Grosse Ferien 4 – Zuhören und auskontern

Im Dorf treffe ich B mit ihrer Enkelin. Das Kind ist so gut gekleidet, dass ich es länger anstarre. Ist es selbst auf all diese Ideen gekommen, auf die Lockenfrisur, das blaue Kleidchen, die hellen, sportlichen Schuhe? Oder ist dieser Stil eine Erfindung von B, die mit mir verwandt ist, vielleicht aber auch längst vergessen hat, dass sie das ist?

Mit der kleinen Enkelin ist sie auf dem Weg zu einem Fahrradladen, das Kind soll bald sein erstes Rad bekommen. B erzählt detailliert, an welches Fabrikat die beiden denken, und die kleine Enkelin streut in diesen Monolog locker hier und da ein paar Angaben ein: es soll zwei Stützräder haben und grün sein und einen Fahrradkorb vorn.

Das erinnert mich an mein eigenes erstes Fahrrad. Es war viel zu groß, und ich hatte bei den ersten Fahrten etwas Angst, da ich mit den Füßen nicht einfach den Boden berühren konnte, sondern immer erst absteigen musste. Ich versuchte, davon möglichst komisch zu erzählen, wurde aber schon während des ersten Satzes ausgehebelt. Denn das Kind erzählte nun von seinem blauen Kleidchen und den sandfarbenen Schuhen und warum ein grünes Fahrrad dazu passe, während B in diesen Monolog ein paar Angaben einstreute: wo sie das Kleidchen und wo die Schuhe erworben hatten.

Ich passte den kurzen Moment ab, in dem beide mit ihrer Darbietung ans Ende kamen und sprach von meinem ersten Fahrrad, das schwarz und viel zu groß gewesen sei …, was aber weder B noch ihre Enkelin länger als einen Halbsatz interessierte, denn B erzählte nun davon, wie sie das grüne Fahrrad mit dem Fahrradkorb vorn im Internet ausfindig gemacht und über eine Stunde nach diesem Volltreffer gesucht hatten, wobei die kleine Enkelin sämtliche Suchadressen nannte, mit deren Hilfe nach dem passenden Rad gesucht worden war.

Ich unternahm zaghaft noch einen dritten Versuch und erwähnte mein erstes Fahrrad, auf dem ich gleich nach dem Kauf einen Berg viel zu schnell und ohne Ahnung, wie ich hätte bremsen können, hinabgefahren war, als Bs Enkelin von der Vorder- und Hinterradbremse ihres zukünftigen Rades erzählte und davon, dass der Sattel höhenverstellbar sei …, was mich dann aber doch derart reizte (um nicht zu sagen: ärgerte), dass ich mich mit den Worten „Ciao, Ihr Lieben, ich hab’s eilig und muss zu meinem BMW-Händler! Meine Probefahrt auf der R 1200 R beginnt in zehn Minuten!“ – „Was ist das?“ fragte die kleine Enkelin noch, und ich antwortete: „Das ist das heißeste, schnellste und geilste Motorrad, das Du in unserem Dorf kaufen kannst!“

Grosse Ferien 3 – Die Musik dieses Sommers

Während dieses unfassbar endlosen, die gehetzte Welt ins Abseits stellenden Sonnenstreamings bin ich seit vielen Wochen mit der Klaviermusik von Henning Schmiedt (viele Aufnahmen sind leicht im Netz auffindbar) unterwegs. Für mich ist sie die Musik dieses wohl ein Leben lang in Erinnerung bleibenden Sommers 2018. Es sind kurze, kleine Stücke, wie ich sie mag.

Von Schumanns Kinderszenen aus ins Gegenwärtige gesponnen. Aufbrüche ins Land, Gehmeditationen, Präsentationen von Entdeckungen am Wegrand, Auftritte von Kindern, Vögeln, Blumen, Bäumen, mit Titeln wie Der Regen hat aufgehört, Am See vorbei, Schiefe Leiter oder 20 g Zucker, Alles schön umrühren, Teller? Und Stuhl!

