5:1

Was für ein schöner Fußball-Abend war das gestern! Das Eröffnungsspiel der EM 2024 in München schaute sich so an, als hätten die Spieler meinen Blogeintrag „Tore, Tore, Tore!“ gelesen. Das hat Freude gemacht.

Heue Abend geht es weiter mit den Partien Ungarn:Schweiz (15 Uhr), Spanien:Kroatien (18 Uhr) und Italien:Albanien (20 Uhr)!

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs ein sportliches Wochenende!

Tore, Tore, Tore!!

(Am 13.6.2024 auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S.4)

Um was geht es beim Fußball? Um Taktik, Effizienz und Charakter? Jaja, schon gut. Vor allem geht es aber um etwas sehr Einfaches: Um Tore! Alles Taktieren, Planen und Laufen, die uns oft kostbare 90 Minuten Lebenszeit kosten, weil kaum etwas in Tornähe geschieht, kann man vergessen, wenn es um die großen Augenblicke geht. Und die bestehen aus den Sekunden, in denen ein Spieler den Ball ins Netz jagt und das Glück ihn übermannt.

Ist es geschehen, kann er es nicht fassen, er läuft quer über den ganzen Platz oder tanzt mit der Eckfahne oder lässt sich fallen, um die unterste Lage einer Traube mit anderen Spielern zu bilden. Damit nicht genug, denn das Glück übermannt auch die Fans, die mit den Armen rudern, in Tränen ausbrechen und mit den Fäusten die Fußballgötter beschwören.

Tore sind die Momente des Durchbruchs: Die lang ertragene Langeweile und das ewige Hin und Her des Lebens, das auf dem Rasen Gestalt angenommen hatte, erscheinen wie weggefegt. Plötzlich gilt eine andere Zeitrechnung, denn mit dem ersten Tor beginnt das Spiel eigentlich erst, um Fortsetzung und Überbietung einzufordern. Tor um Tor soll nun fallen, an nichts anderes denken die Fans, deshalb sind ihre Chöre so laut geworden, denn Fußball ist nicht nur ein Spiel, sondern vor allem eine Leidenschaft, die erwachsene Menschen in schreiende Kinder verwandelt.

Zwanzig Jahre lang hat sich der Sportjournalist Javier Cáceres auf die Suche nach legendären Toren begeben. Welche es genau waren, wollte er von den Spielern wissen, die sie geschossen hatten, und so hielt er allen, denen er auf seinen weiten Wegen durch die Welt begegnete, ein Moleskine-Notizbuch vor die Nase und bat sie, ein von ihnen geschossenes Tor zu skizzieren und dazu die Geschichte seiner Entstehung zu erzählen.

Tore wie gemalt (erschienen im Insel-Verlag) heißt das schönste Buch zur EM, das einhundert Tore ins Bild setzt und zu Wort kommen lässt, als sprächen nicht die Menschen, sondern die Tore selbst, von denen jedes etwas von einer magisch wirkenden Szene hat. Ich weiß nicht, wie es passiert ist, warum kam der Ball ausgerechnet zu mir, ich wusste gar nichts mit ihm anzufangen und schoss ihn einfach wieder weg, und das noch mit links – so die häufigsten Eingeständnisse dafür, dass Spieler in den Augenblicken des erlösenden Torschusses zu Medien des Balles werden.

Anscheinend führt er ein sonderbares Eigenleben und hat durchaus die Fähigkeit, dem Denken der Spieler voraus zu sein. Die eigentliche Schönheit des Spiels, sagt der Ball, kommt ohne viele Gedanken und Absichten aus, sie besteht aus einem unerwarteten Zauber, indem einem Spieler vorgeführt wird, wozu er, ohne es je geahnt zu haben, fähig ist.

Selbst Franz Beckenbauer gerät so ins Staunen über sein Tor gegen die UdSSR im Halbfinale der WM von 1966. Herrgott, dieser schöne Linksschuss ebnete den Weg ins Finale und überwand den damals besten Torwart der Welt, Lew Jaschin, nicht zu fassen! Und Jean-Marie Pfaff, früher Torwart von Bayern München, denkt an ein endloses Elfmeterschießen beim Stand von 8:8, als ihn der Trainer auffordert, den nächsten Elfer zu schießen.

