Der (noch) leere Saal

In etwa einer Stunde wird dieser Saal bis auf den letzten Platz gefüllt sein. Du wirst hinter dem schlichten Tisch auf dem schwarzen Klavierhocker sitzen und versuchen, den Raum zum Klingen zu bringen. Nach weniger als einer Minute wirst Du wissen, ob es gelingt…

Taxifahren in Hildesheim

Fahre ich in Hildesheim mit dem Taxi vom Universitätscampus der außerhalb gelegenen Domäne Marienburg zum Hauptbahnhof, erzählen mir die männlichen Taxifahrer in mittlerem Alter fast immer von der Ausbildung ihrer Töchter und Söhne. Sie fragen mich, ob ich die Ausbildungsstätten für okay halte (Informatik in Braunschweig – ist das okay?), oder sie erkundigen sich nach einem Buch, das sie ihren Kindern schenken könnten (etwas „Lehrreiches“, etwas, das „die Welt erklärt“). Taxifahrerinnen erzählen fast nie von ihren Kindern, sondern von besonderen Vorlieben. Wo sie einkaufen, wohin sie gerne einmal verreisen möchten, was sie am Abend noch vorhaben. Von ihnen verabschiede ich mich meist gut gelaunt, von den Taxifahrern in mittlerem Alter jedoch eher so, als gäbe es vielerlei Gründe zu schwerwiegenden Sorgen.

Taxifahren in Hildesheim

Fahre ich in Hildesheim mit dem Taxi vom Universitätscampus der außerhalb gelegenen Domäne Marienburg zum Hauptbahnhof, erzählen mir die männlichen Taxifahrer in mittlerem Alter fast immer von der Ausbildung ihrer Töchter und Söhne. Sie fragen mich, ob ich die Ausbildungsstätten für okay halte (Informatik in Braunschweig – ist das okay?), oder sie erkundigen sich nach einem Buch, das sie ihren Kindern schenken könnten (etwas „Lehrreiches“, etwas, das „die Welt erklärt“). Taxifahrerinnen erzählen fast nie von ihren Kindern, sondern von besonderen Vorlieben. Wo sie einkaufen, wohin sie gerne einmal verreisen möchten, was sie am Abend noch vorhaben. Von ihnen verabschiede ich mich meist gut gelaunt, von den Taxifahrern in mittlerem Alter jedoch eher so, als gäbe es vielerlei Gründe zu schwerwiegenden Sorgen.

Der japanische Taschenkalender

Ich liebe kleine Kalender, die ich mit mir herumtragen und während des Jahres (auf ihr Jahresthema bezogen) vollschreiben kann. Diesmal ist der „Japanische Taschenkalender für das Jahr 2017“ mein Lieblingskalender. Jetzt, Mitte April, bietet er Texte zur Kirschblütenzeit, darunter die Verse des Dichters Ôshima Ryôta:

So ist diese Welt:

Drei Tage mal nicht hingeschaut –

o, diese Kirschblüten!

Sommersemester an der Universität Hildesheim

Im Sommersemester 2017 halte ich Seminare für die Masterstudierenden des Studiengangs Literarisches Schreiben und Lektorieren an der Universität Hildesheim. Themen sind: Asketisches Schreiben (Geschichte, Theorie, Praxis) und Mit dem Schreiben anfangen (Geschichte, Theorie, Praxis). Daneben kümmere ich mich um die Weiterentwicklung der Edition Pächterhaus. Sie ist die Schriftenreihe des Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft. Die Studierenden veröffentlichen in dieser Reihe ihre eigenen Texte. Sie lektorieren, sie konzipieren Bücher, sie arbeiten in einem kleinen Verlag, in dem sie Erfahrungen für eine Arbeit in größeren Verlagen sammeln können.

