Biennale 2024 – Ideen und Vorschläge

Heute eröffnet also die Biennale in Venedig. Hier findet man hilfreiche Informationen:

https://www.labiennale.org/it/arte/2024

Drei kleine Empfehlungen für Venedigreisende, die gerne venezianisch essen möchten: 1) Im Ristorante Corte Sconta sollte man bei gutem Wetter im Innenhof Plätze reservieren (es gibt vor allem Fisch). 2) Im Ristorante Ai Gondolieri sollte man Plätze für den Abend reservieren (es gibt vor allem Fleisch). 3) In der Enoteca Ai Schiavi sollte man am Vormittag einkehren und die besten, mit der Hand vor Ort angefertigten Cicchetti der Stadt im Stehen probieren. Dort erhält man auch das ins Deutsche übersetzte Cicchettario der Wirtin Alessandra de Respinis, das die Rezepte dazu enthält.

Sollten Sie besondere Wege durch Venedig einschlagen, könnten Sie dem Venedig-Enthusiasten Henry James (1843-1916) folgen, den ich in einem sehr schön ausgestatteten Buch durch die Stadt und seine Venedigjahre begleitet habe.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs ein wie immer gestaltetes venezianisches Wochenende, musikalisch inspiriert durch Etta Scollo, die vor kurzem ein wunderbares neues Album vorgelegt hat: Ora!

La Galleria in Venedig

Morgen beginnt in Venedig die Biennale. Wir sind aber bereits heute vor Ort und gehen am Nachmittag in La Galleria (Calle Calegheri, 2556), jene moderne und schöne Galerie, die meiner Mainzer Freundin Dorothea van der Koelen gehört.

In meinem Venedig-Buch (Venedig. Eine Verführung) habe ich auf den Seiten 122ff. von einem Besuch in ihrer Galerie erzählt, die in der Nähe des Teatro La Fenice liegt. Heute Nachmittag werden sich viele Gäste dort versammeln und sich auf die morgige offizielle Eröffnung der Biennale einstimmen.

Kommen Sie zumindest in Bildern schon einmal mit, Dorothea lädt Sie ein und erwartet Sie zu Visions of Beauty:

Morgen ist auch noch ein Tag

Jetzt habe ich den italienischen Spielfilm Morgen ist auch noch ein Tag auf Anraten einer italienischen Freundin endlich gesehen – und was soll ich sagen? Ich werde ihn bald noch einmal sehen! Es ist jener Film, der mir seit langem am besten gefallen hat. Und warum?

Mehrere Momente spielen zusammen und machen aus ihm etwas Einzigartiges. Zunächst, dass Paola Cortellesi die Hauptdarstellerin, aber auch die Regisseurin und Co-Autorin ist. Diese seltene Konstellation ist in allen Szenen spürbar. Sie wirken frisch, authentisch, in einer fein abgestuften Balance zwischen Ernst und Humor so perfekt inszeniert, als seien es Szenen mitten aus dem Leben. Dann, dass der Film auf Farbe verzichtet und in Schwarz-Weiß gedreht wurde, was an italienische Filme der Nachkriegszeit erinnert. Drittens, dass er genau in dieser Zeit spielt, nämlich im Jahr 1946 und nicht zufällig auch in der Hauptstadt des italienischen Nachkriegsfilms, nämlich in Rom.

Es ist nicht das triumphale und mit seinen Prachtbauten auftrumpfende Rom, sondern ein Rom der Hinterhöfe, Durchgänge und dunklen Zonen, wo sich vor allem die weiblichen Parteien der Miethäuser vom Morgen bis in den Abend treffen. Sie zischen sich Sottisen und Frechheiten zu, wie sie schärfer und treffender kaum denkbar sind, so dass man auch die Dialogkunst Paola Cortellesis bewundert.

Sie spielt Delia, eine von ihrem Mann oft gedemütigte Frau und Mutter, die sich trotz aller Gewalt und dem Stumpfsinn, der von diesem Mann ausgeht, ihren Stolz und ihren Eigensinn bewahrt. Ab der ersten Szene hängt das Publikum an ihr und kommt ihr während des Films immer näher. Wie sie einen am Ende dann aber völlig unerwartet überrascht, gehört nun wiederum zum Besten, was man über den Plot sagen kann. Er geht nicht die erwarteten geraden Wege, sondern verblüfft sich selbst.