Manchmal ziehe ich bereits frühmorgens mit diesen Stücken los und wandere und gehe mit ihnen einen Tag lang durch die den Atem anhaltende Welt. Die Lektüre entfällt, die Stücke selbst sind Erzählung, Geschichte, kleines Drama, Gesang, alles in einem.

Grosse Ferien 2 – Sommerszenen 1

Bevor das Kind badet, wird es unter die kalte Dusche geführt. Die wolkenhellen Blautöne der Matten spiegeln die Bläue des Himmels. Schau uns an, glänzen sie scharf, und das Kind senkt den Kopf und wartet, dass der Hahn aufgedreht wird. Von oben prescht die Strahlung auf den gebeugten Schädel, bekommt ihn zu fassen und hüllt ihn ein. Die kühlen Wasserschlägel treffen die Membran des Kopfes, rauschen am Körper herab und modellieren ihn für den Gang in den See. Das Kind dreht und dreht sich und blinzelt zu den abwesend brütenden Schilfmatten gleich nebenan. Dann ist es bereit, verlässt den Bereich der Präparation und springt.

Das alles geschieht so in den späten fünfziger Jahren – aber die alte Stätte der kleinen Folter hat sich erhalten und liegt da wie eine Einladung an das scheinbar nur geringfügig gealterte, überraschte Geschöpf.

 

Grosse Ferien 1 – Fermers Wanderungen 17

Auf den sommerlich trockenen Waldwegen folgte er seinem Schatten. Zwei Reiterinnen kamen vorbei und setzten ihre Wege von einem Moment auf den andern im Galopp fort. Eine dunkelblau gekleidete Läuferin tauchte aus dem Tal auf und lief grußlos hinab in die nächste Senke. Die Rinder standen im Schatten eines Waldrands und zupften mit ihren vor Hitze steif gewordenen Zungen an bleichen Gräsern. Ein mächtiger Raubvogel erhob sich von einer Eiche und segelte schwungvoll über die Wiesen. Im Trockenbett des Flüsschens wartete ein Fischreiher auf den nächsten Fang, aufmerksam, klug, ein Testesser mit gutem Geschmack.

 

Es geht in die Sommerferien

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs, in den südlichen Bundesländern beginnen in diesen Tagen die Großen Ferien. Sie beginnen zum Glück auch für mich und führen in abgelegene Gegenden, wo ich nicht täglich Zugang zu elektronischen Medien habe. Bis zum 15. September 2018 werden sie also nicht wie gewohnt Tag für Tag einen neuen Eintrag lesen, wohl aber dann und wann, alle paar Tage.

Wenn Ihnen das zu wenig ist, lesen Sie den Blog einfach mal rückwärts, bis zu seinen Anfängen. Diese Zeitreise enthält beinahe vierhundert Stationen, darunter vieles, das weiter verblüfft, anregend ist und zu vertiefen wäre. Denn das ist ja eines der versteckten Ziele dieses Blogs: Die Mitarbeit der Leserinnen und Leser (zuhause, indem sie selbst „vergehende Zeit“ durch eigenes Schreiben dokumentieren). Also: An die Arbeit, es ist das reine Sommervergnügen! (Und die Ferien sind dafür der ideale Zeitraum …)

(Hanns-Josef Ortheil: Mit dem Schreiben anfangen. Fingerübungen des Kreativen Schreibens.  DUDEN-Verlag 2017)

Knausgårds Sommer

Der letzte Band des Jahreszeiten-Zyklus von Karl Ove Knausgård ist erschienen –  und auch Im Sommer (Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand 2018) enthält lauter konzentrierte Meditationen und Essays über so etwas wie ‚den Sommer an und für sich’.

Was wiederholt sich (auf positive Weise) in unseren Sommern, was unterhält uns oder hält uns gefangen? Kurze Hosen, Fledermäuse, Mixer, Rasen, Wespen, Mücken, Eiscreme, Schmetterlinge – das alles sind Überschriften der meist nur wenige Seiten langen Texte, in denen sich Knausgård auf seinen genauen Blick und seine fünfzig Jahre an Lebenserfahrung verlässt.

