studiengangs Literarisches Schreiben und Lektorieren (an der Universität Hildesheim) auf besonders intensive Weise. In regelmäßigen Abständen finden ausführliche Zweiergespräche (Mentorate) über die Arbeit an einem umfangreichen Manuskript statt. So begleite ich die Entstehung eines literarischen Textes, der in Buchform in einem anerkannten deutschsprachigen Verlag erscheinen soll. Die Arbeit beginnt mit der Ideen-, Themen- oder Projektfindung, entwickelt Varianten möglicher Einstiege in den späteren Text, diskutiert Personenkonstellationen, Handlungsfindung, Raum- und Zeithintergründe – und führt so von den ersten Ansätzen Schritt für Schritt zu einem Romangebilde, das sich (fast wie ein Lebewesen) allmählich konturiert, Gestalt annimmt und (gefräßig) immer weiteren Stoff frisst. Solche Mentorate ziehen sich oft über viele Monate hin. Gegenwärtig befinden sich die meisten Texte bereits auf der Zielgeraden. Wir planen, sie bald in der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Horror

Nach Beendigung der Dreharbeiten an dem Horrorfilm Green Destination brachen wir unsere Zelte ab, sattelten unsere Pferde und machten uns durch die versumpften Wälder auf den Weg zu den Flusslandschaften, wo die Pegelstände von Minute zu Minute dramatisch stiegen. Die Pferde sträubten sich, wir versuchten, sie zu beruhigen.

Die Skisaison

Im Neuen Jahr steigen auch wir jetzt endlich in die Skisaison ein, schließlich wartet Olympia auf uns. Wir begeben uns ins slowenische Kranjska Gora, wo uns die begnadete Ex-Skiläuferin, Expertin und Kommentatorin Maria Höfl-Riesch begrüßt. Worauf kommt es beim Slalom an, liebe Maria? Wir sollten auf Zug fahren und möglichst ohne nervösen Oberkörper, denn ein unruhiger Oberkörper setzt sich nach unten hin fort. Mental sollte bei uns alles in Ordnung sein, damit wir dem immensen Druck auch standhalten. In dieser Saison fährt Mikaela Shiffrin alles und alle in Grund und Boden, da haben wir keine Chance auf einen ersten Platz, aber ein zweiter oder dritter ist auch was schönes, selbst wenn uns der unfassbare Sekundenabstand zur Erstplazierten jedes Mal die Tränen in die Augen treibt. Bloß den Kopf nicht hängen lassen und daran denken, dass Mikaela Shiffrin ein Jahrhunderttalent ist und wir selbst (wenn’s hoch kommt) höchstens eine passable Olympiasaison-Nummer abgeben. Was können wir noch von den Trainern lernen, um Mikaela Paroli zu bieten? Nix, einfach nix, wir sollten uns um unseren eigenen Rennstall kümmern, anstatt nach den Sternen zu greifen.

Heilige Drei Könige

Rainald von Dassel (ca. 1120-1167), in den letzten Jahren seines Lebens Erzbischof von Köln, ist eine Begleitfigur meines Lebens. Er war verantwortlich dafür, dass die Gebeine der Heiligen Drei Könige von Mailand aus nach Köln gebracht wurden und die Stadt sich zu einem der größten Pilgerzentren Europas entwickelte. Der vergoldete Dreikönigenschrein, in dem die Reliquien aufbewahrt wurden, steht heute im Chor des Kölner Doms. Als Kind ging ich mit einer Prozession am Tag der Heiligen Drei Könige, dem heutigen 6. Januar, um den Schrein herum, so dass ich ihn auch von hinten in Ruhe betrachten konnte. Und genau dort, an der Hinterseite des Schreins, entdeckten wir Kinder die Figur des Rainald von Dassel, mit Mitra, im Bischofsgewand. Sie besaß aber weder Arme noch Hände, deshalb nannten einige von uns Schülern diese Figur „den Kriegsheimkehrer“. Wir waren Kinder der fünfziger Jahre und hatten noch viele „Kriegsheimkehrer“ vor Augen, denen Arme, Hände oder auch Beine fehlten. Daher kam die Bezeichnung, die wir uns für Rainald van Dassel ausgedacht hatten. Er ist mir ein Leben lang im Gedächtnis geblieben und immer wieder begegnet: in Italien oder (völlig unvermutet) in Hildesheim, wo eine kleine Statue in der Nähe der ältesten steinernen Brücke der Stadt daran erinnert, dass Rainald von Dassel auch für den Bau dieser Brücke verantwortlich war. In meinem Roman Der Typ ist da spielt er eine bedeutende Rolle, deshalb  schmückt eine Skizze der Figur des Dreikönigenschreins auch das Cover dieses fast märchenhaften Romans.

