Eine Unterscheidung

Schreibe ich an einem Roman, bin ich oft jahrelang im Gehäuse dieses Textes gefangen. Ich muss Stil und Erzählton über Hunderte von Seiten beibehalten, ich muss meinen Figuren Schritt für Schritt folgen, ich muss Räume und Zeiten allmählich aufbauen und weiter entwickeln – all das legt mich fest und lässt mir keine großen Freiheiten.
Die Arbeit an Was ich liebe und was nicht verlief anders. Die meisten Texte sind nur wenige Seiten lang und ergeben als ganzes eher ein Kaleidoskop und keine allzu strenge Komposition. Verlockend war diesmal das Ausprobieren vieler Stimmen: Monologe, Dialoge, Zwiegespräche, Gedichte, Reportagen, Interviews, Erzählungen, Essays – all diese literarischen Formen sind – je nach Bedarf – vertreten und ergeben ein abwechslungsreiches Porträt verschiedener Lebensmomente. Auch deshalb hatte das Schreiben dieses Buches etwas Befreiendes.

 

Buchmesse Frankfurt

Ich war einige Jahre nicht auf der Buchmesse, umso größer ist der erste Schock beim Besuch in diesem Jahr. Warum bin ich nicht in meinen Wäldern und Gärten geblieben, anstatt mich diesem Dahintreiben von Zigtausenden von Menschen auszusetzen, für die das Thema Buch ein Vorwand für allerhand Unterhaltung ist? Was um Himmels willen soll ich hier? Die Gespräche sind meist von extremer Kürze: „Seit wann bist Du da?“ Und eine Minute später: „Und wann fährst Du ab?“ Ein Fokus der Beobachtung sind die gleichaltrigen Autorinnen und Autoren: Wie geht es der oder dem? (Schleppender Gang? Tiefe Falten? Dramatischer Haarausfall?) Wie gut, dass zumindest mein Lektor (Klaus Siblewski) ein Mensch ist, der sich in Jahrzehnten nicht verändert hat und in der alten stoischen Ruhe unterwegs ist. In regelmäßigen Abständen laufe ich ihn an und hoffe, dass er mich wiedererkennt. (Fragt er: „Geht es Dir gut?“ ist eindeutig etwas nicht in Ordnung.) Meine eigene Frau (in ihrer Tätigkeit als Verlegerin) erkenne ich dagegen schon nach kurzer Zeit nicht mehr wieder. Sie hat sich voll und ganz in ihren Beruf verabschiedet, ich verstehe ihre Sprache nicht mehr, sie ist mir recht fremd geworden. Ein schöner Moment ist aber der, als ich einen Ortheil-Leser am Stand des Luchterhand-Verlages entdecke. Er liest hoch konzentriert in einem meiner Bücher. Schwarze Brille, ein schwarzes Jackett, schon auf den ersten Blick ein kluger, geistreicher Mann. Natürlich spreche ich ihn nicht an, sondern beobachte in regelmäßigen Abständen aus der Ferne, wie er mit meinem Buch weiterkommt. (Nach beinahe einer Stunde Lektüre nimmt er sich ein zweites vor, was ich nun beinahe schon ergreifend finde.) Sonst aber liegt über allem ein ununterbrochenes, lautes Rauschen, ein gewaltiger Stimmenschwarm mit enormer Frequenz. Er löscht jeden halbwegs stabilen Gedanken sofort wieder, so dass ich aus den Messehallen oft hinaus ins Freie flüchte. Immerhin gibt es dort einen Stand mit Bordeaux-Weinen. Was nehme ich? „Lebhaft und fruchtig“? „Spritzig und fein?“ Nein, das alles nicht. Ich nehme: “Rund und strukturiert“.

