Die Ankömmlinge des Frühlings 1

In seiner Fotoserie Die Ankömmlinge des Frühlings porträtiert der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil die dunkelgelb (im Sonnenlicht goldgelb) aufleuchtenden Blütenauswürfe der Hainbuche, die sich auf grauem Granitboden zu krausen Kompositionen in der Nachfolge Mirós einfinden. An trockenen Tagen zerfallen sie allmählich, setzen Polleneruptionen frei und verwandeln sich in braune, entkernt erscheinende rispenähnliche Gebilde, deren spröde, faltige Trockenheit an Tabak erinnert.

Art Cologne

Heute ist der letzte Öffnungstag der Art Cologne, der bedeutendsten Kunstmesse in Deutschland. Noch einmal schlendern wir durch die faszinierend bestückten Hallen, so ein Schlendern ist ungemein belebend und gibt uns einen Kreativitätskick gleich für viele weitere Tage. Zuletzt konzentrieren wir uns auf Kunstobjekte, die eine Verbindung zum Literarischen, zur Literatur, zu Schrift und Schreiben haben. Unerwartet, wie herbei gezaubert, begegnet uns eine anscheinend neue Arbeit von Gerhard Richter, die einen uns nicht ganz unbekannten deutschen Gegenwartsautor zu zeigen scheint. Stimmt das oder irren wir uns? Rose-Maria Gropp hat uns gestern in der FAZ dahingehend unterrichtet, dass Gerhard Richter diesmal weniger mit großformatigen als mit kleineren Arbeiten auf der Messe vertreten ist. Das passt genau zu unseren Vermutungen. Wir werden weiter recherchieren – und uns den ganzen Tag bis zum festlichen Ausklang treiben lassen, bevor wir bei Luciano einkehren, wo der uns nicht ganz unbekannte Gegenwartsautor so gerne (möglichst im Freien) tafelt und schreibt.

Bildbetrachtungen

In der Insel-Bücherei hat Kia Vahland einen schmalen Band (Anssichtssachen. Alte Bilder, neue Zeiten) veröffentlicht, in der sie sich als Meisterin des vielfältigen Blicks beweist. Will man ihr dabei folgen, so könnte man zunächst das in Farbe abgebildete Gemälde betrachten, um sich zu fragen: Welche Geschichte erzählt dieses Bild?

Kia Vahland hat solche Geschichten ausgewählt, die sich nicht nur auf ein Lebensmotiv konzentrieren, sondern auch geradezu aktuell erscheinen: Ein pubertierender Knabe lehnt sich selbstbewusst und bestimmt gegen seine Eltern auf; eine junge Wissenschaftlerin debattiert mit einem großen Kreis männlicher Gelehrter, die sich ihr anfänglich grundlos überlegen fühlen; ein älteres Ehepaar empfängt zwei Fremde mit selbstverständlicher Gastfreundschaft. Die Brücken zur Gegenwart wirken dabei wie Zündkerzen, die das jeweilige Bild kurz illuminieren. Plötzlich erkennt man, wie nahe das alte Bildmotiv einem Betrachter von heute sein könnte.

Ist der Blick derartig „entflammt“, folgt er allen wahrnehmbaren Spuren und Details mit detektivischer Genauigkeit: Mit welcher Haartracht hat sich der stolze, junge Dürer auf seinem Selbstbildnis geschmückt? Und warum ist am unteren Bildrand die große rechte Hand des Künstlers mit ausgestrecktem Zeigefinger zu sehen? Und wieso berühren die Finger die feinen Haare des Pelzrocks? Und worauf verweisen wiederum diese Haare (etwa auf die feinen Haare eines Pinsels, mit dem das Bild gemalt worden ist?)?

Solche Bildbetrachtungen können ungezwungene Übungen des genauen und inspirierten Sehens sein. Es macht ausgesprochen Freude, Kia Vahland bei ihren Deutungen zu folgen. Die meisten sind nicht länger als zwei Seiten und enthalten auf konzentrierte Weise soviel Material, dass man am Ende glaubt, einen ganzen Geschichtenzyklus gesehen und gelesen zu haben. Um danach so rasch wie möglich in eine Galerie/ein Museum etc. zu verschwinden und sich so locker und hellwach in Bilder zu vertiefen, wie Kia Vahland es gerade vorgemacht hat.