Böttingers Bücher

Der WDR startet im Sommer eine neue TV-Reihe: Böttingers Bücher. In ihr stellt Bettina Böttinger, die Talkshow-Gastgeberin des Kölner Treff,Autorinnen und Autoren vor, die in Nordrhein-Westfalen leben oder aufgewachsen sind. In der ersten Folge bin auch ich dran, deshalb ist Drehtag in Köln. Und es wird ein Dreh, wie ich noch keinen erlebt habe. So fahre ich in einem windigen Aufzug, der eigentlich für Handwerker ohne Höhenangst bestimmt ist, auf eine turmhohe Plattform außen am Dom. Von dort dringe ich über einen noch windigeren Holzsteg wie ein Tänzer über dem Abgrund direkt unter das Domdach vor. Toll käme es rüber, wenn ich danach mit dem Fallschirm auf die Domplatte segeln würde. Im letzten Moment haste ich in den Aufzug, zurück auf die sichere Erde. Im Anschluss geht es im Eiltempo nach Nippes, dort bin ich aufgewachsen. Und plötzlich stehen wir in genau jener Wohnung, in der ich als Kind mit den Eltern gelebt habe. Und esse später Em Golde Kappes genau jenes Sauerkraut, das ich als Kind dort gegessen habe. Und sitze wenig später im Konzertsaal des WDR an einem Flügel, wo ich den Klavierpart von Mozarts Klavierkonzert KV 491 spielen soll. Um kurz darauf, wunderbar animiert von einem kubanischen Tontechniker und dem Meister aller WDR-Kameramänner, auf dem Wallrafplatz Beobachtungen über Passanten zu notieren. Und sie sofort druckreif mitzuteilen, damit der Tontechniker, der Kameramann und ich synchron an der direkten Beobachtung von Passanten arbeiten können. Zwölf Stunden dauert der gesamte Dreh. Am Folgetag sehen sich alle wieder, um im Abteil eines fahrenden ICE während einer Fahrt von Köln nach Frankfurt weiter zu drehen. Ich darf mit einer großen Schere auf Zeitungsartikel losgehen und später (in der letzten Drehsequenz) Weißwein im Frankfurter Hauptbahnhof trinken. Danach fahre ich (allein) nach Hildesheim, das Semester an der Universität hat begonnen.

Manchester by the Sea

Ich sah den Film Manchester by the Sea und überlegte bereits, während ich ihn sah, warum er mich mit seinen einfachen Mitteln derart fesselte und in keinem Moment zur Ruhe kommen ließ. Während seines gesamten Verlaufs konzentriert er sich auf einen einzigen Menschen, Lee Chandler (mitreißend gespielt von Casey Affleck). Man erlebt ihn zunächst als introvertierten, mürrischen Typ, für den man nicht besonders viel Sympathie aufbringt. Je länger man ihn begleitet, umso klarer wird einem jedoch, dass er einigen unglaublichen Katastrophen gerade noch entkommen ist und an der Grenze zum Selbstmord lebt. Drei Kinder hat er (beim Brand seines Hauses, an dem er nicht ganz unschuldig war) verloren, die Mutter der Kinder hat sich von ihm getrennt, sein Bruder Joe ist an Herzversagen gestorben. Lee Chandler hat kein eigenes Leben und längst keine Gefühle mehr, die er an andere Menschen verschwenden könnte. Der Film erzählt diese Katastrophen sehr langsam, nacheinander, in Rückblenden, während er weiter nicht nachlässt, sich auf das Mienenspiel seiner Hauptperson zu konzentrieren. Und so geht eine Bombe nach der andern hoch, und man beginnt, um diesen Mann zu fürchten und alles Verständnis für seine manchmal aggressiven Attacken gegen andere aufzubringen. Beinahe zwanghaft zieht einen der Film dann weiter hinein in das Innenleben der vereinsamten Gestalt, die es nicht einmal mehr schafft, sich ein paar Minuten mit einer anderen Person zu unterhalten. Am Ende starrt man auf ein fassungslos machendes starkes Schlussbild des (scheinbaren?) Friedens: Lee Chandler sitzt mit dem Neffen, den man ihm anvertraut hat, am Wasser und angelt. Danach kann man sich nicht rasch von diesen Bildern lösen und denkt: Meine Herren, was habe ich in den letzten zwei Stunden nicht alles erleben müssen?! Und, meine Herren, wie habe ich diese zwei Stunden überstanden, ohne selbst verrückt zu werden (wie Lee Chandler es beinahe geworden wäre)?! Das sich rekreierende Leben (an dessen Kraft man während des Films in keinem Moment glaubt) ist wieder da, aber der Film erlaubt niemandem, der ihn gesehen hat, darüber noch viele Worte zu machen.