 

Im Garten

Ich mag es, wenn ein Haus direkt in den Garten übergeht. Wenn es nichts Abgeschlossenes, Festes, Dominantes hat, sondern zum Garten hin offen ist. Ein kleiner Schritt hinaus – und man steht im Grün, und die verschiedensten Pflanzen, Sträucher und Bäume erscheinen einem wie Lebewesen, die sich um einen scharen. Kein „Haus“ also, sondern ein „Gartenhaus“, durchlässig, in den wärmeren Jahreszeiten nach zwei Seiten hin offen, so dass der Garten in ihm weiterlebt und anwesend ist.
In meinen Augen ist er ein intensiver Lebensraum, in dem sich das allmähliche, kontinuierliche Vergehen von Zeit beobachten und ablesen lässt wie nirgends sonst. Seine „Lebewesen“ reagieren in unglaublich feiner und exakter Manier auf Licht oder Feuchtigkeit. Sieht man solche Veränderungen von Tag zu Tag, wird dieser Naturraum der Jahreszeiten zur innersten Zelle des eigenen Lebens. Man „hat“ keinen Garten, sondern der Garten „hat“ einen. Man lebt mit ihm, er ist der Atem und das Herz alles anderen Daseins.

 

Waldspaziergang

Die Waldspaziergänge am frühen Abend können gar nicht lange genug dauern. Die Jogger sind endlich verschwunden, und auch die Downhill-Raser sind abgezogen. Keine Tiere mehr, keine Vogelsignale, sondern eine leichte Anspannung, kurz vor dem Kipp in die Nacht und das Dunkel. Frühherbststimmung. Die Blätter der Bäume und Sträucher noch ohne starke Färbung, das morbide Grün entrückt, auf Distanz, nicht mehr kraftvoll oder lebendig. Eine seltsame Starre: als zöge sich alles Leben langsam zusammen. Dazu die feine Kühle, ein statisches Gleichgewicht, keine wärmeren oder kälteren Parzellen, sondern das einheitliche Lagern einer Frische, die der Kopf als etwas sehr Angenehmes, Konstantes erlebt. Längst reichen die Sonnenstrahlen tagsüber nicht mehr bis tief hinunter in diese allmählich ausdorrenden Zonen, die schon vom Winter handeln, aber den Abstand zu ihm noch in feinen Nebelbänken markieren. Sie liegen am späten Abend auf den weiten, offenen Wiesen, die aussehen wie Metaphern der Träume, mit denen man sich in die Nacht zurückzieht. Komm heim, geh endlich nach Hause, morgen verlierst Du Dich noch eine Stunde früher am Abend in Deinen Wäldern…

 

Das Vorabexemplar

Heute, gegen 12.21 Uhr, bringt mir der Postbote (in seinem gelben Renault Kangoo) das Vorabexemplar meines neuen Buches (Was ich liebe – und was nicht). Zwischen Buchfolie und Buch steckt gut sichtbar eine handgeschriebene Glückwunschkarte meines Verlegers, der dieses Buch hemmungslos lobt und ihm allen nur erdenklichen Erfolg wünscht. Ich ziehe die Folie ab und stecke die Karte hinten ins Buch, mal sehen, welche Wirkung sie in den nächsten Wochen entfaltet. Dann bin ich allein mit all den Seiten, an deren genauen Inhalt ich mich kaum noch erinnere (diese Texte wurden vor vielen Monaten geschrieben). Was mache ich nun damit? Ich bin im Besitz eines Buches, das an diesem 14. Oktober 2016, 12.21 Uhr, kein anderer Mensch außer mir wirklich besitzt. Es liegt noch in keiner Buchhandlung aus, und noch kein Rezensent hält dieses Buchexemplar in den Händen (sondern hat höchstens bereits die Druckfahnen gesehen). Ich habe große Lust, dieses Buch sofort zu lesen. Mal sehen, was mir alles so eingefallen ist und wie es jetzt auf mich wirkt. Soll ich mich in mein Arbeitszimmer zurückziehen? Nein, das wäre lächerlich. Aber wo sollte ich es sonst lesen? Unter Menschen, in der Stadt, da, wo viel los ist! Und so packe ich das Vorabexemplar in meine alte Umhängetasche, stecke noch einen Notizblock und einige Bleistifte ein und gehe hinab ins Tal zur nächsten Straßenbahnlinie, die mich in die Innenstadt bringt. Ich setze mich in ein Café und lese dort in Ruhe mein eigenes Buch. Es ist ein königliches Gefühl, als wäre man im Besitz eines geheimen Schatzes, den niemand kennt und um den auch niemand weiß. Während der Lektüre mache ich mir Notizen, als wäre ich ein Kritiker, der eine Rezension schreiben muss. Nach etwa einer Stunde wechsle ich (schon etwas euphorisiert) in die große Markthalle und lese in den Markthallenstuben bei einem Glas Wein weiter. Ich lese den gesamten Nachmittag bis tief in den Abend an wechselnden Schauplätzen der Stadt. Am Ende habe ich mir große Teile des Buches einverleibt, langsam und voller Genuss, wie ein Menu mit vielen unterschiedlichen Gängen. Jetzt kann ich damit auf Lesereise gehen, denn erst jetzt kenne ich es wenigstens einigermaßen und weiß: was in ihm steckt und was nicht.