Im Museum

Mit Alan Bennett in ein Museum zu gehen, ist eine Freude. Meist weiß er gar nicht so recht, was er dort anstellen soll. Bilder betrachten? Vielleicht, aber wie lange? Die seltsamen Bräuche und Kleidungen der Besucher studieren? Schon eher, denn auf diese Weise ist man den unterschiedlichen Reaktionen auf Kunst näher, als wenn man die ganze Museumszeit nur ein puristischer Kunstbetrachter bliebe. Sich mit den Museumswärtern unterhalten? Jederzeit, denn so erfährt man allerhand Kurioses über so etwas Seltsames wie ein Museum und den Gebrauch, den Menschen von einem solchen Gebäude machen. Bennetts „Bilder gucken gehen“ erweist sich also gerade nicht als das sonst übliche Studium von Bildern (eins nach dem andern, ein Saal nach dem nächsten, immer müder und verdrossener werdend), sondern als ein Gang, der an den Bildern vorbei verläuft. Oft schaut er nur flüchtig hin und entdeckt gerade deshalb das eine Detail, das ihn dann weiter beschäftigt (und meist zum Lachen bringt). Er glaube an die „Fähigkeiten des Augenwinkels“, schreibt er und zitiert ein Credo von E.M.Forster: „Nur was man nebenbei sieht, sinkt tief ein.“ Alan Bennett wirklich durch ein Museum zu begleiten, käme mir nicht in den Sinn, er will dort allein sein und seine geheimen Entdeckungen machen. Nach einem solchen Museumsbesuch mit ihm in London irgendwo essen zu gehen, wäre dagegen bestimmt ein großes Vergnügen. Könnten wir uns doch erzählen, was wir in den letzten Stunden so alles gesehen hätten. Etwa Michelangelos Zeichnungen? Oder doch nicht eher die Hand Gottes, wie Michelangelo sie zu zeichnen versucht hat? (Alan Bennett: Geht ins Museum. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2017)

Dial-a-poem

An diesem regnerischen Nachmittag in der Stadt unterwegs. Eine Regenpause genutzt und mich einen Moment in den großen Park gesetzt, warm genug ist es ja schließlich. Dann: die Nummer 00 1 641-793-8122 gewählt. Gewartet, bis das Freizeichen zu hören ist und ich mit „dial-a-poem“ begrüßt werde, worauf ich die Stimme einer amerikanischen Lyrikerin oder eines Lyrikers zu hören bekomme, der eines seiner eigenen Gedichte vorträgt. Gary Snyder, Frank O’Hara, Ron Padgett – für einige Minuten könnte ich meinen, ich wäre mit diesen Stimmen direkt verbunden. Genau zuhören. Das Telefonat beenden. Eine gute Weile dem nachhorchen, was ich gerade gehört habe. Aufstehen, den einsetzenden Regen auf der Kopfhaut spüren. Sich die Haare massieren – und weiter durch den Nachmittag.

Was gleicht wohl auf Erden …

Dann und wann, nachdem ich mit guten Freunden in Wald und Auen auf Jagd war, kehre ich bei einbrechender Dämmerung in die Carl-Maria-von-Weber-Stuben ein, entledige mich der Almwalker Winter Boots, schlüpfe in meine Gastschuhe aus Nubukleder und eröffne den traulichen Abend mit einem Schluck Quittengeist. Wenig später serviert Jungfer Agathe zusammen mit ihren Freundinnen gebratene Rehleber und geschmorte Apfelspalten, gefolgt von Rehmedaillons und Apfel-Dörrzwetschgen-Gratin, gekrönt von einem Spätburgunder aus der Pfalz. Es singt Peter Schreier, begleitet von der Staatskapelle Dresden unter Carlos Kleiber (Das Wild in Fluren und Triften …).

Introitus 2018

Am frühen Nachmittag erscheinen die Mönche zur Vesper in der Abteikirche. Während der darauf folgenden Gesänge und Wechselgesänge werden sie sich im Chorgestühl aufhalten, jeder Mönch für sich, auf seinem Platz – und doch in einer Reihe mit seinen Nachbarn. Zwei Gruppen werden sich zu einem mönchischen Privatissimum gegenüber stehen, ohne einander zu fixieren. Die in weiße Gewänder gehüllten Beter nehmen auch keinen Kontakt auf zum weiteren Kirchenraum und erst recht nicht zu den Gläubigen, die ihnen zuhören, sich aber an ihrem Gesang nicht beteiligen dürfen. Die Intensität der mehrmals am Tag stattfindenden Stundengebete soll sich in einem geschlossenen, intim bleibenden Raum ergeben. Kein Gottesdienst, keine Messe, sondern ein halblautes Singen und Flüstern: ein Fragen, Bitten, Danken, Preisen, grundiert von der Not der Hilflosen, fern von den Gebeten des starken Glaubens, der ganz anderen Riten folgt und andere Sprachen wählt.