Geschickt lullt der Film einen geradezu hingebungsvoll und verschwenderisch ein, indem er Szenen des italienischen Alltags präsentiert, von denen einem viele vertraut vorkommen. Fühlt man sich dabei aber zu wohl, zieht einem Paola Cortellesi den Teppich unter den Füßen weg und lässt einen allein auf der Straße stehen.

Das alles hat genau das richtige Tempo, nicht übereilt, aber unmerklich rascher und entschiedener werdend, bis hin zur späten Erlösung von allem Unglück, einem nicht pathetisch, sondern konsequent entwickelten Fanal weiblicher Autonomie.

Während ich im Kino saß, glaubte ich mich zurückversetzt in die frühen siebziger Jahre, als ich selbst zum ersten Mal nach Rom kam. Herrgott, Du bist wieder zu Hause!, dachte ich und fühlte mich in genau solche Szenen gebeamt, wie ich sie in den römischen Straßen nahe der Via Bergamo und dem Markt  der Via Alessandria als junger Mann erlebt hatte. Damals war ich von einer älteren Südtirolerin fast täglich zum Einkaufen geschickt worden und kam, ohne zunächst ein einziges Wort Italienisch zu sprechen, mit Hunderten von Menschen in Kontakt.

Ciao! hätte ich fast geflüstert und musste mich beherrschen. Der Film verzauberte durch die Wiederbelebung jener Szenen, deren Bilder noch immer in mir stecken. C’é ancora domani heißt er auf Italienisch – und, na klar, man sollte ihn unbedingt in der Originalversion (notfalls mit deutschen Untertiteln) sehen. Bitte sofort und mehrmals!!

Das Grundgesetz ist aktueller denn je

(Am 20.4.2024 auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S. 4)

Ich erinnere mich noch gut an den Politiker Hermann Höcherl, der in den sechziger Jahren Bundesinnenminister war. Er stammte aus Regensburg, war ursprünglich Jurist und ging in die Geschichte mit einem legendär gewordenen, flapsigen Satz ein. Als der Verfassungsschutz gegen das Telefongeheimnis verstoßen und alliierten Stellen Abhörmaßnahmen erlaubt hatte, stellte er lakonisch fest, „Beamte könnten nicht den ganzen Tag mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen“.

Heutzutage würde so eine Bemerkung zu zähen Debatten in den Social-Media-Kanälen führen, mindestens ein Untersuchungsausschuss und die Entlassung des Ministers würden gefordert. Damals galt sie als bayrischer Joke aus den Reihen der CSU, leicht überdreht, nicht ernst zu nehmen, eher Komödienstadl.

Anlässlich der 75Jahr-Feier des Grundgesetztes kann man jetzt erstaunt feststellen, dass unser Grundgesetz in ein schmales, gelbes Reclam-Bändchen passt, was ein Tragen unter dem Arm zwar nicht einfacher macht, durchaus aber ein lockeres Mitführen in der Hand ermöglicht.

Auf übersichtlich wenigen Seiten kann man die 146 Artikel Revue passieren lassen. Sie werden von dem Staatsrechtler Alexander Thiele außerdem noch „verständlich erklärt“, so dass man die reine Freude an dem haben kann, was momentan Tag für Tag als „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ in allen Medien beschworen wird.

Was damit wiederum genau gemeint ist, bleibt nicht selten im Dunkeln, dabei lassen die 146 präzise formulierten Artikel in Verbindung mit den gut nachvollziehbaren Erklärungen an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Bereits die Präambel zum Beispiel verpflichtet die gesetzgebenden Institutionen darauf, sich für ein vereintes Europa einzusetzen.

In den darauffolgenden Artikeln findet man viele solcher eindeutigen Festlegungen, die momentan wie sprachliche Bollwerke gegen zersetzende Umtriebe verfassungsferner Gruppierungen oder Parteien erscheinen. Dazu gehört die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz ebenso wie der Schutz der Freiheit des Glaubens und der religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisse.

Widmet man sich dem Studium der Grundrechte, entdeckt man ebenfalls viele Details, die heute geradezu brennend aktuell wirken, wie etwa, dass die deutsche Staatsangehörigkeit nicht entzogen werden, oder, dass kein Deutscher an das Ausland ausgeliefert werden darf. Wer als Deutscher oder Deutsche im Sinne des Grundgesetzes zu betrachten ist, ist ebenfalls eindeutig geregelt. Dieser Status ist nämlich nicht an ethnische, religiöse oder kulturelle Voraussetzungen gebunden, sondern viel schlichter daran, ob man die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder nicht.