Weil ihm das nicht genug war, hat er die Monate Juni und Juli des Jahres 2016 in tagebuchartigen Eintragungen (Tag für Tag) porträtiert. Das ergibt dann zwei starke Blöcke mit Geschichten und Reflexionen über das Leben mit seiner Familie und Freunden.

Ich nörgle nicht gerne an Büchern herum, die ich derart mag (und die mir nahe sind, sonst schriebe ich nicht über sie). Aber, verdammt, ich muss sagen, dass ich auf diese Tagebuchtexte hätte verzichten können. Tut mir leid, Karl Ove, ich komme nicht darum herum, das zu schreiben! Die Meditationen von wenigen Seiten fangen den ganzen Zauber eines möglichen Sommers ein – und die Tagebuchtexte treten ihn breit.

Schreibe ich gerade so etwas eine Kritik? Nein, ich schreibe keine Literaturkritiken mehr (Literaturkritiken sind ein Problem, darüber denke ich ein anderes Mal länger nach). Aber was tue ich sonst? Ich lege den Finger auf … – mehr nicht.

Und werde jetzt sofort weiter lesen und weiter, etwa (aus verständlichen Gründen) über den Rasensprenger: Mir ist nie wirklich bewusst gewesen, dass ich einen Rasensprenger besitze, er ist nur eines von vielen Dingen gewesen, die ich anschaffte, als wir dieses Haus kauften, ähnlich wie den Rasenmäher, die Gartenscheren, die Harken und alle anderen Gerätschaften, die zu einem Garten gehören …

Sommerbild 7

Wie kaum eine andere Blüte reagiert die des weißen Hibiskus auf die sommerliche Wärme und Hitze. Sie schlägt ein bequemes Lichtlager auf und ordert getöntes Strahlen, mit schwachen Schatten garniert. Die Blütenblätter verwandeln sich dabei in etwas betucht Stoffliches, als bestünden sie aus federleichten, bequemen Laken. Sie betten sich so ineinander, dass nirgends eine Öffnung, sondern höchstens eine leichte Vertiefung entsteht, die von der schimmernden Fruchtsäule der Staubblätter besetzt wird. Als ganzes hat diese Erscheinung etwas so Entrücktes, dass man nicht wagt, sie zu berühren. Sie feiert ihre sommerlichen Feste allein, ohne uns, und sie empfängt seltenen, hohen Besuch, der durch die geheime Hintertür wieder verschwindet.

Die große Hitze

Ich freue mich auf die große Hitze, die uns zum Ende der Woche bevorsteht. 37 Grad! Genau richtig für mich! Bei siebenunddreißig Grad stehe ich noch früher als sonst auf (5 Uhr) und verschwinde, wenn es heiß wird, in die Nähe eines Badesees. Musik hören, lesen, selbst gemachte Limonaden trinken – und vor allem: schwimmen, ganz langsam, wie ein Lurch ohne Interessen.

Mein Japanischer Taschenkalender für das Jahr 2018 (DVB Mainz) hat mitgedacht (als ahnte er alles schon im Voraus). In dieser Woche präsentiert er ein Haiku von Haiku-Meister Tan Taigi (1709-1771). Es nimmt eine Eidechse bei großer Hitze in den Blick – und das, weil dieses Tier die Hitze genießt und mit einem „Glänzen“ auf sie reagiert. So soll es sein: Nicht stöhnen, nörgeln, klagen, nein: glänzen!

Auf dem Trittstein

eine Eidechse, glänzend;

o, diese Hitze!

Kölner Lichter 2018

Gestern Abend waren wir Zeugen eines der schönsten Feuerwerke, die man sich ausdenken kann. So etwas findet naturgemäß in Deutschland nirgendwo anders als in Köln statt. Hunderttausende waren auf beiden Seiten des Rheins und vielen Schiffen auf dem Fluss Zeugen, wie Chefpyrotechniker Georg Alef ein Feuerwerk von etwa dreißig Minuten in ein synästhetisches Gesamtkunstwerk verwandelte.