Blumenbüffets

Es ist Bienenzeit – heute hat das Thema sogar den Bundestag erreicht. In den Debatten wurde darüber beraten, ob die Bundesregierung in der kommenden Woche einen Antrag der EU-Kommission unterstützt, bienengiftige Pestizide europaweit zu verbieten. Julia Klöckner, die neue Bundeslandwirtschaftsministerin, hat dabei prompt wieder eine ihrer fantastischen Wortkreierungen präsentiert. Ganz nebenbei sprach sie davon, dass die gegenwärtig hochaktiven Bienen sich über jedes „Blumenbüffet“ freuen. „Blumenbüffet“ – das ist es! – um solche Büffets sollten sich all die Blütenbegeisterten kümmern, die das Imkern ihren Nachbarn und Freunden überlassen.

Liebe Julia Klöckner – ich bin dabei! … und sorge für so viele „Blumenbüffets“ wie nur irgend möglich, während mein Nachbar einen Bienenstock nach dem andern hoch über den vielfarbig leuchtenden Blumenbüffets in meinen Gärten errichtet. In wenigen Wochen werden wir zusammen den beachtlichen Ertrag des Bienenfleißes bewundern und dazu der bekanntesten Bienenhymne (auf Youtube) lauschen:  Joseph Szigeti spielt dann auf der Violine Franz Schuberts Die Biene  (op. 13/9) – und wir verfolgen mit dem inneren Ohr die Virtuosität aller Bienenbewegungen, die wir zuvor bereits Tag für Tag in der Natur mit den Augen erlebten.

 

 

 

 

Kleine Fantasie über Motive von Bobo Stenson

Vor kurzem hat ein Freund mich auf ein Youtube-Video (Live in the Forest) hingewiesen,  auf dem das Bobo Stenson Trio zu sehen ist. Es spielt aber nicht in einem Konzertsaal oder sonst einem geschlossenen Gebäude, sondern irgendwo draußen, in einem stillen Waldgelände. Ich liebe solche Konzerte im Freien, ich liebe sie sogar sehr. Wenn ich länger zu Fuß unterwegs bin (wie gerade jetzt, in diesen Frühsommertagen um die 25 Grad) entdecke ich alle paar Minuten einen Raum, an dem ich mir Live-Musik (oder eine Lesung?) wünsche. Das Foto zeigt einen solchen Ort, ein angeschnittenes Wiesenhalbrund, gerahmt durch wild gewachsene, blühende Weißdornsträucher. Direkt vor ihren leuchtenden Vorhang würde ich das Bobo Stenson Trio platzieren – und es würde die neuen Aufnahmen auf seiner CD (Contra la indecisión, ECM Records) spielen. Die Zuhörer säßen (lägen?) auf Decken und schauten in den Himmel – und im Hintergrund, auf einem Baumstumpf, säße der glückliche Konzertveranstalter, Herr O. …

Haiku – in altjapanischer Manier

Die kleine Wolke

René Magritte fing sie ein

Als Sekundenbild

Erläuterung: Der japanische Lyriker Han-Nsjo-Sef hält sich gegenwärtig im Rahmen eines Literaturstipendiums in Deutschland auf. In der Tradition altjapanischer Dichtung schreibt er täglich ein Haiku und folgt dabei der bewährten Regel, drei Zeilen (mit fünf, sieben und wiederum fünf Silben) zu komponieren. Dieses Haiku erinnert an Gemälde René Magrittes, auf denen surreal anmutende Erscheinungen kleiner, weißer Wolken eine bedeutende Rolle spielen. (Hanns-Josef Ortheil fotografierte das Bildmotiv, das sein japanischer Freund und er gestern vor Augen hatten.)

