Christi Himmelfahrt

Das heutige Fest Christi Himmelfahrt bedenkt den letzten Tag, an dem sich Jesus noch auf der Erde aufhält. Das Lukasevangelium endet mit der bekannten Szene: Jesus trifft sich noch einmal mit seinen Jüngern, und sie nehmen eine Mahlzeit zu sich (das „Abendmahl“ unmittelbar vor der Kreuzigung erhält eine Spiegelung durch das „Mahl“ kurz vor der Himmelfahrt).

Während dieses „allerletzten Mahls“ richtet sich der Blick in die Zukunft: Der Kreis der Jünger schließt sich, sie werden ab sofort diejenigen sein, die für die Verbreitung und die Deutung der Lehre zuständig sind. Jesus verabschiedet sich und verlässt sie – nun sind sie ganz auf sich selbst gestellt.

Weswegen die Apostelgeschichte nun wiederum genau mit dieser Szene, nämlich der von Jesu Abschied und Himmelfahrt, beginnt. Die Geschichten der Apostel und die ihrer Verkündigung werden folgen und den Raum sowie die Rituale der sich bildenden neuen „Kirche“ abstecken.

„Himmelfahrt“ ist also: Abschied, Trennung, Übergang in den Traum, die Wolke, das Andere, das den irdischen Blicken entzogen ist.

Johann Sebastian Bach hat zu den Evangelientexten ein eigenes, kleines Oratorium komponiert: Lobet Gott in seinen Reichen. Mehrere gute Aufnahmen sind auf Youtube abrufbar.

Abenteuer Pferd

Heute Abend um 21 Uhr beginnt im NDR-TV die dreiteilige Reihe Judith Rakers: Abenteuer Pferd. Wie wir gerade in einem brandheißen Interview mit mobil (5/2018), dem Magazin der Deutschen Bahn, erfahren haben, vermittelt Reiten der großen NDR-Moderatorin und Tagesschau-Sprecherin ein Gefühl von Freiheit. Mit hohem Tempo durch die Natur zu galoppieren, das habe etwas Archaisches und stille den für eine Tagesschau-Sprecherin besonders nahe liegenden „Hunger nach Leben“.

Frau Rakers wünscht sich demzufolge, dass das Leben eine große Wiese sein möge, auf der sie (im übertragenen Sinn) überlegt, wohin sie jeweils so galoppieren könnte. Inzwischen beherrscht sie neben dem Kutsche fahren und dem Baumstämme schleppen (mit Arbeitspferden im Wald) auch die Königsdisziplin: Westernreiten. Dafür musste sie schwierige Manöver mit Sturzhelm, Schutzweste und schließlich sogar mit Cowboyhut meistern. Was da für Grenzüberwindungen stattgefunden haben und wie viel Adrenalin ausgeschüttet wurde – unfassbar! Zur Erholung liegt Frau Rakers nach solchen Abenteuern gern auf dem Sofa, und ihr Gehirn verarbeitet auch ohne Yoga und Meditation all das Neue in Pferdeseile.

Auch wir lieben diese wunderbaren Tiere seit unserer Kindheit, als wir noch auf dem Rücken so manchen Wallachs über lauter Wiesen galoppiert sind und unseren ebenfalls nahe liegenden Hunger nach Leben gestillt haben. Wohin wir (im übertragenen Sinn) galoppieren sollten, brauchten wir allerdings nie zu überlegen, und auf dem Sofa haben wir anschließend auch nie länger ausgeharrt. Wir haben unsere Pferde einfach in die Pferdewaschbox geführt und stundenlang gestriegelt, da vergingen die Stunden so schnell, dass wir seelisch gar nicht mehr hinterher kamen.

Wir werden begeistert zuschauen heute Abend, denn Frau Rakers auf dem Rücken der Pferde zu sehen, wird auch uns einen Adrenalinschub sondergleichen bescheren. Bis das nächste Highlight für Pferde-Freunde im Herbst 2018 dann als Buch erscheint: Isabell Werths Vier Beine tragen meine Seele (Piper Verlag).