Wir müssen bekennen, dass wir sonst keine Freunde von Feuerwerken sind. Das Herumgeballere an Silvester ist dumm und überflüssig – und die typischen Sommerfeuerwerke in Barockgärten sind fast immer zum Gähnen. Als Betrachter wartet man geduldig, bis die meisten Zuschauer ihr übliches „Ah!“ und „Oh!“ gerufen haben und sich nach dem Ende eine winzige Depression der niedersten Triebe breitmacht: „Schade, es war so schön – und alles schon wieder vorbei!“

Genau das kann man vom gestrigen Kunstfeuerwerk unter der Leitung von Georg Alef nicht sagen (eine Aufzeichnung mit den genial erleuchteten 27 Minuten ist über die ARD-Mediathek abrufbar). Was er zusammen mit fünfzig Gehilfen zauberte, hatte Hintergrund und zitierte Geschichten, denn es ging eben nicht darum, ein paar bunte und beliebige Farben- und Feuergarben in unterschiedlichen Höhen rummsdumms explodieren zu lassen.

Das Kunstprojekt Paintings (angeregt übrigens durch Gerhard Richters Fenster im Kölner Dom) inszenierte vielmehr zu klug ausgewählten Musikstücken strahlende Feuerbildkompositionen in den unterschiedlichsten Stilen der Kunstgeschichte. Akkord für Akkord, Melodie für Melodie malte es vertraute Musik so ins Dunkel, dass man den Klangverlauf im Entstehen und Vergehen von abstrakten Bildstrukturen verfolgen konnte. Chefpyrotechniker Alef dirigierte außerirdisch vom Himmel herab und ging in die Geschichte der Feuerwerkerei als der neue Debussy (einer Einheit von Bild- und Klangmagie) ein. Wir danken!

Sommerbild 6

Selten haben wir so früh im Jahr Klaräpfel geerntet. Jeden Tag poltern sie in Scharen auf die Erde und wollen sofort aufgehoben und weggetragen werden. Weich und wächsern liegen sie in der Hand, wie frisch poliert. Für kurze Zeit zeigen sie ein vitales, aber verhaltenes Grün. Lässt man sie aber mehr als nur einen Tag liegen, trocknen sie allmählich aus, nehmen ein ungesundes Gelbgrün an und schmecken wie mehliger Puder.

Gesunde Klaräpfel sind die Apfelvorspeisen des Herbstes, unauffällige und ehrliche Kolonien, die wir (durchgeschnitten, in zwei Hälften) Abend für Abend in den Ofen wandern lassen, mit Nüssen, etwas Honig und Vanille gefüllt. Im Ofen entfalten sie einen Frühherbstgeschmack und zeigen ihr ganzes Talent, uns zu begeistern (‚Was? So gut können die schmecken?!‘).

In ihrer Nachbarschaft sind die anderen Apfelsorten dabei, Farbe anzunehmen und erste Herbstsignale aufzutragen. Um solche Farben schon im Voraus in all ihrer Pracht zu studieren, fahren wir in diesen Tagen zu einer wunderbaren Ausstellung im Museum Würth (74653 Künzelsau). Dort nämlich werden die Aquarelle Äpfel und Birnen des Theologen, Pomologen und Künstlers Korbinian Aigner gezeigt.

Aigner (1885-1966) hat ein Leben lang Hunderte von einzelnen Äpfeln und Birnen aquarelliert – und das selbst noch in der Zeit, als er ein politischer Häftling und in den Konzentrationslagern von Sachsenhausen und Dachau inhaftiert war. Er hatte genau das detailgetreue Auge, wie wir es an Künstlern und Schriftstellern so schätzen: Präzise und beinahe andächtig gegenüber den kleinsten Emphasen, das Große im scheinbar Geringen suchend, ohne Pathos und Wichtigtuerei: „hingebungsvoll“.

(Zur Vorbereitung auf die Ausstellung kann man einen Prachtband durchblättern – Korbinian Aigner: Äpfel und Birnen. Das Gesamtwerk. Hrsg. von Judith Schalansky. Matthes & Seitz 2013)