Eine entspannte Lektüre des Grundgesetzes ist also durchaus als hilfreiches Mittel gegen Anders- und Querdenkerei auf den Straßen zu empfehlen. Von den Artikeln geht eine sachliche Ruhe und Entschiedenheit aus, die im Grunde nur entschlossener Bejahung bedarf, um rundum Gutes zu bewirken. In den letzten Zeilen des Reclam-Bandes konstatiert Alexander Thiele, dass alle, die nach der durch das Gesetz formulierten Ordnung leben wollen, eine Mitverantwortung für ihre Funktionsfähigkeit tragen: „Es lohnt also nicht nur die Lektüre seiner 146 Artikel, sondern auch, sich für deren Wirksamwerden im täglichen Leben zu engagieren.“

Mit dem Grundgesetz leben, heißt also die konkrete Devise. Nicht mit dem Text unter dem Arm und nicht in verstaubten Büros, sondern in der Öffentlichkeit, auf unseren Straßen und Plätzen. Und mit einem handlichen Reclam-Band in der Hand, der helles Licht in viel Dunkles bringt.

Isabelle Faust probt und spielt Pietro Locatelli

Vor kurzem hat die Geigerin Isabelle Faust, begleitet von Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini, ein Album mit schwierigen, hochvirtuosen Violinstücken des italienischen Barockkomponisten Pietro Locatelli veröffentlicht.

Locatelli wurde 1697 in Bergamo geboren, wo er auch ersten Geigen- und Kompositionsunterricht erhielt. Später ging er nach Rom. Dort wurden seine Kompositionen erstmals aufgeführt.

Reisen führten ihn danach durch Italien und Deutschland, er galt als einer der besten Violinvirtuosen seiner Zeit und trat an vielen Höfen auf.

Sein Lebensende verbrachte er ab 1729 in Amsterdam, wo er in einem schönen Haus an der Prinsengracht wohnte und von vielen vermögenden Kaufleuten und Mäzenen unterstützt wurde. Er starb dort 1764.

In diesem Film von WDR Klassik sprechen Isabelle Faust und Giovanni Antonini über die Herausforderungen, die Locatellis Stücke an die Interpreten stellen. Man erlebt sie bei Proben und schließlich auch während einer Aufführung.

Verbunden mit Pietro Locatelli, Bergamo, Rom und Amsterdam wünsche ich allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs ein schönes, sonniges Wochenende!

https://www.ardmediathek.de/video/wdr-klassik/2-virtuosen-auf-der-geige-isabelle-faust-spielt-locatelli-oder-mit-il-giardino-armonico/wdr/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLXNvcGhvcmEtODNjNjVjYmMtY2VkMi00NjYwLTllMDYtNTNlZjNmYjAxYWJm

Die Eiche von Paffrath 1

Die Eiche von Paffrath ist über vierhundert Jahre alt. Sie steht im Westerwald in der Nähe meines Elternhauses und ist ein mächtiger Baum, der mein ganzes bisheriges Leben begleitet hat. Mehrere Wege führen über die nahen Felder zu ihr, sie markiert eine Wegkreuzung in der Nähe des Hofes und des Gehöftes von Paffrath, auf dem Pferde gehalten werden.

Als Kind habe ich die Eiche oft umkreist, sie war dick und stark wie ein Monument, so dass man sich viele Geschichten von ihrem früheren Leben erzählte. Manchmal kletterte ich auch auf eine ihrer weitausschwingenden Äste und saß scheu, aber glücklich in der Höhe. Der Blick ging in die Weite der westerwäldischen Landschaft, zu den Wiesen, Kornfeldern und Wäldern, aber auch in die Tiefe, an dem sich ausruhenden, dunklen Stamm entlang. Während vieler Jahrzehnte ließ er sich nichts anmerken, sondern stand stoisch und unveränderlich an der Gabelung dreier Straßen.

Dann aber wurde er von Blitzschlägen mehrmals getroffen. Der Stamm riss auf und zeigte schwere Verwundungen, die Rinde wurde an vielen Stellen porös, kurz davor, den Stamm zu entkleiden. Die Eiche von Paffrath hatte schweren Schaden genommen, schlug jedoch weiter aus, und wenn man sie im Sommer aufsuchte und unter ihr einige Minuten verweilte, mobilisierte sie ein grünes Blattwerk, das hoffen ließ.

Vor kurzem aber erhielten die zuständigen Naturbehörden Klarheit über ihren wahren Zustand. Bakterien hatten die Wurzeln befallen, der Baum ist nicht mehr zu retten und wird bald gefällt. Vielleicht erinnert ein übrigbleibender Stumpf an seine frühere Pracht, vielleicht aber auch ein Ableger, der wohlwollend „der junge Riese“ genannt wird. Im Herbst will man ihn an die Paffrather Weggabelung pflanzen, und er wird die schwere Aufgabe übernehmen, die nächsten Jahrhunderte zu überstehen.