 

Vokabeln der Zeit

Der Sternekoch, der die Gerichte von drei Kandidatinnen einer Kochshow testet, begutachtet das erste Gericht: „Toll die Polenta, sehr gut, gar nicht bröselig, grieselig oder fest wie Zement, sondern fluffig, richtig fluffig!“ Dann das zweite: „Oh mein Gott! Diese Rösti sind ja ein Wahnsinn! Leicht krustig am Rand und dünn wie gebräunte Haut! Und in der Mitte hellgelb und schön fluffig, richtig fluffig!“ Schließlich das dritte: „Geil, eine richtige Überraschung! Kartoffelsalat, den man essen kann! Nicht klebrig oder matschig, sondern mit winzigen Zwiebelstückchen und hauchzarten Gurkenscheibchen – und genau das macht ihn so fluffig, richtig fluffig!“ Zum Abschluss der Verkostung zieht er seine blendendweiße Kochjacke mit der 6-Knopfloch-Form und den Gehschlitzen im Rücken ein wenig straff und dreht sich zur Seite. Er ahnt, dass er seinen Fluffy-Ansprüchen selbst nicht in allem genügt. Die Jacke spannt, und der Kragen kragt etwas zu dominant. Und so glaubt man, ihn innerlich seufzen zu hören: „Durchatmen, Alter! Gib etwas nach! Schön fluffig bleiben, immer schön fluffig!“

 

Ernte

In diesem Herbst erscheinen von mir drei neue Bücher: 1) Ein Buch über meine Gewohnheiten, Passionen und Rituale – und darüber, wie und warum sie sich in den letzten Jahrzehnten herausgebildet haben (Was ich liebe und was nicht – Luchterhand),
2) Ein Buch mit Textstellen zum Thema Glauben, die ich aus meinen Werken ausgewählt und kommentiert habe (Glaubensmomente – btb) und 3) Ein Buch über einen meiner Lieblingsschriftsteller (Henry James) und darüber, warum er immer wieder nach Venedig gereist ist und wie er von den Geheimnissen dieser Aufenthalte erzählt und in wunderbaren Briefen an seine Freundinnen und Freunde berichtet (Henry James: In Venedig. Begleitet von Hanns-Josef Ortheil – Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung Mainz).

 

Adorf blickt zurück

Ich las, dass Mario Adorf sich bei sich selbst beschwerte: Er habe einige interessante Filmrollen (etwa in einem Film von Billy Wilder) aus Arroganz oder Dummheit nicht angenommen. Das bereue er inzwischen. Und was bereue ich? 1) Dass ich als junger Mann von etwas über zwanzig Jahren aus dem Training bei einer guten Basketballmannschaft aus lauter Horror vor dem Mannschaftsgetue ausgestiegen bin. 2) Dass ich das Angebot eines Filmteams, in einem Schumann-Film den jungen Robert Schumann zu spielen, nicht angenommen habe. 3) Dass ich meine starke Neigung zu Film und Kino nie in konkrete Filmprojekte (als Regisseur) umgesetzt, sondern alles dem Schreiben unterworfen habe. 4) Und schließlich (und am meisten): Dass ich die Pianistin Martha Argerich bei einer überraschenden Begegnung im Salzburger Hofgarten nicht zu einem langen Spaziergang eingeladen habe, obwohl sie sich genau das gewünscht hatte.