Vokabeln der Zeit

Der Sternekoch, der die Gerichte von drei Kandidatinnen einer Kochshow testet, begutachtet das erste Gericht: „Toll die Polenta, sehr gut, gar nicht bröselig, grieselig oder fest wie Zement, sondern fluffig, richtig fluffig!“ Dann das zweite: „Oh mein Gott! Diese Rösti sind ja ein Wahnsinn! Leicht krustig am Rand und dünn wie gebräunte Haut! Und in der Mitte hellgelb und schön fluffig, richtig fluffig!“ Schließlich das dritte: „Geil, eine richtige Überraschung! Kartoffelsalat, den man essen kann! Nicht klebrig oder matschig, sondern mit winzigen Zwiebelstückchen und hauchzarten Gurkenscheibchen – und genau das macht ihn so fluffig, richtig fluffig!“ Zum Abschluss der Verkostung zieht er seine blendendweiße Kochjacke mit der 6-Knopfloch-Form und den Gehschlitzen im Rücken ein wenig straff und dreht sich zur Seite. Er ahnt, dass er seinen Fluffy-Ansprüchen selbst nicht in allem genügt. Die Jacke spannt, und der Kragen kragt etwas zu dominant. Und so glaubt man, ihn innerlich seufzen zu hören: „Durchatmen, Alter! Gib etwas nach! Schön fluffig bleiben, immer schön fluffig!“

 

Ernte

In diesem Herbst erscheinen von mir drei neue Bücher: 1) Ein Buch über meine Gewohnheiten, Passionen und Rituale – und darüber, wie und warum sie sich in den letzten Jahrzehnten herausgebildet haben (Was ich liebe und was nicht – Luchterhand),
2) Ein Buch mit Textstellen zum Thema Glauben, die ich aus meinen Werken ausgewählt und kommentiert habe (Glaubensmomente – btb) und 3) Ein Buch über einen meiner Lieblingsschriftsteller (Henry James) und darüber, warum er immer wieder nach Venedig gereist ist und wie er von den Geheimnissen dieser Aufenthalte erzählt und in wunderbaren Briefen an seine Freundinnen und Freunde berichtet (Henry James: In Venedig. Begleitet von Hanns-Josef Ortheil – Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung Mainz).

 

Adorf blickt zurück

Ich las, dass Mario Adorf sich bei sich selbst beschwerte: Er habe einige interessante Filmrollen (etwa in einem Film von Billy Wilder) aus Arroganz oder Dummheit nicht angenommen. Das bereue er inzwischen. Und was bereue ich? 1) Dass ich als junger Mann von etwas über zwanzig Jahren aus dem Training bei einer guten Basketballmannschaft aus lauter Horror vor dem Mannschaftsgetue ausgestiegen bin. 2) Dass ich das Angebot eines Filmteams, in einem Schumann-Film den jungen Robert Schumann zu spielen, nicht angenommen habe. 3) Dass ich meine starke Neigung zu Film und Kino nie in konkrete Filmprojekte (als Regisseur) umgesetzt, sondern alles dem Schreiben unterworfen habe. 4) Und schließlich (und am meisten): Dass ich die Pianistin Martha Argerich bei einer überraschenden Begegnung im Salzburger Hofgarten nicht zu einem langen Spaziergang eingeladen habe, obwohl sie sich genau das gewünscht hatte.