Davon werde ich in meinem fortgeschrittenen Alter nur noch wenig mitbekommen. Ich nehme Abschied von einem Baum, den ich immer als ein nahes Lebewesen geliebt und geschätzt habe. Die Vorstellung, dass er nicht mehr da sein wird, stimmt wehmütig, und das Bild der Leere und Unbehaustheit, das er hinterlassen wird, mag ich mir nicht ausmalen. Die alte Eiche von Paffrath erlebt jetzt ihre letzten Stunden. Es ist, als würde ein Teil von mir mit verschwinden.

Summer in The City – Anfang April

Die Sommertage Anfang April haben sich angekündigt. Frühmorgens fielen die silberhellen Wolkenstreifen wie auf geheimen Abruf hinter die Hügelwellen und waren eine Weile nicht mehr zu sehen. Spielten sie spätes Überwintern? Verhandelten sie Themen des Frühlings?

Dann zerschlugen die Sonnenblitze das Grübeln. Sie wischten den Horizont blank, ein reiner, mattblauer Himmel tauchte auf und hielt sich als lose Bedeckung, unterstützt von kleineren Windmanövern und Windböen.

Das blieb noch eine Weile unentschlossen. Die verloren geglaubten Wolkenmassen stiegen hinter den Hügelbalken erneut auf und entluden sich als Regenschauer, die unermüdlich taten und die schmalen Gehwege in kleine Strudel tauchten.

Schließlich der Stillstand, das Beharren. Was hatten die Naturkräfte vor? Kegeln? Schach spielen? Italienische Abenteuer an leeren Stränden?

Letzte Windparzellen, kleine Patrouillen des Verkehrs. Man spürte, wie die starken Sonnenhelligkeiten vorbereitet wurden, geschmiedet in entlegenen Rüststationen, wo sie für ihren Einsatz geglättet und präpariert wurden.

Die Haut dehnte sich und zerrte an den Seiten und Rändern. Dann das Umblättern der ersten Seite, und der Sommer ritzte seine Zeilen ein.

Carta Pura – Die Schönheiten des Schreibens

Eine Leserin hat nachgefragt, woher ich meine Papiere, Blöcke, Alben und Stifte beziehe. Das ist eine gute Frage, denn in meiner Antwort, die ich gleich hier in den Blog stelle, damit viele Leserinnen und Leser etwas davon haben, kann ich auf den in meinen Augen schönsten Papierladen Deutschlands aufmerksam machen: Carta pura, in der Schellingstraße 71 in 80799 München (also nicht weit entfernt von der Osteria italiana, Schellingstraße 52, in der bekanntermaßen die Schlussszene meines Romans Die große Liebe spielt!).

Wenn Sie Zeit und Gelegenheit haben, sollten Sie Carta Pura (www.cartapura.de) natürlich vor Ort besuchen. Dann bitte mehrere Stunden einplanen, um die verschiedensten Angebote in Ruhe anzuschauen und das Passende auszuwählen. Japanpapier? Briefpapier Rivoli? Carta Varese aus Florenz? (Suchen Sie auf der Homepage die Rubrik Hier finden Sie…– dort werden Sie in die spezifischen Geheimnisse der Schreibmaterialien eingeführt…) Sofort wird Ihnen als aufmerksame Leserin oder Leser dieses Blogs deutlich werden, dass Carta Pura die schönsten Papiere und Schreibmaterialien Japans und Italiens miteinander vereint – na, Sie verstehen?!

Sollten Sie so bald nicht nach München kommen, können Sie den Gesamtkatalog bestellen. Einfach eine Mail an info@cartapura.de schreiben und um die Zusendung des Katalogs per pdf bitten. Dann erfahren Sie auch die Preise für die vielen herrlichen Artikel.

Wenn es Ihnen nichts ausmacht, schreiben Sie bitte dazu, dass Sie den Hinweis von mir, Hanns-Josef Ortheil, erhalten haben. Und seien Sie unbesorgt: Ich erhalte für meine kleine Werbung weder ein Honorar noch sonst etwas. Ich leite wie immer einfach nur weiter, was mir gefällt, und teile es mit all jenen, denen es vielleicht auch gefällt. Ganz einfach, luftig, ohne Brimborium, höchstens mit einer gewissen Sprezzatura…