Trainer, antwortet Pfaff, ich habe noch nie einen geschossen – du musst aber, sagt der Trainer, es gibt nur noch dich. Da nimmt Jean-Marie sich ein Herz und jagt den Ball in den rechten, oberen Winkel. Zum ersten Mal merkt er, wie sich ein Spieler fühlen muss, der schlecht spielt, aber das entscheidende Tor schießt: Großartig!

Genau darin besteht das Geheimnis, in der Verwandlung der Kraftlosen, Gehemmten, Enttäuschten in Verzauberte, die den Fußballglauben wiederfinden und von da an bekehrt sind. Weil sie ein Leben lang auf dieses eine Tor angesprochen werden, jahrelang von ihm träumen und es auf YouTube selbst hunderte Male anschauen.

Günter Netzer war der einzige Spieler, der kein Tor zeichnen und von keinem erzählen wollte, aber dann hat Javier Cáceres ihn doch rumgekriegt. Natürlich hat Netzer von einem der legendärsten Tore überhaupt erzählt, dem 2:1 für Borussia Mönchengladbach im DFB-Pokalfinale von 1972/73. Trainer Hennes Weisweiler hatte ihn nicht aufgestellt, deshalb saß Netzer bis zu einer historischen Sekunde der Verlängerung auf der Bank. Da zog er plötzlich und „instinktiv“ Jacke und Hose aus und rief dem Trainer „Ich spiel dann jetzt“ zu. Zwei Minuten später wollte der Ball zu ihm, aber alles lief scheinbar schief. Der Ball sprang auf, so dass Netzer ihn nur noch mit dem Außenspann nehmen und oben in den Winkel feuern konnte.

Der Schluss von Netzers Erzählung ist Literatur: „Alle sprangen auf. Außer, wie mir später gesagt wurde, Hennes Weisweiler. Der blieb sitzen.“

Die Europa-Wahl 2024

Und die Europa-Wahl? Interessiert Sie nicht? Sie schreiben jedenfalls nichts darüber – oder habe ich etwas übersehen? – fragt mich eine Leserin dieses Blogs aus Göttingen.

Doch, natürlich beschäftige ich mich mit den Ergebnissen, und ich werde vielleicht auch noch etwas dazu schreiben. Aber nicht auf Knopfdruck, sondern nach genauer Prüfung der Ergebnisse und Hintergründe.

Fangen wir mal mit einer ersten Sichtung an und verwenden wir dazu einen sehr nützlichen, informativen Artikel aus der taz, der die Wahlergebnisse kurz und knapp vorstellt:

https://taz.de/Laenderspiegel-nach-der-EU-Wahl/!6013328/

Donizetti in Bergamo

Am 21.05.2024 hatte ich den Leserinnen und Lesern dieses Blogs empfohlen, eine sommerliche Reise in den italienischen Norden anzutreten. Ich hatte darum gebeten, mir nach dem Besuch von Städten der nördlichen Gegenden ein Foto zu schicken.

Eine Leserin aus Leipzig hat mir nun vor einigen Tagen eine Aufnahme von Gaetano Donizettis Grabmal geschickt, das sich in der Kirche Santa Maria Maggiore in Bergamo befindet. Sie hat sich in  der schönen Stadt östlich von Mailand intensiver mit der Biografie des großen Opernkomponisten beschäftigt, der 1797 in Bergamo geboren wurde und 1848 dort starb.