Fermers Wanderungen 14

Aus den schattigen Zonen, die noch Kontakt mit den Ausläufern der Wohnbezirke hatten, gelangte er allmählich (und beinahe Schritt für Schritt) in helleres und wilderes Gelände. Die Zäune und Gärten verschwanden und gingen in weite Wiesengrundstücke über. Schließlich liefen auch die Treppchen und Absätze aus und mündeten auf einem Höhenkamm, von dem aus er die halbe Stadt überblicken konnte. Auf so entlegenen Wegen begegnete ihm kein einziger Mensch. Erst wenn er die Höhe erreichte, traf er hier und dort auf einen Einzelgänger oder ein Paar, das auf die Stadt schaute und sich Mühe gab, deren Anlage zu deuten und zu verstehen. Im Abendlicht waren ihre Zonen besonders gut zu unterscheiden, so dass auch er sich ein Vergnügen daraus machte, sie im Stillen, nur für sich selbst, zu benennen.

Stabtreue I – Skulptur

Stabtreue I, ein meisterhaftes Spätwerk des (aus Wuppertal-Cronenberg stammenden) Beuys-Schülers Johannes Demzufolge, erscheint in tiefster, ländlicher Abgeschiedenheit als zurückhaltende Mahnung, der Not des Einzelnen auf die Sprünge zu helfen. Deutlich wahrnehmbar sind Anleihen beim mystischen Motiv des Erinnerungsstabs, gekreuzt mit Verweisen auf analoge Rhythmen der Zahlenwahl und Buchstabenexegese. Der selten in Museen oder Galerien ausgestellte Künstler, der sich (einer beliebten mündlichen Wendung seines Lehrers folgend) Demzufolge nennt, postiert bis heute seine Arbeiten beinahe nur im nicht-öffentlichen, geheimnisvoll entrückten (und durchaus intim, als Begegnung,  komponierten) Raum, wo sie dem nichtsahnenden Wanderer oder Geländegänger als kleine Inseln radikaler Besinnung auf die rudimentären Zeitschichten der jüngsten Vergangenheit auflauern.

Il suono della vita

Gegen Mittag machen sich die römischen Freunde und Boten von Rom aus auf den Weg in den Norden. In Südtirol legen sie eine größere Pause ein und fahren dann über den Brenner und München in meine Richtung. Am frühen Nachmittag des gestrigen Tages höre ich sie, wie sie, laut hupend, rufend, singend, das Gartengelände erreichen. Wir umarmen uns, und schon bald liegt auf dem Tisch das kleine Paket mit den schönsten Geschenken, die ich mir denken kann. Ich darf es öffnen und entnehme ihm fünf Exemplare der gerade erschienenen italienischen Übersetzung meines Romans Die Erfindung des Lebens (Keller editore). Der italienische Titel lautet Il suono della vita, Scilla Forti hat die beinahe sechshundert Seiten in ein klangvolles Italienisch übersetzt. Wie lange habe ich auf diesen Moment gewartet – und wie lange darauf gehofft, dass auch meine italienischen Freundinnen und Freunde diesen Roman einmal lesen. Samstag, der 14. April 2018, ist ein Festtag, und als ich weit nach Mitternacht zu Bett gehe, passiert es wahrhaftig: Ich träume wieder Italienisch, alle in meinem Traum auftretenden Personen sprechen genau diese Sprache, es ist, als träumte ich den Trailer zu einem Film in vielen Folgen, der mich endlich zurückholt, tief in den Süden.

Die Wiese

Die Wiese beginnt am Morgen zu gären. Eine grüne, dichte, wild verzahnte und pelzartige Maische überzieht den flachen Boden, die gelben Löwenzahnkerzen verteilen sich nach eigenen Launen, und die weißen, hoch eleganten Mini-Strahler der Gänseblümchen blinken in der Sonne. Die gesamte Palette dehnt sich, tief atmend, dem Mittag entgegen, lodert und blitzt am Nachmittag in schmalen Corsi auf und versinkt am frühen Abend, nach Durchlaufen aller Erregungszustände, im Ermüdungstaumel nach intensiver Sonnenbetäubung.