Der ökologische Fußabdruck

Julia Klöckner ist nicht nur unsere neue Landwirtschaftsministerin, sondern seit März 2018 auch unsere neue Ministerin für Ernährung. In dieser Funktion ist sie uns näher als alle anderen Ministerinnen und Minister, das ist klar. Fast wöchentlich lauschen wir ihren Kommentaren zu Fragen der Ernährung und folgen (so gut es geht) ihren Anweisungen und Empfehlungen.

Vor ein paar Tagen hat sie sich vehement dagegen ausgesprochen, eine Zuckersteuer auf besonders zuckerhaltige Speisen und Getränke zu erheben. Julia Klöckner plädiert dagegen für eine „bessere Ernährungsbildung von der Kita an, theoretisch wie praktisch“. Außerdem empfiehlt sie uns „saisonale und regionale Produkte“, mit ihnen stehen wir, was unseren „ökologischen Fußabdruck“ betrifft, fantastisch da.

Noch deutlicher und ausführlicher wird Julia Klöckner aber in den inspirierenden Büchern, die sie zu Ernährungsfragen (und zu unserem ökologischen Genussabdruck) geschrieben hat. Mit Hilfe dieser ausführlichen Anleitungen zum fußabdruckarmen und genussfreudigen Leben sollten wir uns umfassend und kompetent informieren. Wir empfehlen: Julia Klöckner: 1) Der Wein erfreue des Menschen Herz (Paulusverlag) und 2) Irdischer Wein – Himmlischer Genuss (Paulusverlag).

Shortlist und Empfehlungen der Leserinnen und Leser Frühjahr 2018

Ich habe die Rückmeldungen von über hundert Leserinnen und Lesern auf meine vor einigen Tagen (in drei Folgen) verschickte Longlist meiner Lesefreuden im Frühjahr 2018 ausgewertet.

Die fünf meistgenannten Titel (und damit die Titel der Shortlist meiner Leserinnen und Leser sind):

  1. Karl Ove Knausgård: Im Frühling. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand 2018
  2. John Lewis Stempel: Ein Stück Land. Mein Leben mit Pflanzen und Tieren. Aus dem Englischen von Sofia Blind. DuMont 2018
  3. Kai Vahland: Ansichtssachen. Alte Bilder, neue Zeiten. Insel Verlag 2018
  4. Johanna Romberg: Federnlesen. Vom Glück, Vögel zu beobachten. Bastei Lübbe 2018
  5. Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. DuMont Verlag 2017

Die drei meist genannten, eigenen Empfehlungen meiner Leserinnen und Leser von Lesefreuden des Frühjahrs 2018 sind:

  1. Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp Verlag 2018
  2. Monika Maron: Munin oder das Chaos im Kopf. S. Fischer Verlag 2018
  3. James Baldwin: Von dieser Welt. Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow. dtv 2018

Wie Romane entstehen

Auch in diesem Semester betreue ich sechs Studierende des Masterstudiengangs Literarisches Schreiben und Lektorieren an der Universität Hildesheim. Jede/jeder von ihnen arbeitet seit Jahren an einem Roman. Ich habe die Funktion eines Mentors/Lektors, der mit ihnen all jene Details bespricht, auf die es bei der Romanarbeit ankommt: Figuren, Handlung, Raum, Zeit, Erzähler, Stil und Dramaturgie.

In regelmäßigen Abständen bekomme ich einen Romanauszug vorgelegt, und wir gehen ihn fast Satz für Satz durch. Es ist eine Arbeit, auf die keine/keiner der Studierenden vorbereitet war. Ein einmaliges Schreibabenteuer, spannend und aufschlussreich.

Ab kommender Woche trete ich mit den sechs Studierenden (Salvatore Calabrese, Silvie Lang, Nils Nußbaumer, Milena Röthig, Alexander Rudolfi, Jana Schrader – alle im vierten Semester des Masterstudiengangs) nacheinander in vier Literaturhäusern auf. Dann stellen wir Ausschnitte aus ihren Romanen vor und diskutieren die Probleme ihrer Entstehung.

Hier die genauen Termine und Orte: 1) 8. Mai: Literaturhaus Freiburg, 19.30 Uhr, 2) 15. Mai: Literaturhaus Stuttgart, 20 Uhr (außer Haus, im Westquartier, Elisabethenstraße 26), 3)  24. Mai: Literaturhaus Wiesbaden (Villa Clementine), 19.30 Uhr, 4) 19. Juni: Literarisches Zentrum Göttingen, 20 Uhr.