„In Bergamo“, schreibt sie, „kann man sein Geburtshaus aufsuchen und seine Musik hören. Vieles erinnert dort an ihn, so auch das Grabmal, das ich mir lange angeschaut habe, bis mich ein freundlicher Italiener aus Mailand fragte, warum ich das so lange tat. Ich antwortete ihm, dass ich mich für Donizettis Leben interessiere  und gerne, am liebsten sofort, eine seiner Opern sehen und hören würde. Stellen Sie sich vor, er hat mich nach Mailand eingeladen, und ich habe in der Scala Donizettis Oper Don Pasquale erleben dürfen! Ist das nicht wunderbar?“

Orhan Pamuk in München

Im Münchener Lenbachhaus läuft noch bis zum 13. Oktober 2024 eine Ausstellung von Arbeiten des türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk (geb. 1952), die alle am Schreiben interessierten Leserinnen und Leser dieses Blogs faszinieren wird:

https://www.lenbachhaus.de/programm/ausstellungen/detail/orhan-pamuk

Gezeigt werden nämlich kleine Installationen jener Dinge, die Pamuk während seiner Arbeit an dem Roman Das Museum der Unschuld gesammelt hat. Es sind Objekte, die im Text eine Rolle spielen und „auftreten“, so dass man eine visuelle Vorstellung von den „Gegebenheiten“ erhält. Die Dinge spielen mit und führen außerhalb des Textes ein künstlerisches Eigenleben.

Das Museum der Unschuld gibt es auch real, als von Pamuk konzipiertes Museum in seiner Geburtsstadt Istanbul. Die Ausstellung ist eine Art Ableger, fesselnd, etwas Noch-Nie-So-Entworfenes.

Im Hanser-Verlag ist ein Begleitbuch erschienen, das viele Eindrücke vermittelt. Ein zusätzlicher Besuch der Ausstellung übertrifft sie aber  bei weitem und ist unbedingt zu empfehlen!

Mit München verbunden, wünsche ich allen Leserinnen und Lesern des Blogs ein kreatives Wochenende! 

Eine Wirtshaus-Lesung in Weyerbusch

Am vergangenen Freitag waren viele Leserinnen und Leser dieses Blogs zu meiner Lesung in der Alten Post von Weyerbusch (Westerwald) gekommen. Anlass war die Eröffnung eines Weges für den großen Fotografen August Sander (1876-1964), der Sanders früheres Wohnhaus in Kuchhausen mit dem Sander-Haus in Erwin und Kim Wortelkamps Skulpturenanlage Im TAL verbindet. Ich las einen Essay über Sanders Ästhetik und deren westerwäldische Wurzeln.

Die alte Gaststube war überfüllt, womit niemand gerechnet hatte, auch die Veranstalter nicht. So erlebte ich zum ersten Mal einen neuen Typus von Lesung – die Wirtshaus-Lesung.

Während einer solchen Lesung sitzen die Zuhörerinnen und Zuhörer dicht gedrängt, aber entspannt. Jeder und jede hat etwas zu trinken (die meisten trinken Bier), und der Lesende sitzt auf einem Barhocker an der Theke, schweift dann und wann ab und kommentiert Passagen seines Textes.

Es geht locker und zwanglos zu , denn es gibt nicht die bekannte Anspannung wie sonst bei Lesungen, sondern eher eine gelöste Aufmerksamkeit, stimuliert durch den alten Wirtshausraum, in dem viele für die Dauer der Lesung in einem Zuhause angekommen sind.

Hinterher gibt es eine gute Suppe und kleine westerwäldische Speisen. Die Wirtshauslesung ist eine Zusammenkunft, die Raum und Ort betont, um ihm Wortmusik einzuimpfen.

Ich hatte meine Freude daran und denke an eine Wiederholung.

(Die Fotografien stellte der „brodverein e.V.“ zur Verfügung! Ich bedanke mich!)

Franz Kafkas 100. Todestag

 

Heute vor hundert Jahren, am 3. Juni 1924, ist Franz Kafka gestorben. Anlässlich dieses Datums sind in diesem Jahr bereits viele Bücher erschienen, und mehrere Filme und Dokumentationen haben sein Leben in den Blick gerückt.

Ich halte es für eine gute Idee, sich gerade an einem solchen Tag nicht in Deutungen und Analysen zu verfangen, sondern noch einmal geduldig und neugierig zurückzuschauen. Worauf? Auf das Leben der Familie Kafka!