Alle Leserinnen und Leser dieses Blogs, die sich dafür interessieren, wie Romane entstehen, sind herzlich eingeladen. Kommet zuhauf!

Die Ankömmlinge des Frühsommers 1

In seiner Fotoserie Die Ankömmlinge des Frühsommers porträtiert der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil die goldgelb ins Sonnenlicht einfallenden Blütentrauben des Goldregens.  An warmen oder gar heißen Tagen wetteifern sie mit dem Licht und geraten außer sich, indem sie orkanartige Böen ins Grün zaubern, die sich am Abend hinter die sonst unbemerkt bleibenden Vorhänge des mitgespeicherten Grüns zurückziehen …, um am frühen Morgen wie Draperien auf den Bildern Monets etwas latent Hymnisches (und geradezu Choralartiges) zwischen Himmel und Erde wieder frei zu entfalten.

Kleine Straßenbahnhymne

Am 26. April 2018 haben wir in diesem Blog vom Straßenbahnfahren geschwärmt und gleich auch einen Vorschlag gemacht, welche dazu passende CD man über Kopfhörer während einer langen Straßenbahnfahrt hören sollte. Straßenbahnfahren ist eine elegante Fortbewegung auf Schienen, subtil (für die Augen), gleitend, nicht stockend, kontinuierlich und nicht laufend abrupt unterbrochen. In Straßenbahnen kann man über den Köpfen der Fahrgäste angebrachte Gedichte in Ruhe lesen, und manchmal lesen wiederum muntere Dichterinnen und Dichter während Straßenbahnfahrten aus ihren Werken. Der große Joseph Roth hat über Straßenbahnen muntere Feuilletontexte geschrieben (Trübsal einer Straßenbahn, Jung und Jung Verlag), und der ebenso große portugiesische Schriftsteller António Lobo Antunes hat die weltberühmten Straßenbahnen Lissabons in seinen Romanen als Romanfiguren auftreten lassen.

Wir haben so leidenschaftlich und begeistert vom Straßenbahnfahren geschwärmt, dass Europas beste Straßenbahnfahrer uns erhört haben. Seit dem 26. April 2018 sind sie nach Stuttgart gekommen und tragen dort ab morgen die siebte Europameisterschaft der europäischen Straßenbahnfahrer aus. Natürlich sind wir dabei, wenn es auf dem SSB – Betriebsgelände, Schockenriedstraße 50 in 70565 Stuttgart, losgeht. Wer nicht dabei sein kann, kann die Wettbewerbe (Zielbremsen, Bowling, Fahren mit verdecktem Tacho etc.) über Livestream auch direkt von weither verfolgen. Alles dazu im Netz, Stichwort: Tram EM.

Die Söhne der Paläste

Sie hausen in einem eigenen, geschlossenen und geschützten Bezirk des Gartens und zeigen in diesen Tagen ihr wildes Gesicht. Sie sind die Dinosaurier der Grünflächen, archaische, frühste Gestalten aus Zeiten, in denen Pflanzen noch gewaltige Ausmaße hatten und ihre Plätze erkämpften. Ihre Herkunft aus ältesten, mykenisch-minoischen Palastkulturen ist ihnen noch immer anzusehen, sie sind Söhne dieser Paläste und Verwandte von Herrschern, die das Wort „Polis“ noch nie gehört haben. Bald werden sie sich vollends erheben und ihre Königskerzen strahlend entflammen, und alles andere um sie herum wird sich vor ihnen verbeugen.