In der Berliner Staatsbibliothek läuft noch bis zum 7. Juli eine Ausstellung mit Fotografien und Dokumenten zu diesem Thema: Das Fotoalbum der Familie Kafka –

»Das Fotoalbum der Familie Kafka« 1. März – 2. Juni 2024 | VERLÄNGERT BIS 7. JULI 2024

Wer diese Ausstellung nicht sieht, könnte das im Wagenbach-Verlag erschienene Buch von Hans-Gerd Koch erwerben oder ausleihen.

Meine Empfehlung: Vergegenwärtigen Sie sich den familiären Raum, in dem Franz Kafka aufgewachsen ist und schreiben Sie die kurze Betrachtung einer einzigen, von Ihnen ausgewählten Fotografie.

Wenn Sie Lust haben, mir den Text zu schicken, machen Sie mir eine besondere Freude!

Tief durchatmen

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs, ich habe lange Zeit an einem Manuskript gearbeitet, das in die End- und Schlussphase geht. Deshalb werde ich  etwa eine Woche keine Einträge in den Blog stellen, sondern mich ganz auf die Arbeit konzentrieren.

Am nächsten Montag, 3. Juni 2024, dem 100. Todestag Franz Kafkas, melde ich mich nach einem hoffentlich tiefen Durchatmen wieder.

Aufbruch in den Mai 9 – Wandern bei Nacht

Der britische Schriftsteller John Lewis-Strempel hat Bücher wie Ein Stück Land, Mein Jahr als Jäger und Sammler oder auch Im Wald geschrieben. Für sein Nature Writing hat er mehrere Preise erhalten.

Auf Deutsch ist zuletzt Wandern bei Nacht (Dumont) erschienen. Es enthält vier typische oder klassische Wanderungen, den vier Jahreszeiten entsprechend.

Wir sollten ihm jetzt, da es lange hell ist, bis in die allmählich einbrechenden Dunkelheiten folgen und das Lukubrieren einmal unterbrechen (Lukubrieren, wird uns erklärt, ist Arbeiten bei Lampenschein).

Stattdessen sollten wir uns auf das Nachthimmelsleuchten, also das schwache natürliche Leuchten der Erdatmosphäre, konzentrieren und unsere vielleicht vorhandene Nyktohylophobie (die Angst vor dunklen oder nächtlichen Wäldern) ignorieren.

Gelingt uns das, wartet jenes zweite oder neue Leben auf uns, das in schönen poetischen Formen von Musik und Literatur oft beschworen wurde.

Allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich viele erhellende Nachtgänge am Wochenende und danach.

Aufbruch in den Mai 8 – Zum August Sander-Weg

Mein Buch Kunstmomente (btb-Verlag) hat man eine visuelle Autobiografie genannt. Sie erzählt davon, wie ich sehen lernte und den Künsten begegnete. Ein Kapitel widmet sich dem Werk des Westerwälder Fotografen August Sander.

Der brodverein e.V. projektiert nun einen August Sander-Weg von Kuchhausen, dem letzten Wirkungsort Sanders, zum Haus für August Sander in der Skulpturenlandschaft ›im Tal‹.

Aus diesem Anlass lese ich am Freitag, den 31. Mai 2024, aus meinem 2023 erschienenen Buch.

Ein Besuch im Haus für August Sander mit anschließendem Spaziergang über einen Abschnitt des Sander-Weges nach Weyerbusch geht der Lesung um 15 Uhr voraus und stimmt auf sie ein. Treffpunkt ist das Haus für die Kunst (großes Betongebäude), Schulstraße 18, 57635 Hasselbach.

Die Lesung findet im Anschluss um 17:30 Uhr im Gasthof zur Post in der Kölner Straße 8, 57635 Weyerbusch, statt und kostet 10 Euro. Sie kommen der Arbeit des brodvereins zugute und sollen an der Abendkasse entrichtet werden. Zuhörer unter 18 Jahren haben freien Eintritt.

Anmeldungen, zum Spaziergang wie auch zur Lesung, bitte per Mail an post@im-tal.de oder unter 017670873248.