 

2:2

Guten Morgen, meine Damen und Herren, wir melden uns heute um 8. 45 Uhr aus dem Hotel „VP Plaza España“ in Madrid, wo die Elf von Bayern München die Nacht nach dem Ausscheiden aus der Champions League verbracht hat. Die letzten Spieler sind erst kurz vor sieben Uhr nach einer nächtlichen Besichtigungstour der spanischen Hauptstadt in das Hotel zurückgekehrt, duschen gerade und packen ihr Köfferchen. Der Mannschaftsbus steht bereits vor der Hoteltür, und der Zeugwart prüft, ob alle Sitze vorhanden sind. Noch zeigt sich kein einziger Spieler im hoch dekorierten Frühstücksraum, aber das wird sich bald ändern. Wenn die Jungs erscheinen, werden wir uns zu ihnen an die Tische setzen und sagen, was unbedingt zu sagen ist:

„Jungs, es war ein Klasse Spiel! Das 1:0 nach zwei Minuten, das Gegentor zum 1:1 nach einer Viertelstunde – und danach bis zum Halbzeitpfiff pure Spannung! Toll, dass Ihr das 1:2 gleich nach zwanzig Sekunden der zweiten Halbzeit zugelassen habt, umso wirkungsvoller war dann der Ausgleich zum 2:2 zwanzig Minuten später. Bis zum Abpfiff in der 96. Minute war jeder Spielzug es wert, gesehen zu werden – wann kann man so etwas von einem Fußballspiel schon behaupten? Jungs, Ihr seid ausgeschieden, mein Gott, das bringt Euch nicht um. Viel wichtiger ist, dass Ihr uns 96 Minuten hervorragend unterhalten habt, und das in einer Sportart, die es genau darauf nicht unbedingt angelegt hat. Singt auf dem Rückflug ein paar zünftige bayrische Lieder und folgt dem Rat von Thomas Müller, der Euch aufgefordert hat, die nächsten Tage ruhig angehen zu lassen, um die Niederlage angemessen zu verdauen. Trinkt nicht zuviel, sondern bewahrt Euch Euren Frustdurst für das kommende Wochenende auf. Dann lasst Ihr den FC in Köln zu Hause gewinnen und begleitet uns Kölner danach auf einer Wohlfühltour durch Kölns Brauhäuser. Sie wird Euch die alte Power zurückbringen, um statt des Triple wenigstens das Double (Meisterschaft und Pokal) zu gewinnen! Double reicht auch, Triple hört sich sowieso nicht so gut, sondern leicht eklig an, Ihr wisst, was wir meinen.  In diesem Sinn …“

Lesefreuden andernorts

Letzte Woche hatte ich die gute Idee, einige Lesefreuden (anlässlich neuer Bücher dieses Frühjahrs 2018) mit meinen Blog-Leserinnen und –Lesern zu teilen. Drei Folgen von interessanten lesenswerten Titeln habe ich inzwischen verschickt. „Mann, was für eine prima Idee, die der Ortheil da hat“, müssen sich in der letzten Woche einige Mitarbeiter des Feuilletons der SZ gesagt haben – und weiter: „So eine prima Idee sollten auch wir in die Tat umsetzen!“

Gestern haben sie meine Idee wahrhaftig in die Tat umgesetzt und eine ganze Feuilletonseite mit dem packenden Titel Nimm und lies (Untertitel: SZ-Redakteure empfehlen bemerkenswerte Titel aus diesem Frühjahr) gestaltet. Der SZ-Leser soll Jens Hackes Buch Existenzkrise der Demokratie. Zur politischen Theorie des Liberalismus in der Zwischenkriegszeit (Suhrkamp 2018, 455 Seiten) oder Jonathan B. Losos Glücksfall Mensch. Ist Evolution vorhersehbar? (Hanser Verlag 2018, 381 Seiten) oder Nina Verheyens Die Erfindung der Leistung (Hanser Berlin 2018, 256 Seiten) erwerben und mit sich durch die stark ergrünten Gärten und Wälder tragen. Super-Tipps! Über 1000 Seiten geballte Komplementärbildung zu Themen, über die man schon immer Neues hören wollte!

Inzwischen treffen bei mir viele Rückmeldungen der Leserinnen und Leser meines Blogs zu Titeln des Frühjahrs ein. Es sind Shortlisten und/oder Empfehlungen – wie etwa für Durch Manhattan (von Niklas Maak/Leanne Shapton, Hanser 2017) oder für Die Illusion der Gewissheit (von Siri Hustvedt, Rowohlt 2018, erscheint am 15. Mai). Bis Sonntag können mir die Listen und Tipps noch zugeschickt werden, dann werte ich sie aus und berichte davon.